Dessous: "Rote Spitze ist immer noch der Renner"

Alles, was eine unzufriedene Busenbesitzerin braucht, ist eine richtig gute Beratung. Wir sprachen mit Wäscheladen-Besitzerin Beatrice Kietzmann über Körbchengrößen und Männerträume. Formvollendet: Wäsche für schöne RundungenSchöne Wäsche in unserem BRIGITTE.de-Lingerie-Schrank

Dessousverkäuferin Beatrice Kietzmann

BRIGITTE: Schöne Dekolletees da auf dem Wäscheplakat - toll, wenn so ein Busen sitzt, wie er soll. Tut er nur leider nicht immer bei uns Normalfrauen . . .

Beatrice Kietzmann: Beim Busen gucken auch Frauen inzwischen immer genauer hin. Und ihren eigenen betrachten sie natürlich besonders kritisch. Richtige Probleme haben dabei vor allem zwei Typen: die eher stämmigen, breiten Kundinnen, die ganz wenig haben - und die langen Dünnen mit viel Busen. Die flache dickere Frau, das 95-A-Modell sozusagen, hat es schwer, weil die Dessousfirmen kaum schöne Modelle für sie entwickeln. Für die Dünnen findet man jetzt schon eher was: Unter der Brust geht es mit 65 los, und die Körbchen gehen bis zum J- oder K-Cup hoch. Ich hatte mal eine Kundin mit Mitte 20, die trug 70 J. Die litt furchtbar.

BRIGITTE: Klingt aber nach fleischgewordener Männerfantasie . . .

Beatrice Kietzmann: Das denken sich manche Frauen so, aber so viele Männer stehen gar nicht auf große Brüste. Klar, dass sie draufgucken, wenn eine mit großem Busen und schönem Dekolleté herumspaziert, große Brüste fallen einfach mehr auf. Aber was den vermeintlichen Traumbusen angeht: Große Busen sind ordentlich schwer und hängen deshalb auch eher, wenn sie natürlich sind. Nur Silikonbrüste stehen ja wie eine Eins.

BRIGITTE: Aber ein BH kann doch eine Menge aus dem Busen machen?

Beatrice Kietzmann: Der richtige BH, jawohl. Leider trägt jede dritte Frau die falsche Größe. Da schlackert der BH zum Beispiel schlaff zwischen den Schulterblättern. Die Faustregel, nach der man unterm Busen misst und dann in der Mitte des Busens, ist so ja auch nicht richtig - wenn man unterm Busen, sagen wir mal, 80 misst und auf dem Busen die Zentimeter, die gerade mal für einen A-Cup reichen, heißt das nicht, dass die Frau die Größe 80 A tragen muss.

Das Unterband soll ja den Busen dort halten, wo er hingehört, das darf also nicht nur schlaff auf der Haut sitzen, so dass der Verschluss am Rücken irgendwo oben hängt - von der gemessenen 80 müsste man also auf jeden Fall erst mal ein paar Zentimeter abziehen. Und ins Körbchen soll ja der ganze Busen, also auch das, was noch unter der Stelle ist, an der man gemessen hat. Da wird aus einem A-Körbchen schnell ein B-Körbchen, es sei denn, die Frau ist sehr jung oder operiert. Die Größe verändert sich auch, das muss man immer mal wieder kontrollieren - die meisten Frauen gehen im Laufe ihres Lebens ja in die Breite.

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BRIGITTE: Und quetschen sich dann in zu enge Büstenhalter?

Beatrice Kietzmann: Selbst bei jungen Frauen sehe ich oft schon diese Kuhle durch die Träger an den Schultern, die dadurch kommt, dass der Busen eben durch das Unterband des BHs nicht ordentlich gestützt wird. Aber manche Frauen wollen ihre Größe gar nicht so genau wissen, sie möchten lieber glauben, dass sie 75 haben als 80 oder ein B-Körbchen statt C.

Unterm Busen muss ich natürlich messen, aber die Körbchengröße erkenne ich normalerweise sogar unter der Jacke; da reiche ich Kundinnen dann einfach einen passenden BH in die Kabine. Eine Kundin nahm ihn, zog ihn an, sah, dass er perfekt passte, und guckte dann auf die Größe. "Die habe ich noch nie getragen", sagte sie - und weg war sie, ohne ihn zu kaufen. Die richtige Größe ist so wichtig; was ich da manchmal sehe, wenn ich im Sommer am Strand bin oder auch unter Tops in der Stadt, grauenvoll.

BRIGITTE: Eben haben Sie einer Kundin zur Korsage noch ein paar Träger gereicht - hält der Busen da nicht von allein?

Beatrice Kietzmann: Schon richtig, aber die Dame war etwas beleibt, da ziehen die Träger im Zweifelsfalle den Busen etwas nach oben - und glätten damit automatisch die kleinen Speckrollen. Ich hatte hier übrigens schon mehr als einmal eine heulende Braut, der sie bei eher beleibter Figur ein schulterfreies Traumkleid aufgeschwatzt hatten, das so eng war, dass sie darunter unmöglich einen BH tragen konnte.

BRIGITTE: In Ihrem Job geht es ja sozusagen ums Eingemachte. Sind Sie da häufig auch die Seelentrösterin?

Beatrice Kietzmann: Das kann man wohl sagen. Manchmal denke ich, ich könnte fast ein Schweinderl neben die Kasse stellen - fürs Trinkgeld für psychologische Beratung. Nee, aber im Ernst: Für viele Frauen gilt, dass sie mit jedem Kleidungsstück, das sie ablegen, auch ein bisschen mehr von ihrer Seele offenbaren. Viele kommen auch mit Eheproblemen, und dann gibt es einige, die haben gerade eine Trennung hinter sich. Die waren noch nie in einem Dessousladen und wollen nun aus Frust was kaufen. Nicht zuletzt, weil sie denken: Da muss ich ja wieder aufs freie Feld, auf den Markt sozusagen.

Neulich kam eine ganz junge Mutter, die war todunglücklich, weil ihr Busen vom Stillen so klein geworden war und etwas hing. Die sagte: Heute Abend gehe ich mit meinem Mann das erste Mal seit acht Monaten wieder aus, da möchte ich doch hübsch aussehen, aber das ist ja wohl nun vorbei, oder? Als sie hier wieder rausging, hatte sie gleich vier BHs gekauft. Ein bisschen was mit Gel-Einlage, da braucht man ja keine Operation, um an den richtigen Stellen etwas aufzupolstern. Und sie strahlte: "Klasse, ich freue mich richtig auf heute Abend!"

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BRIGITTE: Aber einige Frauen lassen ja tatsächlich operieren . . .

Beatrice Kietzmann: Klar, ich bin mir auch ziemlich sicher, dass ich einen natürlichen von einem operierten Busen unterscheiden kann. Wenn die Frauen erst mal in der Umkleidekabine stehen, reden sie meistens auch ganz offen darüber. Ist ja auch völlig in Ordnung.

Eine meiner Kundinnen hat sich auch Silikonkissen einsetzen lassen, die ist ein völlig anderer Mensch geworden. Die habe ich durch ihre ganze Geschichte mit ihrem Busenproblem begleitet: von ihrer Verzweiflung, weil sie keine schönen Bikinis fand, über ihre Depressionen bis zur Operation - und der Zufriedenheit, die sie dann danach ausstrahlte.

BRIGITTE: Ist die deutsche Frau mit ihrem Busen eher selbstbewusst oder verschämt?

Beatrice Kietzmann: Ich sehe hier alles. Es gibt Frauen, die erst nach den Pullis schauen, die ich ja vorn auch anbiete, und am Ende kaufen sie total extravagante, erotische Wäsche. Einige sind auch scheu, weil sie ihren Busen nicht mögen.

Andere suchen bei uns, was ich immer "karierte Maiglöckchen" nenne - irgendwas, was sie im Fernsehen gesehen haben, was es so aber gar nicht gibt. In Einzelfällen haben wir da schon mal aus zwei BHs einen gemacht. Die meisten Kundinnen kann ich in zwei Lager teilen: die ohne Kinder und diejenigen, deren Kinder fast schon erwachsen sind, die jetzt wieder an sich denken. Die jungen Mütter mit Kindern vernachlässigen sich eher, habe ich oft den Eindruck.

BRIGITTE: Wollen die meisten Frauen eher zeigen, was sie haben, oder wollen sie ihren Busen lieber verstecken?

Beatrice Kietzmann: Die norddeutschen Frauen sind relativ prüde, habe ich festgestellt - die suchen was Schlichtes in Weiß oder Creme und bloß keine Spitze. Je weiter südlich sie herkommen, desto farbenfroher wollen sie es. Die freuen sich auch über raffinierte Details. In Frankreich oder Italien ist es ja seit jeher so: Der BH muss gar nicht doll sitzen, Hauptsache, er ist superschick.

Auf der nächsten Seite: Wenn der BH gut sitzt, verändert das die Haltung

BRIGITTE: Kommen auch Männer vorbei?

Beatrice Kietzmann: Meistens mit ihren Frauen. Da greifen die Damen dann häufig nach was Unauffälligem, und die Herren hätten es gern erotischer. Rote Spitze ist immer noch der Renner.

Ein Kundenpaar habe ich, da kauft er vor Weihnachten immer was ganz Scharfes, und sie kommt Anfang Januar stets, um es wieder umzutauschen. Eine Kundin hat mir mal einen wunderschönen Spitzenbody auf den Tresen geknallt und gesagt: "Da hätte er mir besser ein Buch schenken sollen!" Finde ich schade. Ist auch gar nicht gut für die Ehe. Ein Mann hat sich übrigens mal bei mir bedankt . . .

BRIGITTE: Sie hatten ihm einen BH verkauft?

Beatrice Kietzmann: Nein, aber seiner Frau. Die war Mitte 50 und noch nie in einem Dessousladen gewesen. Zwei Sets hat sie mitgenommen, und nach zwei Wochen, stellte ihr Mann fest, ging sie völlig anders: mit geradem Rücken und ganz selbstbewusst. Die hatte sich komplett verändert, hatte alles Mäuschenhafte abgelegt.

Ich behaupte sowieso: Wenn der BH gut sitzt, verändert das die Haltung. Da geht man aufrecht - und das macht ganz nebenbei sogar schlank. Frauen mit üppigem Bauch machen übrigens oft den Fehler, dass sie denken, ihr Busen sollte nicht auch noch rausstehen. Völlig falsch. Der Busen muss dann erst recht nach oben, um vom Bauch abzulenken.

BRIGITTE: Aber das kostet doch auch Überwindung: sich auszuziehen und beraten zu lassen, wenn man sich gerade komplett unförmig fühlt . . .

Beatrice Kietzmann: Schöne Dessous sind beileibe keine Sache nur für Schlanke. Im Fenster habe ich bewusst eine Schaufensterpuppe mit Größe 44/46, da stehen die Leute manchmal vor und lachen - auch Frauen, die genau diese Größe tragen, übrigens. Aber viele dieser Frauen sagen mir dann: Der stehen die Sachen doch gar nicht so schlecht, da kann ich so was doch auch mal probieren.

Letztes Jahr haben wir mal ein Foto-Shooting organisiert, da meldeten sich ganz selbstbewusst Frauen bis Größe 52. Als der Fototag dann da war, waren die plötzlich ganz kleinlaut und sagten: Ich weiß gar nicht mehr, warum ich mich angemeldet habe. Dann machten wir ganz tolle Fotos von ihnen in Dessous, und als sie rausgingen, schwebten alle zehn Zentimeter überm Boden.

Beatrice Kietzmann, 47, war eigentlich medizinisch-technische Assistentin, bevor sie Dessousverkäuferin wurde. Die gebürtige Hamburgerin hatte schon immer ein Faible für Dessous - weil sie selbst für ihre große Größe nie so recht etwas finden konnte. Seit 2001 berät sie Kundinnen in ihrem Laden "Sie & Er - Dessous & mehr" in Buxtehude.

Interview: Silke Pfersdorf Foto: Getty Images ein Artikel aus der BRIGITTE 16/08
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