Designerin Karen Jessen: Auch grüne Mode muss gut aussehen

Die Berliner Modedesigner Karen Jessen hat den internationalen "The EcoChic Design Award" für ihre nachhaltig produzierte Kollektion bekommen. Im Interview erzählt sie, wie sich grüne Mode in Zukunft entwickeln muss.

Jedes Jahr vergibt die in Hongkong ansässige Nichtregierungsorganisation Redress den "EcoChic Design Award". Jungdesigner aus Hongkong, China, Taiwan, Singapur, England, Frankreich, Belgien und Deutschland bekommen so die Möglichkeit, ihr Wissen rund um nachhaltig produzierte Mode zu vertiefen und eine eigene grüne Mode-Kollektion zu präsentieren. So wie die Berliner Designerin Karen Jessen, die mit ihrer Haute-Couture Kollektion aus recycelten Jeansresten den ersten Preis gewonnen hat. Diesen Sommer wird sie die "Recycled Collection" für Esprit designen.

Goldgrube Kleiderschrank: Frau in mitten einer Kleiderstange

BRIGITTE: Erstmal herzlichen Glückwunsch! Nun zu Ihrer Kollektion, die aus recycelten Jeansstoffen und T-Shirt-Resten gefertigt wurde – warum haben Sie sich für diese Materialien entschieden?

Karen Jessen: Jeans ist ein toller Stoff, ich habe schon immer gern damit gearbeitet. Jeans und auch T-Shirts gehören darüberhinaus zu den meist produzierten und gekauften Textilien - und landen ebenso häufig auf dem Müll. An das Material zu kommen, war also kein Problem. Außerdem gewinnen Jeans an Wert, je öfter sie getragen werden.

Wo haben Sie die alten Jeans herbekommen? Karen Jessen: Mittlerweile habe ich mir eine kleine Fangemeinde aufgebaut, die mich mit Kleidung versorgt, die nicht mehr getragen wird. Außerdem arbeite ich mit Stoffresten aus der Bekleidungsindustrie.

Models präsentieren die Kollektion von Karen Jessen beim Finale des "The EcoChic Design Award"

Wie ist Ihre Kollektion entstanden? Karen Jessen: Sie ist nach dem Prinzip der "Reconstruction Design Technique" entstanden, ich richte mich also komplett nach meinem Material, nehme es auseinander und füge es wieder neu zusammen. Dabei orientiere ich mich an den vorhandenen Säumen, Nähten, Bündchen und Waschungen.

Wann haben Sie sich dazu entschlossen, ausschließlich nachhaltig zu produzieren? Karen Jessen: Das war schon immer mein Ziel. Meine Eltern betreiben eine Jugendherberge in Nordfriesland, ich bin also sehr naturverbunden aufgewachsen und wusste schon zu Studienzeiten, dass ich grüne Mode produzieren möchte. Vor zwei Jahren habe ich dann mit einer Freundin das Label Benu Berlin gegründet. Wir arbeiten grundsätzlich auf nachhaltiger Basis, stellen diesen Aspekt in unserer Kommunikation allerdings nicht in den Mittelpunkt, denn beim Modedesign spielt die Ästhetik die Hauptrolle.

Leider ist nachhaltige Mode immer noch als langweilige Öko-Mode verschrien. Karen Jessen: Es gibt auf jeden Fall noch viel Entwicklungspotenzial für Designer, die sich für nachhaltige Mode entschieden haben. Die Szene muss sich definitiv ändern, um diesen faden Beigeschmack loszuwerden. Der Herstellungsprozess ist wichtig, aber die Ästhetik darf nicht darunter leiden. Darauf müssen Designer achten.

Wie sieht die Zukunft nachhaltiger Mode aus? Karen Jessen: Für mich ist sie die zukunftsweisende Designrichtung. Es muss jedem klar sein, dass die Rohstoffe immer knapper werden und dass es so nicht weitergehen kann. Es ist die Aufgabe der Designer, sich Gedanken über neue Wege der Produktion und auch der Distribution zu machen.

Dennoch ist die Mode ein rasend schnelles Geschäft ... Karen Jessen: ... und die Konsumenten sind es gewohnt, ständig mit neuen Trends konfrontiert zu werden - das lässt sich nicht einfach ändern. Große Labels haben den Ansatz entwickelt, noch mehr Textilien in noch kürzerer Zeit mit möglichst niedrigen Kosten zu produzieren. Dieser Teufelskreis der Überproduktion führt dazu, dass Millionen Menschen in der Textilindustrie leiden. Das ist die große Herausforderung für alle Designer.

Interview: Lisa van Houtem

Wer hier schreibt:

Lisa van Houtem
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