Nachhaltige Stoffe: Mode aus Milch und Alge

Beim Anbau von Baumwolle werden Unmengen von Wasser verbraucht. Die Mode der Zukunft geht andere Wege. Wir stellen neue nachhaltige Stoffe vor, die Ressourcen schonen, sich gut anfühlen - und zu schönen Kleidern werden.

Es ist eine simple Rechenaufgabe: Mit der wachsenden Weltbevölkerung steigt der Bedarf an Kleidung. Zugleich schrumpfen Anbauflächen für die dafür nötige Baumwolle. Sie werden für Wohnraum und den Anbau von Lebensmitteln benötigt. Zwar wurde in den vergangenen Jahren immer mehr Baumwolle angebaut - im Jahr 2000 waren es 20 Millionen Tonnen -, ihr Anteil am weltweiten Faseraufkommen jedoch ist gesunken. Ende der neunziger Jahre machte sie noch knapp die Hälfte aller Fasern aus, derzeit nicht mal mehr ein Drittel. Kirsten Brodde, Journalistin, Buchautorin und ehemals Textilexpertin bei Greenpeace, sieht bereits das Ende der baumwollenen Vormacht kommen: "Im Kleiderschrank von morgen muss mehr hängen als nur Baumwolle - sie verbraucht zu viel Wasser und Fläche. Wir benötigen innovative Fasern, am besten solche, die aus Abfallprodukten gewonnen werden." Bei Fast-Fashion-Ketten wie H&M und Zara wird vieles immer noch aus Polyester oder Polyacryl hergestellt, doch Experten wie Brodde prophezeien auch den Chemiefasern eine ungewisse Zukunft. Viele werden aus Erdöl gemacht, das aber wird knapper, teurer und ist biologisch nicht abbaubar.

Herzoging Kate im Potrait

Eine Lösung könnten so genannte "natürliche Kunstfasern" sein, Hightech-Fasern aus nachwachsenden Rohstoffen wie Algen, Bananen, Hanf oder Bambus, die Textilhersteller und Modemarken nun vermehrt entwickeln. Andreas Engelhardt, Autor vom "Schwarzbuch Baumwolle: Was wir wirklich auf der Haut tragen", hält sie für die Gewebe der Zukunft. Meist basiert ihre Gewinnung auf Zellulose, Hauptbestandteil pflanzlicher Zellwände, die in hochtechnisierten Verfahren zu Garnen verarbeitet werden. Doch sogar aus Milch können Fasern gewonnen werden, die sich fast seidig auf der Haut anfühlen. Mancher Hersteller macht Fasern aus recycelten U-Bahn Fahrkarten. Allen gemeinsam ist, dass zur Faserproduktion die Rohstoffe zu einem Brei verarbeitet werden, aus dem dann die Fäden gepresst und die Fasern gesponnen werden können.

Nachhaltige Stoffe: Tyvek

Unter anderem erfunden für Schutzbekleidung und medizinische Verpackungen, wird die innovative Faser auch allmählich in der Mode verwendet. Das nachhaltige Label Luxaa verstrickt Tyvek zu einem Gemisch, das bis 90 Grad waschbar ist, keine Fusseln oder Knötchen bildet, antiallergen und zu 100 Prozent recycelbar ist. Tyvek besteht aus Polyethylen und lässt sich bis zu fünf Mal mit sich selbst recyceln. Es verhält sich im Originalzustand wie Papier, ist aber um ein Vielfaches strapazierfähiger. Der Hersteller und Erfinder DuPont nimmt Produkte aus Tyvek an und führt sie in den Recycling-Zyklus zurück, auch bei Luxaa kann die Kleidung zum Recyceln zurückgegeben werden.

Mantel aus Tyvek von Luxaa, um 259 Euro.  

Mode aus Milch

Weich, seidig, antibakteriell. Bei der Herstellung von Milchfasern wird auf chemische Zusätze verzichtet, zudem sind die Milchfasern pH-neutral, was sie für Allergiker und Menschen mit Hauterkrankungen wie Neurodermitis besonders empfehlenswert macht. Keine Sorge: Für die Faserherstellung wird keine Milch benutzt, die sonst als Lebensmittel verwendet würde. Die Vorschriften, was im Supermarkt verkauft werden darf, sind so streng, dass laut Anke Domaske, Erfinderin dieser Faser namens "Qmilch", 20 Prozent der Milchproduktion nicht für Lebensmittel verarbeitet werden darf. Somit wird bei der Herstellung der Faser sogar Abfall vermieden. Für ihr Modelabel Mademoiselle Chi Chi fertigt Domaske ganze Kleider aus Milchfasern. Auch der Wäschehersteller Mey verwendet in seiner Kollektion "Mey Cream" Milchfasern, die mit Micromodal versponnen werden.

Bluse aus Milchfasern von Mumofsix über Farfetch, um 415 Euro. 

Nachhaltige Stoffe: Bananen-Faser

Beim Ökomode-Pionier Hess Natur gibt's einen Schal aus Banane, genauer: aus Bananenfaser. Rohstoff hierfür sind Abfälle von Bananenplantagen. Was sonst auf dem Müll beziehungsweise Kompost landen würde, wird so zu feinen Garnen versponnen. Fertig verarbeitet erinnert der Stoff an Wildseide. Auch Outdoor-Hersteller Raffauf, Teil der Kampagne für Sauber Kleidung, verarbeitet das Abaca genannte Produkt in einigen Kleidungsstücken. Die Faser ist reißfest, robust und sogar Seewasser-resistent. Früher machte man daraus Schiffstaue. Dank feinerer Technik eignet sie sich heute auch gut für wetterfeste Outdoor-Jacken. 

Geldbeutel aus Bananenfasern von Green Banana Paper über Avocado Store, um 45 Euro.

Nachhaltige Stoffe: Zellulose

Lyocell ist ein Produkt auf Zellulose-Basis, das aus Holz gewonnen wird. Doch anders als bei Viskose ist die Herstellung umweltfreundlicher, da auf chemische Zusätze verzichtet werden kann. Das Lösungsmittel-Spinnverfahren des Herstellers Lenzing, der Lyocell unter dem Markennamen Tencel produziert, ist ein geschlossener Produktionskreislauf, der von der Europäischen Union mit dem "European Award for the Environment" ausgezeichnet wurde. Dabei wird die Zellulose durch feine Düsen gespritzt und verhärtet zu Fasern, aus denen Garn gesponnen wird. Die Stoffe daraus weisen die positiven Eigenschaften von Seide und Leinen auf: sanft und weich im Fall, kühlend und saugfähiger als Baumwolle. Hersteller, die unter anderem Tencel beziehungsweise. Lyocell in ihren Kollektionen verwenden, sind die Labels L'Herbe Rouge oder Lanius Köln. Auch Modal ist eine aus Zellulose gewonnene Faser, hierfür wird jedoch ausschließlich Buchenholz aus zertifiziertem Anbau genommen. Ähnlich wie bei Modal ist das Verfahren bei Bambus. Er gilt als besonders umweltfreundlich, weil er rasant nachwächst und für den Anbau weder Pestizide noch Dünger nötig sind.

Kleid aus Zellulosefasern von Lovjoi über Avocadostore, um 140 Euro. 

Alge - weicher als Baumwolle

Algen stehen nahezu unbegrenzt zur Verfügung und wachsen stetig nach. Das macht sie zu einem der ressourcenschonendsten Rohstoffe, den in Deutschland bereits Label wie Umasan oder Seaweed Fashion in ihren Kollektionen verwenden. Das Endprodukt SeaCell ist eine Kombination aus Zellulose und Algenpulver, das in die Faser eingebracht wird und dort dauerhaft bleibt. Das Ergebnis fühlt sich weicher an als Baumwolle, fast seidig. Zudem wird Stoffen mit Algenanteil eine ähnlich hautpflegende Wirkung nachgesagt wie einem Besuch im Wellness-Bad, wo Algen seit Langem zum Einsatz kommen. Der Wäschehersteller Speidel verspinnt deshalb SeaCell mit Baumwoll-Elasthan-Gemischen zu Unterwäsche. Beim Tragen soll die Haut zusätzlich mit Kalzium und Magnesium versorgt und dadurch gestrafft werden. Wie praktisch. 

Shirt aus Seacell von Seidel, um  30 Euro. 

Nachhaltige Stoffe: Hanf

Hanf ist eine der ältesten und am längsten bekannten Pflanzenfasern. Bereits rund 3000 vor Christus fertigte man aus Hanf Seile, Segeltücher oder auch Bekleidung. Hanf wächst schnell und ist anspruchslos, so schafft die Pflanze mehr als vier Meter Wachstum in nur 100 Tagen. Außerdem kommt sie im landwirtschaftlichen Anbau ohne Pestizide und Herbizide aus. Wie bei Leinen wird die Faser aus den Stängeln der Pflanze gewonnen. Auch zur Haut ist Hanf gut: Als Socke saugt er Schweiß schnell auf, als Oberbekleidung hat er einen hohen natürlichen UV-Schutz. Da Hanf die gleiche mikroelektrische Spannung aufweist wie die menschliche Haut, lädt er sich außerdem nicht elektrostatisch auf.

Oberteil von Thought über Avocadostore, um 59 Euro. 

Text: Catharina Swantje Muuss Fotos: PR BRIGITTE 20/2013
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