Die Zukunft der Mode

Würden Sie sich ein Kleid ausleihen wie ein Buch? Der Nachhaltigkeitsexperte Michael Schragger will Sie dazu bringen. Ein Interview über die Zukunft der Mode.

BRIGITTE: Immer mehr, immer bil­liger: "Fast Fashion", also ständig neue Kollektionen zu sehr niedrigen Prei­sen, boomt. Gleichzeitig ist Nachhaltigkeit ein großes Thema in der Mode­industrie. Wie passt das zusammen?

Michael Schragger: Eigentlich gar nicht, aber beim Einkaufen lassen wir uns von Impulsen leiten. Wir wollen einfach neue, schöne Kleidung, in der wir uns attraktiv fühlen, und plötzlich ist es ganz egal, ob sie aus Bio­-Baumwolle ist oder nicht. Mir geht es da nicht anders. In den meisten Shops wird es uns immer noch zu schwer gemacht, ökologisch richtig zu handeln.

BRIGITTE: Wer kann daran etwas ändern?

Michael Schragger: Es muss viel einfacher werden, nach­haltig einzukaufen. Die Lebensmittelbranche ist da weiter, in jedem Super­markt gibt es Bio­-Produkte. Aber zum Glück wissen immer mehr Menschen, dass sich attraktive Mode und eine umweltfreundlichere Produktion nicht mehr ausschließen.

BRIGITTE: Aber was passiert, wenn Millio­nen Chinesen demnächst genauso ausufernd shoppen wollen wie wir?

Michael Schragger: Vermutlich müssen wir dann alle deutlich mehr bezahlen als jetzt. Bei knapper werdenden Ressourcen und größerer Nachfrage werden die Baumwoll­preise steigen. So günstig wie jetzt kann Kleidung dann nicht mehr angeboten werden. Ich hoffe, dass in Zu­kunft verstärkt auf alternative Textil­fasern gesetzt wird, die die Umwelt weniger belasten als herkömmlich produzierte Baumwolle.

BRIGITTE: Apropos, ist Ihr Hemd eigentlich aus Bio­-Baumwolle?

Michael Schragger: Nein, aber es ist schon acht oder neun Jahre alt. Ich versuche, meine Sachen pfleglich zu behandeln und lange zu tragen. Das gehört zu mei­nem Verständnis von nachhaltigem Konsum. Und wenn es mir irgend­wann nicht mehr gefällt, kann ich es verkaufen oder tauschen.

BRIGITTE: Das klingt, als käme Shopping für Sie nur ausnahmsweise in Frage...

Michael Schragger: Ich glaube, dass wir alle in Zukunft an­ders konsumieren - zum Beispiel, indem ­wir weniger kaufen und stattdes­sen Mode­-Erfahrungen abonnieren.

BRIGITTE: Was meinen Sie damit?

Michael Schragger: In Schweden gibt es sehr spannende Modelle. Sie bezahlen eine monatliche Gebühr an eine Mode-­Bibliothek und haben Anspruch auf eine be­stimmte Menge Kleidungsstücke, die Sie später wieder zurückgeben. Die Teile werden gereinigt, wenn nötig repariert und dann an den Nächsten ausgeliehen.

BRIGITTE: Aber geht es bei Mode nicht gerade darum, dass wir ein bestimmtes Teil unbedingt besitzen wollen?

Michael Schragger: Stimmt, wir haben zu Klei­dung ein besonderes Ver­hältnis. Deswegen funktionieren in­dividuelle Pro­dukte wie selbst gestaltete Sneakers so gut. Wir müssen ja nicht unsere komplette Garderobe zusammenlei­hen. Aber durch so eine Bibliothek können wir un­ser Bedürfnis nach Neuem befriedi­gen, ohne ständig neue Dinge kau­fen zu müssen.

BRIGITTE: Angenommen, wir treffen uns in 15 Jahren wieder zu einem Interview - was werden wir tragen?

Michael Schragger: Ich stelle mir vor, dass ich ein Basic wie mein Hemd anziehe, das ich schon sehr lange habe. Dazu leihe ich mir noch etwas Besonderes aus, speziell für diesen Anlass. Vielleicht tragen Sie ein Secondhand­-Kleid oder ein T­-Shirt aus recycelter Baumwolle und eine Hose aus Holzfasern. Auf jeden Fall werden wir viel kreativer mit Kleidung umgehen als jetzt.

Zur Person: Michael Schragger ist Experte für Nachhaltigkeit und Gründer der Sustainable Fashion Academy. Der Amerikaner lebt in Stockholm und berät Mode-Unternehmen in ganz Skandinavien, darunter H&M, Fjälräven und Filippa K.

Teaserbild: LuminaStock/istockphoto.com

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