Was Sie beim Kauf nachhaltiger Mode beachten sollten

Sind Chemiefasern per se schlechter als Naturfasern? Was spricht für Bio-Baumwolle? Wir haben den Hamburger Textildesigner und AMD-Dozenten Thomas Meyer zur Capellen zum Thema nachhaltige Mode interviewt.

Nachhaltige Mode: "Kritisch bleiben und nachfragen!"

BRIGITTE.de: Was sollte man grundlegend beim Kauf von nachhaltiger Kleidung beachten?

Thomas Meyer zur Capellen: Wenn der Kunde Wert auf den Begriff der Nachhaltigkeit legt, muss der Verkäufer bei dem Produkt "from cradle to grave" (von der Wiege bis zum Grab) sauberste Produktionswege nachweisen können. Das heißt, sämtliche Abläufe sollten in den umweltfreundlichen Prozess mit eingebunden sein - von der Produktion, über die Verarbeitung mit umweltverträglichen Substanzen und der chemiefreien Ausrüstung, bis zum Vertrieb. Außerdem bedarf es der Einhaltung internationaler Sozialstandards. Das beinhaltet die Zahlung von Mindestlöhnen, die Schaffung von humanen Arbeitsbedingen und im besten Fall die Förderung von Drittländern. Auf jeden Fall immer schön kritisch bleiben und lieber einmal zu viel nachfragen!

BRIGITTE.de: Bio-Baumwolle, Seide, Bambusfasern, Hanf, Soja - welche natürlichen Fasern kann man wirklich guten Gewissens tragen und warum?

Thomas Meyer zur Capellen: Bio-Baumwolle sagt eigentlich nur etwas über den Anbau, aber nichts über die Weiterverarbeitung aus. Seide ist ein Naturprodukt und weitgehend unproblematisch. Nur bei der Veredlung, also beim Färben und der Ausrüstung, muss man aufpassen. Eine Bambusfaser gibt es in dem Sinne nicht. Vielmehr handelt es sich um Viskose, die aus Bambus gewonnen wird. Diese ist umwelttechnisch unproblematisch. Allerdings kommt es auch hier wieder auf die Ausrüstung an. Soja ist weich und geschmeidig, aber eben auch ein Lebensmittel, und man muss abwägen, ob die Anbauländer nicht mehr Nahrung brauchen, anstatt gigantische Monokulturen anzulegen und Kleidung daraus zu fertigen. Eine richtige Gewichtung ist hier notwendig. Letztlich geht es bei allen Fasern um die Produktion auf Basis einer ökologischen und sozialen Verträglichkeit.

BRIGITTE.de: Kann funktionale Hightech-Bekleidung wie Gore-Tex, Sympatex und Co. eigentlich auch ökologisch korrekt sein?

Thomas Meyer zur Capellen: Selbstverständlich - auch Gore und Sympa sind umwelttechnisch kein Problem. Diese Produkte halten lange, bieten Komfort und sind recycelfähig! Man kann die getragenen Kleidungsstücke zurückgeben und sogar neue Kleidung daraus produzieren, ohne neues Erdöl zu verwenden. Das geschieht auf rein thermomechanischem und nicht auf chemischem Wege.

BRIGITTE.de: Kunstfasern versus natürliche Fasern - sind Chemiefasern umweltschädigender als natürliche Fasern?

Thomas Meyer zur Capellen: Im Gegenteil, am umweltschädlichsten sind Naturprodukte auf Basis unsachgemäßen Anbaus. Chemiefasern müssen klinisch sauber produziert werden, sonst ist ein Ausspinnen der Filamente gar nicht erst möglich. Farbstoffe zum Beispiel bleiben auch nach dem Gebrauch in der Faser verankert. Bei Baumwolle z.B. zersetzt sich zwar die Kleidung, aber die chemischen Farbstoffe gehen ins Erdreich! Wenn Chemiefasern verbrannt werden, entsteht z.B. bei Polyester lediglich Kohlendioxyd und Wasser. Der Anbau von Baumwolle verschlingt derzeit dramatisch viel Wasser, und auch Wolle ist ein Problem bezogen auf die Ozonschicht – Stichwort Methan.

BRIGITTE.de: Gibt es Ihrer Meinung nach so etwas wie die Faser der Zukunft?

Thomas Meyer zur Capellen: Ja, ich denke da an Lyocell, evtl. in Verbindung mit Ingeo (Mais-Polylactid) und an Polypropylen (verwendet der Künstler Christo zum Verpacken des Reichstages, findet man aber auch im Bereich der High Tech-Wäsche). Und künstlich hergestellte Spinnenseide! Außerdem erwarten uns in Zukunft jede Menge Smart Clothes, die unter anderem helfen, Hautirritationen wie Neurodermitis abklingen zu lassen. Clever, oder?

Interview: Lesley Sevriens Foto: JF/Fotolia.com

Wer hier schreibt:

Lesley Sevriens
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