Immer dieser Shopping-Stress...

Es gibt nur einen Ort, an dem noch mehr geflunkert wird als bei Abschiedsreden: vor Umkleidekabinen. BRIGITTE-Redakteurin Doris Ehrhardt über Shopping-Stress.

Manchmal habe ich Zweifel, ob ich in die globalisierte Welt passe. Zu Beginn der Herbstsaison ging ich in eine Einkaufspassage, an deren Türen die Botschaft klebte: "Wir kaufen uns glücklich!" Doch statt dass sich meine eingangs gute Laune von Laden zu Laden bis zur Euphorie steigerte, wurde ich sauer.

Ich stand mit einer sehr schönen weißen Leinenbluse vor dem Spiegel, war unschlüssig und hoffte, da ich mich mit Mode nicht auskenne, auf den kompetenten Rat einer Verkäuferin.

Die erste meinte: "Die Bluse können Sie aber gut tragen!" Die zweite: "Die hab ich auch gekauft." Ich: "Aber am Saum zipfelt sie." Die erste: "Die zipfelt doch nicht!" Die zweite: "Das gehört so!" Ich: "Aber sie betont meine breiten Hüften." Beide, in der Tonhöhe und Fassungslosigkeit frisch gekürter Topmodels: "Siiie haben doch keine breiten Hüffften!!!" Dann, fünf Oktaven tiefer: "Sie sind viel zu kritisch. Typisch Frau."

Das war der Moment, in dem meine Laune kippte. Fast wortgleich hatte ich jeden Kommentar schon in den fünf zuvor besuchten Geschäften gehört. Und mich schon beim ersten Mal gefragt, was ich mit der Hab-ich-mir-auch-gekauft-Aussage anfangen soll - dass wir morgen im Partnerlook gehen?

Schmeicheleien fallen in Boutiquen so sicher wie Seidenblusen vom Bügel. Umgarnung ist okay, aber dass man angelogen wird, bis man den eigenen Augen nicht mehr traut, geht mir zu weit. Und dass mit den immer gleichen Worten gelogen wird, nervt mich. Wenn ich nichts als Phrasen hören wollte, würde ich in einem Callcenter anrufen!

Ich glaube nicht, dass Verkäuferinnen aus Bequemlichkeit die immer gleichen Kommentare geben. Mir klingen die abgewetzten Sätze eher nach Verkaufsschulung. Offenbar besteht vorschriftsmäßige Beratung derzeit aus einem dürren Repertoire an Zustimmungsfloskeln. Die Logik hinter der eintönigen Schönrederei: Erfährt die Kundin Selbstbestätigung, fühlt sie sich gut, ihre Glückshormone fließen, und sie tänzelt zur Kasse. Hat bei mir nicht funktioniert. Eine Tafel Schokolade, mehr wollte ich jetzt nicht mehr shoppen.

Zu Hause zog ich mir ein paar Studien über Lügen rein. Kurz zusammengefasst, haben US-Forscher Folgendes herausgefunden: 1. Menschen lügen immer öfter. 2. Wie häufig jemand lügt, hängt weniger von seiner Persönlichkeit ab als vielmehr von seinem Umfeld, einschließlich Arbeitsplatz. 3. Wer unter Leistungsdruck steht, flunkert schnell mal, und das sind vor allem die ambitionierten 18- bis 34-Jährigen. 4. Wer länger nachdenkt, bleibt eher bei der Wahrheit, weil sich mit der Zeit sein Gewissen rührt.

Mit diesen Erkenntnissen wusste ich plötzlich, dass meine Lösung kein Nähkurs ist, sondern gezieltes Shoppen: mit Muße in einer seit Jahren existierenden Boutique, die einer über 34-Jährigen gehört, der niemand reinquatscht.

Am Samstag überwand ich meine Scheu vor Mini-Boutiquen und betrat erstmals die alte in meinem Viertel. Bei der Anprobe diverser Teile freute mich ein Kommentar besonders: "Nee, das steht Ihnen nicht." Ich fand mehr als erhofft. Und war glücklich, dass hier nicht wegen ein paar Klamotten Fakten verschleiert wurden.

Text: Doris Ehrhardt
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