Liya Kebede: "Sind wir etwa Außerirdische?"

Ein Gespräch mit dem internationalen Topmodel Liya Kebede über die anhaltende Diskriminierung schwarzer Models, ihre Kollegin Waris Dirie und die Hauptrolle in dem neuen Film "Wüstenblume".

BRIGITTE: Für Ihre erste Hauptrolle haben Sie sich keinen leichten Stoff ausgesucht: Waris Diries Überlebenskampf in der Wüste, die Erfahrung von Flucht und Beschneidung, der Aufstieg zum Topmodel - ein Leben im Extremen.

Herzoging Kate im Potrait

Liya Kebede: Der Dreh war für mich eine emotionale Berg- und Talfahrt. Auf der einen Seite dieses Elend, auf der anderen Seite dieser Glanz. Um da mitzukommen, musste ich mich ganz und gar einlassen und alle Schutzschilder fallen lassen. Ins Filmen muss man viel mehr Gefühl investieren als ins Modeln.

BRIGITTE: Eigentlich hätten Sie diese Kraftanstrengung überhaupt nicht nötig: Sie laufen bei den Schauen aller großen Designer, sind schon auf den Titeln der wichtigen Modemagazine gewesen und haben als erstes schwarzes Model einen millionenschweren Kosmetik- Vertrag für Estée Lauder unterschrieben. Von solchen Erfolgen können viele schwarze Models nur träumen.

Liya Kebede: Stimmt. Als Waris Dirie 1987 ihre Modelkarriere begann, waren viel mehr schwarze Models auf den Laufstegen zu sehen als heute. Wirkliche Topmodels, meine ich. Irgendwann in den Neunzigern hat sich das geändert. Plötzlich galt da eine Art unausgesprochene Regel, dass es nie mehr als ein einziges schwarzes Topmodel geben durfte. Heute hat ein schwarzes Mädchen, das in die Mode will, definitiv schlechtere Chancen als ein weißes.

BRIGITTE: Wer ist daran schuld: die Model-Agenturen, die Designer, die Käufer?

Liya Kebede: Da will ich nicht mit dem Finger auf Einzelne zeigen. Die Verantwortung dafür liegt bei allen. Jeder von uns muss seinen Blick verändern. Unsere Welt war noch nie nur blond und blauäugig, in den letzten Jahrzehnten ist sie aber nun wirklich zusammengerückt. Das muss man doch abbilden! Mich langweilt es, immer die gleichen Gesichter zu sehen.

BRIGITTE: Wurden Sie wegen Ihrer Hautfarbe schon mal diskriminiert?

Liya Kebede: Meine ganze Karriere über. Bis heute. Wie oft ich schon gehört habe: "Ich kann eine Schwarze nicht aufs Cover nehmen."

BRIGITTE: Mit welcher Begründung?

Liya Kebede: Man bekommt keine.

BRIGITTE: Haben Sie eine?

Liya Kebede: Ich verstehe so einen Satz nicht. Sind wir etwa Außerirdische? Das ist alles sehr befremdlich. Werbung macht man mit uns auch nicht gern. Angeblich verkauft Schwarz nicht gut. Ganz Schlaue kommen auf die Idee, uns heller zu retouchieren.

BRIGITTE: Ist Ihnen das schon mal passiert?

Liya Kebede: Retouchiert wird ja immer. Aber mir wurde zum Glück noch nie explizit gesagt: "Wir müssen dich weißer machen." Anderen allerdings schon.

BRIGITTE: Die italienische "Vogue" hat aber doch vor Kurzem eine "Black Issue" herausgebracht, die schnell ausverkauft war, hierzulande wurde Sara Nuru als "Germany's Next Topmodel" ausgerufen, sie hat äthiopische Wurzeln wie Sie . . .

Liya Kebede: Zum Glück öffnet sich die Modewelt gerade etwas. Aber noch nicht genug. An dieser Entwicklung sind sicher auch die Obamas nicht ganz unschuldig. Schwarze werden in der Öffentlichkeit nun positiver und differenzierter wahrgenommen. Ich bin sehr froh, dass meine beiden Kinder mit diesen Bildern aufwachsen. Sie werden später ganz bestimmt fortschrittlicher über Hautfarbe denken.

BRIGITTE: Naomi Campbell hat mal gesagt: "Ich werde nicht aufhören zu modeln, bevor schwarze Models nicht genauso viel Aufmerksamkeit bekommen wie weiße."

Liya Kebede: Eine gute Mission. Ich hatte ein Poster von ihr in meinem Mädchenzimmer. Ich habe sie damals ganz schön angehimmelt. Heute laufe ich ihr ständig über den Weg, plaudere ein bisschen mit ihr. . . Ist schon lustig, oder?

Eine Afrikanerin in New York

Liya Kebede, 31, wurde in Addis Abeba geboren. Ihre Eltern schickten sie auf das französische Gymnasium, wo sie bei Schulveranstaltungen erste Erfahrungen als Model sammelte. Mit 14 ging sie allein nach Paris. 1999 engagierte Tom Ford sie für eine Gucci-Schau. Vier Jahre später wurde sie als erste schwarze Frau das Gesicht von Estée Lauder. Mit ihrem Mann, einem Investmentbanker, und ihren zwei Kindern lebt Liya Kebede in New York. Sie ist auch UN-Botschafterin für die Weltgesundheitsorganisation WHO, hat eine Stiftung für Mutter-Kind-Kliniken in Äthiopien und das Öko-Modelabel "Lemlem" gegründet.

"Wüstenblume": Der Film

Mit 13 flieht sie vor der Zwangsverheiratung, landet als Dienstmädchen in London und wird schließlich als Model entdeckt: Eindringlich schildert der Film Waris Diries bewegendes Schicksal.

Foto: Timothy Barnes Interview: Sina Teigelkötter ein Artikel aus der BRIGITTE 21/09
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