Ein Insider packt aus: So furchtbar ist das Model-Business wirklich

Rassistische Fotografen, Red-Bull-Diäten und Models, die für eine vermeintliche Karriere abtreiben: Was der Casting-Director James Scully über seine Branche erzählt, ist erschütternd.

"Die Branche ist sadistisch und missbraucht Mädchen"

Dass Modeln kein Traumjob ist und hinter dem vermeintlichen Jet-Set-Leben mit aufregenden Shootings und Schauen auf der ganzen Welt ein knallhartes Business steckt, dürfte inzwischen allen klar sein. Aber wie eiskalt und menschenverachtend es hinter den Kulissen anscheinend wirklich zugeht, ist erschreckend. James Scully, ein renommierter Casting-Director aus den USA, hat kürzlich einen Einblick in die Abgründe seiner Branche gegeben.

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James Scully

 Auf einer Veranstaltung des Branchenmagazins "Business of Fashion" hielt Scully eine emotionale Rede, in der er dazu aufforderte, Models endlich wieder mit Respekt zu behandeln. Sichtlich mitgenommen berichtete er von seinen Erfahrungen in den vergangenen Jahren. Sein Job als Casting-Director ist es, Models für Fashion-Shows und Werbekampagnen zu suchen. Seine Karriere begann in den 1980er Jahren. "Inzwischen erkenne ich dieses Business nicht wieder", sagt er.

Viel zu junge Models

In den vergangenen Jahren habe sich ein ganz bestimmter Model-Typ etabliert: knabenhaft schmal und sehr, sehr jung. Viele der Mädchen seien erst 13, 14 oder 15 Jahre alt. "Wir lassen Kinder den Job von erwachsenen Frauen machen", so Scully. Die jungen Mädchen hätten keine Ahnung, worauf sie sich einlassen - und würden in der Regel deutlich schlechter bezahlt als die älteren Models früher.

Falsche Ideale

Vielen Designern und Stylisten gelte inzwischen ein prä-pubertärer Körper als Ideal. Man wolle die Körpermaße einer 14-Jährigen statt Frauen mit weiblichem Körper und einem Charakter. Das führe dazu, dass erwachsene Models bis zum Zusammenbruch hungern und auch die ganz jungen Mädchen die Veränderungen ihres Körpers, die die Pubertät mit sich bringt, mit aller Gewalt aufhalten wollen. Manche, so berichtet der Casting-Director, essen über Wochen gar nichts und nehmen nur Red Bull zu sich.

Fat Shaming: Zu dick für diesen Job

Laut Scully ist es auch üblich, dass Models von Stylisten in aller Öffentlichkeit bloßgestellt werden. So kenne er eine Stylistin, die Models gern in hautenge Bodys steckt, alle in einem Raum versammelt und dann die "fetteste" von allen kürt. Die Schilderung eines anderen Falls nimmt den erfahrenen Mode-Profi besonders mit: Einem Model wurde nahe gelegt, über den Sommer abzunehmen, da sie in den vergangenen Wochen etwas angesetzt hätte. Tatsächlich war die junge Frau schwanger - und entschied sich angesichts des enormen Drucks für eine Abtreibung. Als sie nach einigen Monaten wieder zu einem Casting ging, wurde sie dennoch abgelehnt - weil sie zu dick sei.

Rassismus ist allgegenwärtig

In den vergangenen Jahren sei ihm auch immer wieder ein weit verbreiteter Rassismus begegnet. Es gebe Fotografen, die sich grundsätzlich weigerten, mit schwarzen Models zusammenzuarbeiten. Er kenne schwarze und asiatische Caster, die explizit dazu angehalten werden, keine schwarzen oder asiatischen Models zu buchen. Vielfalt sei den meisten Designern egal, glaubt Scully.

Der Druck ist unmenschlich

Junge Models würden von ihren Agenten oft sehr schlecht behandelt, berichtet Scully weiter. Das System stütze sich auf Angst. So erzählt er beispielsweise die Geschichte eines Models, dessen Vater gestorben sei. Ihr Agent wollte sie dazu zwingen, eine Show auf dem Laufsteg zu absolvieren, statt sofort nach Hause zur Beerdigung zu fliegen. Als sie sich weigerte, wurde sie hinausgeworfen. Menschen würden blitzschnell aussortiert. "Man behandelt sie wie einen Tinder-Swipe", so Scully.

Was sich ändern muss

Seine Abrechnung mit der Modebranche ist vernichtend. "Merkt keiner mehr, wie wir diese Frauen und Mädchen behandeln?", fragt er. Die Modewelt missbrauche junge Mädchen und sei sadistischer und fieser, als man es sich je vorstellen könne. Er appelliert an seine Kollegen, die Mädchen und Frauen - und auch die männlichen Models- zu unterstützen und sie wie die eigenen Kinder zu behandeln. "Es ist nicht schwer, nett zu sein." Gleichzeitig sieht er auch die Stylisten und Designer in der Verantwortung - und die Medien. Für seine Rede erhielt Scully viel Zustimmung und Applaus, unter anderem von Topmodel Amber Valletta, die im Publikum saß.

Hier könnt ihr euch den kompletten Vortrag anhören:


jm
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