Neues Leben für alte Kleider

Eigentlich sollen Kleiderspenden den Armen helfen. Doch in Wahrheit verhindern sie in Afrika die Entwicklung einer eigenen Textilindustrie. Zwei junge Frauen aus Mosambik lenken den Strom um: Sie machen aus unseren Altkleidern Mode, die auch in Deutschland Kunden findet.

Der Fajardo-Markt in Maputo gleicht einem riesigen begehbaren Kleiderschrank - ein Labyrinth aus engen Gassen; Jeans, T-Shirts, BHs, Slips, Abendmode und Brautkleider, alles hängt dicht an dicht. Es ist heiß, staubig und chaotisch, eine Herausforderung für die Sinne. "Wir lieben diese Atmosphäre", sagt Nelsa Guambe, 26, lacht und fischt ein blaues Kleid mit feinen weißen Punkten aus einem kniehohen Klamotten-Berg. Sie zieht es über ihr T-Shirt, es ist viel zu groß und reicht ihr bis zu den Knöcheln. Doch ihre Zwillingsschwester Nelly ist begeistert: "Das können wir super umschneidern."

Die beiden Schwestern gehen hier fast jedes Wochenende einkaufen. Sie grüßen rechts und links, scherzen mit den Händlern, sie kennen jeden Winkel des Marktes. "Seit wir denken können, tragen wir Secondhand-Kleider", sagt Nelly. Früher kamen ihre Eltern mit ihnen hierher, sie waren Lehrer, aber das Geld, das sie verdienten, reichte nur für gebrauchte Kleidung. "Wir fanden es nie entwürdigend, die Kleider anderer Leute aufzutragen", sagen beide. Im Gegenteil. Die Shopping-Ausflüge mit ihrer Mutter waren für sie ein Abenteuer. "Diese Begeisterung haben wir uns bewahrt", sagt Nelsa. "Wir sind Jäger, immer auf der Suche nach verborgenen Schätzen."

Vor ein paar Jahren begannen die Schwestern, die Secondhand-Kleider vom Fajardo-Markt umzuschneidern. Sie machten daraus ihre eigenen Kreationen und bekamen dafür so viele Komplimente, dass sie sich vor zwei Jahren entschlossen, aus ihrem Hobby ein Geschäft zu machen. Sie gründeten das Vintage-Modelabel "Mima-te" - und geben damit Europa nun die Kleider zurück, die auf oft dubiosen Kanälen vom Westen her nach gelangen.

Denn viele Hilfsorganisationen, in deren Container wir in Deutschland unsere Altkleider werfen, verkaufen diese weiter; nicht, um sich zu bereichern, sondern weil sie den Erlös in ihre Hilfsprojekte stecken. Die Kleidung geht nach Afrika, 2012 hatten die Importe einen Wert von mehr als einer Milliarde Dollar. In vielen Ländern kann keine lokale Textilindustrie daneben bestehen; zugleich geben die importierten Kleider den Einheimischen aber Arbeit - als Händler oder Schneider oder, wie bei Nelly und Nelsa, als Designerinnen.

Nelly findet, dass man aus dem gepunkteten blauen Kleid noch etwas machen kann. Was, weiß sie jetzt noch nicht, das entscheiden sie später bei ihrem Schneider. "Manchmal interessieren uns auch nur Details, wie beispielsweise hübsche Knöpfe", sagt Nelsa. Sie winken dem Verkäufer, feilschen mit ihm, dann landet das Kleid für einen Schnäppchenpreis mit einem dutzend anderer in ihrer Umhängetasche, das billigste kostet gerade mal zehn Cent.

Es gibt nur eine Handvoll Schneider, denen Nelly und Nelsa ihre Entwürfe anvertrauen. Ihr Liebling ist Domingos Alisene, ein gutmütiger älterer Mann, der in einem selbst gebauten Wellblechschuppen vor seiner uralten, fußbetriebenen Nähmaschine sitzt. Als er die beiden Schwestern sieht, strahlt er über das ganze Gesicht. "Sie sind für mich wie Töchter", sagt er. Und seine besten Kundinnen. Ihre Aufträge helfen ihm, seine Großfamilie zu ernähren. Nelly und Nelsa ihrerseits schätzen Alisenes schnelle und präzise Arbeit.

Auf dem Zuschneidetisch breiten sie ihre eben erstandenen Kleider aus und beraten sich. "Unsere Entwürfe orientieren sich in erster Linie an unserem eigenen Geschmack", sagt Nelly. "Jung, feminin, kosmopolitisch." Mode ist ihr Hobby, sie kommen nicht aus der Design-Branche, sondern haben Politik- und Entwicklungswissenschaften studiert und arbeiten im Hauptberuf für eine Hilfsorganisation. Aber sie haben ein gutes Gespür und lesen Modemagazine und -blogs.

Ein schwarzes Satinkleid wollen sie auftrennen und mit dem transparenten Oberteil eines anderen Kleides kombinieren. Das blau-weiß gepunktete Kleid wollen sie nur ändern: den Saum etwas kürzen, die Ärmel abtrennen, die Taille betonen. Der Schneider nickt und markiert die Änderungen mit einem Stück Kreide. "Es wäre doch zu schade, diese schönen Stücke einfach wegzuwerfen", sagt Nelsa, während sie den Stoff vorsichtig glatt streicht.

Secondhand-Klamotten machen in Mosambik etwa die Hälfte der Textilimporte aus. Zwischenhändler sortieren am Hafen von Maputo die Kleider nach Art und Qualität, verschnüren sie zu zentnerschweren Ballen und verkaufen sie so an die Marktleute. Was sie nicht verkaufen können, wird auf dem Müll verbrannt. "Recycling ist in Mosambik noch ein Fremdwort", sagt Nelsa. Ihre Schwester Nelly nickt zustimmend. Die beiden sehen sich nicht nur als Modeschöpferinnen, sondern als Aktivistinnen. Ihre Mode ist auch Ausdruck ihrer umwelt- und sozialpolitischen Einstellung. "Viele Kleider werden in Billiglohnländern gefertigt, eine Saison lang in den Industriestaaten getragen und dann nach Afrika abgeschoben", sagt Nelly. "Es kann doch nicht sein, dass Mosambik als Müllkippe der Welt betrachtet wird." Deshalb will "Mima-te" diese Altkleider als neues Produkt wieder auf den Markt bringen.

Leonie March

39, freie Korrespondentin in Afrika, hat selten bei einer Recherche so viel gelacht wie mit den Guambe-Zwillingen, deren Lebensfreude sie einfach ansteckend fand.

Alle paar Monate veranstalten die Schwestern eine Modenschau. Manchmal in einem Kulturzentrum; heute haben sie zu einer privaten Verkaufsparty zu sich nach Hause eingeladen. Die beiden teilen sich ein Appartement in der Innenstadt von Maputo, es liegt im obersten Stockwerk eines in die Jahre gekommenen Hochhauses, man kann auf die Bucht des Indischen Ozeans und die palmengesäumten Straßen der subtropischen Metropole sehen.

Auf dem großen Tisch im Wohnzimmer steht eine Karaffe mit Rotwein, es läuft entspannte elektronische Musik, die Tür steht offen. Die Kleider hängen umgearbeitet, gewaschen und gebügelt an einer Metallstange. Keine Spur mehr von abgestandenem Secondhand-Muff. Nach und nach kommen Freunde und Bekannte, Mosambikaner und junge Europäer, die in Maputo arbeiten. Während sich die Männer unterhalten, sehen sich die Frauen neugierig die neuesten Modelle an. Emma Norrstad, eine junge Schwedin, die gerade ein Praktikum an der Botschaft in Maputo macht, probiert das schwarze Satinkleid mit dem transparenten Oberteil an. Alle sind sich einig, dass sie darin umwerfend aussieht. Sie selbst ist aber nicht nur deswegen begeistert: "Es ist toll, ein Unikat zu tragen. Ein umweltbewusst hergestelltes dazu. Jedes Kleid hat eine eigene Geschichte."

Nelly und Nelsa zwinkern sich zu. "Gerade Europäerinnen stehen auf den Vintage-Look und das Recycling-Konzept", meint Nelsa. Allein durch Mund-Propaganda haben die Zwillinge gleich im ersten Jahr rund 60 Kleider verkauft. Weil etliche Kundinnen ihren Freundinnen davon erzählt und Fotos in den sozialen Netzwerken gepostet haben, sind die Verkäufe 2013 sprunghaft angestiegen, sagen die beiden - ein wenig überwältigt vom eigenen Erfolg.

Um die wachsende Nachfrage in Europa zu bedienen, verkaufen sie ihre Kleider seit Kurzem auch online (www.mimate. bigcartel.com). Weil Post und Zoll in Mosambik langsam, unzuverlässig und teuer sind, schicken die Schwestern ein Paket mit der gesamten Kollektion zu einer Bekannten nach Berlin, die den Vertrieb von dort aus übernimmt. So schließt sich der Kreislauf, sagt Nelly: "Die Kleider kehren zurück nach Europa und beginnen dort ein neues Leben." Nelsa lacht: " Vielleicht schicken die Leute sie irgendwann wieder in der Altkleidersammlung zurück nach Mosambik."

Ein neues Leben für alte Kleider

Der Weg der Altkleider

Jedes Jahr landen in Deutschland mehr als 750 000 Tonnen gebrauchte Klamotten in Altkleidersammlungen. Viele Container sind mit dem Logo von Hilfsorganisationen gekennzeichnet. Das heißt jedoch nicht, dass alle Altkleider kostenlos an Bedürftige verteilt werden. Der Löwenanteil wird verkauft. Bei gemeinnützigen und kirchlichen Organisationen fließen diese Einnahmen in soziale Projekte. Aber es gibt auch Betrüger. Woran man dubiose Kleidersammler erkennt, darüber informiert das bundesweite Netzwerk "FairWertung" (www.fairwertung.de). Die Container werden in der Regel von Verwertungsfirmen abgeholt. Eine Tonne Altkleider ist rund 300 Euro wert. Doch nur knapp die Hälfte ist gut genug für den Secondhand-Markt, die andere Hälfte sind Lumpen oder Müll. Bis zu 60 Prozent der Altkleider werden nach Afrika verschifft, in Länder wie - trotz eines stabilen Wirtschaftswachstums von rund sieben Prozent zählt es noch immer zu den ärmsten Staaten der Welt, jeder vierte Mosambikaner ist arbeitslos. Secondhand-Ware schafft zwar Arbeit für Händler und Änderungsschneider, erschwert aber wegen des Überangebots an billiger Kleidung den Aufbau einer lokalen Textilindustrie.

Fotos: Sarah Rubensdörfer Text: Leonie March BRIGITTE 09/2014

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Kommentare (3)

Kommentare (3)

  • Anonymer User
    Anonymer User
    Ich reagiere nicht reflexhaft, sondern weil es schrecklich ist, daß der Markt mit den eigenen Kleidern, der afrikanischen Mode und der Beruf Schneiderin in Afrika "nachhaltig" kaputt gemacht wurde. Nur weil da das Rote Kreuz, Charitas und co viel Geld mit Altkleidern machen wollen. Als ich vor Jahren darüber mit Kollegen sprach wurde ich der Lüge bezichtigt, allerdings viel später haben sie sich entschuldigt, als mal ein Film darüber gezeigt wurde. Auch wenn jetzt mal ein paar Frauen upcyclen, werde ich auch zukünftig meine Anziesachen die ich nicht direkt weitergeben kann in den Mülleimer werfen. Denn das ist bis jetzt für Afrika besser.
  • Anonymer User
    Anonymer User
    vor einiger zeit kam ein bericht im fernsehen über kleidermärkte in afrika - da wurde gezeigt, wie eine ganze armada von kleinbetrieben davon lebt, die dort gehandelten kleidungsstücke bündelweise einzukaufen, dann umzuändern und wieder weiterzuverkaufen.
  • Anonymer User
    Anonymer User
    Vom Ökologieaspekt her: Hauptsache, die Kleidung wird überhaupt verwertet! Und wenn manche Entwicklungsländer eine eigene Textilindustrie haben und andere nicht, wäre das auch noch kein Beinbruch. Man MUSS keine Nähereien wie in Bangladesh haben. Oder saudreckige Stoffherstellung wie in China. Also nicht reflexhaft drüber aufregen, dass einheimische Textilindustrie in Afrika nicht konkurrenzfähig wäre. Das ist die europäische schon lange nicht mehr.

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