Wie viel Chemie steckt in unserer Kleidung?

Knallig, flauschig, wasserfest - was wir an Kleidung lieben, geht oft nicht ohne Chemie. Etliche Firmen wollen bis 2020 giftfrei produzieren. Welche Gefahren lauern in unserem Kleiderschrank?

82 Kleidungsstücke für Kinder von zwölf internationalen Modefirmen hat die Umweltschutzorganisation Greenpeace im Rahmen ihrer "Detox"-Kampagne untersucht, darunter Hersteller wie Burberry, Adidas und Primark. Das Ergebnis: Bei jeder Marke fanden sie Stoffe wie Weichmacher, Nonylphenolethoxylate (NPE) oder per- und polyflourierte Chemikalien (PFC). Teilweise werden diese Stoffe als gefährlich eingeschätzt, sie sind laut Greenpeace hormonell wirksam oder krebserregend - und belasten Flüsse und Trinkwasser in den Produktionsländern.

Wichtig für Eltern: Teure Kinderkleidung ist nicht automatisch sauberer produziert als billige. Wer sicher gehen will, sollte laut Manfred Santen von Greenpeace beim Kauf auf Textil-Siegel vom Internationalen Verband der Nauturtextilwirtschaft IVN oder vom Global Organic Textile Standard GOTS achten. Generell rät der Chemie-Experte von Greenpeace, Kleidung vor dem ersten Tragen zu waschen. "Und wenn das Produkt künstlich riecht, sollte man die Finger davon lassen", so Santen.

Schutz gegen Nässe, Krankheitserreger oder Schimmel

Sehen oder fühlen? Fehlanzeige. Manchmal riechen sie streng. Doch in den meisten Fällen bleibt es das Geheimnis des Herstellers, wie viel und was in Kleidung steckt. Denn bevor diese unsere Regale erreicht, wird sie durch ein Bad von Chemikalien gezogen. Als Schutz gegen Nässe, Krankheitserreger oder um die Kleidung beim Transport vor Schimmel zu schützen. Andere Substanzen garantieren leuchtende Farben, den weichen Griff oder machen den Stoff bügelfrei.

Rund 7000 Chemikalien werden in der Textilproduktion verwendet. Nicht jede belastet die Umwelt. Oder den Menschen. Dennoch ließ Greenpeace im letzten Jahr mehr als 100 Kleidungsstücke großer Ketten wie Zara, H&M, Gap oder Calvin Klein untersuchen und in einem weiteren Test 14 Funktionsjacken und -hosen, zum Beispiel von The North Face, Fjällräven, Patagonia oder Jack Wolfskin.

Das Resultat: In nahezu allen Proben wurden Rückstände gefunden, die im EU-Chemikalienrecht teils als "besonders bedenkliche Substanzen" geführt werden. "Das Problem ist", erklärt Manfred Santen, Chemie-Experte bei Greenpeace, "dass Verbote in Europa bisher nur für die Herstellung, nicht aber für importierte Kleidung gelten." Natürlich würde es helfen, wenn der Verbraucher auf dem Etikett nicht nur Faser, Waschanleitung und Herstellungsland finden könnte, sondern auch die eingesetzte Chemie. Solche Etiketten jedoch wären länger als das Kleidungsstück selbst.

Wasserabweisend und atmungsaktiv - dank Chemikalien

Und wem sagen schon Begriffe wie Nonylphenolethoxylate, Phthalate oder perfluorierte Chemikalien etwas? Letztere sind es, die den Herstellern von Outdoor-Kleidung garantieren, dass ihre Produkte wasserabweisend und gleichzeitig atmungsaktiv sind. Sie kommen aber in der Natur nicht vor, können deshalb nicht abgebaut werden - und sammeln sich in Mensch und Tier. Sie können das Immun- und Hormonsystem stören.

Statt einfach nur mehr Transparenz zu verlangen, geht Greenpeace weiter und versucht mit der "Detox-Kampagne", Firmen dazu zu bewegen, gesundheits und umweltschädliche Chemikalien durch ungefährliche zu ersetzen. Gut 15 Marken, darunter Adidas, Esprit, H&M, Levi's oder Zara, haben sich bisher dazu verpflichtet. Gemeinsam mit der Umweltschutz-Organisation erarbeiten sie Aktionspläne und Etappenziele. Abgeschlossen soll die Umstellung bis 2020 sein.

Einziger Wermutstropfen: Kein Outdoor-Hersteller hat sich dieser "Selbsthilfegruppe" bisher angeschlossen bzw. zu "Detox" bekannt. Nur Jack Wolfskin erklärte, freiwillig bis 2020 auf Fluorchemie verzichten zu wollen, bis 2016 soll immerhin die Hälfte der Kollektion fluorfrei sein. Fluor kann in den menschlichen Organismus gelangen. "Manchmal werden die Stoffe über die Atemwege aufgenommen, meist jedoch über den Hautkontakt", meint Prof. Dr. Wolfgang Uter vom Institut für Medizin-Informatik, Biometrie und Epidemiologie der Universität Erlangen.

Problematisch sind die Chemikalien nicht nur dort, wo der Mensch direkt mit ihnen in Berührung kommt. Auch wenn geklärtes Wasser in Deutschland nicht direkt zu Trinkwasser wird, landet es zusammen mit nicht rausgefilterten Chemikalien in Flüssen oder Seen. Der Klärschlamm wird auf Äckern verwendet, und dort können Schadstoffe in die Pflanzen und somit in unsere Nahrungskette übergehen. "Bei vielen Stoffen sprechen wir aber über eine Wirkung im Spurenbereich", sagt Dr. Burkhard Schmidt vom Institut für Umweltforschung der RWTH Aachen, "die meisten Stoffe werden nach wenigen Wochen vom Körper ausgeschieden."

Der Mensch hat heute viermal so viel Kleidung wie noch 1980

Vor allem wir müssen uns verändern. Wir kaufen viel zu viel. Der Mensch hat heute viermal so viel Kleidung wie noch 1980. 20 Teile davon werden im Schnitt nie getragen. 800.000 Tonnen Textilien importiert Deutschland pro Jahr. Und mit jedem Einkauf, besonders den preiswerten, wächst die Wahrscheinlichkeit, dass das Stück nicht lange getragen wird und auf der Mülldeponie landet. "Eine neue Langsamkeit beim Konsum würde auch das Chemieproblem entschärfen, weil es für die Firmen einfacher wäre, sauberer zu produzieren. Aber deren Firmenmodell beruht auf Wachstum. Wenn überhaupt, muss das von uns Konsumenten ausgehen", erklärt Kirsten Brodde, Buchautorin, Journalistin und bis 2012 verantwortlich für die Detox-Kampagne bei Greenpeace.

Hinweise wie "Vor dem ersten Tragen waschen", "Bügelfrei" oder "Knitterfrei" geben einen Hinweis auf deren Einsatz. Mit Qualität und einer kleinen Garderobe aus vielen Klassikern, die man lange trägt und gut kombinieren kann, umgeht man weitere Schadstoffe. Auch Textil-Siegel können Auskunft über den Einsatz von Chemikalien geben, leider sind nicht alle streng genug. Nach Ansicht von Greenpeace sind gegenwärtig "bio-Re" "G.O.T.S." und "IVN Best" mit kleinen Schwachstellen empfehlenswert. Wichtig: Kleidung gehört verantwortungsbewusst entsorgt. So kann sie richtig recycelt werden und richtet keinen Schaden im Entsorgungskreislauf an.

Text: Julia Christian BRIGITTE 25/2013
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