Auf Tuchfühlung: So wird Mode in Vietnam produziert

Gestern China, heute Bangladesch, morgen Myanmar. Mode wird oft dort produziert, wo Arbeit billig und Sozialstandards fragwürdig sind. Hemdenhersteller van Laack zeigt in Vietnam, dass es auch anders geht.

Es dauert, um dem Hanoier Altstadtgewirr aus Menschen, Motorrollern und dampfenden Schüsseln Nudelsuppe zu entkommen. Ist das geschafft, geht es vorbei an den vornehmen, uralten Villen der Uferpromenade des Westsees. Dann endlich, nach knapp einer Stunde, ist man vor den Toren der Stadt. Früher bauten Bauern Reis an, heute steht hier eine imposante zweistöckige Kolonialvilla: Rolltor, der Brunnen gluckst mittelgroße Fontänen, Säulengang rechts und links des Eingangs, im Inneren die Empfangshalle, Muster im Marmorboden, eine Art Showtreppe führt in den zweiten Stock hinauf.

Jeden Morgen bringt Hoang Huynh Teang zunächst ihre Tochter nach oben, schaut noch kurz zu, wie sich die Kleine im Kindergarten freudig die Schuhe auszieht, dann setzt sich die 28-Jährige an ihren Arbeitsplatz im Erdgeschoss. Es ist 7.45 Uhr, ihr Arbeitstag hat begonnen. Etwa 1600 Hemden und Blusen werden sie und ihre 477 Kollegen heute nähen. Perfekter Schnitt, feinstes italienisches Gewebe, sorgfältige Verarbeitung. Verkaufspreis: etwa 130 Euro. Herstellung: made in Vietnam.

Spätestens seit im April vergangenen Jahres beim Einsturz einer Textilfabrik in Bangladesch 1100 Menschen starben und 2500 verletzt wurden, haftet in Asien hergestellter Kleidung ein blutiger Makel an. Hier beginnt eine Wertschöpfungskette, die auf eine allzeit bereite Schar von Billigarbeitern setzt und deren Karawane weiterzieht, sollten im Herstellungsland Probleme auftauchen. Gestiegene Rohstoffpreise sind so ein Problem oder politisch unruhige Zeiten, vor allem aber: steigende Löhne. Deshalb hat die Textilbranche nach China, Vietnam und Bangladesch neuerdings Myanmar ins Auge gefasst. Seit ein paar Jahren ist das Land demokratisch, trotzdem liegt der Monatslohn einer Näherin bei etwa 30 Dollar. In Bangladesch blättert man dafür inzwischen 68 Dollar hin, in China etwa das Siebenfache. Myanmar bietet also zur Zeit die günstigsten Bedingungen dafür, dass sich am Ende der Wertschöpfungskette, an der Ladentheke in Kopenhagen, Madrid oder Frankfurt, der Wert des genähten Kleidungsstücks hoffentlich vervielfacht hat. Denn je kleiner die Zahl am Anfang, desto größer die, die am Ende den Gewinn beziffert.

Einer, der dieser Logik nicht folgen will, ist Hoang Huynh Teangs Chef: Christian von Daniels, Besitzer der Hemdenfirma van Laack, die der 58-jährige Kölner Textilunternehmer 2002 übernahm. Von Daniels hat in die Hauptstadt Vietnams geladen, um zu zeigen, dass es auch anders geht.

Die geräumige Produktionshalle ist voll klimatisiert, mit eigenem großzügigem Arbeitsplatz für jeden und viel Licht - wichtig für jede Näherin. Das unaufhaltsame Surren der Nähmaschinen erzählt von guter Auftragslage. Trotzdem findet man weder Anzeigetafeln, auf denen die produzierten Stückzahlen anklagend blinken, noch gibt es Durchsagen, Aufseher oder eine vorgeschriebene Zeit, um zur Toilette zu gehen. Im Gegenteil, hinten rechts in der fußballfeldgroßen Halle sitzt die 46-jährige Gewerkschaftsführerin und weiß außer vom guten Betriebsklima und der Anti-Feuer-Ausstattung nur davon zu berichten, dass sie sich wünscht, dass alles beim Alten bleibt. "Andere Firmen haben Schichtarbeit, Überstunden sind Standard. Wir arbeiten von 7.45 bis 16.15 Uhr, von Montag bis Samstag, haben 14 Urlaubstage und bekommen neben Boni noch mit jedem Jahr im Betrieb mehr Gehalt."

200 Dollar verdient eine Näherin durchschnittlich bei van Laack. Ein Lohn, vergleichbar mit dem einer vietnamesischen Lehrerin. Dazu gibt es kostenloses Mittagessen, das gemeinsam und mit einem Lachpegel wie in einer Schul-Cafeteria eingenommen wird, einen Kindergartenplatz für alle, einen Shuttlebus zur Fabrik oder Zuschüsse für diejenigen, die selber fahren, und Zulagen für dauerhafte Anwesenheit und gute Qualität. Zu Beiträgen zur Kranken- und Sozial- und Arbeitslosenversicherung ist der Arbeitgeber in Vietnam gesetzlich verpflichtet. "Natürlich mache ich das nicht aus reiner Nächstenliebe", erklärt von Daniels, "Vietnams Wirtschaft boomt, und gute Arbeitskräfte sind gefragt. Wer gute Bedingungen bietet, bindet Mitarbeiter. Und mit dem Wissen der Mitarbeiter, die lange dabei sind, steigt auch die Produktivität."

"Wir sind nicht auf Akkordarbeit angewiesen - ein Luxus"

Tatsächlich macht das vor ein paar Jahren noch bitterarme Land mit seinen 90 Millionen Einwohnern gerade einen rapiden Wandel durch. Offiziell noch immer kommunistisch, hat sich hier eine Art Ein-Parteien-Kapitalismus herausgebildet. Seit der Jahrtausendwende wächst die Wirtschaft um jährlich etwa sieben Prozent, die Einkommen haben sich verfünffacht. Laut einer Studie der Boston Consulting Group wird die konsumfreudige Mittelschicht Vietnams bis Ende des Jahrzehnts auf 33 Millionen Menschen anwachsen. Fast jede Familie besitzt inzwischen eine, viele zwei Vespas, telefoniert wird per Smartphone, und obwohl Hanoi im Norden im Vergleich zu Saigon noch einigermaßen ursprünglich ist, wachsen auch hier neben schmalen Kolonialfassaden die ersten Neubauten in den Himmel. Um die Oper herum findet man Boutiquen von Hermès, Moschino oder Louis Vuitton, wegen der Einfuhrzölle oft teurer als in Europa. Billiger als in Deutschland produzieren zu können, dafür aber mit unserem Anspruch an Arbeitsqualität und Betriebsklima, macht Vietnam für deutsche Unternehmen so attraktiv. Die Arbeitsschutzgesetze sind vergleichsweise fortschrittlich, Frauen genießen sechs Monate Mutterschutz, der Mindestlohn liegt bei 112 Dollar, auch die Bezahlung von Überstunden und der Kündigungsschutz sind im vietnamesischen Arbeitsrecht haarklein geregelt.

Hoan Nguyen ist für den letzten Arbeitsgang zuständig. Sie schiebt den Plastikkragen unter den echten - für den richtigen Stand -, klemmt ihn fest, zieht die Ärmel im Nacken zusammen, faltet das Hemd und schiebt es in die Verpackung. 100 Minuten hat die Herstellung gedauert. Zum Vergleich: 50 Minuten braucht ein Hemd der mittleren Preisklasse. Näherinnen für Primark oder H&M erledigen das in etwa zehn Minuten. "Wir haben hier den Luxus, nicht auf Akkordarbeit angewiesen zu sein", sagt von Daniels.

Ungefähr 200 Euro würde ein Hemd kosten, wenn van Laack in Deutschland fertigen würde. Es fielen 25 Euro mehr Arbeitskosten an, Abgaben für Steuer und Einzelhandel errechnen sich prozentual, deshalb stiege der letztendliche Verkaufspreis so enorm. Doch die Frage danach versteht Christian von Daniels ohnehin nicht, hat er doch, seit er van Laack übernahm, den Standort Vietnam zwar ausgebaut, in Deutschland aber trotzdem niemanden entlassen. Im Gegenteil: Die Arbeitsplätze am Firmensitz in Mönchengladbach, an dem Entwurf und Vertrieb stattfinden, wurden von 150 auf 200 aufgestockt. Deutsche Arbeitsplätze sichert man heute in Fernost. So geht Globalisierung also auch.

Text: Julia Christian BRIGITTE 14/2014
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