Roeckl: Tradition mit Fingerspitzengefühl

Annette Roeckl, 41, steht seit fünf Jahren als Geschäftsführerin an der Spitze der Firma Roeckl Handschuhe und Accessoires. Sie führt das Unternehmen in der sechsten Generation. Nach fünf Generationen löste sie als erste Frau die Chefposition des bis dato von Männern geführten Traditionsunternehmens ab. Schlüssel des Erfolgs sind ein einzigartiges Know-how in der Handschuhherstellung, die Liebe zum Handwerk und zum Detail, ein besonderes Gespür für Zeitgeist und Modetrends und nicht zuletzt die bewusste Aufrechterhaltung von Traditionen. Wir haben Annette Roeckl gebeten, uns Einblick in die Welt der Fingerspitzen zu gewähren.

Queen auf der Fashion Week neben Anna Wintour

BRIGITTE.de: Über die Jahrhunderte hinweg hat sich der Bedeutungsgehalt des Produkts Handschuh immer wieder verändert. Früher gab es Fehdehandschuhe, Gifthandschuhe und Dufthandschuhe. Was hatte es damit auf sich?

Annette Roeckl: Der Fehdehandschuh war früher der Auftakt für einen Kampf: Wenn der eine Edelmann den anderen zum Duell auffordern wollte, hat er ihm den rechten Handschuh hingeworfen. Damit war der Kampf eröffnet. Mit dem Gifthandschuh hat es folgende Bewandtnis: Wer in der Vergangenheit jemanden loswerden wollte, hat die Innenseiten der Handschuhe seines Widersachers mit giftigen Substanzen getränkt, die durch die Haut aufgenommen wurden. Die Gifte waren so hochkonzentriert, dass solch ein Gifthandschuh einem durchaus das Leben kosten konnte. Ein liebevoller Brauch dagegen war der Dufthandschuh. Im Mittelalter wurden Handschuhe mit Parfums beduftet - beim Handkuss hatte der Herr dann gleich den Duft der umworbenen Dame in der Nase. Der Dufthandschuh rührt wahrscheinlich aus der Tradition, den Eigengeruch des Leders zu verdecken. Bereits beim Prozess des Gerbens wurden die Handschuhe mit feinem Ölen und Essenzen versetzt, so dass das Leder gut duftete. Und mit dem so genannten Minnehandschuh, konnten Liebende einander ihre Liebe erklären. Wenn zum Beispiel einer von seiner Geliebten einen Handschuh geschenkt bekommen hatte, steckte er sich den Handschuh an seinen Hut um somit stolz die Gunst seiner Angebeteten zu demonstrieren.

BRIGITTE.de: Sie führen das Unternehmen Roeckl nun in der sechsten Generation. Was haben Sie von Ihren Vorgängern gelernt und übernommen?

Annette Roeckl: Bei Roeckl haben wir immer unsere ganze Aufmerksamkeit, Energie und Liebe in den Handschuh gesteckt. Und natürlich auch in die Weiterentwicklung und Qualität der Produkte. Wir haben seit eh und je größten Wert auf hochwertige Verarbeitung gelegt und verwenden nur die allerbesten Leder.

BRIGITTE.de: Wie schwer fällt es Ihnen, die Balance zu halten zwischen Tradition und Innovationen?

Annette Roeckl: Tradition bedeutet für mich die Fortführung des Kernes und kann nur durch höchste Wandlungsfähigkeit entstehen. Nur dadurch, dass meine Vorgenerationen in ihrer Zeit mutig genug waren, Veränderungen vorzunehmen, die dem Zeitgeist entsprachen oder die die Zukunft forderte, konnte unser Unternehmen überhaupt so erfolgreich werden. Und nur auf diese Weise konnten überhaupt Traditionen entstehen. Einerseits gibt es bei der Tradition also eine Veränderungskomponente, andererseits die Komponente der Kontinuität. Für mich Tradition ist nichts Statisches, sondern beinhaltet den Mut für innovative und visionäre Entscheidungen.

BRIGITTE.de: Welchen Anspruch haben Sie an Ihre Produkte, und wohin möchten Sie Ihr Unternehmen führen?

Annette Roeckl: Neben unserer Kernkompetenz Handschuhe sind wir dabei, andere Felder im Accessoirebereich auszubauen. Wir fertigen ja auch hochwertige Seidentücher und Schals. Außerdem haben wir gerade eine hochwertige Taschenkollektion entwickelt. Mit diesem Schritt wollen wir Roeckl neben der führenden Marke für Handschuhe auch zum führenden Hersteller für hochwertige Accessoires machen. Im Fokus steht dabei natürlich immer der Anspruch an maximale Qualität.

BRIGITTE.de: Inwiefern ist der Handschuh ein Modeprodukt, bzw. wie unterscheidet er sich von üblichen Modeprodukten?

Annette Roeckl: Einerseits gibt es beim Handschuh die wärmende Komponente. Immer wieder wenn es kalt wird, erinnern sich die Menschen an dieses Kleidungsstück. Aber daneben gibt es natürlich die schmückende Komponente. Handschuhe haben eine ganz besondere Wirkung - es fällt mehr ins Auge, ob ich Handschuhe zu meinem Outfit trage, als ob ich ein grünes oder ein gelbes Kleid trage. Handschuhe werten ein Outfit auf ganz eigene Weise auf. Da steckt viel Stylingpower dahinter. Deshalb werden sie sehr bewusst als Mode-Items eingesetzt, um ein Outfit zu Schmücken oder ein Statement zu setzen.

Fotoshow: Tradionsunternehmen Roeckl

Liebe zum Detail: Lederhandschuh von Roeckl

BRIGITTE.de: Inzwischen sind Lederhandschuhe längst nicht mehr nur der gehobenen Gesellschaft vorbehalten, sondern zum Massenprodukt avanciert. Wie kam es zu dieser Entwicklung?Annette Roeckl: In der Vergangenheit war der Handschuh auch immer ein gewisses Statussymbol. Früher gab es eine klare Hierarchie-Gliederung: Bestimmte Stände trugen teure Lederhandschuhe, während niedere Stände sich mit Wollhandschuhe begnügen mussten. Auch in der kirchlichen Tradition gab es eine klare Gliederung, die besagte, welche Stufe von Geistlichkeiten welche Handschuhe mit welchen Schmückungen tragen durften. Um die vorletzte Jahrhundertwende war der Handschuh noch ein Kleidungsstück für die feinere Gesellschaft. Ende der 60er jedoch, in der großen Revolutions- und Freiheitsphase, wurde mit alten Konventionen gebrochen. Mit der Welle der großen Lässigkeit wurde der Handschuh aufgrund seines Statussymbols komplett abgelehnt und bloß noch auf seinen wärmenden Charakter reduziert. Erst seit zwei, drei Jahren sehen wir eine deutliche Veränderung. Plötzlich ist der Handschuh wieder in den Fokus der Modewelt und der Mode-Ikonen gerückt. Einen Karl Lagerfeld sieht man seit Jahren nicht mehr ohne seine Kurzfingerhandschuhe, die eine ganz individuelle Note in seine Outfits bringen. Und eine Victoria Beckham läuft auch im Sommer mit langen Handschuhen zur weißen Bluse herum. Auch auf den Laufstegen der großen Couturiers sieht man immer häufiger Outfits mit langen Handschuhen. Das Produkt hat sich aber auch in der Breite entwickelt – auch bei H&M oder Zara findet man Lederhandschuh. Und selbst Coca Cola wirbt heute für seine Cola Light mit einem Autofahrerhandschuh.BRIGITTE.de: Wie viele Arbeitsstunden stecken in einem Lederhandschuh? Annette Roeckl: Viele unserer Modelle werden noch komplett handgenäht. Allein für solch eine Handnaht benötigt man einen halben Tag pro Paar. Vom Zurechtschneiden des Leders bis zur Naht umfasst der Herstellungsprozess ungefähr elf Arbeitsschritte. BRIGITTE.de: Kann man das Handwerk des Handschuhmachers offiziell erlernen? Annette Roeckl: Der Handschuhmacher ist ein Berufsbild, in dem bis vor kurzem mangels Nachfrage gar nicht mehr ausgebildet wurde. Deshalb sind wir ganz stolz darauf, dass Roeckl seit vergangenem Jahr erstmals seit 13 Jahren auch wieder in Deutschland ausbildet. BRIGITTE.de: Eisdielen haben naturbedingt ein Absatzproblem im Winter, wie verhält es sich bei Ihnen mit dem Verkauf von Handschuhen im Sommer?Annette Roeckl: Im Sommer legen wir den Fokus auf Tücher, Seidentücher und textile Accessoires wie Kopfbedeckungen. Außerdem haben wir ja jetzt auch Taschen im Angebot. Handschuhe verkaufen wir zu dieser Jahreszeit natürlich deutlich weniger. Das ist einfach so.BRIGITTE.de: Als Königlich-Bayerischer Hoflieferant haben Sie in der Vergangenheit König Ludwig II. und die spätere Kaiserin Sissi beliefert. Für wen machen Sie auch heute noch exklusive Sonderanfertigungen?Annette Roeckl: Wir machen zwar keine Sonderanfertigungen für prominente Träger. Aber wir haben sehr viele Kunden, die uns immer wieder anfragen und für bestimmte Outfits die passenden Handschuhe bei uns bestellen. Begeisterte Roeckl-Handschuhträger sind zum Beispiel Heidi Klum, Paris Hilton, Veronika Ferres, Jessica Schwarz oder Eva Padberg.

BRIGITTE.de: Was ist Ihr absoluter Bestseller?Annette Roeckl: Der Bestseller ist immer noch der schwarze Lederhandschuh – wollgefüttert und in klassischer Länge.

Roeckl Fakten: Heute sind das Unternehmen und die Marke fast 170 Jahre alt. Den Grundstein legte Jakob Roeckl, der 1839 das erste Roecklgeschäft und die Werkstatt in der Kaufinger Strasse in München gründete. Annette Roeckl ist seit 1992 in dem Münchener Familienunternehmen tätig. Seit 2003 führt sie die Geschäfte der Firma Roeckl Handschuhe & Accessoires GmbH & Co. Heute ist das Unternehmen europäischer Marktführer und hat 24 eigene Stores in Deutschland, Österreich und in der Schweiz. Roeckl hatte sich von Anbeginn auf die Herstellung edler Handschuhe für Damen und Herren der gehobenen Gesellschaft konzentriert. Als Königlich-Bayerischer Hoflieferant zählten auch König Ludwig II. und die spätere Kaiserin Sissi zu seinen Kunden. Im Laufe der letzten Jahrzehnte wurde die Produktpalette von Lederhandschuhen um Strickaccessoires und Tücher erweitert. Seit kurzem hat Roeckl auch exklusive Taschen und Kleinlederaccessoires im Sortiment. Roeckl-Produkte werden nach ganz Europa, in die USA, Südamerika, Australien und China exportiert.

Lederlexikon Haarschaf Nappaleder Weiches, griffiges Glattleder für feine modische Handschuhe. Haarschafe sind ziegenähnliche Schafe, die statt der Wolle ein Haarkleid haben. Die Ursprungsländer dieses Leders sind hauptsächlich Äthiopien, Jemen, Indien und Indonesien. Haarschafe dienen immer und überall der Ernährung der Bevölkerung.

Peccaryleder Hochwertiges, extrem strapazierfähiges Leder mit markanter Porenstruktur. Für sportlich-chice Handschuhe der Spitzenklasse. Es stammt von südamerikanischen Wildschweinen. Die Jagd auf diese frei lebenden Tiere dient ausschließlich der Ernährung. Roeckl importiert nur Leder mit dem internationalen CITES-Zertifikat.

Curlyleder Curlys sind besonders kleine, kurzwollig-gelockte Lamm- fellchen, aus denen meist nur ein einzelner Handschuh gefertigt werden kann. Das Leder wird mit der Wolle ge- gerbt, die feingelockte Naturwolle des Fells wird auf der Haut getragen. Sie ersetzt ein eingezogenes Futter. Die Rückseite des Lammfells ist die Velours-Außenseite des Handschuhs.

Hirsch- und Elchleder Urwüchsiges und zähes, gleichzeitig aber wunderbar weiches Leder für sportliche, strapazierfähige Hand- schuhe. Die Rohware stammt vom Deer (amerikanischer Hirsch) aus freier Wildbahn aus Nordamerika und Kanada.

Nubukleder Bei Nubukleder wird die Lederaußenseite fein angeschliffen. Dadurch entsteht ein samtiges Farbspiel in warmen Nuancen. Diese sportlichen Leder mit feinem Feeling stammen über- wiegend von Schafen oder Rindern aus Indien und Korea.

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