100 Tage Shopping-Pause

BRIGITTE.de-Mitarbeiterin Teresa Pfützner hat sich 100 Tage Shopping-Pause auferlegt und Tagebuch geführt. Wie ist es, sich monatelang nichts zum Anziehen zu kaufen?

Es gibt zwei Arten von Menschen: solche, die das Shoppen beherrschen, und solche, die das Shoppen beherrscht. Ich hielt mich immer für ein Mitglied der ersten Gruppe, mit kleineren Ausrutschern in Gruppe Zwei. Aber dann kam ein Umzug und mit ihm eine neue Stadt ohne Freunde, aber dafür mit einer Fernbeziehung.

Einsamkeit, Fernbeziehungsblues und Stress im neuen Job: Braucht man mehr Gründe, um sich mit neuen Stiefeln zu trösten? Im letzten Jahr bin ich definitiv in die zweite Gruppe abgerutscht, die Gruppe der "Frust-Shopper". Mittlerweile gehe ich sogar in der Mittagspause einkaufen, einfach, weil es mich beruhigt.

Aber ich will nicht länger als Fast-Fashion-Zombie durch die Boutiquen wanken, um mir mein Leben ein bisschen schöner zu kaufen. Wenn ich meinen Platz in der Gruppe der selbstbestimmten Konsumenten zurück haben will, brauche ich eine Radikalkur. Darum verschreibe ich mir 100 Tage Shopping-Pause: keine Klamotten, Accessoires, Schuhe oder Handtaschen.

Tag 1

Die erste Diät-Regel: Suche dir einen Abnehm-Partner! Zu zweit fällt das Abspecken bekanntlich leichter, auch, wenn es sich wie in meinem Fall um eine Diät für den Kleiderschrank handelt. Mein Freund erklärt sich nach einigem Zögern als Diät-Partner bereit und beschließt eine 100-tägige Fast-Food-Pause, in der er keinen Fuß in seine drei Lieblings-Fast-Food-Restaurants setzen will. In unserer frisch gegründeten Zweier-Selbsthilfegruppe schreiben wir gemeinsam unsere Ziele für unsere Verzicht-Aktionen auf. Ich im Kampf gegen Fast Fashion, er gegen Fast Food.

Tag 8

Die alten Gewohnheiten lassen nicht locker. Ich muss mich förmlich zwingen, nach Feierabend nicht zur Entspannung durch die Läden zu schlendern. Hartnäckiges Meiden des Feindgebiets (die Ladenstraße!) ist angesagt. Herausforderung der Woche: Meine modebegeisterte Freundin Magdalena kommt mich besuchen und probiert Schnäppchen an. Ich sitze auf dem Hocker in der Umkleidekabine und beiße die Zähne zusammen – der Geist steht über der Materie!

Tag 19

Gottseidank habe ich Nunu Kaller. Ihr Buch "Ich kauf nix" ist meine Bibel. Die Österreicherin hat ein Jahr lang durchgezogen, was ich erst seit 19 Tagen versuche: den Totalverzicht in Sachen Shopping. Auf jeder Seite ihres Buches leiden wir quasi gemeinsam. Auch mein Freund zieht eisern mit. Allerdings hat er das Glück, dass er sich bei seiner Burger-Blockade wenigstens mit Kebab trösten kann.

Tag 25

Jetzt habe ich auch einen kleinen Trost gefunden: Ich tausche meine Fehlkäufe auf Kleiderkreisel.de mit anderen Nutzern, die ebenfalls Klamotten loswerden wollen. Das Tauschen macht Spaß, kostet keinen Cent und ich ergattere so ein zitronengelbes Top. Trotzdem melde ich mich wieder von der Seite ab. Ich ertappe mich nämlich dabei, dass ich ständig auf Kleiderkreisel rumhänge und nach Tauschpartnern suche. Das fühlt sich schon wieder ein bisschen ungesund an. Denn eigentlich will ich mit der Shoppingpause erreichen, dass Mode nicht mehr so eine große Rolle in meinem Leben spielt. Also schnell zurück zur Nulldiät.

Tag 31

Umzug! Hurra, raus aus der Einsamkeit und auf in eine neue Stadt, dieses Mal mit dem Liebsten zusammen. Jetzt müsste sich mein Frust-und-Einsamkeits-Shopping doch eigentlich von selbst erledigen, oder? Das werde ich allerdings erst in zwei Monaten genauer wissen. Wenigstens komme ich durch den Umzug dazu, meinen Kleiderschrank mal richtig zu entrümpeln. Eigentlich hätte ich die Sachen jetzt gerne auf Kleiderkreisel verkreiselt. Aber aus bekannten Gründen füttere ich dann doch lieber den Altkleider-Container mit meinen alten Klamotten.

Tag 43

Seltsam, mir fehlt inzwischen gar nichts mehr. War das jetzt doch so einfach? Ich fühle mich sogar befreit. Mein ewiges inneres Genörgel à la "Ich brauche noch ein weißes Kleid", oder "Ich suche genau solche Wedges, nur in Gold!", hat mich mehr gestresst, als ich dachte. Heute fühle ich mich ausgeglichener. Vielleicht sollte ich die Shoppingpause verlängern? Was Nunu Kaller kann, kann ich bestimmt auch.

Tag 56

Ich nehme alles zurück! Gerade müsste ich ziemlich dringend einkaufen gehen. Die Silberhochzeit meiner Schwiegereltern in spe steht an und keines meiner Kleider passt zum Anzug meines Freundes. Warum mussten sich auch alle Männer letztes Jahr rote Hosen kaufen? Schließlich gehe ich in meinem schwarzen Etuikleid auf das Familienfest. Klar, das kleine Schwarze geht immer, aber dieses Kleid hier ist eindeutig ein Bürooutfit, daran ändern auch die Accessoires nichts. Irre ich mich, oder macht mein Freund seiner Mutter heute Abend mehr Komplimente als mir?

Tag 63

Neulich wurde im Fernsehen über faire Mode debattiert. Bei den Bildern aus Bangladesch und Tunesien war ich plötzlich sehr froh, dass ich wenigstens im Moment diesen Wahnsinn nicht durch meinen Konsum unterstütze. Aber wie soll das nach Ende meiner Shoppingpause werden? Vorsatz der Woche: Ich will mich über fair produzierte Mode informieren.

Tag 67

Wenn ich Freundinnen von meiner Shopping-Pause erzähle, kommt meist die ähnliche Reaktion: "Das würde ich nie im Leben schaffen", kombiniert mit: "Ich glaube, ich bin ein bisschen kaufsüchtig." Und dann werde ich angeschaut, als hätte ich übermenschliche Kräfte. Anscheinend gibt es mehr Mitglieder der Gruppe Zwei als ich dachte. Eine Kollegin meinte allerdings auch: "Du bist viel zu streng mit dir. Wenn dir das Shoppen so viel Spaß macht, dann gönn dir das doch." Allerdings kommt diese Kollegin meistens selbst mit Einkaufstüten aus der Mittagspause zurück.

Tag 69

Krise, große Krise! Es ist Freitagabend und Dienstag habe ich ein Vorstellungsgespräch. Dieses Mal kann ich definitiv nicht wieder das schwarze Etuikleid rauskramen, das wäre für den Termin unpassend. Ich kombiniere den halben Abend lang alle Teile meines Kleiderschrankes miteinander, aber ohne eine simple Bluse wird es nicht gehen. Ein Kompromiss muss her: Ich stürme kurz vor Ladenschluss in das Kaufland-Center um die Ecke. Dort gibt es drei Läden, zwei Filialen von Billig-Ketten und einen Laden mit Mode für Damen, die mindestens doppelt so alt sind wie ich. Entweder ich finde in einem dieser drei Läden etwas, oder ich lass' es bleiben.

Der Tag des Vorstellungsgesprächs

Im letzten Laden, der wie gesagt nicht ganz meiner Altersgruppe entspricht, habe ich etwas gefunden: Eine weiße Bluse mit Flatterärmeln und goldenen Glitzerperlen. Mein Freund spricht aus, was wir beide denken: Ich sehe aus wie ein Weihnachtsengel. Trotzdem werte ich meinen Fund als Erfolg. Früher hätte ich stundenlang in der Stadt verbracht, um mir ein komplett neues Outfit für das Vorstellungsgespräch zu kaufen. Jetzt habe ich nur gekauft, was mir gefehlt hat: eine Bluse. Mein Diätpartner ist trotzdem nicht begeistert: "Dann hätte ich ja neulich auch den Burger essen können", murrt er.

Tag 79

Mein Freund hat auf der Fahrt zum Vorstellungsgespräch Weihnachtslieder gesungen. Vorzugsweise solche, in denen es um Weihnachtsengel geht. Aus gutem Grund habe ich den Blazer dann also angelassen. Ganz so schlecht ist der himmlische Look anscheinend nicht angekommen, denn heute kam eine E-Mail mit den Worten: "Wir würden gern in Zukunft mit Ihnen zusammenarbeiten." Ich hab den Job!

Tag 86

Im Internet entdecke ich einige Online-Shops mit fairer Mode, die mir gefällt und die ich mir auch leisten kann. Tatsächlich sind die Sachen bei Shops wie "Armed Angels" oder "Greenality" kaum teuer als bei meinen früheren Lieblingsmarken. Ich blicke zwar immer noch nicht ganz durch, was die verschiedenen Öko-Siegel betrifft, nehme mir aber vor, dran zu bleiben. Interessant: Obwohl ich mir jetzt die ganze Zeit tolle Online-Shops angeschaut habe, will ich gar nicht unbedingt etwas kaufen. Die Ich-kauf-nix-Einstellung ist mir schon so in Fleisch und Blut übergegangen, dass mir das Anschmachten schon reicht.

Tag 94

Als ich meinem Vater erzähle, dass die 100 Tage bald rum sind, meint er warnend: "Dann lass an dem Tag bloß deine EC-Karte zu Hause!" Komischerweise habe ich aber gar keine Lust, nach der Shopping-Abstinenz eine Einkaufsorgie zu starten. Es fühlt sich gerade alles so gut und normal an. Meinem Freund geht es genauso. Vor ein paar Wochen hat er noch von dem Burger geschwärmt, den er sich an Tag 101 kaufen wird. Mittlerweile fiebern weder er noch ich dem Ende unserer Diät entgegen. Vielleicht haben wir auch ein bisschen Angst davor, wie wir uns ab Tag 101 verhalten werden?

Tag 100

Teresa Pfützner schreibt als freie Autorin für brigitte.de. Die 23-Jährige berichtet am liebsten über gesellschaftliche und kulturelle Themen, wagte sich mit ihrem Shopping-Artikel aber auch einmal ins Moderessort. Teresas Vorsatz für 2015 lautet übrigens, endlich Stricken zu lernen.

Geschafft! Ab morgen darf ich wieder einkaufen. Und ich brauche Einiges, vor allem Sportklamotten und eine Strickjacke. Allein "Ich brauche" sagen zu können und es auch wirklich so zu meinen, war die Kaufpause schon wert. Denn ich brauche Sportklamotten, weil meine mir nicht mehr passen. Und eine Strickjacke, weil mein aktueller Lieblingsüberzieher sich langsam auflöst. Das sind ute Gründe, um einkaufen zu gehen. Ich glaube, ich habe es geschafft: Ich gehöre wieder zur Gruppe Eins, zu den selbstbestimmten Shoppern.

Auf die Langzeitfolgen meines Experiments bin ich gespannt, aber es fühlt sich an, als hätte es wirklich etwas bewirkt in meiner Einstellung. Und natürlich bin ich stolz auf mich. Besonders, weil ich meine "Vorsätze 2014"-Liste wieder gefunden habe. Einer der Punkte lautete "Ich würde gern weniger Mode kaufen. Und wenn ich doch etwas kaufe, möchte ich darauf achten, dass die Sachen fair produziert wurden". Jetzt möchte ich mich auf den zweiten Teil meines Vorsatzes konzentrieren und versuchen, von Mainstream-Mode auf fair produzierte Klamotten umzusteigen. Wäre eigentlich auch schon ein gutes Motto für die nächste 100-Tage-Challenge.

Text: Teresa Pfützner
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