Wie ein Kleid mein Leben veränderte

Normalerweise sucht man das passende Kleid für einen besonderen Anlass. Bei BRIGITTE-Autorin Julia Karnick ist es umgekehrt: Sie sucht die passenden Anlässe für ein besonderes Kleid.

Ich liebe Kleider. Nicht diese steif knisternden Abendkleider, nein: normale Kleider, solche, die man genauso im Büro wie auf einer Party tragen kann. Kleider brauchen nicht hauteng zu sitzen, um sexy auszusehen, das kommt mir entgegen. In einem Kleid sieht man automatisch aus wie eine Frau, das ist bei mir nicht selbstverständlich. Ein Kleid sieht immer so aus, als hätte man sich Mühe mit sich selbst gegeben, dabei macht nichts weniger Mühe als ein Kleid: Ein einziger Griff in den Kleiderschrank, und fertig ist das Outfit.

Schöne Kleider müssen nicht teuer sein, die Füße, die unten herausgucken, müssen allerdings - ganz wichtig! - in wirklich schönen Schuhen stecken, so dass jedes neue Kleid ein idealer Vorwand ist, um sich noch ein Paar sauteure Schuhe zu kaufen. Sie wissen nicht, welches Kleid zu welchem Schuh? Schauen Sie doch einfach in unsere BRIGITTE.de Schuh-Ampel nach. Meine neueste Entdeckung, möglicherweise zwanzig Jahre zu spät: Unter Kleidern kann man verführerische, fließende Unterkleider tragen, so dass man, sobald man das Kleid ausgezogen hat, immer noch sehr gut angezogen aussieht. Wäre ich steinreich, würde ich bei jeder Gelegenheit und zu jedem Anlass ein neues Kleid kaufen.

Neulich habe ich ein - für meine Verhältnisse sehr teures - Kleid eines dänischen Labels gekauft. Ich war zu einer Hochzeit eingeladen. Weil ich leider nicht steinreich bin und mir deshalb nicht für jeden Anlass ein neues Kleid kaufen kann, suchte ich eines, das edel genug war, um auf einer Hochzeit getragen werden zu können, aber nicht so edel aussah, dass man es nur auf Hochzeiten tragen kann: Ich bin in einem Alter, in dem ich nur noch selten zu Hochzeiten eingeladen werde, denn unter Menschen meines Alters gibt es mehr Scheidungen als Hochzeiten.Auf der nächsten Seite: Das Kleid, das ich fand!

Das Kleid, das ich fand, war ein unter der Brust gerafftes Kleid aus reiner, dünner Seide, wadenlang, beige-silbrig schillernd mit hellbraunen, tropfenförmigen Tupfen, zu dem ich umgehend ein cremeweißes Unterkleid, zwei Packungen halterlose, hauchzarte hautfarbene Strümpfe und ein Paar mittelbraune hohe Pumps kaufen musste. Mein Sohn findet, in dem Kleid sehe ich aus wie eine Oma. Ich bilde mir ein, in dem Kleid sehe ich ein bisschen aus wie ein Ufa-Star beim Tanztee. Als ich mich zu Hause im Spiegel betrachtete, dachte ich jedenfalls: "Super. Aber definitiv nichts fürs Büro. Da müssen jetzt definitiv andere Anlässe her, damit die Investition sich auszahlt."

Einen Tag später bekam ich eine E-Mail von unserem Vermieter. Unser Vermieter und seine Frau besitzen ein Opern-Abo. Leider, so schrieb der Vermieter, könnten sie von den sechs Terminen in der kommenden Saison drei nicht wahrnehmen: Ob wir eine der Vorstellungen übernehmen wollten? Ich sagte zu. Ich bin kein Opern-Fan, aber das kann ja noch werden. Ich sagte zu meinem Mann: "Am 27. Oktober gehen wir in die Oper." Mein Mann sagte: "Was gibt's denn da?" Ich sagte: "Äh, weiß nicht." Was ich wusste: Ich würde das Ufa- Kleid anziehen. Eine Woche später lag auf dem Schreibtisch meines Mannes eine Einladung zu einem Empfang. "Nimmst du mich da mit?", fragte ich meinen Mann. "Ich dachte, du hasst Empfänge", sagte mein Mann. "Ach", sagte ich, "nee, nicht unbedingt, vielleicht wird's ja ganz nett." Zwei Wochen später wurden wir zu einem 40. Geburtstag eingeladen. Die Geburtstagsparty, so las ich empört, würde - um die an diesem Tage endgültig zu beerdigende Jugend noch einmal zu feiern - in der lockeren Atmosphäre einer berüchtigt verranzten Kellerbar steigen, bei Bier, Erdnusswürmern und lauter Musik. "Wird bestimmt lustig", sagte mein Mann. "Hm", sagte ich, "immer diese zwanghafte Jeans-und- Turnschuh-Mentalität. Ich finde, mit 40 sollte man nun wirklich schon lange mal erwachsen geworden sein und dazu stehen, dass es besondere Anlässe gibt, die ein besonders feierliches Fest erfordern." - "Ist was mit dir?", fragte mein Mann. "Nö", sagte ich, "aber sag mal: Wie hieß man noch dieses wahnsinnig edle Restaurant, in das du mich immer mal einladen wolltest?"Fotoshow: Klicken Sie sich durch die schönsten Abendkleider!

Text: Julia Karnick Illustration: Sigrid Peters-Bechert Bild: evali/Photocase.com Ein Artikel aus der BRIGITTE 19/08
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