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Alexandra Zykunov Die ungrünen ETFs

Alexandra Zykunov: ein kleiner Baum, der auf Schaltkreisen wächst
© PeachShutterStock / Shutterstock
Redaktionsleiterin Alexandra Zykunov weiß, dass ihre ETFs nicht wirklich nachhaltig sind. Aber trennen kann sie sich trotzdem nicht.

Ich weiß es noch wie heute: Vor sieben Jahren, also kurz vor meinem 30. Geburtstag, war meine persönliche Deadline. Bis dahin wollte ich meine Finanzen geregelt haben – und meine Altersvorsorge. Weil Frauen verglichen mit Männern statistisch nur die Hälfte der Rente erhalten und weil Frauen aufgrund von Mutterschaft am Ende ihres Lebens fast eine Million Euro weniger Einkommen erwirtschaftet haben werden. Ich sah mich quasi schon mit 29 dem finanziellen Abgrund entgegenlaufen und wollte da unbedingt gegensteuern. Also ging ich zu einer Frauenfinanzberatung. 130 Euro kostete mich eine Stunde, in der ich die Expertin mit Fragen zu Riester, Immobilien und ETFs löcherte. Ich war stolz, selbstwirksam und träumte schon von einer Rente samt Pina-Colada-Abo auf Malle, als mich die Beraterin auf den deutschen Boden der Tatsachen zurückholte. "Ist Ihnen Nachhaltigkeit wichtig?", fragte sie mich. "Äh, sicher", sagte ich, zu einer Zeit übrigens, als die Greta Thunbergs dieser Welt – und ich auch – noch meilenweit davon entfernt waren, freitags Schule und Büro zu schwänzen. "Oft wünschen Frauen sich beim Anlegen Nachhaltigkeit", sagte die Beraterin. "Deswegen bieten wir hier gern nachhaltige ETFs an. Sie werfen weniger ab aktuell, aber die Prognosen stehen gut."

Na toll, dachte ich, ein blöder Zwiespalt. Ich wollte ja nicht als raffgierige Rabenmutter dastehen, die für ihre Altersvorsorge den Planeten ihrer Kinder dahinrafft. Ich nahm den grünen ETF. Das Gefühl aber, dass es schon wieder wir Frauen sind, die hier unter grünen Druck gesetzt werden – entweder eigene Zukunft retten oder die der Kinder –, blieb.

Zum Glück performen viele grüne ETFs seit Jahren gut. Meiner auch. Aber nur, weil sich MEIN Invest am Ende als gar nicht so grün herausstellte: Da waren zwar keine Waffenlieferanten drin, keine Tabak- oder Pornoindustrien. Aber zum Beispiel ein Süßgetränkegigant, der die Meere mit Plastikflaschen flutet und Wasservorräte privatisiert.

Die Altersvorsorge aufs Spiel setzten?

Also sofort kündigen? Eigentlich ja. Aber damit schon wieder meine Altersvorsorge aufs Spiel setzen? Hm … Das ist es nämlich! Warum bin ich es schon wieder, die hier als einzelne Person den Planeten retten soll? Warum wird es schon wieder auf mich Verbraucherin abgewälzt, mich durch Stiftung Warentest zu wühlen? Warum muss ich mich im Dschungel aus ETF-Labels zurechtfinden? Da ist von SRI die Rede oder von ESG. Ich habe darauf nur eine Antwort: WTF!

Vielleicht bin ich nur faul, ja. Vielleicht hat aber auch Youtuberin Mai Thi Nguyen-Kim Recht, wenn sie sagt: Wenn wir echten Wandel wollen, muss das grüne Produkt immer das einfachere, bessere und günstigere sein. Und nicht das teure und komplizierte. Heißt: Hey, ihr da oben, könnt ihre endlich mal Subventionen für Ökofirmen schaffen? Und könnt ihr Standards für grüne ETFs formulieren – und zwar ohne schwarze Schafe? Zu komplex, sagt ihr, wer soll das kontrollieren? Entschuldigt mal! Wenn es für euch so kompliziert ist, wie soll ich als kleine Verbraucherin da durchblicken? Merkt ihr selbst, ne? Danke.

In BE GREEN, dem Nachhaltigkeitsmagazin von BRIGITTE, lest ihr Tipps, Tricks und spannende Geschichten rings um ein schönes grüneres Leben

Brigitte


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