VG-Wort Pixel

Entlarvend ehrlich Binsenweisheiten über nachhaltige Mode

Binsenweißheiten über nachhaltige Mode: Stapel nachhaltiger Kleidung
© Andrii Zastrozhnov / Adobe Stock
Tut ein bisschen weh, dafür sind wir hinterher schlauer: Wir entlarven sechs Binsenweisheiten über grüne Mode und zeigen, wie es auch anders geht.

"Bei veganer Mode kann man eigentlich nichts falsch machen"

Achtung, Greenwashing-Alert: Wisst ihr, wie Schuhe aus PVC, die früher einfach nur als Kunstlederschuhe bezeichnet wurden, mittlerweile vermarktet werden? Als hippe Vegan-Leather-Shoes! Weil "vegan" ähnlich wie "öko" oder "nachhaltig" kein geschützter Begriff ist, wird hier gegreenwasht, dass sich die Ökoholzbalken biegen. Denn obwohl für Kunstlederschuhe im Gegensatz zu Lederschuhen kein Tier gehäutet werden muss, genauso wie für eine Polyesterbluse im Gegensatz zu einer Seidenbluse keine Seidenraupen gequält werden müssen, gefährden Kunststoffprodukte trotzdem ganz klar die Ökosysteme und damit die tierischen Lebensräume dieser Welt. Wenn also veganes Leder, dann lieber aus Ananas, Pilz oder Kaktus – es gibt so viele tolle pflanzliche Alternativen. Und dabei gern darauf achten, dass nicht extra mit Plastik wie etwa Polyurethan (PU) beschichtet wird.

"Ja, ok, Luxusmode ist nicht unbedingt fair produziert, aber immer noch besser als Fast Fashion"

Womöglich habt ihr es schon geahnt: Wir romantisieren gern die Idee von Luxusware als eine wertvolle Schneiderkunst, die in einem extravaganten Pariser Atelier mit hohen Decken und verschnörkeltem Stuck gefertigt wird. Der hohe Preis wird mit hoher Qualität und hohen ethischen Produktionsstandards gleichgesetzt. Und Begriffe wie "limited edition" klingen nach achtsamem Konsum und nicht nach Massenware, oder? Nur verfolgen viele Luxusmarken leider die gleiche Intention wie Fast Fashion Brands: möglichst viel Gewinn. Oftmals werden sogar dieselben Fabriken, dieselben Arbeiter:innen und dieselben Baumwollfarmer für genauso geringe Löhne und damit noch höhere Margen ausgebeutet. Oder es wird ein Bruchteil lokal produziert, der große Rest aber in Asien.

2018 etwa geriet das Luxuslabel Burberry unter Beschuss, weil unverkaufte Luxuswaren im Wert von 32 Millionen Euro verbrannt worden waren. Und das nur, um Exklusivität und den Marktwert zu erhalten! Auch der Luxuskonzern Richemont (Cartier, Montblanc) hatte aus demselben Grund Designeruhren im Wert von fast einer halben Milliarde Euro vernichtet. Das Gute: Skandale wie diese drängen immer mehr High-Fashion-Brands dazu, Verantwortung zu übernehmen: Label wie Stella McCartney setzen schon länger auf Nachhaltigkeit. Chloé wurde erst vor Kurzem als erste Luxusmarke mit dem nachhaltigen B Corp Zertifikat ausgezeichnet.

"Wenigstens ist es ‚made in Europe‘"

Seien wir ehrlich: Das Etikett "made in Spain" – oder Italy oder Portugal –, das an dem Kleid baumelt, beruhigt schon das Gewissen, oder? Wir glauben, eine einigermaßen bewusste Kaufentscheidung getroffen zu haben, kommen die Sachen doch aus Europa. Das Problem: Das Land, in dem die Textilien zu einem Kleid zusammengenäht werden, ist nur ein Schritt von vielen. Selbst wenn es fair in einem portugiesischen Familienunternehmen zusammengenäht wird, kann die Baumwolle immer noch von ausgebeuteten Farmern aus Indien stammen oder die Textilien können in Fabriken in China mit toxischen Chemikalien gefärbt worden sein. Die Lieferketten sind komplex und erstrecken sich meist über mehrere Kontinente. Das "made in"-Label listet aber nur das Land auf, in dem – Achtung – der letzte Produktionsschritt geschieht.

Wie können wir also mehr Transparenz in die Mode bringen? Durch digitale Produktpässe zu Beispiel. In Zusammenarbeit mit dem Berliner Start-up circular.fashion verkaufen Modekonzerne wie etwa Otto und Zalando seit dem Frühjahr 2022 erstmals Kollektionen mit fest vernähten QR-Codes, die Auskunft über Herkunft, Materialien und sogar Recyclingmöglichkeiten geben. Ein erster wichtiger Schritt, gerade, weil er von großen Onlineshops kommt.

"Sweatshops sind ein Problem asiatischer Länder"

Leider ein klares Nein. Immer wieder gibt es Meldungen, die aufdecken, dass die Menschen in einzelnen Produktionsstätten in europäischen Ländern oder auch der Türkei sogar noch unterbezahlter sind als jene in den uns bekannten Sweatshopländern wie Bangladesch, Myanmar oder Äthiopien. Dass in Ländern wie Serbien, Kroatien oder Bulgarien Textilbeschäftigte zum Teil nur knapp 25 Prozent des Existenzminimums bekommen, ist vielleicht schon bekannt.

Doch auch der sogenannte Westen bekleckert sich hier nicht gerade mit Ruhm. So sorgte zum Beispiel der Fast-Fashion-Riese Boohoo im englischen Leicester 2020 für einen Ausbeutungsskandal: Die Arbeiter:innen vor Ort erhielten dort umgerechnet nur 4,60 Euro pro Stunde – und damit weniger als die Hälfte des Mindestlohns im Land. In Italien kann man ein anderes Phänomen beobachten. Während das "made in Italy"-Etikett vielen Lederwaren Luxus und Exklusivität verleiht, sieht die italienische Lederindustrie leider alles andere als fancy aus: In den Fabriken kommt es häufig zu Unfällen und durch direkten Kontakt mit giftigen Chemikalien zu Hautschäden und anderen Erkrankungen. 

Und im Land der unbegrenzten Möglichkeiten? Da geht es ähnlich munter weiter: In Los Angeles etwa arbeiten rund 50 000 Textilarbeiter:innen – die meisten davon sind illegal eingewanderte Menschen aus Mexiko, Lateinamerika oder Asien, die nicht gegen ihre Arbeitgeber vorgehen können, ohne eine Abschiebung zu riskieren. 

Puh. Was heißt das alles für uns? Selbst bei lokal anmutenden Produktionen – wenn sie nicht zertifiziert sind – kann man nicht immer auf faire Konditionen vertrauen.

"Recycelte Materialien sind immer nachhaltig"

Sagen wir es mal so: Es kommt darauf an. Nämlich von welchem Textil die Rede ist. Denn während viele wiederaufgearbeitete Materialien wie recycelte Baumwolle eine verhältnismäßig gute Umweltbilanz aufweisen (besonders, weil sie biologisch abbaubar sind), ist dies nicht bei allen recycelten Textilien der Fall. Nehmen wir recyceltes Polyester als Beispiel: Obwohl es im Gegensatz zu Virgin Polyester bis zu 62 Prozent Energie und 99 Prozent Wasser einspart, ist das Recycling von Polyester ökologisch betrachtet nur ein Tropfen auf den heißen Stein – die Produkte daraus geben ja trotzdem Mikrofasern an die Umwelt ab, und laut einer Studie der Fachzeitschrift "Environmental Science and Technology" verursachen jene Mikrofasern sagenhafte 85 Prozent des vom Menschen verursachten Mülls an den Küsten unserer Welt. Damit ist die Umweltbilanz von recyceltem Polyester, egal wie viel Energie es auch einsparen mag, immer noch ziemlich mies.

Ja, aber wenigstens wird dafür kein neues Polyester produziert, oder? Leider müssen wir auch hier die Spielverderber sein: Weil Kleidungsstücke aus recyceltem PEP etwa nicht endlos wiederverwertet werden können und qualitativ schnell ein Limit erreichen, wird – Achtung – oft nigelnagelneues Polyester druntergemischt, um die Qualität einigermaßen zu erhalten. Was die Fast-Fashion-Riesen nicht daran hindert, trotzdem das grün anmutende Etikett "aus recyceltem PET" dranzubappen. Ist dann auch noch recyceltes Polyester mit recycelter Baumwolle vermischt, klingt beides an sich super-grün, ist am Ende aber super-recyclingunfähig – und damit: Müll. Puh.

"Dieses Shirt ist klimaneutral"

Es wäre so schön, wenn es nur nicht so unwahr wäre. Selbst der Fair-Fashion-Riese Armedangels erklärte mal auf seiner Website: "Sorry to say: Aber jedes Unternehmen verursacht CO2-Emissionen, ganz gleich, wie nachhaltig und sparsam es wirtschaftet." Auch hier gilt: Worte wie "klimaneutral" und "klimafreundlich" sind nicht gesetzlich geschützt. Klar, durch kürzere Transportwege und die Umstellung auf Ökostrom lässt sich CO2 reduzieren – alles wichtige Schritte! Doch wir dürfen einfach nicht vergessen: Neue Produkte bedeuten immer neues CO2. Und das wird, wenn Firmen klimaneutral gelabelt werden, nicht etwa aus der Atmosphäre gesaugt, sondern berechnet und durch Wiederaufforstungsprojekte oder andere klimaschonende Investitionen ausgeglichen. Doch auch hier stellen sich Fragen: Welche Emissionen werden überhaupt berechnet? Fließt auch die Klimabelastung durch das Waschen und Trocknen des Shirts mit ein? Und die spätere Entsorgung? Das ist doch nicht mehr die Verantwortung der Firma, könnte man jetzt meinen. Doch, erwidern Kritiker:innen und fordern, dass Labels auch dann für den CO2-Abdruck ihrer Ware haften, wenn diese längst bei uns im Schrank hängt.

Am Ende ist es so: Natürlich ist es besser, klimaneutrale Sachen zu kaufen, als gar nicht darauf zu achten. Und natürlich werden wir nicht aufhören, zu konsumieren – aber auf das Wie kommt es an. Sprich: Tauschpartys, Secondhandshops, und dazwischen darf es natürlich auch mal ein neues, bestenfalls langlebiges Teil sein, an dem wir uns jede Saison aufs Neue erfreuen.

In BE GREEN, dem Nachhaltigkeitsmagazin von BRIGITTE, lest ihr Tipps, Tricks und spannende Geschichten rings um ein schönes grüneres Leben

Brigitte

Mehr zum Thema