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Der grüne Schweinehund So überwindest du dich

Der grüne Schweinehund: Kleine Pflanze in zwei Händen
© Rawpixel.com / Shutterstock
Warum fällt es uns so schwer, unser Verhalten auf grün umzustellen, obwohl wir wissen, dass es besser wäre? Wir haben da ein paar Ideen.

Neulich beim Yoga erzählte mir meine Mattennachbarin besorgt, dass ihre Freunde sich von ihr abwenden – und sie sich von ihnen. "Ich kann einfach nicht verstehen, dass die inzwischen so anders ticken als ich: sich keine Gedanken machen über ihren Fleischkonsum, weiter in den Urlaub fliegen und Auto fahren", sagt sie. "Das trennt uns. Und deprimiert mich. Wie kann man denn nicht sehen, dass wir die Welt mit unserem Lebensstil zugrunde richten?"

Ich fühle dich, dachte ich, deine Verzweiflung, den Frust. Aber gleichzeitig bin ich überzeugt davon, dass wir doch in Verbindung bleiben müssen, verständnisvoll für die Denke der anderen, gerade jetzt. Weil die Klimakrise eine Krise ist, die wir nur gemeinsam bewältigen können. Und manchen fällt es eben leicht, sich zu verändern, für andere ist es ein Marathonlauf. Nur: Wie schaffen wir das als Gesellschaft? Wenn es für den Einzelnen schon so schwer ist, die Bahn statt des Flugzeugs zu nehmen oder Erbsenpatties statt Rindfleischburger zu essen? Wenn zwar 23 Prozent der jungen Menschen grün wählen, aber weitere 23 Prozent mit der FDP eine Partei wollen, die Verbote und Verzicht im Namen der Nachhaltigkeit ablehnt?

Fridays for Future & die junge Generation

Ich selbst war auch eine Zeit lang ziemlich besorgt: Während ich mit Tausenden fremder Jugendlicher friedlich auf der Straße demonstrierte, konnten meine Kids mit Fridays for Future nur wenig anfangen. Was lief da falsch? Heute merke ich, dass sie der Klimawandel durchaus beschäftigt. Nur machen sie zu, wenn der Zeigefinger zu hoch geht und die Verhaltensänderungen zu krass sind.

Der Jugendforscher Klaus Hurrelmann bestätigt meine Beobachtung: "Die jungen Menschen sind politisch sehr interessiert, der Klimawandel ist für sie das größte Problem. Wie bereit sie sind, aus eigenem Antrieb ihr Verhalten zu ändern, ist allerdings sehr unterschiedlich: 26 Prozent verzichten auf Fleisch, für 46 Prozent ist das keine Option. 27 Prozent machen keine Flugreisen mehr, für 39 Prozent kommt das nicht infrage." Die Jugend, stellt er fest, sei also gar nicht so grün wie gern angenommen: "Es gibt keinen mentalen Durchbruch in der ganzen Generation. Eine Minderheit lebt bereits nachhaltig, ein Teil überlegt noch, und die Mehrheit wartet träge ab." Ich frage mich: Wie nehmen wir also die mit, die noch nicht an Bord des Klimarettungsdampfers sind, jetzt, wo die Zeit langsam knapp wird? Brauchen wir eine unterschiedliche Ansprache für Menschen, die sich unterschiedlich schnell ändern? Und vor allem: Können wir das alles überhaupt noch schaffen?

Anita Habel ist Kommunikationspsychologin bei Psychologists for Future und Sozialwissenschaftlerin mit Schwerpunkt gesellschaftliche Transformation. Sie sagt: "Für die meisten Deutschen ist Nachhaltigkeit inzwischen ein wichtiger Wert. Jetzt geht es darum, wie wir sie umsetzen – und da gehen die Unterschiede zwischen den Menschen los." Vor allem andere Werte kämen dem Umweltbewusstsein manchmal in die Quere. Das kann zu inneren Konflikten führen: individuelle Freiheit vs. soziale Gerechtigkeit zum Beispiel. Oder: Einerseits will ich ein Tempolimit, andererseits möchte ich schnell vorankommen. So entstehen Widerstände im Kopf, sich in Richtung grün zu verändern.

Statt immer die negativen Folgen und den Verzicht zu betonen, müssen wir ein schönes Bild finden, das uns antreibt.

Habel schlägt daher vor, mehr Menschen in die Lösungsansätze einzubeziehen: "Wir brauchen Partizipation, zum Beispiel über Bürger:innenräte, um die Befürchtungen der Leute zu hören, Ideen aus der Bevölkerung einzubringen. Das führt zu mehr Akzeptanz und wirkt einer Spaltung entgegen." Und vor allem, glaubt sie, "brauchen wir eine positive Vision: Wie könnte diese neue nachhaltige Welt aussehen, in der wir leben wollen? Wie können wir sie uns besser vorstellen? Statt immer die negativen Folgen und den Verzicht zu betonen, müssen wir ein schönes Bild finden, das uns antreibt." Weniger Autos in Innenstädten zum Beispiel bedeuten auch: mehr Platz für Begegnung, für Grünflächen, für Kinder, weniger Stress und eine bessere Luftqualität.

Also mehr: "I have a dream" und weniger: "How dare you!"?

Ganz genau, findet Habel: Der erhobene Zeigefinger müsse endlich weg. Keine gegenseitigen Vorwürfe, stattdessen: Unterstützung. Nachfragen und versuchen, die Bedenken der anderen zu verstehen, ohne sie gleich verändern zu wollen. Oft stecken ja Ängste und Sorgen dahinter: Werde ich meinen Job verlieren? Werde ich mir Biolebensmittel auch leisten können? Und wir sollten immer wieder fragen: Was braucht es, damit die Menschen die Veränderungen von sich aus mitgehen können?

Wir sind Gewohnheitstiere

Die US-Psychologin Wendy Wood erforscht, warum es vielen von uns so schwerfällt, unser Verhalten zu ändern, auch wenn wir wissen, dass es eigentlich besser wäre. Etwa 50 Prozent unseres Handelns, erklärt sie, laufe automatisch ab – weil wir es schon immer so gemacht haben und weil es einfach ist. Der Mechanismus dahinter: Unser Gehirn spart Energie, wenn es nicht jede Handlung überdenken muss. Deshalb sind Gewohnheiten so hartnäckig. Was mich überrascht: Dass es kaum hilft zu wissen, was das richtige Verhalten ist. "Gewohnheiten haben nur sehr wenig mit Fakten, Disziplin und Willenskraft zu tun", erklärt Wood, "sondern vielmehr damit, in einem Umfeld zu leben, das das neue Verhalten unterstützt. Wir müssen uns also eine Umgebung schaffen, die das neue Handeln einfach macht: Menschen, die mitmachen, ein geringer zeitlicher Aufwand, ein niedriger Preis zum Beispiel. Außerdem braucht es Wiederholung und eine Belohnung, um dabeizubleiben."

Ein Beispiel: In einer Studie, so die Expertin, wollte eine Firma ihre Mitarbeiter:innen dazu bringen, die Treppe in den vierten Stock zu nehmen statt den Fahrstuhl. Infotafeln zum gesundheitlichen Nutzen oder zur CO2-Ersparnis brachten da keinen Unterschied. Erst als der Fahrstuhl 15 Sekunden langsamer auf- und zuging, wählten 30 Prozent die Treppe. Und blieben auch nach einem Monat dabei, selbst als der Fahrstuhl wieder normal funktionierte.

Nachhaltigkeit darf nicht kompliziert sein

Woods Erkenntnis ist gut und schlecht zugleich: gut, weil wir uns nicht ständig als scheiternd erleben müssen, wenn wir mal wieder ein neues Verhalten nicht durchgehalten haben. Schlecht, weil Einsicht oder Aufklärung in der Klimadebatte offenbar nicht dazu führen, dass wir uns anders benehmen. Was bringt uns also dazu, uns zu bewegen?

"Die Menschen brauchen eine Auswahl an Entscheidungsmöglichkeiten, aber das nachhaltige Verhalten sollte dabei das einfachste sein", sagt die Psychologin. "Zum Beispiel sollten die Transportkosten und der Ressourcenverbrauch im Preis von Lebensmitteln berücksichtigt werden. Dann kann man zwar immer noch Himbeeren im Winter kaufen, aber nur, wenn man bereit ist, zehn Dollar dafür zu bezahlen." Wir müssten viel stärker dahin gestupst werden, grüner zu leben. "Nudging" nennen die Fachleute diese Verhaltensstupser: also Gemüse statt Schoki, das an der Kasse liegt; Gelbe Säcke, die uns direkt mit der Post zugeschickt werden, damit wir wirklich Plastikmüll trennen; Vorfahrt für Radfahrer in Innenstädten. Und so weiter.

Die Macht der Gruppe

Was ich mich auch frage: Wie viele Menschen braucht es überhaupt, um die Gesellschaft zum Kippen zu bringen? Ich rufe Ilona Otto an, sie forscht an der Universität Graz über die Dynamik von Systemtransformationen. Damit Gesellschaften sich ändern, erklärt sie mir, sei gar keine Mehrheit nötig, die dahinterstünde. Etwa 25 bis 30 Prozent aktive Überzeugte reichten aus, um die anderen mitzureißen. "Eine Gruppe kann mehr Macht haben, als ihre Prozentzahlen zeigen", sagt Otto. "Eine engagierte Minderheit, kann, wenn sie gut vernetzt ist und soziale Medien strategisch nutzt, Normen verändern und gesellschaftlich dominant werden."

Wandel findet stetig statt, er ist das Ergebnis eines langen Prozesses – am Anfang oft unbemerkt, angestoßen durch ein paar Visionäre, die verrückte Ideen haben. Aber irgendwann nimmt er an Tempo auf, reißt immer mehr Menschen mit. Oft braucht es dazu Ereignisse, die ein Fenster öffnen für Veränderungsbereitschaft – wie Fukushima oder die Flut im Sommer 2021. Oder einzelne Menschen, die groß denken, sich leidenschaftlich engagieren – wie Greta Thunberg. "Etwa 30 bis 40 Jahre dauert es", so Otto, "bis sich neue Werte etablieren." Und damit ein anderes Verhalten, neue Gesetze und Produkte.

An der Umsetzung hapert es noch

Wo wir gerade stehen? "Nicht im Jahr Null, auch wenn das einigen so vorkommt", sagt die Sozialwissenschaftlerin. "Die Nachhaltigkeitsbewegung hat ja schon Ende der 70er-Jahre begonnen. Die Daten zeigen, dass heute bereits mehr als 90 Prozent der Bevölkerung über die Klimaveränderungen besorgt sind. Das ist die Ebene der öffentlichen Meinung. Beim nächsten Schritt, den Lebensstilveränderungen, fehlt es allerdings bei vielen noch an der Umsetzung." Aber ist denn der soziale Kipppunkt schon da, jener Moment, ab dem eine Idee oder ein Verhalten plötzlich überhandnimmt? Vielleicht, sagt Otto. Zumindest stehe er kurz bevor: "Gerade jetzt passiert sehr viel, es kann sein, dass sich die Dinge nun sehr schnell verändern."

Uns rennt die Zeit davon.

Was die Forscherin zuversichtlich stimmt: Die Preise für erneuerbare Energien sind gesunken, die Grünen regieren. In vielen Cafés wird inzwischen nachgefragt, ob man bei "Kaffee mit Milch" auch Kuhmilch meint – und nicht Soja oder Hafer. Und immer mehr Unternehmen richten sich an der Kreislaufwirtschaft aus und wollen eine neutrale Klimabilanz erzielen. "All das macht Druck auf die Politik und andere Firmen und zeigt, dass sich die sozialen Normen ändern", so Otto. "Das Problem beim Klima ist: Uns rennt die Zeit davon, weil demokratische Prozesse lange brauchen."

Also was denn nun: Schaffen wir es noch rechtzeitig oder nicht? Ilona Otto hofft – aber das ist ihre persönliche Sicht –, "dass wir in fünf bis zehn Jahren die Klimaziele noch erreichen. Dafür brauchen wir jetzt schnell politische Maßnahmen, die einen Rahmen vorgeben, der nachhaltiges Produzieren und Verhalten fördert."

Der Zukunftsforscher Matthias Horx macht im Grunde schon das, was wir alle viel mehr tun sollten: sich eine gute und grüne Zukunft ausmalen und daran orientieren. In seinem "Zukunftsreport 2022" wirft er einen Blick zurück aus der Zukunft 2050 in die Gegenwart. Dieser ungewöhnliche Blickwinkel zeigt ein Leben, in dem das Neue bereits da ist: erneuerbare Energien, grüner Konsum, nachhaltige Technologien.

Statt jammern einfach machen

"So schaffen wir es, damit aufzuhören, die Probleme und Unmöglichkeiten zu bejammern", so Horx. "Wir verabschieden uns von der hypnotischen Katastrophenangst. Und wir beginnen, konstruktiv aus der Zukunft heraus zu denken – und zu handeln." Dahinter steckt eine sehr aktivierende Idee: Müssen wir denn überhaupt die Welt retten? Oder ist es nicht endlich an der Zeit, all das ganz anders zu betrachten? Denn auch das steht im "Zukunftsreport": Es gibt ja keinen Normzustand der Welt – also auch keinen Zustand, den wir erhalten können. Weil Natur immer Veränderung ist. Für uns bedeutet das, so die Zukunftsforscher: Wir werden den Ausstoß von Treibhausgasen senken und gleichzeitig alles tun, um auf einem wärmer werdenden Planeten gut leben zu können. Wobei gut vermutlich anders definiert werden muss als bisher – nämlich nicht auf Kosten der Ressourcen oder derjenigen, die sowieso schon wenig haben. Wie und ob dabei der Wohlstand erhalten werden kann, das müssen wir dringend diskutieren. Wir müssen gesellschaftliche Ziele und Grenzen setzen, innerhalb derer neue Lösungen entstehen können – wie Urlaubszuschüsse vom Staat bekommen, wenn wir Bahn fahren statt zu fliegen, oder autofreie Innenstadtwelten statt Betonwüsten.

Hört sich gut an? Finde ich auch. Ich habe nämlich keinen Bock mehr, mich ständig zu rechtfertigen, wenn ich mir ein Kleid kaufe, das ich nicht brauche, oder doch mal fliege. Lasst uns aufhören, negativ zu sein, und endlich loslegen. Wir haben mehr Macht, als wir denken.

In BE GREEN, dem Nachhaltigkeitsmagazin von BRIGITTE, lest ihr Tipps, Tricks und spannende Geschichten rings um ein schönes grüneres Leben

Brigitte

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