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Fair Fashion Nicht immer die Lösung?

Fair Fashion
© Puput / Shutterstock
Ganz ehrlich: So easy-peasy ist die Umstellung auf einen grünen Kleiderschrank eben auch nicht. BE GREEN-Redaktionsleiterin Alexandra Zykunov und Nachhaltigkeitsexpertin Anna Schunck in einem sehr offenen Gespräch über Konsum, Klamotten und Corona.
Alexandra Zykunov

Alex: Sag mal, macht dir Bummeln noch Spaß?

Anna: Ja. Ich bin eine richtig gute Schaufensterbummlerin geworden.

Alex: Du kaufst dir doch seit 2015 keine konventionellen Teile mehr. Wie passt das zusammen?

Anna: Mittlerweile beschäftige ich mich so viel weniger mit Mode, dass Bummeln wieder echt was Besonderes ist – sogar ohne Kaufen. Ich gucke nur. Einfach als Inspiration.

Alex: Also, ich hab vor zwei Jahren aufgehört, bei den großen Ketten einzukaufen und habe seitdem irgendwie den Bezug zu Mode verloren.

Anna: Wie meinst du das?

Alex: Ich habe früher schon im Kopf viel kombiniert, in Onlineshops gestöbert, mich gefreut, wenn ich was im Sale ergattert habe. Ich erinnere mich noch gut an das Glücksgefühl, eine neue Klamotte anzuhaben, die neue Ausstrahlung, man fühlt sich wohl und cool. Ich weiß schon total, warum ich . Aber dieses Glücksgefühl ist jetzt eben kaum noch da. Und das fehlt mir.

Anna: Liegt wahrscheinlich an der Umstellung. Die ist krass, wenn man bedenkt, dass es immer noch üblich ist, 60 neue Kleidungsstücke pro Jahr neu zu kaufen. Ich meine, ich war früher in der Mittagspause Billigfummel shoppen! Das alles prägt, und jetzt ist es Entzug. Aber es wird besser. Ich sehe die Abkehr von Fast Fashion nicht als Verzicht. Ich wollte mich auch einfach nicht mehr von der Industrie verarschen lassen.

Alex: Inwiefern?

Anna: Du sagst, dir fehlen die Endorphine beim Kauf. Für mich ist es ein Riesenglücksgefühl, durchschaut zu haben, dass wir alle knallhart abhängig gemacht wurden von einem ausbeuterischen, kapitalistischen System. Ein System, das uns einredet "Hey, kauf diesen Blockabsatz, du wirst toll aussehen und selbstsicherer auftreten" und eine Woche später dann "Ähm, der Blockabsatz ist jetzt doch nicht mehr cool, aber du hast Glück, wir haben genau den gleichen Schuh mit Kitten Heels, DER wird dir wirklich helfen". Da werd ich sauer! Du musst dein Leid umcodieren, Alex: Trauere nicht um den Blockabsatz. Freu dich darüber, unabhängig vom Blockabsatz und der kranken Industrie dahinter zu sein.

Alex: Ja klar, aber gleichzeitig hat Mode auch viel mit Selbstbewusstsein zu tun. Man stellt sich dar, drückt sich aus. Ich weiß, dass es auch hier die Industrie ist, die mir eingeredet hat, dass ich mich mit einer neuen Bluse belohnen oder aufmuntern soll. Aber diese Tricks funktionierten bei mir eben richtig gut.

Anna: Aber du hinterfragst sie! Da ist das Umcodieren nicht weit. Was fiel dir die letzten zwei Jahre denn noch schwer?

Alex: Wenn du so komplett von heute auf morgen alle großen Ketten boykottierst, musst du deinen ganzen Style, alles, was du dir aufgebaut hast, seit du ein Teenager warst, aufgeben – als wärst du wieder geschmacklos. Du musst mit all deinen Läden und Marken Schluss machen, einen Teil deiner Identität aufgeben und wieder komplett neu anfangen.

Anna: Du darfst.

Alex: Ja okay, ich darf. Jetzt sei mal nicht so überkorrekt: Wann hast du das letzte Mal was Konventionelles gekauft?

Anna: Vorgestern. Einen schwarzen BH.

Alex: Ha!

Anna: Und du?

Alex: Letzten Monat. Ein blau-weiß-gestreiftes Kleid mit Rückenausschnitt, das mir im Onlineshop als nachhaltig angezeigt wurde. Ich wusste eigentlich, dass das bei dem Label nicht sein kann. Hab’s aber mit Absicht geglaubt. Mein zweiter Meltdown in den letzten zwei Jahren. Das ist schon auch heuchlerisch von uns. Oder?

Anna: Auf keinen Fall! Wir haben ja nicht irgendeinem Teufel unser Fashion-Herz versprochen. Wir haben uns selbst, ganz persönlich etwas vorgenommen, weil wir konsequent etwas ändern wollen. Für mich heißt das aber auch, mir einen Rahmen zu schaffen, in dem ich das auch lange durchhalten kann. Ein Hoch auf den Cheat-Day!

Alex: Ich darf so was nicht, Hintertürchen sind für mich der Tod. Ich brauche wirklich ganz oder gar nicht. Wie oft schummelst du denn so?

Anna: Sehr selten, wenn’s gefühlt nicht mehr anders geht. Insgesamt habe ich in den letzten fünf Jahren maximal drei Fast-Fashion-Teile gekauft. Durchschnittsbürger*innen wären da jetzt schon bei bis zu 300 Teilen! Und da habe ich einfach keinen Bock auf ein schlechtes Gewissen. Meine Fails genieße ich dann ganz bewusst.

Alex: Würdest du sagen, dass dir deine Cheat-Days im Grunde helfen, weiterzumachen?

Anna: Auf jeden Fall! Vor allem aber bin ich der Überzeugung, dass "weniger ist mehr" auch im Großen ein sehr wichtiger Schlüssel zum Erfolg ist. Ich glaube, wir müssen alle verzichten lernen.

Alex: Aber diese Aufforderung finde ich auch schon wieder schwierig. Wir können von weniger privilegierten Menschen nicht verlangen: "Hey, wir haben’s für uns alle verbockt, also darfst du jetzt nur noch Secondhand kaufen!"

Anna: Absolut! Deswegen tragen ja gerade die mit dem Privileg die Verantwortung zum Handeln.

Alex: Aber auch hier nervt es mich, dass immer wieder gesagt wird: Der Kassenzettel ist der Wahlzettel. Die Konsument*innen entscheiden, bla bla! Warum bin ich diejenige, die sich all diese Gedanken machen muss? Warum muss ich immer wieder darauf achten, wo was herkommt, welchen Fußabdruck eine Jeans hat, mir einen Wolf recherchieren, ob die Siegel stimmen, und dann überlegen, brauche ich das Teil, will ich es, aber eigentlich darf ich nicht oder vielleicht doch? Das ist auch ein riesiger Ambivalenzstress, der da abläuft. Umweltpsycholog*innen sagen, dass uns dieser Stress auch daran hindert, auf Öko umzuschwenken, eben weil es fürs Hirn so irre anstrengend ist. Warum sagen die da oben nicht: "Es gibt jetzt halt nicht mehr jeden dritten Tag eine neue Kollektion mit 30 Hosen für 3,99."?

Anna: Dass die Politik das Thema einfach aufs individuelle Kaufverhalten abwälzt, ist ein Riesenproblem. Natürlich bestimmt die Nachfrage das Angebot – aber sie kann den Wandel nicht allein bewirken. Wir können den Wandel nicht allein bewirken! Es muss einfach teurer für Firmen werden, wenn sie nicht nachhaltig wirtschaften. Faire Labels brauchen Subventionen und Umweltsünder müssen hoch besteuert werden. Ich find’s unmöglich, dass sich Deutschland und Europa da bisher so ihrer Verantwortung entziehen.

Alex: Warum ist das so?

Anna: Das hat auch etwas mit Nationalismus zu tun: Jede Regierung interessiert sich im Guten wie im Schlechten nur für ihren eigenen Kram, sprich ihr eigenes Land. Alles, was darüber hinaus passiert, ist im Wahlkampf nicht relevant und wird deshalb mit weniger Druck verfolgt.

Alex: Immerhin kommt das Lieferkettengesetz.

Anna: Ja, aber selbst hier streitet sich die Regierung seit Monaten um die Eckpunkte: Gibt es bei Verstößen nur Bußgelder oder Klagen? Betrifft es nur meine Subunternehmen oder auch

sämtliche Zulieferer? Und die Lobby gießt schön Öl ins Feuer: Deutschland werde benachteiligt, wenn andere Staaten nicht mitziehen. Dabei haben gerade wir eine Vorbildfunktion!

Alex: Wie geht es den Arbeiter*innen in der globalen Textilbranche jetzt mit der Pandemie?

Anna: Die Umsätze im stationären Modehandel sind von Januar bis Juni im Vergleich zum Vorjahr um ca. 35 Prozent eingebrochen. Und während die Textilbranche hier mit gekürzten Ladenmieten oder Kurzarbeit staatliche Unterstützung bekam, wird auch nach dem Lockdown zum Beispiel in Bangladesch den meisten Näher*innen noch immer nur 65 Prozent des örtlichen Mindestlohns gezahlt. Gewerkschaftstreffen, wenn es sie gibt, werden unter dem Vorwand der Krise systematisch unterbunden. Noch bis in den November hinein wird es in vielen Textilexportländern wenig zu tun geben, bis die Bestellungen für die Weihnachts- und Wintersaison kommen. Das Geld fehlt massiv, selbst wo Arbeit ist, werden die Löhne gekürzt. Und Schuld an der Aus­beu­tung ist nicht Corona, sondern das jahre­lan­ge, systematische Preisdumping der Brands und Ketten.

Alex: Heißt das, die Modeindustrie wird nach Corona rein gar nichts ändern?

Anna: In den Herstellungsländern erst mal nicht wirklich. Ironischerweise ist das System Fast Fashion sehr träge. Kollektives Learning oder eine schnellere Umstellung auf langsam sind meines Erachtens utopisch.

Alex: Wieso gibt es keinen Wake-up-Call?

Anna: Weil nicht nur wir Konsument*innen uns an bis zu 24 Kollektionen im Jahr gewöhnt haben – auch der Einzelhandel mit seinen Jahresbilanzen, der Rohstoffanbau und die Fabriken in den Produktionsländern müssten vom Speed der Stunde erst mal langsam runterkommen.

Alex: Warum hinkt Deutschland da mit Gegenmaßnahmen so hinterher?

Anna: Weil wir sehr wohlhabend sind, noch wohlhabender werden wollen und hinter diesem Wunsch eine sehr mächtige Lobby steht. Aber ich bin auch vorsichtig optimistisch, dass sich in ­puncto Aufmerksamkeit etwas verändert. Vereine und Brands leisten wichtige aktivistische Arbeit. Und es ist noch unklar, ob nach dem Lockdown wirklich das große Nachholen kommt – und nicht doch ein Besinnen auf langlebigere Ware: Kleine Ökolabels machen seit Corona mehr Umsatz!

Alex: Trotzdem bleibt meine Frage: Dürfen Klamotten uns eigentlich noch Spaß machen?

Anna: Klar! Aber vorher muss ich kurz klugscheißern: Eine Textilprofessorin sagte mir mal, dass sich die fehlende Wertschätzung für unsere Kleidung schon allein darin zeigt, dass wir sie immer leicht abfällig "Klamotten" nennen. Also: Kleidung darf uns natürlich noch Spaß machen! Und ich denke einfach, dass es jede*r von uns guttut, bei sich selbst zu bleiben. Guck nicht so viel nach Nachhaltigkeitsregeln, sondern nach dir! Nur du weißt, wie viel Verzicht für dich funktioniert, wo dir etwas fehlt und auf welchem Weg du deine Fashion-Freude wiederfinden kannst – und wenn du brauchst, auch mal mit Hintertürchen.

Alex: Ich meine, ich weiß schon, warum ich das tue. Und ich weiß, es ist Privilegienjammern: "Mimimi, mir macht Mode keinen Spaß mehr", während am anderen Ende der Welt Frauen bluten. Aber ich finde, es hilft auch nicht, Verzicht schönreden zu wollen.

Anna: Jein. Verzicht ist schön. Er hat einfach einen schlechten Ruf. Umcodieren it is! Wirklich. Trotzdem wirkt es natürlich immer erst mal ein bisschen konstruiert, zu sagen "Ey, wochenlang gebraucht suchen, was du jetzt willst, macht voll Spaß" oder "Genieß doch deine Hose, bis sie verschlissen ist". Gerade deswegen müssen wir auch über die Schwierigkeiten und Fails sprechen.

Alex: Und mir hilft es tatsächlich, wenn ich sagen kann: Aha, die beiden Ökotanten da machen auch nicht 100 Prozent alles richtig. Dann sind meine 50 Prozent ja auch schon nicht schlecht.

Noch mehr Ökogeständnisse?

In unserem brandnew Podcast "Brigitte BE GREEN – Nachhaltig ohne Blatt vorm Mund" spricht Alex Zykunov mit ihren Gästen weniger darüber, was sie schon auf öko umgestellt haben, sondern über das, woran sie aktuell scheitern. Einfach, ehrlich und ohne erhobenen Zeigefinger. Damit wir es am Ende alle besser machen können. Hört ihr rein? Auf Audio Now und überall, wo es Podcasts gibt.

Hast du Lust, mehr zum Thema zu lesen und dich mit anderen Frauen darüber auszutauschen? Dann schau im "Allgemeinen Forum" der BRIGITTE-Community vorbei!

BE GREEN 02.2020: Cover
In BE GREEN, dem neuen Nachhaltigkeitsmagazin von BRIGITTE, lest ihr das exklusive Interview mit Greenfluencerin Marie Nasemann: "Ich will den Modewahnsinn nicht mehr befeuern."
© Brigitte
BRIGITTE BE GREEN 02/2020

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