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Nachhaltige Textilien Fibershed – die Revolution in der Modeindustrie

Fibershed: Pullover auf Bügel hängt am Baum
© Forenius / Adobe Stock
Ein Fibershed könnte die Missstände in der Mode- und Textilindustrie beseitigen und die Branche gänzlich revolutionieren. Was genau ein Fibershed ist und wie es funktioniert, klären wir hier.

Die Missstände der Modeindustrie sind gravierend: Nicht nur, dass 70 Prozent der textilen Fasern aus fossilem Kohlenstoff hergestellt werden und somit den CO₂-Ausstoß und letztendlich den Klimawandel befeuern, sondern es sind auch die Konsequenzen der chemischen Färbereien zu bedenken, die sich toxisch auf den menschlichen Organismus und die Umwelt auswirken. Die Liste ließe sich ewig weiterführen: miserable Arbeitsbedingungen in den Textilfabriken, Tonnen von Kleidern, die auf Mülldeponien lagern, Mikrofasern, die unsere Flüsse und Meere verunreinigen, unsere Haut, die mit genmanipulierenden chemischen Substanzen in Berührung kommt, etc.

Aber wie kann der Wahnsinn der Modeindustrie ein Ende haben? Die Amerikanerin Rebecca Burgess hat sich auf die Suche gemacht und eine Vision für eine regenerative, nachhaltige Textilwirtschaft aufgestellt. Das Prinzip nennt sich Fibershed und ist ebenso revolutionär wie einfach: Die Textilwirtschaft soll komplett umgekrempelt und als ein ineinandergreifendes, geschlossenes und nachhaltiges System neu gedacht werden. Brigitte.de hat sich das Thema genauer angesehen und hinterfragt, wie ein Fibershed funktioniert.

Was genau ist ein Fibershed?

"Fibershed ist das englische Wort für ein Fasereinzugsgebiet. Ähnlich wie ein lokales Einzugsgebiet für Lebensmittel oder Wasser funktioniert auch ein Fasereinzugsgebiet […].", so heißt es in dem Buch "Was steckt in unserer Kleidung" (2022) von Rebecca Burgess. Weiter schreibt die Autorin: "Es ist eine Vision, die die sozialen, wirtschaftlichen und politischen Möglichkeiten für Gemeinschaften verbessert, ihre Faser- und Farbstoffsysteme selbst zu definieren und zu erschaffen und die globale Textilverarbeitung neu zu gestalten. Dabei geht es um die ortsbasierte textile Souveränität, die darauf abzielt, alle Menschen, Pflanzen, Tiere und kulturellen Praktiken, die an einem bestimmten Ort zusammenfinden und ihn ausmachen, einzubeziehen, anstatt sie auszuschließen." 

Bei einem Fibershed handelt es sich also um ein textiles Kreislaufsystem, in dem die Kleidung von der Gewinnung der Faser über die Verarbeitung und Färbung bis zum Entwurf und der Produktion lokal und nachhaltig erfolgt. Um das System zu schließen, geht der Gedanke weiter und bezieht mit ein, dass die Textilien möglichst lange genutzt/getragen und bei Bedarf repariert werden. Da es sich um rein organisches Material handelt, bei dem keine chemische Verarbeitung stattfand, kann die Textilie am Ende ihres textilen Lebens kompostiert und als nährstoffreicher Kompost auf landwirtschaftlichen Nutzflächen der Erde wieder zugeführt werden. So wird die Grundlage für humusreiche Böden geschaffen, auf denen Fasern neu angebaut, Pflanzen zur Farbstoffgewinnung gepflanzt oder Fasertiere gehalten werden. In diesem Prozess sind alle Produzent:innen beteiligt: "Landwirt*innen, Rancher*innen, Organisator*innen, Designer*innen, Hersteller*innen, Näh-Talente, Handwerker*innen, Modeexpert*innen, Investor*innen, transnationale Marken und […] die Träger*innen", beschreibt es Burgess. So sei es möglich, die lokalen Gegebenheiten einer Region und ihre kulturellen Werte sowie Handarbeitstechniken vollends einzubeziehen und wieder zu fördern.

Ein Fibershed zieht damit Parallelen zur Slow-Food-Bewegung – denn, geht es um das Thema Essen, wollen immer mehr Menschen wissen, wo und wie ihre Nahrungsmittel produziert werden. Dass dies genauso relevant bei der Kleidung ist, die wir täglich tragen, dürfte anhand der enormen Probleme, die die Modeindustrie derzeit verursacht, selbsterklärend sein.

Fibershed – die Revolution in der Modeindustrie
© Fibershed

Wie arbeiten Fibersheds?

Mittlerweile gibt es weltweit Fibersheds, die sich als Organisation für lokale und nachhaltige textile Kreislaufsysteme einsetzen. Ihre Arbeit besteht darin, kleine Fabriken und Brands miteinander zu vernetzen, Forschungsarbeit zu leisten, die Produktionen in die Region zurückzuholen und die Verwendung natürlicher Materialien, die vor der Haustür wachsen, zu fördern.

Eine auf die deutschsprachigen Länder Europas beschränkte Organisation ist beispielsweise der Verband "Fibershed DACH", der von ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen betrieben wird. Eine der beiden Gründerinnen ist Nina Conrad. Der Nachhaltigkeitsberaterin in der Textil- und Lederindustrie ist es ein Herzensthema, regionale Lieferketten aufzubauen und dabei lokale Anforderungen und Bedürfnisse mit einzubeziehen. Den Weg, den die Organisation "Fibershed DACH" seit ihrer Gründung eingeschlagen hat, beschreibt sie als sehr visionär: "Wir haben vor eineinhalb Jahren gestartet und zuerst ging es darum, Expert:innen aus der Region, die alle unterschiedliche Erfahrungen und Know-how haben, zusammenzubringen. Dieses Jahr porträtieren wir auf unserer Website mittlerweile viele Betriebe aus unserer Gegend, von Landwirtschaftsbetrieben bis hin zu Manufakturen, die mit natürlichen Fasern arbeiten. Somit ist ein Open Source-Netzwerk entstanden, damit sich alle Interessierten und auch Brands informieren können." Die grundsätzliche Arbeit ziele darauf, eine Vernetzung zu schaffen, die Aufklärung über das Prinzip eines Fibersheds voranzutreiben, das öffentliche Bewusstsein zu schärfen und zu erforschen, was in Bezug auf eine lokale, nachhaltige textile Kreislaufwirtschaft möglich sei. Durch die Vernetzungsarbeit der Organisation ließen sich Lücken bei fehlenden Verarbeitungsschritten und Prozessen in der Region aufzeigen. Genau das mache den Zusammenschluss und die Arbeit in einem Fibershed so wichtig, denn nur so könne an Lösungen gearbeitet werden.

Die Arbeit zahle sich aus, ergänzt Conrad, da sich mittlerweile viele Betriebe, die mit "Fibershed DACH" in Kontakt stehen, erkundigen, wo und wie sie beispielsweise die produzierte Wolle oder pflanzliche Faser in der Region weiterverarbeiten oder färben lassen könnten. "Es gibt sehr wenig vertikale Integration in der Branche und die Verarbeiter kaufen zum Beispiel die Rohwolle ein und haben dann selber wenig Kontakt mit Betrieben, die das Material weiterverarbeiten." Durch das Fibershed könnten die einzelnen Bindeglieder hergestellt und vernetzt werden.

Fibershed: Holzspulen mit Garn
© Sarina Sievert für Hiddenland

Wie kann die Textilbranche revolutioniert werden?

Fibershed: Nina Conrad
Eine der beiden Gründerinnen der Organisation Fibershed DACH: Nina Conrad.
© Angelika Annen

Wie lässt sich aber der Textilkonsum in einer Welt, in der Fast Fashion den Ton angibt, nachhaltig revolutionieren? "Unsere Vision ist es, ein Bewusstsein für eine jeweilige Region zu schaffen. Wir möchten die Wertschätzung für die natürlichen Ressourcen, für die lokal angebauten Fasern, ihre Herstellung und das dazugehörige Handwerk fördern. Daran ist natürlich genauso die Landwirtschaft gekoppelt", so Conrad. Textile Tradition wieder zum Leben erwecken, lokal zu produzieren und die Verwendung von natürlichen Materialien zu fördern, die vor unserer Haustür wachsen, sei dabei das Hauptaugenmerk des Vereins.

"Wir brauchen Kleidung wie Essen und ein Dach über dem Kopf. Fashion zu konsumieren, ist heutzutage aber eine Art Freizeitbeschäftigung geworden. Da habe ich das Gefühl, dass wir neue Inspiration benötigen. Es fängt damit an, Kindern zu vermitteln, dass man Dinge wieder selber macht und beispielsweise Kleidungsstücke selber nähen und färben kann. Somit entsteht eine ganz andere Wertschätzung für ein Produkt. Ich bin zum Beispiel bei einem Projekt involviert, bei dem wir den Futterstoff der Accessoires mit Kirschzweigen, die wir sammeln, färben lassen. Das ergibt einen sehr schönen rostbraunen Farbton. Viele Leute können sich so etwas gar nicht vorstellen, obwohl es ganz einfach ist. Wenn wir aber bereits anfangen, unsere Kinder an diesem Punkt abzuholen und ihnen das Handwerk näherzubringen, dann entwickeln sie ein ganz anderes Interesse und gewinnen einen anderen Zugang zum Thema Kleidung", fasst es die Nachhaltigkeitsexpertin zusammen.

Conrad glaubt nicht daran, dass man Konsumenten weg von Fast Fashion hin zu einem nachhaltigen Modekonsum erziehen kann, aber die Aufklärung könne stattdessen über schöne, nachhaltige und inspirierende Produkte gelingen. Die Verantwortung des Konsumenten bestehe letztendlich darin, lokal zu konsumieren, dabei genauer hinzuschauen, nachzufragen und sich über die Produktion zu informieren.

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Ein Fibershed stellt also eine Möglichkeit dar, die Textilwirtschaft gänzlich neu auszurichten. Das Modell eines Fasereinzugsgebietes ebnet den Weg zu einem nachhaltigen Modekonsum, das ganzheitlich als Kreislaufwirtschaft Umwelt und Mensch mit einbezieht und dabei die so dringend benötigte Revolution in der Modeindustrie einleiten könnte. Dass die Idee immer mehr Menschen begeistert und weiter in die Umsetzung geht, können wir nur hoffen.

Vielen Dank für das Gespräch, liebe Frau Conrad.

Weitere Infos unter: fibershed-dach.org und fibershed.org

Verwendete Quellen:

  • "Was steckt in unserer Kleidung" von Rebecca Burgess mit Courtney White, Innsbruck 2022
Brigitte

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