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Geld anlegen Bäume als Kapitalanlage

Geld anlegen: Bäume
© Julia Knop / Brigitte
Bäume als Kapitalanlage? Warum nicht! Um einen Forst eigenhändig und nachhaltig zu bewirtschaften brauchten Susanne Braun und ihr Mann Geld. Also begannen sie, Teilhaber zu suchen.
Ariane Heimbach

Und wenn sie den Wald einfach kaufen würden? Was Susanne Braun ihrem Mann Pierre da vorschlug, klang verwegen. Sie waren gerade nach Frankreich gezogen und hatten nicht viel Geld. Er jobbte bei einem Förster, sie war schwanger, und ihre Aussichten als Forstingenieurin schienen ihr düster. "In Frankreich sitzt man da nur im Büro und macht die Verwaltung." Sie aber wollte raus, unter Bäumen arbeiten, "den Wald so gestalten, wie ich es für sinnvoll und ökologisch halte." Aber wie sollten sie davon leben?, fragte Pierre. "Indem wir das nicht allein machen", sagte Susanne.

Heute, sieben Jahre später, gehören bereits 180 Menschen der Forstgruppe "Avenir forêt" (Zukunft Wald) an. Die meisten Teilhaber*innen kommen aus Frankreich, einige aus Deutschland, Holland und den USA. "Es sind ganz normale Leute, die das Kulturgut Wald schützen wollen, aber anfangs oft nur wenig Wissen vom Wald haben", sagt Su­sanne Braun. Darunter ein Musiker aus dem benachbarten Dorf und ein pensioniertes Ehepaar aus Bordeaux. Naturinteressierte ­Menschen, die ein bisschen Geld gespart haben – 12000 Euro beträgt die Mindesteinlage – und es lieber in Bäumen und Boden anlegen wollen als in Aktien oder auf Sparkonten bei einer Bank.

500 Hektar Wald gehören der Forstgruppe

So erzählen es die beiden an einem Sonntagnachmittag im Garten vor ihrem Haus. Es liegt gleich am Ortseingang von Coulié, ein Dorf im Zentralmassif im südwestlichen Frankreich. Drum herum Wiesen, Bäume, sanfte Hügel. "Ökologische Forstgruppe" steht auf einem Schild an der Straße. Ihr Haus ist auch ihr Büro, im Schuppen lagert das Arbeitsmaterial. 500 Hektar Wald besitzt die Gruppe bereits, das entspricht ungefähr 500 Fußballfeldern, die sich verstreut in einem Radius von zwei Stunden Autofahrt um den Ort erstrecken, in dem das Paar mit seinen drei Kindern wohnt. Nah genug, damit sie die Forstarbeit von dort aus noch zu zweit bewältigen können. Wenn die Anfahrt zu den Wäldern zu lange dauert, schlafen sie auch schon mal im Auto oder in einer der Hütten, die sie inzwischen ausgebaut haben.

500 Hektar sind natürlich winzig, verglichen mit der Gesamtfläche an Wald von über 16 Millionen Hektar in Frankreich. Fast drei Viertel davon sind in Privatbesitz, verteilt auf unzählige Inhaber*innen mit oft nur ein bis zwei Hektar – in Deutschland gehört nur knapp die Hälfte des Waldes Privatleuten. "Aber wir wachsen jedes Jahr", sagt Susanne. Und sie überzeugen inzwischen auch andere mit ihrem Konzept einer nachhaltigen Bewirtschaftung. Eine Crowdfunding-Gruppe im Süden des Landes wird von ihnen beraten. Und einige Nachbarn haben sie gebeten, ihre Waldstücke nach ihren Prinzipien zu durchforsten.

Keine Träumer, sondern klassische Förster

Aber es gibt auch die anderen im Dorf. "Die halten uns für Hippies", sagt Pierre Demou­geon und lacht. Vielleicht steckt tatsächlich ein bisschen Hippie in ihnen, wenn man bedenkt, mit welcher Furchtlosigkeit sie sich hier einen Lebenstraum verwirklicht haben. Aber sie sind keine Träumer, sondern Förster im klassischen Sinn, die den Wald nutzen und bewahren. Die beiden machen die Geschäftsführung der Forstgruppe, die Bilanz­berichte, kaufen die Waldstücke, organisieren die Holzernte und den -verkauf und kümmern sich auch sonst um alles, was einen Wald krisenfest macht. "Ich behaupte nicht, dass wir das Nonplus­ultra–Wissen haben, wie man den Wald retten kann", sagt Susanne. "Aber mein Wunsch oder mein Aufruf ist, sich für die Feinheiten des Waldes zu interessieren. Das setzt voraus, dass die Waldbesitzer sensibilisiert werden und sich ein Minimum an Wissen aneignen und dass diese Regeln verstanden und angewendet werden."

Hand in Hand den Wald bewahren

Die beiden ergänzen sich gut. Su­san­ne, 39, ist die Visionärin, eine von ihrem Fach begeisterte Frau, die Sachen sagt wie: "Holzzersetzende Pilze haben mich schon im Studium passioniert." Pierre, 38, ist ruhiger, ein Pragmatiker. Kahlschlagflächen würden sie nicht kaufen, sagt er. In Frankreich sei das noch gängige Praxis. Sobald die angepflanzten Bäume dick genug sind, werden sie abrasiert. So kann aber kein Misch- und Mehrgenerationenwald heranwachsen, in dem die jüngeren Bäume von den Kronendächern der älteren geschützt werden und der weniger anfällig für die Folgen des Klimawandels oder Schädlinge ist als eine gleichaltrige Monokultur. Der Boden ist nach einem Kahlschlag außerdem von den Forstmaschinen ruiniert, und der giftige Adlerfarn kann sich ausbreiten, wogegen dann wieder nur Pestizide helfen.

"Für uns ist es nicht rentabel, Wald zu kaufen, der in einem massakrierten Zustand ist. Wir müssen immer abwägen, was gibt er uns und wie viel Arbeit müssen wir da noch reinstecken. Auch wenn es für unser Image natürlich gut wäre, wenn wir solche Wälder retten würden", sagt Pierre. Seine Frau ergänzt: "Hier im Limousin haben wir keinen Urwald wie im Amazonas, den man retten könnte. Der hiesige Wald ist ein Kulturgut, von dem wir Menschen leben. Er gibt uns Holz, Sauerstoff und Wasser. Und diesen Wald bewahren wir."

Die Verwertungslogik

Am nächsten Tag, in einem kleinen Forst, zehn Minuten entfernt von ihrem Wohnhaus. Eine Hainbuche fällt krachend in die umstehenden Bäume, einen Moment sieht es so aus, als würden die Birken und Eichen sie mit ausgebreiteten Armen auffangen. Dann stürzt der rund sechs Meter hohe Stamm zun Boden. Pierre, der ein bisschen an eine Legofigur erinnert mit seinem orangeroten Helm und Benzintank auf dem Rücken, sägt noch ein paar Äste von dem gefällten Stamm ab, damit er näher an der Erde liegt. "So wird der Baum schneller verrotten. Und in drei Jahren wird das dank der Pilze, Insekten und Bakterien alles fruchtbarer Humus sein", schreit Susanne gegen den Lärm der Motorsäge an.

Der Wald gehört nicht ihnen, sondern einem Mann aus dem Nachbardorf, der sie gebeten hat, ihn nach ihren Vorstellungen zu durchforsten. Ein wichtiger Nebenverdienst für die beiden, denn für ihre Tätigkeit bei "Avenir forêt" zahlen sie sich nur ein kleines Gehalt aus. Pierre sägt schon an dem nächsten Stamm, "eine Sauarbeit", flucht er. Susanne markiert mit einer roten Spraydose weitere Bäume, die sie fällen müssen. Sie geht dabei nüchtern vor; wenn die Bäume wie hier in diesem noch relativ jungen Hain zu dicht stehen, müssen sie Licht für die "guten Bäume" schaffen: gerade gewachsene Stämme mit einer breiten und luftigen Krone, die später schönes Holz hergeben. Moment mal: Hat diese Verwertungslogik den Wald nicht kaputt gemacht? Und dann lassen sie die Stämme auch noch einfach herumliegen und vermodern, da könnte man doch noch was draus bauen oder sie wenigstens als Feuerholz benutzen.

Susanne lacht. "So was hören wir oft." Dann heiße es: Sind die zu faul, da mal Ordnung zu schaffen? Und es stimmt ja, wie ein gepflegter Waldpark sieht der hügelige Forst wirklich nicht aus. Soll er auch nicht. Aber das müssen die Leute im Dorf erst mal lernen. Dann erklärt die Bayerin ihnen in fast akzentfreiem Französisch, warum es sinnvoller sein kann, abgeschlagene Bäume liegen zu lassen, als sie über die steil herabfallenden Hänge zu schleifen und dabei junge Bäume zu verletzen. Oder sie mit tonnenschweren Waldfahrzeugen abzuschleppen, die den weichen Waldboden zusammendrücken und ihn damit langfristig schädigen. Für das Holz, das sie dann tatsächlich aus dem Forst holen, haben sie ein behutsames Wegenetz angelegt, sogenannte "Rückegassen", die mindestens in einem Abstand von 30 bis 40 Metern angelegt sind. Nur hier dürfen die Forstfahrzeuge fahren.

Ein unendlicher Kreislauf von Geben und Nehmen

Die wenigsten Menschen haben eine Ahnung davon, wie ein Wald funktioniert. Wie wichtig etwa die luftige Bodenstruktur ist, damit die Bäume tief wurzeln können. Und was das Totholz am Boden alles leistet. Die Försterin kniet sich nieder und legt ein paar junge Eichenblätter im Laub frei. Die gefällten Stämme liegen schützend um den Eichenkindergarten herum. "So stapfen Wildtiere da nicht einfach rein, wenn sie an die Baumstämme wollen."

Im Grunde ist der Wald ein unendlicher Kreislauf von Geben und Nehmen – wenn man ihn lässt und nur behutsam eingreift. Wir stehen auf einer sonnigen Lichtung mit noch jungen Kastanien, Buchen und Birken. Wenn sie größer sind, erklärt die Försterin, werden einige weichen müssen, damit andere genug Licht haben. Eine Selektion, die auch die Natur vornimmt. "Doch das braucht viel Zeit. Wir beschleunigen das." Ob ihr das manchmal schwerfällt? "Klar, vor allem bei den alten Bäumen geht mir das ans Herz." Sie sieht hoch an einer knorrigen, zum Teil schon abgestorbenen Eiche am Rand der Lichtung. "Methusalems nennen wir solche Habitatbäume mit Spechthöhlen auch, in denen sich Eulen, Fledermäuse und Insekten ansiedeln." Der Baum beugt sich schon gefährlich über die anderen. Susanne Braun legt ihre Hand kurz an den Stamm, die Spraydose lässt sie in der Jackentasche, dann geht sie weiter.

Waldbesitzer werden?

Das geht: Mit einer Einlage von 12000 Euro bekommt man bei "Avenir forêt" 1000 Anteile zu jeweils zwölf Euro – anfangs waren es zehn Euro pro Anteil. Inzwischen wurde der Wald der Gruppe neu bewertet und ist in seinem Wert bereits um 20 Prozent gestiegen. Frühestens nach fünf Jahren kann man seine Mitgliedschaft beenden und die Anteile möglicherweise zu einem höheren Wert verkaufen.

Wer hier schreibt: Ariane Heimbach

Umdenkmoment: Ein verhungernder Eisbär im Film "Unsere Erde" (2007), der von Eisscholle zu Eisscholle springt – wegen der Gletscherschmelze kann er keine Robben mehr jagen.

Aktuelle Challenge: Möglichst keine neuen Klamotten mehr zu kaufen. Aktueller Stand für 2020: drei T-Shirts aus Biobaumwolle und ein Paar recycelte Sneaker.

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