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Handy ersetzen So wird's grün beim Smartphone

Handy ersetzen: Frau mit Smartphone
© THE YOOTH / Shutterstock
Der Aufprall eines Smartphones auf hartem Beton zerbricht nicht nur das Display, sondern auch unser Herz. Doch bevor wir uns auf einen neuen Handytypen einlassen, hier ein paar grüne Tipps.

Let’s face it:

Manchmal endet auch die glücklichste Beziehung mit einem tiefen Fall – direkt ins Klo. So wie mein Smartphone neulich. Das Teil war tot. Und damit auch ein Teil von mir. Mein Handy ist mein Gedächtnis, Fotoalbum, Zeitungsabo, Familien-, Geburtstags- und Terminkalender, einfach mein Ein und Alles. Deswegen muss jetzt schnell ein Neues her. Aber bitte eins, das wirklich was taugt …

Ich will einen Ökotypen

Bei der Recherche lerne ich, was wir eigentlich alle schon wissen: Jedes Smartphone, egal von welchem Hersteller, besteht aus etwa 60 verschiedenen Rohstoffen, ein Viertel davon sind Metalle. Die werden in Ländern abgebaut, in denen Umweltschutz relativ weit unten auf der Prioritätenliste steht. "Der Bergbau hat oft fatale Folgen für Menschen und Umwelt", erklärt mir Philip Heldt, Referent für Ressourcenschutz von der Verbraucherzentrale NRW. Es werden riesige Flächen Regenwald gerodet, um an die Erz tragenden Gesteinsschichten zu gelangen, und durch das Sprengen, Abtragen und den Transport wird jede Menge CO2 verursacht. Um die Metalle aus dem Gestein zu lösen, werden schädliche Chemikalien eingesetzt, die oft in die Böden sickern und das Grundwasser vergiften. Dazu kommt: "Allein vier der Komponenten, die in jedem Handy verbaut sind, Gold, Tantal, Wolfram und Zinn, gelten als Konfliktmineralien", sagt Heldt. Mit ihrem Handel werden oft Konflikte, Korruption, Kinderarbeit und Geldwäsche unterstützt. Was kann man dagegen tun? Ein europäisches Lieferkettengesetz könnte Firmen verpflichten zu checken, woher ihre Rohstoffe genau kommen. So verlangt in den USA ein Gesetz von börsennotierten Unternehmen offenzulegen, ob ihre Zulieferer Konfliktmineralien nutzen. Apple wirbt nun damit, nur noch recyceltes Gold für iPhones zu verwenden, und laut Samsung bezieht die Firma ihre Ressourcen aus zertifizierten Minen.

Schwarze Schafe überall

Selbst wenn man sich ein Smartphone aussucht, das zum größten Teil aus recycelten Rohstoffen besteht, darf man nicht vergessen, dass es Menschen sind, die sie für uns zusammenbauen. "Auch in der Produktion leiden Menschen massiv unter den miesen Bedingungen", erklärt Heldt. In den Fabriken in Asien wird im Akkord gearbeitet zu Stunden-löhnen, die in der Regel nicht zum Leben reichen. Deswegen machen die Arbeiter:innen, meistens Frauen zwischen 16 und 30, Überstunden ohne Ende, um über die Runden zu kommen. Beim Zusammenbau der Teile hantieren sie oft mit schädlichen Chemikalien – ohne Schutzkleidung. Denn die ist entweder gar nicht erst vorhanden oder wird nicht genutzt. Warum? Weil das ihre Arbeit verlangsamen würde. Unfassbar. Immerhin: Von den großen Unternehmen verzichten bereits Apple und Google in ihrer Produktion auf gesundheitsschädliche Chemikalien wie PVC und Phthalate. Müssen die anderen jetzt nur noch nachziehen.

Zu hohe Ansprüche?

Wir selbst sind leider auch nicht ganz unschuldig. Auf der Suche nach einem neuen Schätzchen klicke ich mich zum Beispiel gerade durch die neuesten Modelle und will natürlich genau das mit der großartigsten Kamera, dem größten Speicher und der tollsten Optik. Warum eigentlich? Ich fahre doch auch ein verrostetes Fahrrad und trage meine Turnschuhe, bis sie freiwillig vom Fuß abfallen. Tja, die Mobilfunkanbieter sind eben Meister des Marketings: "Sie haben das Smartphone zu einem Lifestyleprodukt hochstilisiert, mit dem wir zeigen, wer wir sind, und ohne das wir gar nicht mehr leben können", sagt Jens Gröger, Experte für nachhaltige Informations- und Kommunikationstechnik vom Öko-Institut in Berlin. Dabei haben sie ganz nebenbei Produkte konzipiert, bei denen ein einfacher Reparaturfall zum wirtschaftlichen Totalschaden führt, nur damit sie noch mehr Geräte verkaufen können. Wird ein Ersatzteil wie eine neue Kamera verbaut, erkennt die Hauptplatine die neuen Softwarecodes – und schränkt die Funktionen der Teile massiv ein.

"Apple etwa hat jahrelang gezielt Reparaturen von Nutzern oder Drittanbietern blockiert. Das ist eine beliebte Strategie bei Herstellern von Elektrogeräten", sagt Gröger. "Bei Smartphones kommt noch dazu, dass den Verbraucher:innen nötige Software-Updates vorenthalten werden. Damit scheinen die Handys veraltet, weil aktuelle Apps nicht mehr darauf laufen, obwohl die Geräte noch einwandfrei sind." Zwar hat die EU 2021 ein "Recht auf Reparatur"-Gesetz vorgeschlagen, umgesetzt wurde es aber noch nicht. Auch die US-Marktbehörde FTC hat angekündigt, Praktiken von Herstellern einzuschränken, die Reparaturen erschweren. Und, oh Wunder, auf einmal teilte Apple mit, dass Nutzern ab diesem Jahr erlaubt wird, ihre neuen iPhones selbst zu reparieren.

Vielleicht mal den Ex der Freundin probieren?

Ich weiß, die Frage tut weh, aber: Muss es überhaupt ein neues Teil sein? Bei der Produktion eines (!) Smartphones werden mehr als 1200 Liter Wasser verbraucht. Und es entsteht ein großer Haufen Müll – 86 Kilo, um genau zu sein. Also etwa vier vollgepackte Koffer Abfall, wie eine Studie des schwedischen Abfallverbands ermittelt hat. Und wenn man sich dann überlegt, dass wir uns im Schnitt alle 18 Monate ein neues Handy holen, kann einem schon schwindelig werden. Am nachhaltigsten wäre es – und wir kennen den Leitspruch –, wenn kein neues Produkt hergestellt, sondern ein gebrauchtes länger genutzt wird. Genau darauf zielt der Markt an refurbished, also generalüberholten Smartphones ab. Portale wie Amazon Renewed, Backmarket, Swappie oder Refurbed bieten gebrauchte Handys zu richtig guten Preisen an. In jeglicher Hinsicht eine gute Investition.

Hier gibt's die Matches

Muss es trotzdem ein Neues sein, dann aufgepasst: Es gibt zwei Unternehmen, die alles dafür tun, faire, nachhaltige und langlebige Handys unter die Leute zu bringen. Shiftphone und Fairphone setzen nicht nur in der Produktion auf faire Löhne und nachhaltige Rohstoffe, sie haben ihre Geräte auch so aufgebaut, dass sich Kamera, Display und Akku easy mit einem Schraubendreher austauschen lassen. "Noch ist deren Impact, was die Produktionszahlen angeht, zwar überschaubar, aber der indirekte Effekt ist gravierend", sagt Gröger. Fairphone hat im vergangenen Jahr 95 000 Handys verkauft und damit seine Zahlen fast verdoppelt. Verglichen mit den 1,35 Milliarden Smartphones weltweit ist das trotzdem verdammt wenig. "Aber es bewegt die marktbeherrschenden Firmen durchaus, wenn sie von Kleinunternehmen vorgeführt werden", sagt Gröger. "Außerdem können sie sich nicht mehr hinter der Ausrede verstecken, ein Handy fair zu produzieren sei nicht möglich, wenn sogar kleine Firmen zeigen, dass es geht."

Wohin mit dem Verflossenen?

Normalerweise hat man den Drang, selbst das alte, kaputte Teil in der Schublade zu parken. 206 Millionen Althandys schlummern in deutschen Schubladen rum – und die Rohstoffe kehren nicht in den Kreislauf zurück. Dabei steckt in jedem Handy, selbst in meinem abgesoffenen, noch richtig viel gutes Zeug: laut Bayerischem Staatsministerium unter anderem neun Gramm Kupfer, 0,3 Gramm Silber und 0,025 Gramm Gold. Klingt wenig? "In einer Tonne alter Handys oder Smartphones befinden sich 250 Gramm Gold. In einer Tonne Golderz hingegen nur etwa vier Gramm. Man muss also 62,5 Tonnen Golderz abbauen, um dieselbe Menge Gold zu gewinnen", rechnet Philip Heldt von der Verbraucherzentrale vor. Recycling ist einfach extrem wertvoll! Und alte, funktionierende Handys? Verkaufen! Oder spenden. Der Nabu, die Deutsche Umwelthilfe und Caritas nehmen Altgeräte mit Kusshand an. Sie arbeiten die Handys auf und verkaufen sie weiter. Der Erlös kommt ihren Projekten zugute.

Happy End

Mein neues Schätzchen werde ich jedenfalls mit Liebe überhäufen, damit unsere Beziehung ewig hält. Oder eben fünf Jahre. Bedeutet vor allem: den Akku pflegen, der ist nämlich die Handy-Achillesferse. Hack I: den Akkustand zwischen 20 und 80 Prozent halten, das mag er am liebsten. Hack II: Flugmodus an! Wenigstens nachts. Sonst hält das Handy die ganze Zeit Verbindung zum Funkmast, was es schneller leert. Und weil ich dem Ganzen noch die Ökokrone aufsetzen will, will ich auch beim Surfen den digitalen Fußabdruck reduzieren. Heißt: nicht alle Daten in der Cloud speichern und – Hack III – über WLAN und nicht über mobile Daten surfen – das spart CO2! So können wir gut zusammen alt werden: die Umwelt, mein Handy und ich.

In BE GREEN, dem Nachhaltigkeitsmagazin von BRIGITTE, lest ihr Tipps, Tricks und spannende Geschichten rings um ein schönes grüneres Leben

Brigitte

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