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Klimaneutral Können Beauty-Produkte nachhaltig sein?

Klimaneutral: Creme auf einem Blatt
© IRA_EVVA / Shutterstock
Immer öfter wirbt die Beautybranche mit "CO2-neutralen" Produkten. Klingt super. Aber geht das überhaupt?

Vegan, klimaneutral, 100 Prozent bio – klingt mega, was auf den Etiketten vieler Cremes und Shampoos so steht. Oder ist das alles nur großes Marketinggedöns? Fest steht: Viele Beautykonzerne haben erkannt, dass Umweltschutz bei den Kund*innen gut ankommt. Eine Studie des Kosmetikverbands VKE zeigt: Mittlerweile ist Nachhaltigkeit das drittwichtigste Kaufkriterium, nach Qualität und Preis-Leistungs-Verhältnis. Von Beiersdorf bis P & G haben daher viele Unternehmen einen Klimaschutzfahrplan beschlossen. Die Drogeriekette dm will nicht nur bei der Produktion ihrer Eigenmarken Treibhausgase einsparen, sondern auch andere klimafreundliche Marken bevorzugt listen. Aber wie emissionsneutral kann eine Creme wirklich sein? Jetzt mal ganz von vorn.

CO2-neutral, was bedeutet das überhaupt?

Leider nicht, dass ein Produkt ohne klimaschädliche Treibhausgase produziert wurde. Denn CO2 fällt immer an: nicht nur, wenn in der Fabrik das Licht eingeschaltet wird, sondern auch bei der Gewinnung der Rohstoffe, der Produktion von Verpackungen und bei Transporten. CO2-neutral bedeutet lediglich, dass das ausgestoßene Gas kompensiert wurde. Wie das geht? Zum Beispiel, indem Bäume gepflanzt oder andere klimafreundliche Projekte unterstützt werden, um Emissionen zu binden oder zu reduzieren. "Statt von CO2-neutral spreche ich deshalb lieber von klimaneutralisiert", sagt Prof. Matthias Finkbeiner, der an der Technischen Universität Berlin das Fachgebiet Technischer Umweltschutz leitet. "Klimaneutral impliziert ja, dass ich dem Klima nichts Böses tue. Und so ist es natürlich nicht. Auch durch den Konsum eines klimaneutralen Produkts trage ich zu CO2-Emissionen bei – selbst wenn ich diese vielleicht an anderer Stelle wieder einspare."

Welche Möglichkeiten gibt es, Emissionen zu kompensieren?

Eine Menge! Allein der von Initiativen wie dem World Wildlife Fund (WWF) zur Zertifizierung gegründete "Gold Standard" umfasst inzwischen mehr als 1700 Projekte in über 80 Ländern. Die Ansätze reichen vom Klassiker "Aufforstung des Regenwalds" (weil Bäume während ihrer Wachstumsphase CO2 binden) bis zur Verteilung von klimafreundlicheren Kochöfen in Peru. Aber Vorsicht: Einige Unternehmen nutzen das Kompensieren zum Greenwashing. Heißt: Sie bewerben ihre Produkte mit der CO2-Neutralität, erreichen diese aber nur, indem sie Geld an Kompensationsanbieter überweisen. Der erste Schritt sollte aber sein, die eigene Emissionsrate zu senken. Denn so gut die Entwicklungshilfe- und Baumpflanzprojekte klingen mögen: Damit allein lässt sich das Klimaproblem nicht lösen. "Würde man die gesamte Fläche der Vereinigten Staaten mit Wald aufforsten, könnte man den globalen CO2-Ausstoß nur um etwa 25 Prozent senken", so Dr. Josef Aschbacher, Direktor für Erdbeobachtung bei der Europäischen Weltraumorganisation ESA.

Wo fallen eigentlich die meisten CO2-Emissionen bei Shampoos und Co. an?

Wie gut oder schlecht die CO2-Bilanz einer Creme ausfällt, hängt nur zu einem kleinen Teil von ihrer eigentlichen Herstellung ab, also dem Zusammenrühren und Abfüllen der einzelnen Bestandteile. "Der größte Teil des CO2-Fußabdrucks steckt in den Inhaltsstoffen, die der Hersteller einkauft. Wir nennen das die Vorkette", erklärt Finkbeiner. Krass: In der Klimabilanz eines Unternehmens muss diese aber nicht unbedingt auftauchen (Greenwashing-Alert!). Achtung, jetzt wird’s kompliziert, aber auch spannend: Welche Emissionen dort berücksichtigt wurden, hängt vom Grad der sogenannten "Scopes" ab. Bei "Scope eins" werden nur die unternehmenseigenen Emissionen betrachtet. "Scope zwei" bezieht auch externe Energiequellen mit ein, also etwa genutzten Strom. Erst bei "Scope drei" werden alle angefallenen Emissionen außerhalb des Unternehmens berücksichtigt, zum Beispiel auch der Ausstoß externer Zulieferer. "Wenn ein Unternehmen diese nicht in seine Bilanzierung aufnimmt, also kein Scope drei, ist das sehr schwach", sagt Matthias Finkbeiner, der mit seinem Team CO2-Bilanzen erstellt.

Für die Verbraucher*innen ist das alles leider sehr aufwendig herauszufinden: Ob ein Unternehmen die Vorkette mit einbezieht, könnt ihr bestenfalls auf der Website nachlesen – und die, die es gut machen, mit eurem Kauf belohnen. Auch hier wäre eine Art CO2-Kennzeichnung auf Produkten – noch besser: eine Kennzeichnung als "CO2-neutralisiert" von einer unabhängigen Institution – vermutlich deutlich hilfreicher. Außerdem entscheidend für die Klimabilanz: wie das Produkt benutzt wird (fällt auch unter Scope drei). Das sorgt bei Duschgels und Shampoos für Minuspunkte, weil sie meist mit warmem Wasser verwendet werden – was ja noch mehr CO2 verbraucht. Bei Procter & Gamble zum Beispiel, wozu auch Head & Shoulders und Pantene gehören, macht die Verwendung der Produkte daher 85 Prozent der Scope-drei-Emissionen aus.

Und welche Rolle spielt die Verpackung?

Bei Kosmetik eine große! Entscheidend sind nämlich Mengen- und Gewichtsverhältnis von Verpackung und Produkt – je weniger Inhalt drinsteckt, desto relevanter wird also die Hülle. Klar, dass schwere Parfümflakons da negativ in die Klimabilanz einzahlen, weil: wenig Inhalt in Relation zu viel Verpackungsmüll. Und: "Ein weiterer Extremfall sind Wassersprüher", sagt Experte Prof. Finkbeiner. "Der Aufwand für Wasser ist in der Herstellung extrem gering, der für eine Aludose dagegen relativ groß. Deshalb dominiert die Verpackung hier ganz klar die Umweltbilanz." Ebenfalls wichtig für die Bewertung: ob sich das Drumherum recyceln lässt und ob es aus wiederverwertetem Material besteht. Wenn ja, gibt das Pluspunkte. Das gilt auch für Nachfülllösungen.

Wo können Unternehmen sonst noch CO2 reduzieren?

Klar, in den Fabriken auf nicht fossile Stromquellen zu setzen, ist ein wichtiger Schritt. Und auch der Lebenszyklus eines Produkts vom Kauf der Rohstoffe bis zum Entsorgen der Verpackung bietet zahlreiche Ansatzpunkte, um den CO2-Ausstoß zu verringern. So setzt das Kosmetikunternehmen Annemarie Börlind in seiner Pflege nicht nur deshalb auf Jojoba, weil es so viel Feuchtigkeit spendet – die Pflanzen haben auch die Fähigkeit, sehr gut CO2 zu binden. Lush wiederum hat einen Seifenhalter aus Kork auf den Markt gebracht. Die Eichen, aus deren Rinde er gemacht wird, absorbieren das Gas, wie übrigens auch der Kork selbst. Weitere wichtige Stellschrauben für die Ökobilanz: die Effektivität der Lieferketten und die Transportmittel. Das Frachtschiff hat hier klar die Nase vorn vorm Flugzeug, aufgrund der Mengen, die es transportieren kann.

Ist CO2-Neutralität ohne Kompensation überhaupt möglich?

Ein klares Nein – ein Rest an Emissionen bleibt leider immer.

Bringt es dann überhaupt was, wenn ich CO2-neutrale Produkte kaufe?

Unbedingt! Weil wir als Konsument*innen Einfluss haben. Vor allem den wichtigen Punkt Verwendung (Scope drei) – also etwa, wie lange und wie heiß geduscht wird – bestimmen wir alle selbst. Leider gibt es bisher kein unabhängiges Siegel, das auf einen Blick zeigt, dass ein Produkt wirklich möglichst klimaschonend hergestellt wurde. Hier sind die Politiker*innen und Wirtschaftsunternehmen und -verbände am Zug, für die Verbraucher*innen Klarheit zu schaffen.

Hast du Lust, mehr zum Thema zu lesen und dich mit anderen Frauen darüber auszutauschen? Dann schau im "Wissenschaft und Umweltschutz-Forum" der BRIGITTE-Community vorbei!

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