VG-Wort Pixel

Mai Thi Nguyen-Kim Blaming ist unser größtes Problem

Mai Thi Nguyen-Kim: eine junge Frau sitzt in einem gelben Stuhl
© STAR-MEDIA / imago images
Blaming ist laut Youtuberin und Wissenschaftsjournalistin Mai Thi Nguyen-Kim unsere größte Hürde bei der Klimakrise. Wie kommen wir da raus?

Brigitte be Green: Du erklärst uns auf Youtube seit Jahren unermüdlich die Pandemie, die Wissenschaft, die Klimakrise. Und wir denken seit Jahren so: Wie sollen wir das bloß alles schaffen?

Mai Thi Nguyen-Kim: Wir sollten gerade nicht zu streng mit uns sein. Wir harren aus, mit viel Belastung – und das Licht am Ende des Corona-Tunnels ist ein Leben wie vorher oder schlechter. Das ist bei der Klimakrise zum Glück total anders: Hier ist die Aussicht nicht das Zurückkehren in eine Normalität, sondern das Schaffen einer neuen. Eine Revolution hin zu einem besseren Leben. Die Vision von grünen Städten, guter Luft, weniger Konflikten über Ressourcen und Flüchtlingsströme ist die einer lebenswerteren Welt. Das dürfen wir nicht aus den Augen verlieren. Deshalb lohnt sich die Anstrengung, die wir jetzt am Anfang investieren müssen.

Können wir von Corona was fürs Klima lernen?

Bei beiden Krisen erleben wir, was man die Tragödie des Gemeinguts nennt. Ein Beispiel: In einem Dorf gibt es einen Teich mit Kabeljau. Es ist genug für alle da – solange jeder nicht mehr als zwei Tiere pro Woche fischt. Sobald jemand gierig ist und sich mehr Fische holt, beginnt die Tragödie des Gemeinguts. Dann sagen andere: Wenn eine:r sich fünf Fische holt, hole ich mir auch fünf. Irgendwann machen alle mit und sagen: Ich bin doch nicht doof und gehe am Ende als Einzige:r leer aus. Man muss also gar nicht von Vorneherein ein egoistischer Mensch sein – egoistische Verhaltensweisen sind gewissermaßen ansteckend. Am Ende brechen die Kabeljaubstände zusammen, und alle gehen leer aus. Das ist tragisch, weil eigentlich alle profitieren könnten. Es ist die Aufgabe der Politik, diese Tragödie zu durchbrechen, ansonsten zeigen wir alle nur mit dem Finger aufeinander.

So wie die, die sagen: Warum sollen wir was gegen den Klimawandel tun und uns einschränken, solange China noch Unmengen CO2 in die Luft ballert?

Dieses China-Blaming ist Quatsch. Viele deutsche Firmen haben Standorte in China oder anderen Ländern, wo man günstig herstellen kann, und produzieren dort viel CO2. Und wir konsumieren hier sehr viele Güter, die dort hergestellt wurden.

Zeigen wir mit dem Finger auf andere, um uns selbst besser zu fühlen und uns nicht verändern zu müssen?

Ja, und zwar auch im Kleinen: Luisa Neubauer zum Beispiel darf nirgendwo hinfliegen, Christian Lindner aber schon. Das ist doch unlogisch: Dem Klima ist es ja völlig egal, wer da im Flugzeug sitzt! Aber wir sind am härtesten mit denen, die bereits CO2 sparen. Von ihnen verlangen wir absolute Perfektion. Dieses Verhalten ist in meinen Augen die größte Hürde bei der Überwindung der Klimakrise. Solange wir mit dem Finger aufeinander zeigen, geben wir nämlich der Politik folgendes Zeichen: Wir als Individualpersonen sind verantwortlich für die Klimakrise. So kann sich die Politik zurücklehnen und muss sich nicht kümmern.

Wie können wir den Fingerzeig umkehren?

Statt "Boah, die ist Veganerin, aber sie fliegt nach Bali", könnten wir sagen: "Guck mal, die fliegt nach Bali, aber wenigstens ist sie Veganerin." Wenn jemand einen SUV fährt, in den Urlaub nach Thailand fliegt, aber grün wählt, dann sagen wir: "Was ist das denn für ein Heuchler!" Wählt der aber die CDU, regen wir uns weniger auf. Dabei ist genau diese Denke falsch. Denn was die Person individuell macht, hat weniger Einfluss aufs Klima, als was sie wählt, weil allein die Politik die Macht hat, echte Veränderung zu bewegen. Solange wir das nicht schnallen, werden wir nicht genug Druck ausüben.

Macht dir das Sorgen?

Und wie, denn ohne politische Maßnahmen werden die, die am meisten machen, irgendwann demotiviert sein: Weil es immer jemanden geben wird, der umweltschädlich handelt – und da setzt wieder die Tragödie des Gemeinguts ein. Dann werden auch die Engagierten sagen: Warum bin ich eigentlich so blöd und mache das alles noch? Deswegen brauchen wir unbedingt politische Vorgaben. Das ist übrigens auch wissenschaftlicher Konsens. Wenn man Forscher:innen fragt, was kann man jetzt noch tun, sagen die: Wir haben an Technologien gearbeitet, wir sind gut gerüstet, um die Energiewende zu schaffen. Alles, was es jetzt noch braucht, sind politische Maßnahmen wie eine höhere CO2-Bepreisung und Subventionen für grüne Technologien. Dann kann man sagen: Flieg doch in den Urlaub, fahr deinen SUV, aber zahl halt dafür.

Benachteiligt das nicht wieder diejenigen, die eh schon viel zu wenig haben?

Viele haben zurecht Angst, dass nach Corona auch die Klimakrise vor allem die sozial Schwächeren trifft. Die Klimawende muss daher sozial gerecht gestaltet werden – und das geht! Zum Beispiel, indem man eine Klimadividende auszahlt. Heißt: Ich mache CO2 zwar teurer, teile aber die Einnahmen gleichmäßig auf und zahle sie wieder an alle zurück. So bekommt man umso mehr, je weniger Einkommen man hat.

Wir wissen, die Klimakrise ist da, wir haben nicht mehr viel Zeit. Warum tun wir trotzdem nicht, was richtig ist?

Weil es so irre anstrengend ist. CO2 ist eine Sucht. Konsum bedeutet für uns Lebensqualität. Fliegen, Fleisch, Autos – fast jede:r hat eine Schwäche, die nicht nachhaltig ist. Das zu ändern, kostet viel Kraft.

Was ist deine Schwäche?

Ich bin ein Klamottenjunkie. Klar weiß ich: Fast Fashion ist umweltschädlich, unfair, unsozial. Trotzdem ist es so schön, coole Klamotten zu kaufen! Durch die Geburt meiner Tochter und Corona war ich in den letzten beiden Jahren kaum in Läden und habe gemerkt, ich vermisse nichts. Das erhoffe ich mir übrigens auch von Maßnahmen und Verboten: Dass wir verstehen, dass das, was wir bislang als Lebensqualität verstanden haben, gar keine ist. Es geht dabei nicht um radikale Einschnitte. Grundsätzlich sollten wir alle gucken, dass jede:r so viel macht wie möglich, und uns gegenseitig unterstützen, unser Verhalten zu ändern statt uns runterzumachen.

Inzwischen kennen wir alle Menschen, die die Faktenlage anzweifeln. Wie gehst du damit um, wenn es Leute sind, die du gut kennst?

Wenn jemand, der mir wirklich am Herzen liegt, plötzlich falsche Informationen verbreitet, dann ist das auf emotionaler Ebene schlimm. Was mir hilft, ist mein Vertrauen in diese Verbindung. Ich versuche, den Menschen zu sehen und ihn nicht aufzugeben. Und ihn mit fundierten Argumenten zu überzeugen.

Aber Argumente bringen doch nichts, oder?

Man pflanzt einen Samen. Wir dürfen gerade jetzt, wo alternative Fakten sich verbreiten und Menschen in der Klimadebatte die Konsequenzen ihres Handelns kleinreden, nicht aufhören, zu diskutieren und für die Wahrheit einzustehen. Wir haben ein Recht auf verlässliche Fakten. Frei entscheiden kann ich mich erst, wenn ich ernsthaft gut informiert bin.

Dr. Mai Thi Nguyen-Kim

Warum man sie kennen sollte:

Weil die 34-jährige Chemikerin auf ihrem Youtube-Kanal "maiLab" Wissenschaft so großartig erklärt, dass man sie nicht nur versteht, sondern auch drüber lachen kann.

Green Hack:

"Unser Leitungswasser ist das am strengsten kontrollierte Lebensmittel in Deutschland. Es zu trinken, spart gleich dreifach: Geld, CO2 und beim Schleppen."

Öko-Struggle:

"Fliegen! Ich reise wahnsinnig gern, es hat einen großen kulturellen Mehrwert, erweitert den Horizont. Aber muss das mehrmals im Jahr sein? Nein."

Ihr Buch:

"Die kleinste gemeinsame Wirklichkeit" (361 S., 20 Euro, Droemer)

Ein Instaview

Hey, Mai Thi, kannst Du fragen auch nur mit einem Bild beantworten?

Frage 1

Weswegen bist du das letzte Mal richtig sauer geworden?

Frage 2

Was machst du, wenn dir alles zu viel wird?

Frage 3

Dein Haus verlässt du niemals ohne ...?

Mai Thi Nguyen-Kim: zwei türkise Zahnseidebehälter vor lila Hintergrund
© Nataliia Karabin / Shutterstock

Frage 4

Was weiß deine Community nicht über dich?

Nicht gecheckt? Macht nix!

Antwort 1: Beim Fernsehen. Ständig werden Fakten debattiert, als seien sie Meinungen, das bringt mich auf die Palme.

Antwort 2: Handy weg, etwas für die Familie kochen und kuscheln!

Antwort 3: Zahnseide.

Antwort 4: Dass ich noch nie beim Friseur war.

@maithink

youtube.com/mailab

In BE GREEN, dem Nachhaltigkeitsmagazin von BRIGITTE, lest ihr Tipps, Tricks und spannende Geschichten rings um ein schönes grüneres Leben

Brigitte


Mehr zum Thema