Montenegro: Urlaub im Outdoor-Himmel

Ein entlegenes Camp im Osten Montenegros. Und jede Menge unberührte Natur. Wer in diese einsame Gegend reist, wird einen Schatz vorfinden.

Wenn ich mich richtig erholen möchte, muss ich raus: in die Natur, weit weg von Lärm, Verkehr und Menschenmassen, und am allerliebsten in die Berge. Als mir eine Kollegin von Montenegro erzählte, dachte ich daher gleich: Da will ich hin! Der Mini-Staat auf dem Balkan wird noch als Geheimtipp gehandelt, weil total unberührt, sehr günstig und – das Wichtigste: Man kann ihn auch mit Zug oder Auto erreichen. Und das ist, wenn man nachhaltig reisen möchte, natürlich ein Pluspunkt.

Als ich ein paar Wochen später am Ufer der Tara stehe, diesem knallig türkisfarbenen Fluss an der montenegrinischen Grenze zu Bosnien-Herzegowina, kann ich kaum glauben, wie einsam es hier ist. Um mich herum nur Fluss, Grün und Berge! Ich wohne in einem entlegenen Öko-Camp, von denen es hier mehrere gibt. Meins heißt "Grab Ethno Village and Camp" und besteht aus vielen kleinen Hütten, einem riesigen Zeltplatz und einem offenen Restaurantbereich mit Bar und Terrasse. Die Bäume für die Anlage hat die Besitzerfamilie Vujanovic selbst gefällt und daraus die kleinen Holzhäuschen gebaut.

Ich und mein Holz: Das Material für die Hütten stammt aus dem Wald dahinter.

Der nächste Ort ist 40 Minuten mit dem Auto entfernt, dabei ist Montenegro insgesamt nur fast so groß wie Schleswig-Holstein. Und während an der etwa 80 Kilometer entfernten Adriaküste wahrscheinlich die Touristen wie die Ölsardinen in der Dose nebeneinanderliegen, sind neben mir die einzigen anderen Gäste ein junges Paar aus Belgien, ein Argentinier auf Dauerweltreise und eine einheimische Fernsehjournalistin auf Urlaub.

Der Nationalpark Durmitor

Tagsüber geht hier jeder seinen Aktivitäten nach. Ich brauche erst mal Ruhe und wandere allein mit meinem Rucksack los. Direkt vom Camp kann man starten, es geht gleich richtig steil bergauf. Aber die Strapaze lohnt sich: Nach drei Stunden erreiche ich eine Anhöhe mit großartiger Aussicht. Weit hinten liegen die schneebedeckten Berge des Nationalparks Durmitor. Es ist unglaublich, wie allein man hier ist und alle im Einklang mit der Natur leben! Bei der achtstündigen Wanderung treffe ich nur eine einzige Bäuerin, die mir Wasser aus ihrem Brunnen anbietet. Ansonsten: keine Menschen weit und breit. Ich hatte keine Ahnung, dass es das noch gibt, mitten in Europa.

Allein, allein: In Montenegro kann man stundenlang wandern, ohne jemanden zu treffen.

Abends kocht Veljko Vujanovic, der mit Tochter Anna und Sohn Dimitri das Camp aufgebaut hat und ein ganz fantastischer Koch ist, köstliche, vegetarisch gefüllte Zucchini für mich. Überhaupt ist das Essen im Camp ein kleiner Traum: Viele Zutaten kommen von den Bauern aus der Gegend, Milch, Käse, Gemüse, Rindfleisch. Ich sitze im Dämmerlicht auf der Holzterrasse am Fluss, genieße die friedliche Stimmung und den Blick auf das Lagerfeuer.

So viel zu entdecken...

Was mich richtig begeistert: Jeder kann hier selbst entscheiden, wie viel Aktivität und Abwechslung er braucht. Nach dem einsamen Wandern wünsche ich mir zum Beispiel eine Prise Abenteuer und buche eine Raftingtour. Mit einem riesigen Schlauchboot paddeln wir durch die Stromschnellen, immer schneller und schneller. Wie das schockt! Zwischendurch legen wir eine Picknickpause am Ufer ein, direkt bei einem mindestens fünf Meter hohen Felsen. "Ihr könnt da gern runterspringen, das Wasser ist tief genug", sagt unser Guide. Ich überlege kurz: Wer will denn schon von einem so hohen Felsen ins Unbekannte springen? Aber dann klettere ich einfach hoch und stürze mich glücklich ins Wasser.

In der Natur zu sein schafft Raum zum Nichtstun. Ich merke, dass ich es gut aushalten kann, eine Stunde lang auf den Fluss zu starren, ohne mich dabei zu langweilen. Ernsthaft. Oder auf der gemütlichen Schaukel im Camp zu liegen und ein Buch zu lesen. Dann wieder nehme ich mir ein Mountainbike und radele durch die Berge. Oder buche eine Klettertour. Mir gefällt diese Freiheit, nichts zu müssen und alles zu können, diese Mischung aus ständiger An- und Entspannung. Ich habe mich lange nicht so gut gefühlt, so voller Energie. Allein zu verreisen fühlt sich hier nie einsam an.

Weiter! Mit dem Mountainbike geht's über jeden Berg.

Mir gefällt die Freiheit, nichts zu müssen und alles zu können.

Am letzten Morgen jogge ich noch mal über die Trails in den Bergen und über Wiesen mit hüfthohem Gras, bis ich richtig erschöpft bin. Danach gehe ich runter zum Fluss, mit einem Kaffee in der Hand. Die Tara rauscht vorbei, die Luft riecht nach Morgen und Neuanfang. Besser kann ein Tag gar nicht starten. Und ich denke: In der Natur findet jeder genau das, was er zum Glücklichsein braucht.

Montenegro

Der Balkanstaat zieht sich südlich von Kroatien und Bosnien von der Adria bis ins bergige Hinterland. Unbedingt hinfahren, weil: Monte­negro hat einen der letzten Urwälder zu bieten und die tiefste Schlucht Europas. Die Landeswährung ist der Euro. Für die Einreise einen Reisepass einpacken!

Das Camp

Der ideale Ausgangspunkt für ein nachhaltiges Outdoor-Abenteuer in Montenegro sind feste Camps (Etno Selos) – kleine Holzhüttensiedlungen in der Natur. Die Hütten sind schlicht, aber gemütlich. Die Autorin war im "Grab Ethno Village and Camp" an der bosnischen Grenze, eine Hütte für 2–3 Personen kostet hier 45 Euro pro Nacht, ein Zeltplatz etwa zehn Euro (tara-grab.com). Das Essen ist meist regional und super lecker (Mittagsmenü ca. zehn Euro).­ Die Campleiter organisieren auf Wunsch gern Aktivitäten wie Rafting, Klettern, Wandern, Biken und Canyoning.

Anreise

Bus: von Frankfurt/Main über München nach Podgorica (croatiabus.hr). Von Tür zu Tür: ca. 26 Stunden CO2-Menge: ca. 90 Kilogramm* Kosten: ab 80 Euro.

Flugzeug: Montenegro Airlines fliegt direkt ab Frankfurt/Main (montenegroairlines.com) nach Podgorica. Von Tür zu Tür: etwa fünf Stunden CO2-Menge: ca. 560 Kilogramm* Kosten: rund 300 Euro.

Zug: mit der Deutschen Bahn (bahn.de) von Frankfurt/Main über Budapest bis Podgorica. Von Tür zu Tür: ca. 32 Stunden CO2-Menge: ca. 100 Kilogramm* Kosten: rund 600 Euro.

Auto: knapp 1400 Kilometer sind es von Frankfurt/Main bis ins "Grab Ethno". Von Tür zu Tür: ca. 15 Stunden CO2-Menge: ca. 390 Kilogramm* Kosten: rund 400 Euro.

Weiterfahrt zum Camp: "Grab Ethno Village and Camp" ist von Podgorica etwa drei Stunden mit dem Auto entfernt; wenn man den Transfer über das Camp organisiert, kosten Hin- und Rückfahrt ca. 220 Euro

*Quelle der Berechnung: Umweltbundesamt; Strecke: ca. 1400 Kilometer von Frankfurt/Main ins "Grab Ethno Village and Camp".

Nachhaltig reisen – so geht’s:

  • Ein Muss: ökologisch anreisen! Für Montenegro ist z. B. der Bus am "grünsten".
  • Bei Flugreisen gilt: Ist das Urlaubsziel zwischen 1500 und 3500 Kilometern entfernt, sollte der Aufenthalt mindestens eine Woche betragen, auf der Langstrecke mindestens zwei Wochen, so der Verband "Forum anders reisen". Unter 1500 Kilometern: am besten Bus oder Bahn nehmen.
  • Wenn schon fliegen, dann bitte die entstehenden CO2-Emissionen kompensieren (über atmosfair.de, myclimate.org, klima-kollekte.de, primaklima.org). Das geht übrigens auch mit Kreuzfahrten.
  • Ohne Auto in den Urlaub? Hier braucht man keins: Die "Alpine Pearls" sind 23 Urlaubsorte in Deutschland, Frankreich, Italien, Österreich, der Schweiz und Slowenien, die ihren Gästen ein CO2-freies Fortbewegungsangebot anbieten (alpine-pearls.com).
  • Weniger einpacken, um Emissionen zu sparen: Laut dem Schweizer Bundesamt für Zivilluftfahrt stößt ein Flugzeug pro Kilogramm Gepäck auf 100 Kilometern 80 Gramm CO2 aus.
  • Nachhaltige Hotels sparen Energie, haben Ökostrom, trennen Müll und setzen auf regionale Küche und die Verwendung von Bioprodukten. Viele haben ein Öko-Siegel (einen Überblick gibt z.B. das Portal fairunterwegs.org).
  • Grundsätzlich lieber kleine, inhabergeführte Unterkünfte wählen. Wer sich in einer All-inklusive-Anlage einquartiert, sollte sein Geld nicht nur dort ausgeben, sondern Ausflüge machen, um die lokalen Unternehmen zu unterstützen (tourism-watch.de).
  • Handtücher und Bettwäsche die ganze Urlaubszeit nutzen; eigenes Shampoo mitnehmen, um nicht jeden Tag eine neue Tube anzubrechen. Beim Verlassen des Hotelzimmers Klimaanlage und Licht ausstellen.
  • Reiseunterlagen, Karten und Reiseführer digital mitnehmen. Leere Batterien in Deutschland entsorgen, wenn’s im Urlaubsland keinen Sondermüll gibt.
  • 130 nachhaltige Reiseanbieter haben sich im Verband "Forum anders Reisen" organisiert (forumandersreisen.de). Vorteil: Jedes Mitglied wird nach ökologischen und sozialen Faktoren begutachtet.

Hast du Lust, mehr zum Thema zu lesen und dich mit anderen Frauen darüber auszutauschen? Dann schau im „Reise-Forum"  der BRIGITTE-Community vorbei!

In BE GREEN, dem neuen Nachhaltigkeitsmagazin von BRIGITTE, lest ihr das exklusive Interview mit Greenfluencerin DariaDaria, in dem sie fordert: "Wir müssen Zeit neu definieren!"

BRIGITTE BE GREEN 1/2019

Wer hier schreibt:

Daniela Stohn
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