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Mückensterben So dramatisch ist es

Mückensterben: Mücke auf einem Blatt
© Achkin / Shutterstock
Wenn am anderen Ende der Welt eine Tierart verschwindet – wie stark merken wir das hier bei uns? Sehr! Die Wissenschaftlerinnen Frauke Fischer und Hilke Oberhansberg erklären, warum. 

BRIGITTE: Bisher war doch die Biene das Symbol für Artenschutz. Warum haben Sie sich in Ihrem Buch "Was hat die Mücke je für uns getan?" jetzt ausgerechnet für dieses unbeliebte Tier entschieden?

Frauke Fischer: Bei Mücken ist der Zusammenhang zu unserem Leben schön anschaulich zu zeigen: Mücken sind die einzigen Bestäuber von Kakao. Ohne Mücke gäbe es für uns alle keine Schokolade mehr.

Okay, überzeugt ...

Hilke Oberhansberg: Und das ist nicht alles. Um die Wichtigkeit einer Art zu sehen, muss man das komplexe Netz des Lebens – unser World Wide Web of Life – betrachten, das mit dem Tier zusammenhängt. Mücken sind auch Nahrung für Singvögel. Singvögel sind wichtig für die menschliche Psyche, sie senken den Stresspegel, der wiederum Einfluss auf Herz-Kreislauf-Erkrankungen hat. Am Erhalt einer Art hängen einfach ganze Ökosysteme und unser eigenes Überleben – darum geht‘s.

Wie viele Tier- und Pflanzenarten gibt es denn aktuell? Und wie viele sind schon ausgestorben?

Fischer: Es ist doch verrückt, wie wenig Ahnung wir bis dato über komplette Ökosysteme und deren Leistung haben. Wir Menschen wissen tatsächlich nicht, wie viele Tier- und Pflanzenarten es auf der Erde gibt. Vielleicht sind es neun oder 15 Millionen. Vielleicht sogar zehn Billionen.

Warum ist das so?

Fischer: Wenn man Kinder fragt, was sie später werden wollen, sagen sie eher Pilot:in oder Fußballstar als Spezialist:in für Ameisen. Im Bereich Artenkenntnis wird heute nur noch sehr begrenzt ausgebildet. Mit jedem, der aus dieser Berufsgruppe stirbt, verliert man in der Regel auch viel Wissen. Das ist wie eine Bibliothek, die abbrennt. Außerdem leben viele Tier- und Pflanzenarten in Ökosystemen, wo es kaum Menschen gibt – zum Beispiel in der Tiefsee oder in Regenwäldern.

Und auch wenn wir dort nicht leben, zerstören wir sie bereits?

Oberhansberg: Genau. Schadstoffe von Outdoor-Textilien finden sich heute zum Beispiel in sehr entlegenen Bergregionen, in der Luft und im Abwasser. Das muss man sich mal vorstellen! Vergiftetes Wasser, vergiftete Luft, vergiftete Böden. Menschen sorgen dafür, dass wir im Schnitt pro Stunde ein bis zwei Arten verlieren – die wir größtenteils noch gar nicht kennen.

Aber warum ist das ganz konkret schlimm für mich, wenn ein Tier, das ich nicht kenne, am anderen Ende der Welt stirbt?

Fischer: Der gefährdete Seeotter ist ein gutes Beispiel: Seeotter fressen Seeigel. Das ist wichtig, weil Seeigel sonst den Seetang unter Wasser vernichten würden. Seetang aber ist wichtig, es gibt ganze Unterwasser-Tangwälder vor den Küsten Nordamerikas und die binden unfassbar viel CO2. Heißt: Wenn der Seeotter stirbt, macht das die Welt nicht nur ärmer, es vergrößert auch das CO2-Problem.

Oberhansberg: Ein anderes Beispiel sind Wälder im Kongo, die Tiere und Pflanzen sind dort in gesunden Ökosystemen miteinander verbunden. Und mit all dieser Vielfalt stabilisiert der Regenwald unser Klima, auch hier in Deutschland, indem auch er große Mengen CO2 bindet. Je weniger Regenwald, desto schneller erhitzt sich die Erde, desto mehr Extremwetter gibt es. Wenn in Deutschland also in Zukunft nicht Autos und Häuser weggespült werden sollen, müssen wir alle ein Interesse daran haben, dass der Kongo nicht weiter entwaldet wird!

Zurück nach Deutschland: Wo machen wir hier die größten Fehler in Richtung Biodiversität?

Oberhansberg: Die industrielle Landwirtschaft zerstört mit ihren schweren Maschinen, Pestiziden und Düngemitteln die Biodiversität. Dies wiederum hat zur Folge, dass komplette Ökosysteme wie unsere Böden in Gefahr sind.

Das heißt konkret?

Fischer: Böden erbringen eine einzigartige Ökosystemleistung. Die gesamte Ernährung der Menschheit, abgesehen von Meeresfisch, basiert auf der Leistung fruchtbarer Böden: Getreide, Mais, Reis. Aktuell verlieren wir aber auf der Welt fast 3,5 Tonnen fruchtbaren Boden im Jahr pro Mensch. Gleichzeitig sind wir selbst nicht in der Lage, fruchtbare Böden herzustellen. Das ist also ein Riesenproblem. Wir merken es im Alltag oft nicht, aber wir bezahlen alle schon jetzt für diese Zerstörung.

Wie meinen Sie das?

Fischer: Je weniger Insekten wir durch den Einsatz von Pestiziden haben, desto weniger Obst wird bestäubt. Die Ernteerträge sinken, in Folge wird selbiges Obst und zum Beispiel Marmelade teurer.

Ja, das macht es weniger abstrakt.

Fischer: Es gibt auch emotionale Gründe, Biodiversität zu erhalten. Wenn der Mensch wählen kann, würde jeder lieber in der Natur als in der Mitte eines Autobahnkreuzes stehen. Und wenn wir es von der ethischen Seite betrachten: Gibt es ein Recht darauf, alles zu zerstören, was einem im ersten Moment nicht nützlich erscheint? Wohl nicht.

Was kann jede:r Einzelne von uns ganz konkret tun, um dem allem vorzubeugen? Bio kaufen, weniger Fleisch essen – schon klar. Was noch?

Fischer: Sich fragen, welche Bank Ihr Geld bekommt. Konventionelle Banken investieren oft in umweltschädliche Projekte. Pflanzen Sie wilde, insektenfreundliche Gärten, keine nackten Rasenflächen, und bauen Sie Vogelhäuschen – und zwar nicht nur im Winter.

Haben hier die Kosument:innen den größeren Hebel oder doch die Politik?

Oberhansberg: Wir sind alle gefragt. Aber Industrie und Politik haben schon die größere Wirkung. Sobald wir Ökosystemleistungen besser beziffern können, also sie mit einem konkreten Wert versehen, werden sie politische und ökonomische Entscheidungen beeinflussen.

Denken Sie, dass das langfristig unsere Gesellschaft verändern würde?

Fischer: Es gibt eine große gesellschaftliche Akzeptanz für das Gute. Es ist sehr wahrscheinlich, dass Dinge wie Vandalismus oder Aggression in den Städten zurückgingen, wenn diese menschen- und naturfreundlicher wären. So eine Umwandlung erhöht ja unsere Lebensqualität. Wir müssen die Trennung von Mensch und Natur wieder aufheben. Biodiversität bestimmt die Lebensqualität jedes einzelnen.

Mückensterben: Buchcover "Was hat die Mücke je für uns getan?"
Biologin Frauke Fischer (l.) und Wirtschaftswissenschaftlerin Hilke Oberhansberg stellen beim Artensterben erschreckend eindrucksvoll immer wieder den Bezug zu unserem Alltag her: "Was hat die Mücke je für uns getan?" (224 S., 20 Euro, oekom).
© PR

In BE GREEN, dem Nachhaltigkeitsmagazin von BRIGITTE, lest ihr Tipps, Tricks und spannende Geschichten rings um ein schönes grüneres Leben

BE GREEN 01/2021

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