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Ökologischer Fußabdruck Gibts auch im Netz!

Ökologischer Fußabdruck: Frau mit Handy in der Hand
© leungchopan / Shutterstock
Und plötzlich macht es klick: Die Künstlerin und Tech-Aktivistin Joana Moll visualisiert den ökologischen Fußabdruck unserer Netz-Aktivitäten – von Suchmaschinen-Anfragen bis zu Online-Bestellungen.

8724 DIN-A4-Seiten voller Programmiertext: Das alles läuft im Hintergrund von einer einzigen Buchbestellung bei Amazon ab, wie Sie in Ihrem Projekt "The Hidden Life of an Amazon User" zeigen…

JOANA MOLL: Ja, hinter der Benutzeroberfläche ist wahnsinnig viel los. Da laufen massive Mengen an Codes und technischen Prozessen ab. Mit meiner Installation möchte ich visualisieren, wie viele Daten mit wenigen Klicks erzeugt und für spätere Kaufanreize von den Firmen gespeichert werden. Und wie viel Geld diese Unternehmen mit unseren ganzen privaten Nutzeraktivitäten verdienen. Man könnte sagen: Datensammeln in Rechenzentren ist das Hauptgeschäft des Internets.

Warum emittieren diese Rechenzentren so viel CO2?

Weil sie die Unmengen an Servern, die darin untergebracht sind, ständig runterkühlen müssen. Und da hört es ja nicht auf, es sind Kabel, Schalter, Router, Switche, Chips, Sensoren, Leuchten, allerlei Metalle darin verbaut. Dann kommt noch die digitale Nutzung jedes einzelnen Users auf der Welt mit in die Rechnung und deren Endgeräte, Handys, Tablets, Laptops, Fernseher, Smart Watches, Smart Homes, Clouds, alles ist mit allem verbunden. Und das ist ja nur unser privater Verbrauch! Das Internet ist die größte jemals gebaute Infrastruktur der Welt – und obwohl deren Betreiben unsichtbar wirkt, sind es die Umweltauswirkungen nicht.

Kann man das so runterbrechen: Je mehr wir klicken, desto mehr Emissionen stoßen wir aus?

Die genauen Berechnungen sind natürlich sehr individuell, aber man kann schon sagen: Je mehr wir uns durchs Netz navigieren, desto mehr CO2 produzieren wir. Um die Verarbeitung einer Sekunde weltweiter Google-Suchan­fragen zu kompensieren, müssten 23 Bäume gepflanzt werden – das habe ich bei meinem netzbasierten Projekt "CO2GLE" dokumentiert.

Bäume pflanzen für Suchanfragen: Die grüne Suchmaschine Ecosia hat diese Idee in die Tat umgesetzt.

Die Absichten solcher Initiativen sind ja grundsätzlich gut. Aber was sich theoretisch gut anhört, folgt praktisch wieder dieser Rhetorik des weißen Mannes: Wir hier im globalen Norden machen so weiter wie bisher, Business as usual, und der globale Süden regelt das für uns, indem wir in Sri Lanka ein paar Bäume pflanzen lassen. Das ist eine typische, postkolonialistische Heran­gehensweise, aber löst in keiner Weise das Problem. Dafür müssen echte Diskussionen auf den Tisch: Was muss die Politik dafür tun, dass Unternehmen auf Kosten der Umwelt weniger Daten produzieren? Wie kann man Firmen dazu verpflichten, nachhaltigere Benutzeroberflächen zu programmieren und die Serverfarmen klimafreundlicher zu gestalten?

Was fasziniert Sie als Künstlerin, Aktivistin und Nutzerin am Internet?

Wir benutzen die Technologie quasi minütlich, sind ständig online, ob privat oder bei der Arbeit. Und obwohl es massive Auswirkungen auf unser Leben hat – politisch, ökologisch, wirtschaftlich und sogar emotional –, haben wir keine Ahnung, woraus es besteht, und wie all die Prozesse, die in all diesen Ebenen auf uns einwirken, überhaupt ablaufen. Das fasziniert mich – und treibt mich an.

Joana Moll ist eine spanische Künstlerin und Forscherin, die mal in Kalifornien, mal an der Uni Potsdam und mal in Barcelona Vorlesungen über ihre Arbeiten hält.

Brigitte

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