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Plastikspielzeug Gelingt der grüne Wandel?

Plastikspielzeug: ein Junge spielt mit Lego Steinen
© Мария Чичина / Adobe Stock
Bald bringen sie wieder Kinderaugen zum Leuchten: Lego, Barbie & Co. Doch die Hersteller haben ein Plastikproblem. Schaffen sie den grünen Wandel?

An der Küste Cornwalls: Der Kopf eines Mannes wird von der Flut an den Strand gespült, regungslos starren die Augen Richtung Himmel, während das Salzwasser das einst aufgedruckte Lächeln im gelben Plastikgesicht weggeätzt hat. Der kleine Kopf ist von Lego, gestrandet am englischen Ufer. 1997 war in der Nähe ein Frachtschiff in Seenot geraten, mehrere Container gingen damals über Bord – beladen mit fünf Millionen Spielzeugsteinen. 25 Jahre später werden immer noch Plastikteile an Land gespült. Der Uni Plymouth zufolge überleben die Klickbausteine bis zu 1300 Jahre – ein ökologischer Albtraum.

Weniger ist mehr

Ritterburgen, Piratenschiffe, ein Roboterhund, der sein Geschäft macht: In Kinderzimmern häuft sich Spielzeug aus verschiedensten Kunststoffen, das immer technischer wird und dadurch weniger recycelbar. Umfragen zufolge soll ein Kind im Schnitt 238 Spielsachen besitzen – aber nur zwölf davon bespielen.

Die 64-jährige Ingetraud Palm-Walter hat als Erzieherin in den letzten Jahrzehnten erlebt, wie sich Spielindustrie und Konsum gewandelt haben. Seit 1996 testet sie für den Verein Spielgut e. V. Spielzeug auf Kriterien wie Nachhaltigkeit oder auch Sicherheit. Die Expertin will technische Sachen nicht verteufeln. "So ein ferngesteuerter Hubschrauber, den Kinder vorsichtig lenken müssen und sich so in Feinmotorik und vorausschauendem Denken üben, ist sinnvoll", ordnet sie ein. Was sie aber kritisch sieht: dass Familien bei dem schieren Angebot oft überfordert seien, Oma und Opa, Patentanten und -onkel sich von Verkäufern andrehen lassen, was bei Vierjährigen wohl gerade angesagt ist. "Spielzeug wird hauptsächlich als Geschenk gesehen, das beim Auspacken Freude machen soll. Deshalb wird der Spielzeugkauf nicht geplant." Was in den Kinderzimmern vorhanden ist, werde nur selten abgefragt. Die Folge: Berge an ungenutzten Fahrzeugen, Puppen und Co., die unter Betten und in Kisten auf Nimmerwiedersehen verschwinden.

Aber Moment, schwimmen Eltern nicht längst auf der nachhaltigen Welle? Hört man sich in den Großstadtbubbles um, entdeckt man ein Umdenken: Großeltern werden angewiesen, nur noch Holzsachen zu besorgen. Auf den einschlägigen Öko-Eltern-Accounts bei Social Media werden Tipps ausgetauscht, wie man Verwandte auf nette Art davon abbringt, überhaupt irgendetwas zu verschenken. Nur scheint das leider ein Bubblephänomen zu sein: Vergangenes Jahr wurden hierzulande laut Bundesverband des Spielwareneinzelhandels rund 3,8 Milliarden Euro für Spielsachen ausgegeben – ein neuer Rekord. Und Studien zeigen, dass Eltern eher nach Preis oder Qualität entscheiden. Nur 14 Prozent ist Nachhaltigkeit wichtig. Uff.

Zuckerrohr statt Kunststoff

So viel zur Nachfrage. Und wie sieht das Angebot der Global Player aus? Das Imperium Lego stellt rund 70 Milliarden Bausteine jährlich her. Eine Legosteinsäule von hier bis zum Mond, vermeldete das Unternehmen sonst stolz. Ein Vergleich, der vor einigen Jahren noch fasziniert hat, heute wohl eher nicht mehr. Auch weil für diesen Legowolkenkratzer rund 77 000 Tonnen Erdöl verbraucht werden. Und so verwundert es nicht, dass die 70 Milliarden Steine aus dem Jahr 2017 die letzte offizielle Zahl sind, die das Unternehmen veröffentlicht hat. Die aktuellen Produktionszahlen werden heute nicht mehr erhoben, heißt es auf Nachfrage – oder zumindest nicht mehr öffentlich gemacht.

Heute will Lego lieber mit grünen Fakten glänzen: dass das Unternehmen die Produktion auf pflanzliche Rohstoffe umstellt zum Beispiel – oder zumindest bis 2030 umstellen will. Aktuell wird brasilianischer Zuckerrohr als Basis für neue Steine getestet. Auch Playmobil und Schleich wollen pflanzliche Stoffe nutzen oder machen es schon. Das Problem ist: Auch Zuckerrohr muss angebaut und dafür Fläche freigeschaufelt werden. "Wir stellen sicher, dass das zur Herstellung von Lego-Elementen verwendete Zuckerrohr mindestens genauso schnell nachwächst, wie wir es verbrauchen", lässt Lego dazu vermelden, "und nicht die Ernährungssicherheit gefährdet." Viola Wohlgemuth, Expertin für Ressourcenschutz von Greenpeace, sieht das anders, das Grundproblem sei das Wort "Massenproduktion". Und: "Zuckerrohr-Plastikalternativen bringen uns eh nicht wirklich weiter, weil sie weder in den Gelben Sack noch auf den Biokompost dürfen. Es hört sich nur schöner an, ist aber nicht wirklich nachhaltiger." Immerhin werden die Sets von Lego oft von Generation zu Generation weitergegeben. Nur braucht dieser Kreislauf auch ein System: "Was wir für solch langlebige Produkte bräuchten, ist eine Re-Use- und Recyclingstruktur im Unternehmen selbst, in jedem Store sollten die Produkte wieder zurückgenommen und in einem Kreislauf verarbeitet werden."

Sind Barbies aus Ozeanplastik eine echte Lösung?

An dem Thema ist Mattel dran. Der Konzern für Barbies und Co. nimmt seit 2021 defekte Spielsachen zurück, recycelt sie und lässt daraus neue bauen (siehe unten).Und: Seit einem halben Jahr rührt Mattel die Werbetrommeln für die neue "Barbie loves the ocean"-Serie, die zu 90 Prozent aus recyceltem Plastik bestehen soll. Diesen Sommer wurden mehrere neue Nachhaltigkeitsbarbies vorgestellt, darunter eine Umweltaktivistin –und eine Jane-Goodall-Barbie, nach der berühmten Affenforscherin. Medienwirksam, im Safarilook. Wichtiger Schritt oder Feigenblatt? Greenpeace ist skeptisch: "Mattel macht keinerlei Angaben, was hinter diesem Ozeanplastik konkret steckt", sagt Wohlgemuth. "Sehr wahrscheinlich werden das schlicht und ergreifend PET-Flaschen sein, die arme Menschen – sogenannte Waste Picker – in Ländern wie Indien, China oder Bangladesch sammeln. Die Meere werden dadurch nicht sauberer, nur das Gefühl für die Konsument:innen. Diese Flaschen sollten lieber zu neuen PET-Flaschen verarbeitet werden und nicht zu Spielzeug." Das bestätigt auch das Öko-Institut: Für das Rezyklat ist es am besten, wenn aus sortenreinen Flaschen wieder Flaschen werden.

Immerhin lässt Mattel verlauten, bis 2030 alle Produkte und Verpackungen zu 100 Prozent aus entweder recycelten, recycelbaren oder biobasierten Kunststoffen herzustellen. Playmobil will auch alle Produkte recycelbar machen – ebenfalls bis 2030. Das müsste alles schneller gehen, heißt es aus Kritikerkreisen, die Spielzeugbranche hinke im Vergleich zu anderen Branchen beim grünen Wandel zehn Jahre hinterher.

Von Secondhand-Mode lernen

Wer kennt es nicht: Pappkartons, vermischt mit durchsichtigen Folien, verklebt mit Glitzer und Banderolen, mit unzähligen Plastiknupsies und Gummibändern fixiert – so sehen die meisten Spielsachen aus, wenn sie unterm Tannenbaum ausgepackt werden. Immerhin scheint hier die Industrie etwas schneller voranzukommen: Der Puppenhersteller Zapf Creation versucht seit 2021, schrittweise Sichtfenster und andere Plastikbestandteile aus seinen Verpackungen zu verbannen. Lego will Plastiktüten in den Sets durch Papiertüten ersetzen, Playmobil stellt auf Beutel aus recycelter Folie um. Und der US-Konzern Hasbro will bis Ende 2022 auf Kunststoffe in allen neuen Verpackungen verzichten. Klingt nicht schlecht. Was noch besser wäre? Sachen einfach secondhand verschenken! Da fällt die Verpackung komplett weg.

"Wir müssen es normalisieren, dass Spielsachen nicht neu sein müssen." Diese Zitatkachel las ich neulich auf Instagram. In der Textilbranche haben sich ja auch schon Secondhandshops, Tauschpartys und Co. etabliert. Und in den Großstadtbubbles wird es immer normaler, dass Eltern Kleinigkeiten für Ostern oder den Adventskalender auf Flohmärkten besorgen. Nur – zugegeben – beim Verschenken tun wir uns damit noch etwas schwer: Was wird die Kitamutter sagen, wenn das Geschenk für ihr Kind nicht neu verpackt ist? Wie reagiert der Schwiegerpapa, wenn er das Präsent fürs geliebte Enkelkind plötzlich bei Ebay Kleinanzeigen suchen soll? Aber warum eigentlich nicht? Wenn es quasi neuwertig ist?

Ob das Spielzeug vorher bespielt wurde, ist Kindern bis ins Teenageralter doch eh völlig egal. Das sind locker zehn Jahre Kuscheltiere, Legosets und ferngesteuerte Hubschrauber. An den gebrauchten Teilen können wir doch mit genauso viel Freude schrauben – und so am Ökofußabdruck gleich mit.

Da tut sich was!

Wenn Barbie ein Bein fehlt, gehört sie nicht in den Müll. Das Unternehmen Mattel möchte mit der Aktion "Playback" Spielzeug vor der Müllverbrennungsanlage bewahren und nimmt alte und kaputte Produkte entgegen, um sie zu recyceln. Die Versandkosten werden auch übernommen.

Warum gibt es nicht einfach einen Onlineshop, der nur Ökospielsachen hat? Gibt es! Das deutsche Start-up Tiny Hazel bietet ausschließlich fair hergestellte Spielsachen aus recycelten oder Naturmaterialien.

Noch fehlen global geltende Öko- oder Sozialsiegel für Spielzeug, wie man es von GOTS oder Grüner Knopf aus der Textilbranche kennt. Immerhin bietet das Ökosiegel Blauer Engel eine Orientierung: Der Fokus liegt hier auf Schadstoffminimierung, Sicherheit und sozialen Aspekten bei der Rohstoffgewinnung.

In BE GREEN, dem Nachhaltigkeitsmagazin von BRIGITTE, lest ihr Tipps, Tricks und spannende Geschichten rings um ein schönes grüneres Leben

Brigitte

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