VG-Wort Pixel

Umwelt schützen: Ideen, wie wir künftig leben wollen

Umwelt schützen: Frau mit Schwein auf dem Arm
© Rawpixel.com / Shutterstock
Unsere Chance ist jetzt! Eine klimagerechte Welt – wir kennen das Ziel. Aber kennen wir auch den Weg? Drei kluge Menschen und ihre Ideen, wie wir künftig leben wollen. 

Idee 1: "Parteien sollten sich zusammentun"

Louisa Dellert scheffelte früher viel Geld mit Fitness-Posts. Dann ­badete sie aus Versehen in einem Plastikstrudel im Meer. Jetzt nervt die Greenfluencerin Politiker und nimmt dafür Todesdrohungen in Kauf.

Wie doll schwitzen deine Hände, wenn du Annegret Kramp-Karrenbauer oder Cem Özdemir zum Interview triffst?

LOUISA DELLERT: Ich bin vorher immer irre aufgeregt! Aber vielleicht muss das so sein – ist ja auch ein Zeichen von Respekt.

Wie bist du als Greenfluencerin überhaupt in die Politik reingeraten?

Eher zufällig, ehrlich gesagt. FDP-Chef Christian Lindner hatte mich eingeladen, weil ich ihm über Instagram eine Frage zum Emissionshandel gestellt und ihn getagged hatte. Bei dem Gespräch habe ich dann gemerkt: Du weißt eigentlich gar nicht richtig Bescheid, Louisa. Seitdem bin ich oft im Bundestag, auf Parteitagen, mache Interviews und versuche, meinen Follow­ern mit möglichst einfachen Worten zu erklären, wie Politik funktioniert – auch, um es selbst zu verstehen. Je mehr ich mich mit den Inhalten, den Menschen, den Strukturen beschäftige, desto mehr kapiere ich, dass vieles eben nicht von heute auf morgen geht.

Wir haben aber nicht mehr viel Zeit, den CO2-Ausstoß zu verringern …

Klar, wir müssen einiges ändern und das möglichst bald. Aber was genau und wie? Ich habe viele Probleme noch nicht richtig durchdrungen. E-Mobilität zum Beispiel, ist die jetzt gut oder nicht? Ich weiß auch noch nicht, wie es funktionieren kann, wenn wir unseren Strom gar nicht mehr aus Kohle beziehen. Und ist es wirklich nachhaltiger, wenn ich selbst ein Haarspray herstelle und dafür mehrere Verpackungen kaufe, als wenn ich gleich ein fertiges Haarspray nehme? Wohin der Weg geht, das weiß ich schon. Aber welcher Weg es sein wird, das finde ich gerade noch raus.

Nehmen die Parteien den Klimaschutz denn überhaupt wichtig genug?

Nein, ich beobachte sogar, dass das Thema aktuell wieder heruntergespielt wird. Brexit, Trump oder politische Machtkämpfe verdrängen es von der Agenda. Es sollte aber immer Prio Nummer eins sein! Und ich habe nicht das Gefühl, dass irgendjemand in der Politik verstanden hat, was wirklich auf dem Spiel steht, oder sich ausgiebig mit der Wissenschaft auseinandergesetzt hat.

Brauchen wir eine Öko-Diktatur, damit endlich was passiert?

Verbote können durchaus eine Chance sein. Wir schnallen uns ja auch an beim Autofahren und rauchen nicht mehr in Kneipen. Ein Tempolimit ist sicherlich sinnvoll. Es müsste außerdem Gesetze geben, die Firmen verpflichten, ihre Verpackungen so zu produzieren, dass sie recycelbar sind.

Welche Vision hast du noch, was jetzt in Sachen Klimaschutz passieren muss?

Wir brauchen bei dem Thema einen Schulterschluss aller Parteien, die sagen: Wir wuppen den Kampf gegen die Klimakrise zusammen. Allerdings habe ich inzwischen nicht mehr viel Hoffnung, dass wir es schaffen werden, das 1,5- oder 2-Grad-Ziel zu halten. Wir sollten daher auch da­rüber nachdenken, was passiert, wenn wir es verfehlen. Zum Beispiel, wie wir mit den Flüchtlingsströmen aus dem Süden umgehen, wie wir die Küsten schützen und zehn Millionen Menschen ernähren können.

Macht dir das keine Angst?

Ich bin Optimistin, aber ich stelle mir mit Schrecken vor, wie unsere Welt in 40 Jahren aussehen könnte. Gibt es Miami noch? Sind die Malediven im Meer versunken? Wie leben wir in Europa?

Was bringt eigentlich mehr: Verhalten ändern – oder die Verhältnisse?

Unser Konsumverhalten hat leider wenig Einfluss. Wir entscheiden zwar im Supermarkt, ob wir Billigfleisch kaufen oder Bio-Gemüse und bestimmen darüber das Angebot. Aber die Politik und die Wirtschaft haben ganz eindeutig die größere Verantwortung. Die Regierung müsste sagen: Für uns gehört zu einem Klimaschutzgesetz, nicht nur Deutschland zu retten, sondern die Welt – um dann mit den anderen EU-Staaten gemeinsam etwas zu bewegen. Wir müssen die ärmeren Länder mit unseren nachhaltigen Ideen, unserem Wissen und unseren finanziellen Mitteln unterstützen.

Frustrierend, dass unser persönlicher Impact so klein ist. Können wir gar nichts tun?

Doch, sogar ganz viel: Petitionen starten, demonstrieren, E-Mails an Bundestagsabgeordnete schicken. Wir müssen unseren Mund aufmachen! Jede Person ist ein Influencer: weil wir mit Leuten sprechen, die das wieder an andere weitergeben.

Was ist dein persönlicher Beitrag für eine bessere Zukunft?

Ich habe mich noch nie getraut ,das auszusprechen … Aber: Wir sind zu viele Menschen auf der Welt. Ich würde lieber ein Kind adoptieren wollen, das kein Zuhause oder keine Eltern mehr hat, als eigene Kinder zu bekommen. Ich habe keinen Kinderwunsch, aber das Bedürfnis, einem Kind eine Zukunft zu schenken. Das ist ein emotionales Thema und zurzeit auch nicht aktuell, da ich Single bin. Aber ich denke darüber nach – und vielleicht tun andere es auch.

Als Influencerin musst du viel Kritik, ja sogar Todesdrohungen aushalten. "Du bist so ein Stück Scheiße", hat gerade jemand gepostet …

Ja, es ist echt krass, was man abbekommt, wenn man ­politische und nachhaltige Themen spreadet.

Wie gehst du mit dem Hass um?

Reden, mit Freunden. Beleidigungen nicht an mich ranlassen. Das klappt immer besser.

Als Fitnessbloggerin hast du lange bedenkenlos konsumiert. Was hat dich zum Umdenken bewegt?

Vor vier Jahren wog ich in meinem Sportwahn nur noch 46 Kilo, musste am Herzen operiert werden. Das hat mir die Augen geöffnet, dass es Wichtigeres gibt als den vermeintlich perfekten Körper. Dazu kam der Zufall, dass mein damaliger Freund auf Malta Fotos gemacht hat, wie ich im Plastikmüll schwimme. Das war für mich die Initialzündung, mich mit Nachhaltigkeit zu beschäftigen und achtsamer zu konsumieren.

Wenn du dir ein europäisches Gesetz wünschen dürftest, was wäre das?

Auf allen Produkten sollte draufstehen, wie viel CO2 verbraucht wurde, bis es im Regal gelandet ist. 

Umwelt schützen: Louisa Dellert
© Tristar Media / Getty Images

Wer hier spricht: 

Louisa Dellert (Instagram: @louisadellert)

Warum man sie kennen sollte:

Weil sie morgens im Bundestag Entscheider*innen vor ihre Kamera holt und abends zu Karaoke mit der Küchenbürste performt.

Umdenkmoment:

Ein Foto von ihr im Meer, mit einem Haufen Plastikmüll um sich herum. Shocking

Green-Challenge:

Sie möchte sich das Fliegen nicht ganz verbieten. Ihr Kompromiss: wenn Lang­strecke, dann bleibt sie mehrere Wochen. Und nicht mehr als ein Flug im Jahr.

Idee 2: Schluss mit der Schwarzmalerei

Horror-News in Dauerschleife lähmen uns. Statt in Aktion verfallen wir in Frust. Was brauchen wir stattdessen, Torsten Grothmann?

Umwelt schützen: Klimademonstration
© Jacob Lund / Shutterstock

Wake-up-Call

"Viele von uns haben das Gefühl, dass die Klimakrise so groß, so global ist, dass alles, was wir tun können, eh nur ein Tropfen auf den heißen Stein ist. Wir reagieren dann mit kompletter Abwehr und Verdrängung – oder mit Fatalismus, um uns zu schützen. Es gibt aber noch einen wichtigen Grund, warum Menschen zwar alarmiert sind, aber trotzdem nicht umweltschonend handeln: Informationen, die unseren eigenen Interessen und Wertvorstellungen widersprechen, ignorieren oder verleugnen wir oft. Wenn ich Lust auf eine Fernreise habe, belüge ich mich selbst und sage mir, dass der Klimawandel schon nicht so schlimm sein wird. Aus dieser Falle, uns selbst etwas vorzumachen, können wir aussteigen, indem wir uns die Prozesse, die in uns ablaufen, bewusst machen."

Keine Angst machen, bitte

"Furchtszenarien, zum Beispiel durch drastische Bilder von brennenden Wäldern und sterbenden Tieren in Social Media, können zum Handeln motivieren, aber nur bis zu einem gewissen Grad. Sind sie zu stark, kehrt sich der Effekt oft um. Dann wirken sie nur noch abschreckend – und die Leute sind gelähmt statt etwas zu verändern. Und wenn es weit weg ist, reagieren wir oft mit psychologischer Distanz. Nach dem Motto: Das betrifft mich nicht."

Yes, we can!

"Häufig scheinen es positive Emotionen zu sein, die uns ins Handeln bringen. Wenn zum Beispiel die Firma, in der wir arbeiten, CO2-neutral werden soll und wir das Gefühl haben, wir können aktiv etwas dazu beitragen. Oder wenn wir un­­bedingt die Bienen retten wollen und eine Initiative finden, der wir uns anschließen. Will ich Menschen dafür gewinnen, dass bei ihnen in der Nähe Wind­räder aufgestellt werden, können sie über Energiege­nossenschaften zu Miteignern werden, also am Profit teilhaben. Solche positiven Anreize können sehr wirksam sein."

Wozu das alles?

"Studien zeigen, dass es eine Bereitschaft gibt, für den Klimaschutz mehr zu zahlen. Wir wollen aber verstehen, warum eine Maßnahme notwendig ist – und wir wollen, dass sie fair ist. Wenn man uns erklärt, inwieweit der weltweit ansteigende Flugverkehr zur Erderwärmung beiträgt, sehen wir ein, warum Flugbenzin teurer werden muss. Vorstöße wie das CO2-Labeling auf Essen, die die Komplexität des Themas greifbarer machen, sind daher durchaus sinnvoll."

Shamen hilft nicht

"Wenn wir den anderen als Klimasünder beschimpfen, werden wir ihn kaum überzeugen. Besser: persönliche Geschichten von 'good practice'. Wenn der Nachbar ein Elektroauto kauft. Oder eine Bürgermeisterin erzählt, wie sie ihre Stadt klimaneutral gestaltet hat. Wir können unsere Geschichten in den sozialen Netzwerken posten und andere damit anstecken. Wenn die Kollegin mit dem Rad zur Arbeit fährt, bin ich motiviert, das auch zu tun."

TORSTEN GROTHMANN, 48, ist Umwelt-Psychologe an der Universität Oldenburg.  

Idee 3: Städte müssen neu gedacht werden 

Es geht nicht darum, jede Mauer zu begrünen, sagt Architekt Friedrich von Borries. Wir müssen Städte komplett neu denken. 

Umwelt schützen: Mädchen auf Fahrrad vor Pflanzenwand
© Matej Kastelic / Shutterstock

Das Haus lebt

Grüne Fassaden schön und gut. Visionäre Baubotaniker denken schon darüber nach, ob nicht die Tragkonstruktionen der Gebäude selbst pflanzlich sein könnten, ob wir den Gegensatz Natur versus Kultur, Gebautes versus Gewachsenes nicht auflösen können. Ein Gebäude wäre dann ein Organismus, ein lebendes Wesen, und könnte wachsen und sich verstoffwechseln wie eine Pflanze. Baubotaniker versuchen Bäume so zu ziehen, dass sie Brücken bilden können.

Fahrrad-Autobahnen

Heute werden Citys für Autos gebaut. Schon bald aber werden sie nach ihrer Fahrradfreundlichkeit gemessen. Es wird Rad-Parkhäuser geben wie in Utrecht: Hier kann man sein Rad abstellen oder reparieren lassen, während man im Parkhaus-Café sitzt. Oder wie in Kopenhagen, wo einfach mal Fahrrad-­Autobahnen gebaut werden. Wenn es für sechsspurige Straßen keinen Bedarf mehr gibt, entstehen dort viele Grünstreifen. Und in Seoul wird aktuell eine ehemalige Autobahnbrücke in eine Grünanlage verwandelt. Geht doch!

Angedockt

Autos wird es im flexiblen E-Kapselsystem geben. Jede*r fährt in seiner Kapsel, kann sich aber auch mit anderen zu einem City-Zug zusammentun. Das Argument, dass Städte ohne Autos nicht existieren können, wird verschwinden. In Paris sind die Schnellstraßen an der Seine für den Verkehr schon gesperrt. In New York Teile des Times Square auch. Und in Hamburg wird an autofreien Stadtteilen in der Innenstadt gewerkelt.

Dachwälder

Wir werden Dächer, Fassaden, einfach alles am Haus nutzen, um mehr Grün in die Stadt zu holen. Wie visio­näres Bauen aussieht? Zeigt der "Bosco Verticale" in Mailand. Aus den Balkonen der Twin-Türme wächst es überbordend, die Fassade wird zum Wald. Auch wir brauchen Bienen, die auf dem Dach surren, während sich Vögel und Eichhörnchen an Futterschalen auf jedem einzelnen Balkon bedienen.

Meine, deine Wohnung

Eine zentrale Frage wird auch sein: Wie viel beheizten Raum brauche ich und welchen kann ich mit anderen teilen? In der "Kalkbreite" in Zürich gibt es schon ganz unterschiedliche Wohntypen, mehrere Wohnungen teilen sich eine Großküche mit Koch. Wenn sich das Leben ändert, können "Wohnjoker", also Zimmer auf Zeit gemietet oder gekündigt werden. Es sind Superhaushalte, die unfassbar viel Platz und Energie sparen.

Wie ein Netz

Heute sind Städte wie Kuhfladen: in der Mitte Kirche und Rathaus, drum herum frisst der Fladen das Land auf. Dabei sollten Citys netzförmig und nicht punktuell wachsen: Die Welt bestünde aus einem Netz, einem unendlichen städtischen Raum, Läden, Schulen, Krankenhäuser wären für alle erreichbar.

Bauen neu gedacht

Noch ist Bauen extrem CO2-lastig. Aber: In Heidelberg dürfen Neubauten auf städtischem Grund heute nur klimaneutral gebaut werden. Und in Zukunft werden Gebäude hybrid, also multifunktionial genutzt. Das "Mager Ressource Center" in Kopenhagen zum Beispiel ist Müllverbrennungsanlage und Skipiste in einem – frei gewordene Verbrennungsenergie kühlt die Piste. Genial!

Gemüse im Wohnzimmer 

Auf Rooftop-Farmen werden Salat und Karotten geerntet, gemeinschaftlich. Gemüse wird sogar im Wohnzimmer angebaut, Indoor-Gärten sollen die Grenzen zwischen drinnen und draußen aufweichen.

Zum Weiterlesen: Friedrich von Borries/Benjamin Kasten: Stadt der Zukunft. Wege in die Globapolis. Fischer Verlag, 208 Seiten, 13 Euro.

Hast du Lust, mehr zum Thema zu lesen und dich mit anderen Frauen darüber auszutauschen? Dann schau im "Wissenschaft und Umweltschutz-Forum" der BRIGITTE-Community vorbei!

Holt euch die BRIGITTE als Abo – mit vielen Vorteilen. Hier könnt ihr sie direkt bestellen.

In BE GREEN, dem neuen Nachhaltigkeitsmagazin von BRIGITTE, lest ihr das exklusive Interview mit Greenfluencerin Louisa Dellert, in dem sie fordert: "Parteien sollten sich zusammentun!"
In BE GREEN, dem neuen Nachhaltigkeitsmagazin von BRIGITTE, lest ihr das exklusive Interview mit Greenfluencerin Louisa Dellert, in dem sie fordert: "Parteien sollten sich zusammentun!"
BRIGITTE BE GREEN 01/2020

Mehr zum Thema