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Und Gretel Das nachhaltige Make-up-Label

Und Gretel: Stephanie Dettmann und Christina Roth
© Norman Konrad
Christina Roth war über 50, als sie sich mit ihrem nachhaltigen Make-up-Label "Und Gretel" selbstständig machte. Zusammen mit ihrer Nachbarin, Marketingexpertin Stephanie Dettmann, beschloss sie bei einem Glas Aperol: Wir springen gemeinsam ins kalte Wasser. 

Berlin-Mitte. Ein Showroom im Hinterhof eines Gründerzeithauses. Viel cooles junges Volk, das sich mit Laptops bewaffnet um Stehtische mit Pudern, Pinseln und Lippenstiften schart. Hier ist das Hauptquartier von "Und Gretel", einer veganen, zertifizierten, tierversuchsfreien Naturkosmetikmarke. Seit seinem ersten Auftritt vor fünf Jahren hat das Label Beauty-Preise gewonnen und Hollywoodstars davon überzeugt, dass grüne Kosmetik nicht mit Tarnfarben gleichzusetzen ist. Christina Roth, 58, war Make-up-Künstlerin, bevor sie ihr Label gründete.

BRIGITTE WOMAN: Frau Roth, woher kommt der Name "Und Gretel"?

Christina Roth: Natürlich aus dem Märchen! In "Hänsel und Gretel" werden zwei Dinge abgebildet: Intellekt und Intuition. Der Intellekt ist Hänsel – mach dir keinen Kopf, ich hol uns hier schon raus. Die Intuition ist Gretel, die nicht viel sagt und einfach das Richtige tut.

Die Beauty-Branche gibt sich sonst eher geheimnisvoll-damenhaft. Ist Ihr Weg auch ein Zeichen dafür, dass Sie als Quereinsteigerin die Dinge anders angehen?

Das kann sein. Angefangen habe ich als Visagistin im Berlin der Achtzigerjahre, erst in Theatern, dann für Filmproduktionen in Deutschland und Hollywood. Da kamen dann Anrufe, dass Julie Delphy oder Nora Tschirner oder Nina Hoss wollten, dass ich sie für den roten Teppich und für ihre Interviews zurechtmache.

Klingt nach einem tollen Job.

Ja, ein Traum. Ich hatte Kunden in der Werbung, in der Mode und der Filmbranche, und ich verdiente gutes Geld. Einmal sagte jemand: Du bist ja teurer als die Make-up-Artistin von Rihanna. Ich habe geantwortet: Vielleicht bin ich besser.

Warum umsatteln, wenn es so gut läuft?

Weil es vor den Shootings immer öfter hieß: "Frau Roth, für diesen Künstler brauchen Sie etwas Gesundes. Er hat Allergien, empfindliche Haut." Heute prüft jeder, was in Produkten steckt. 2004 war das noch nicht üblich. Also habe ich mich auf die Suche nach besonders gut verträglicher Kosmetik gemacht, habe genauer hingesehen und mir die Inhaltsstoffe übersetzt, um zu begreifen, was in Lippenstiften, Wimperntuschen und Lidschatten eigentlich drinsteckt.

Und was haben Sie gefunden?

Synthetische Stoffe, die für den Körper auf Dauer schädlich sind, Tierabfallprodukte, deren Geruch mit Parfüm übertüncht wird, außerdem Streckmittel – oft einfach Müll. Ab sofort benutze ich nur noch gesunde Kosmetik, dachte ich. Aber das war gar nicht so einfach. Auch damals gab es schon "Green Washing". Du denkst, das Produkt ist grün und natürlich, aber wenn du genau hinguckst, siehst du, dass es höchstens mal von einem Olivenblatt gestreift wurde. Das hat mich so genervt, dass ich gesagt habe: Keiner wird jetzt mehr verarscht. Ich gehe das selbst an.

Haben Sie da schon an einen Karrierewechsel gedacht?

Und Gretel: Christina Roth
DRIN IST, WAS DRAUFSTEHT 
Gründerin Christina Roth kümmert sich bei "Und Gretel" um jedes noch so kleine Detail – von den Inhaltsstoffen bis zum Lookbook.
© Norman Konrad

Gar nicht. Ich habe erst einmal angefangen, zu Hause Pigmente zu mischen. Auf einer Biofachmesse sprach ich dann ein paar Profis an. Die sagten: "Wissen Sie eigentlich, worauf Sie sich da einlassen? Wenn Sie damit Geld verdienen wollen, können Sie nicht nur fünf Töpfe zu Hause abfüllen." Also musste ich jemanden finden, der das für mich im größeren Stil macht. Nach meinen Vorgaben.

Was haben Sie denn in Ihre eigenen Tiegelchen gesteckt?

Natürliche Pigmente, also ganz fein gemahlene Mineralien, die mit natürlichen Wachsen und Ölen wie Avocado-, Mandel- oder Weizenkeimöl geschmeidig gemacht werden. Dazu kommen Pflanzenextrakte aus Muskatellersalbei oder Kamille, die beruhigend wirken. Weder Mikroplastik noch Aluminium oder Silikone. Selbst der kleinste Anteil synthetischer Stoffe ist mir schon zu viel.

Wie haben Ihre Kunden und Kollegen auf Ihre Mission reagiert?

Viele Leute fanden mein Projekt spannend, aber rieten mir, nicht darüber zu reden. Nach dem Motto: "Was, du hast eine Idee? Das darfst du niemandem erzählen. Nachher klaut sie jemand." Aber mir war klar, dass kein Mensch mein Wissen klauen kann, zu dem meine gesammelte Erfahrung aus 25 Jahren gehört. Und im Austausch von Erfahrungen, durch Nachfragen passieren Dinge ja oft erst. Ich bin von Natur aus ein wandelndes Fragezeichen und habe immer alles wissen wollen und besprochen. Ich bin mir sicher, dass "Und Gretel" nie Realität geworden wäre, wenn ich meine Idee nicht weitererzählt hätte.

Sie haben dann über die nächsten Jahre Ihre Marke entwickelt und weiterhin als Visagistin Ihren Lebensunterhalt verdient. Dann schon mit eigenen Produkten?

Ich habe meine Stars als Versuchskaninchen missbraucht, mein Puder hingestellt und abgewartet, wie die Reaktion ist: Jedes "Aaah, das riecht ja so frisch" wurde sofort vermerkt. Dann habe ich das Make-up aufgetragen und genau beobachtet, wie es den Abend auf dem roten Teppich übersteht.

Klingt riskant.

Das war es auch. Wenn ich mit berühmten Leuten gearbeitet habe, mussten es ja immer die großen Beauty-Namen sein. Das war wie ein Herdentrieb. Mit Naturschminke auf dem Tisch hast du keinen Star aus der Ecke geholt. Dafür gab es kein Bewusstsein. Und die Perfektion der synthetischen Produkte gab der Biomarkt damals auch noch nicht her.

Das Konzept von "Und Gretel" ist sehr reduziert. Sie bieten keine riesige Produktpalette, sondern eher ein paar Basics.

Ich hatte aus dem konventionellen Bereich mein Sortiment an Lieblingsfarben und -texturen, mit denen ich über die Jahre gearbeitet habe. Davon gab es eine reduzierte Fassung, mit der ich auf Reisen ging und durch Mixen alle Effekte erreichen konnte. Diesen Schminkkoffer habe ich eins zu eins in Naturprodukte übersetzt. Das genügt. Verschwendung und Überfluss sind heute nicht mehr zeitgemäß.

Sprechen wir über Geld.

Und Gretel: Stephanie Dettmann und Christina Roth

© Norman Konrad

Finanzierung, ganz wichtig. Dazu habe ich erst einmal einen Businessplan gemacht. Das bedeutete unendlich viel Recherche: Wer produziert? Was kostet es? Und ganz wichtig: Wer kauft? Wer ist die "Und Gretel"-Kundin? Eine Frau – das reicht nicht als Antwort. Das musste ausführlich ausgearbeitet werden. Ich begriff, dass man für die Produktion eine gewisse Menge Geld investieren muss, sonst schmeißt niemand die Maschinen für dich an. Da wurde mir erst mal klar, was ich losgetreten hatte. Ich brauchte jemanden, der fit in Finanzen war. Meiner Nachbarin Stephanie Dettmann, die damals in der Werbung arbeitete und sich mit Marketing auskannte, erzählte ich von dem Projekt. Sie wollte sich auch selbständig machen. Also habe ich gefragt: Sollen wir das nicht gemeinsam tun? Ich kannte sie gar nicht, habe einfach meiner Intuition vertraut. Als Geschäftspartnerinnen haben wir die Finanzierung hinbekommen, Fördergelder beantragt, Investoren und Händler gesucht.

Teamwork …

… ist mein ganzes Leben. Wir haben mittlerweile ein tolles Team von neun Leuten, denen ich absolut vertraue.

Ihre wichtigste Lektion?

Zwei Dinge. Erstens: sich ein nicht zu fernes Ziel suchen und stur darauf zusteuern, egal ob es unterwegs stürmt oder schneit. Von der schrägen Berliner Theater-Schminkerei bis zur Naturkosmetik-Unternehmerin, das ist schon ein gewaltiger Weg für jemanden wie mich, die vom Land kommt, genauer gesagt von einem der drei Bauernhöfe, aus denen Buckenhausen im Schwabenland besteht. Zweitens: schnelle Entscheidungen. Ich habe angefangen, mir zu vertrauen. Das ganze "was wäre, wenn" kann man streichen.

Als "Und Gretel" in die Läden kam, waren Sie 53 Jahre alt. Welche Rolle spielt das Alter für eine zweite Karriere, gerade in einer Branche, die vom Jugendkult lebt?

Das Alter war mir schon immer schnuppe. Als wir "Und Gretel" endlich der Öffentlichkeit präsentierten, habe ich mich gefühlt wie eine 20-Jährige. Diese Energie, dieser Adrenalinschub sind unglaublich. Gleichzeitig bin ich heute in vielen Situationen entspannter als früher. Das ist wohl die Lebenserfahrung. Und mein eiserner Wille. Ich habe nie daran gedacht, dass das nichts wird.

Nie gezweifelt?

Nein, nie. Ich habe einfach gedacht: Ich mache das. Dazu kam: Ich hatte meinen Plan ohnehin schon so vielen Leuten erzählt, dass es kein Zurück mehr gab. Dieses ganze Abenteuer hat mir einfach ungeheuren Spaß gemacht.

Was sagen Sie einer Frau, die mit 50 einen Berufstraum hat oder noch einmal umsteigen will, aber glaubt, der Zug sei für sie abgefahren?

Mach dich schlau, recherchiere, bleib am Ball und vor allem: Vertrau auf dich! Du bist du, mit deiner eigenen Historie. Das ist deine Stärke.

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