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Wasserverbrauch Wie viel H2O braucht die Make-Up-Produktion?

Wasserverbrauch: Lippenstifte mit Wassertropfen
© Nehha Deshmukh / Shutterstock
Ob Duschgel oder Serum – "ohne Wasser keine Kosmetik" gilt nach wie vor. Aber wie viel H2O schluckt eigentlich die Produktion von Cremes, Kajal und Co.?

Wasser in Kosmetik – wozu eigentlich?

Aqua ist die Zutat Number One auf den Rückseiten unzähliger Kosmetikfläschchen und -dosen. Aus gutem Grund: Es eignet sich hervorragend, um Wirkstoffe zu lösen oder zu verdünnen, etwa für wässrige Pflanzenextrakte. "Viele Stoffe, die wasserfrei klebrig, wachsartig oder fest sind, zum Beispiel Panthenol, lassen sich anders kaum präzise dosieren", erklärt Birgit Huber, Bereichsleiterin Schönheitspflege beim Industrieverband Körperpflege- und Waschmittel. Und Feuchtigkeit liebt unsere Haut natürlich auch. Bestimmte Thermalwasser enthalten außerdem Mineralstoffe wie Selen, die zusätzlich pflegen und schützen. Damit es nicht gleich wieder auf der Haut verdunstet, stecken in einer Pflege meist Stoffe, die das Wasser binden: zum Beispiel Fette und Urea (auch Harnstoff genannt – nicht eklig, sondern ohnehin ein natürlicher Bestandteil der oberen Hautschichten).

Hat es auch Nachteile? 

Leider ja. Denn wird Wasser in Kosmetik mit organischen Verbindungen kombiniert, mit Kohlenhydraten, Proteinen oder Fetten etwa, kann das gesamte Pflegeprodukt verkeimen, Hautinfektionen sind programmiert. Deshalb braucht es Konservierungsmittel – aber die können wiederum die Haut reizen. Auch deswegen boomen feste, wasserfreie Shampoos oder Conditioner. Hier freut sich unser Ökoherz gleich doppelt, denn weil sie kompakter sind, brauchen sie weniger Verpackung – oder sogar gar keine. Noch ein Eco-Vorteil: Weil unverpackte Kosmetik weniger wiegt, ist auch der Transportaufwand niedriger. Das spart CO2!

Wie viel Wasser geht eigentlich bei der Herstellung drauf?

Jetzt wird’s tricky, denn diese Frage lässt sich nicht so einfach beantworten. Im Vergleich zur Lebensmittel- oder Textilherstellung ist die Produktion von Kosmetik um einiges komplexer – es gibt viele Prozesse, Inhaltsstoffe und Lieferanten. Der Konzern L’Oréal hat untersuchen lassen, wie seine Produkte die Umwelt belasten, und festgestellt: Der größte Anteil, ganze 52 Prozent, hängt am Wasser. Genauer gesagt am Wasserfußabdruck. Der misst nämlich, wie viel Wasser wirklich verbraucht wird, also nicht nur die reine Menge, die selbst im Produkt steckt, sondern wie viel Wasser die Produktion schluckt, was verdunstet oder vielleicht sogar verschmutzt wird. Das Besondere: In die Berechnung fließt im Idealfall auch mit ein, wie die Region, in der produziert wird, mit Wasser umgeht: Wie wird verschmutztes Wasser wiederaufbereitet? Herrscht im Land Wasserknappheit? Wird das Produkt exportiert, das Wasser also einer Region "weggenommen" und einer anderen zugeführt? Wodurch der Wasserfußabdruck wächst: Oft fließt beim Anbau von Rohstoffen für eine Creme, zum Beispiel für Früchte oder Pflanzen, jede Menge Wasser. Mandeln etwa, für das in der Kosmetik so beliebte Öl, werden häufig in Kalifornien angebaut. Dort ist Wasser knapp. Allein für einen Milliliter Öl werden rund zehn Liter (!) zur Bewässerung benötigt.

Und zu Hause?

Das meiste Wasser wird also bei der Herstellung verbraucht? Denkste! Laut Garnier (gehört auch zum L’Oréal-Konzern) entstehen ganze 60 Prozent des Fußabdrucks eines Produkts erst zu Hause im Badezimmer – jedenfalls bei sogenannten Rinse-off-Kosmetika wie Shampoos oder Abschminkcremes. Denn auch das warme Wasser, mit dem wir das Duschgel jedes Mal wieder abwaschen, wird in die Umweltbelastung mit eingerechnet. Dennoch liegt in unseren vier Wänden nicht viel Einsparpotenzial, sagt Juliane Vatter, Wasserexpertin bei der Naturschutzorganisation WWF. Bei der Produktion hingegen schon: Vatter sieht Landwirtschaft und Industrie in der Verantwortung, entlang der gesamten Lieferkette ihrer Produkte zu analysieren und zu verstehen, wo der Umgang mit Wasser problematisch ist, und dort gezielt nachzubessern. Und dieses Wissen müsse dann transparent auf den Verpackungen der Produkte platziert werden, so die Expertin. Damit wir im Laden sofort sehen und entscheiden können: Kaufe ich das Produkt – oder gebe ich der Firma das Signal, dass sie hier nachbessern muss?

Verschmutzt Kosmetik das Wasser?

Eigentlich wissen wir es längst: Das Hauptproblem von Shampoos, Lotions und Co. sind Kunststoffe, weil sie biologisch schwer bis gar nicht abbaubar sind. Für Plastikverpackungen gilt: 32 Prozent davon gelangen weltweit unkontrolliert in die Umwelt, also auch in die Meere. Dort zersetzen sie sich in kleine Partikel, das sogenannte Mikroplastik, das wie ein Magnet Schadstoffe anzieht. Diese Gifthappen verwechseln Tiere häufig mit Nahrung. Aber, und es ist absurd, dass es immer noch so ist: Auch in Kosmetika selbst steckt weiterhin Kunststoff! Das Fraunhofer-Institut Umsicht schätzte 2018, dass in Deutschland jährlich etwa 50 000 Tonnen Plastik in Beauty- und Reinigungsprodukten eingesetzt werden. Auch flüssige Kunststoffe wie Silikone oder PEGs, die in vielen Produkten für Geschmeidigkeit sorgen, sind schwer abbaubar und werden beim Abschminken durch den Abfluss ins Abwasser gespült. Die Kläranlagen hierzulande mögen gute Filter haben, trotzdem fürchten Umweltschützer:innen, dass die Stoffe in den Gewässern landen.

Was tun die Firmen?

Immer mehr stellen ihre Rezepturen um – und zwar so, dass sie auf Kunststoffe verzichten können. Umweltverbände begrüßen zudem die Entwicklung hin zu mehr Bio in Kosmetik. Ökolandbau verzichtet auf Mineraldünger und Pestizide, was das Grundwasser schont. Und auch beim Thema Transparenz scheint ein Umdenken stattzufinden. L’Oréal hat zum Beispiel das "Umwelt & Sozial Label" ins Leben gerufen, das erstmals bei Haarpflege von Garnier zum Einsatz kommt. Noten von A (niedrig) bis E (hoch) zeigen die Umweltauswirkungen an, verglichen allerdings nur mit dem Durchschnittswert der L’Oréal-Produkte. Da der Wasserfußabdruck so relevant ist, wird er noch mal extra aufgelistet. Für Verpackungen gilt: Kunststoff ist immer noch Bestandteil Nummer eins. Allerdings haben auch große Unternehmen erkannt, dass sie das Thema Recycling viel weiter oben auf ihrer Agenda platzieren müssen, schlicht weil so viele Verbraucher:innen das einfordern. Der Konzern Procter & Gamble hat außerdem mit "Refill the Good" Nachfüllverpackungen für seine Haarpflegemarken auf den Markt gebracht. Erstaunlich viele Marken engagieren sich außerdem in Initiativen zum Schutz der Meere. Stop The Water While Using Me gründete "Good Water Projects", um in Regionen mit Wassermangel zu helfen. Dasselbe Ziel verfolgt Giorgio Armanis "Acqua for Life" mit dem Green Cross. Dank Armani haben 217 000 Menschen in 15 Ländern Zugang zu sauberem Trinkwasser bekommen, acht neue Projekte sind gerade gestartet. Und Biotherm unterstützt mit seiner "Water Lovers"-Initiative die Forschungsmission der "Tara Ocean Foundation", um mehr über das Meeresmikrobiom herauszufinden.

Und wir?

Klar, Nachfülllösungen oder Shampoostücke zu kaufen, ist schon mal was. Was außerdem in unserer Konsument:innen-Macht liegt: Die Zutatenliste zu prüfen – Silikone heißen dort zum Beispiel meist Dimethicone. Andere häufige Kunststoffe sind Nylon oder haben "acryl" oder "polymer" im Namen. Auch Handy-Apps wie "Beat the microbead" helfen herauszufinden, hinter welchen fancy Begriffen Mikroplastik steckt: einfach den Barcode auf Shampooflaschen und Co. mit dem Smartphone scannen und problematische Stoffe checken. Und dann am besten ab auf Social Media damit, Marken taggen und so den Druck auf die Unternehmen erhöhen. Ganz nach dem Motto: "Uns ist nicht egal, womit wir uns einseifen, und das sollte es euch auch nicht sein!"

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Brigitte

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