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Weniger arbeiten Retten wir so das Klima?

Teresa Bücker
© Paula Winkler / Brigitte
Wenn wir alle weniger arbeiten, produzieren wir weniger und retten ganz nebenbei den Planeten. Geht diese Rechnung auf?
Teresa Bücker

Corona hat meine Familie näher zusammengerückt, es war die gemeinsame Zeit, die frei wurde, weil wir nicht ins Büro oder zur Kita hetzen mussten. Ein Privileg, ich weiß. Wenn ich ehrlich bin, möchte ich nicht mehr zurück. Weniger arbeiten, mehr Freizeit für alle. Plötzlich hat ökologisches Verhalten einen erlebbaren Nutzen und erfüllt lang gehegte Wünsche: mehr Zeit für Familie und Freund*innen, für Erholung, Schlaf und Hobbys. Und immer öfter liest man, dass es auch das Klima schonen könnte, wenn wir alle unsere Stunden reduzieren. Stimmt das?

Die Idee, dass eine kürzere Arbeitswoche auch weniger CO2-Ausstoß bedeutet, wird immer wieder von Studien gestützt. Zuletzt hat eine Zahl ganz schön für Aufregung gesorgt: Denn die britische Untersuchung "Die ökologischen Grenzen der Arbeit" hat 2019 ausgerechnet, wie viele Stunden wir hierzulande maximal arbeiten dürften, damit sich die Erde nicht um mehr als zwei Grad erwärmt. Heraus kamen maximal sechs Stunden – und zwar pro Woche. Was nach einer völlig absurden Zukunft klingt, wird etwas nachvollziehbarer, wenn man sich überlegt, dass wir ja längst in einer völlig absurden Gegenwart leben – und so tun, als hätten wir fast drei Erden zur Verfügung. Dass wir unsere Arbeitsstunden demnach auf ein Sechstel kürzen müssten, scheint da fast schon plausibel.

Hände
© Paula Winkler / Shutterstock

Doch weniger Arbeitsstunden heißt auch weniger Produktion, also auch weniger Produkte, die wir nur zu gern vom anderen Ende der Welt zu uns schiffen lassen. Dabei gerät unsere Wirtschaft, wie zuletzt die ökonomischen Effekte der Covid-19-Pandemie gezeigt haben, schon gehörig ins Schwanken, wenn Menschen plötzlich nur noch die Dinge kaufen, die sie tatsächlich auch brauchen. Wie soll das erst werden, wenn auch Unternehmen nur noch das produzieren, was benötigt wird? Folglich ist das Interesse der Wirtschaft daran, Arbeitszeit und Konsum zu reduzieren, extrem gering. Doch auch wir im globalen Norden haben uns an den Konsum gewöhnt. Mehr noch: Die britische Journalistin Madeleine Bunting, die ein Buch über die "Überarbeitungskultur" geschrieben hat, glaubt sogar, dass unser übersteigertes Kaufverhalten nicht nur eine monetäre Folge des Arbeitens ist, sondern auch psychologisch gerade mit dem Zu-viel-Arbeit zusammenhängt. Dass wir uns mit Konsum "reparieren, trösten, wiederherstellen" müssen: die neue Tasche als Belohnung für den Pitch, der Outlet-Shoppingtrip, weil die Woche so anstrengend war. Wir arbeiten, weil wir konsumieren wollen. Aber wir konsumieren auch, weil wir arbeiten. Nicht Arbeitsstunden allein belasten also das Klima, sondern der Lebensstandard, der damit zusammenhängt, den wir angenehm finden oder unbedingt erreichen möchten.

Die Fakten

Kommen wir zu den konkreten Details: Alle Jobs eins zu eins zu reduzieren, geht so einfach eh nicht auf. Als Bauingenieurin ist es deutlich schwieriger, klimaschonend zu arbeiten, als für einen Verkäufer in einem Secondhandshop. Eine verkürzte Arbeitswoche hätte ganz unterschiedliche Effekte auf den CO2-Abdruck der beiden Berufe. Es stellt sich die Frage, warum wir den CO2-Abdruck einer Avocado kennen, nicht aber den unseres Arbeitstags?

Wir sollten also nicht davon träumen, alle insgesamt weniger zu arbeiten, sondern müssen anfangen, klar zu definieren, welche Berufe eigentlich dem Klima schaden und welche ressourcensparend sind. Oder ganz drastisch: Die Teile der "globalisierten, profitorientierten, fossilistisch-industriellen Wirtschaft (…), die nicht dem Gemeinwohl dienen und nicht nachhaltig umgebaut werden können", müssten für den Klimaschutz zurückgedrängt werden, so der Wirtschaftshistoriker Matthias Schmelzer und die Kulturanthropologin Andrea Vetter.

Für Workaholics gäbe es "Low Carbon Jobs"

Workaholics könnten sich stattdessen in "Low Carbon Jobs" austoben. Zumal die Nachfrage nach den umweltschonenden Jobs schon jetzt besteht: Es fehlen Fachkräfte in Care-Berufen wie der Altenpflege und in Kitas. Hier brauchen wir sogar Wachstum, denn darauf, dass Menschen sich umeinander kümmern, kann keine Gesellschaft verzichten.

Wäre es also radikal zu verlangen, dass hochbezahlte "High Carbon Jobs" in der Mobilitätsbranche, der Agrarwirtschaft oder der Textilindustrie in Zukunft nicht mehr einfach so ausgeschrieben werden dürfen – zumindest nicht, ohne dass monatliche Sozial-Öko-Stunden daran geknüpft sind, die man abzuleisten hat? Oder dass CO2-lastige Arbeit mit einer extra Ökoabgabe besteuert wird? Wenn wir unsere Flüge kompensieren – warum also nicht unsere Jobs?

Leider scheut sich die Politik hier noch, die Wirtschaft ökologisch stärker zu regulieren. Mit unserer jetzigen Lebensweise sichern wir zwar Arbeitsplätze, aber gehen das Risiko ein, dass der Planet das nicht überlebt. Die Herausforderung einer kombinierten Klima-, Arbeits- und Wirtschaftspolitik wäre es also, Arbeit zu schaffen, die die Umwelt schont sowie eine ökologische Wohlstandsgesellschaft etabliert. Ist das machbar?

Überstunden höher besteuern, statt sie zu honorieren

"Eine Gesellschaft, die zugleich als modern und nachhaltig zu bezeichnen wäre, existiert bislang nirgends auf der Erde", schreiben die Soziologen Bernd Sommer und Harald Welzer in ihrem Essay "Nachhaltigkeit und Utopie". Für den Erhalt des Planeten muss uns diese Utopie leiten. Zumal es schon erste Ansätze für Kreislaufwirtschaften gibt, die in Teilen vom Staat geregelt werden: Frankreich zum Beispiel hat Supermärkten bereits 2016 per Gesetz verboten, verzehrtaugliche Lebensmittel wegzuwerfen, sie müssen an Sozialeinrichtungen gespendet werden. Um ein Signal gegen die Überproduktion zu setzen, ist eine ähnliche Regelung auch für Kleidung in Planung. Die US-Ökonomieprofessorin Juliet Schor plädiert sogar seit Jahrzehnten dafür, Werbung zu regulieren und höher zu besteuern, sodass Menschen in ihrem Alltag seltener von Kauf­impulsen umgeben sind. Und sie regt an, Überstunden gesetzlich zu begrenzen. Glücksforscher Richard Layard würde Überstunden ganz einfach höher besteuern, sodass sie für Arbeitnehmer*in und Chef*in gänzlich unattraktiv werden und so nicht mehr das Wettrennen in der Gesellschaft triggern – oder den Wettbewerbsrausch über ganze Ländergrenzen hinweg. Denn dass ärmere Länder mit einer bisher geringeren CO2-Bilanz auch den Wohlstand der reichen Länder anstreben, dafür können sie wohl kaum kritisiert werden.

"Wir müssen uns diese neue Normalität nur vorstellen wollen"

Kommen wir noch mal zurück zur hypothetischen Sechs-Stunden-Woche. Bei einem Punkt scheint sie tatsächlich ein gigantisches und sehr deutsches Klimaproblem lösen zu können: das Pendeln. 2018 fuhren rund 19,3 Millionen Menschen im Schnitt 17 Kilometer zu ihrer Arbeit, im Jahr 2000 waren es noch 14,9 Mil­lionen, die zwei Kilometer weniger zurücklegten. Fast drei Viertel pendeln mit dem Auto. Doch es tut sich etwas: Schon in den ersten Wochen der Pandemie stieg laut einer Umfrage die Zahl derer, die ab und an im Homeoffice arbeiten, von etwas mehr als jedem Dritten zu fast jedem Zweiten. Für das Klima könnte das tatsächlich gigantische Folgen haben. So hat eine von Greenpeace in Auftrag gegebene Studie ergeben, dass ein zusätzlicher Homeoffice-Tag 1,6 Millionen Tonnen CO2 pro Jahr einsparen würde, weil weniger gependelt würde.

Doch auch hier ein Aber: Wenn es das Ziel ist, dass wir alle weniger und vor allem weniger vor Ort arbeiten, reichen Telkos im Schlafanzug nicht aus. Die Arbeitswelt braucht auch eine radikal andere Stadtplanung, die Menschen und Arbeit näher zueinander bringt. Flächendeckende und sichere Radwege, öffentliche Verkehrsnetze und eine Mietenpolitik, die Menschen nicht mehr in günstige Randbezirke verdrängt, während sie weiter in die Citys pendeln.

Wer bin ich, wenn ich mich nicht über den Job definiere?

Doch eine radikal verkürzte Arbeitswoche birgt auch Probleme: Erstens deckt für viele Menschen das Gehalt gerade mal die Lebenshaltungskosten ab. Weniger Lohn würde also einen großen Teil der Gesellschaft noch mehr an den Rand des Existenzminimums drängen. Hinzu kommt der Zusammenhang von Arbeit, Geld und Identität. Viele verbinden Konsum mit Freiheit, Selbstverwirklichung, sozialer Akzeptanz. Das wirft Fragen auf: Wie verhalten sich andere, wenn man plötzlich bescheidener lebt? Wer bin ich, wenn ich mich nicht mehr über den Job definiere? Was mache ich mit all der Zeit? Erwerbsarbeit nicht mehr ins Zentrum zu stellen, müssen wir erst erlernen. Weniger zu arbeiten wäre daher auch eine große gesellschaftliche Transformation, in der sich Menschen nicht weniger als neu erfinden müssten. Zumal mehr Freizeit nicht automatisch weniger Ressourcenverbrauch bedeutet. Oder anders formuliert: Was bringt eine Viertagewoche, wenn die verlängerten Wochenendtrips ans andere Ende des Kontinents führen?

Was bedeutet das alles?

Stunden allein zu reduzieren, wird es nicht richten. Um die Klimakrise aufzuhalten, müssen wir größer denken und viel selbstkritischer sein. Wenn Erwachsenwerden, Erfolgreichsein und eine moderne Gesellschaft für uns bedeuten, dass der eigene Lebensstandard stetig wachsen muss, rücken die kürzere Arbeitswoche, aber auch eine intakte Umwelt in weite Ferne. Unsere Identität neu zu programmieren und politisch für die Utopie der modernen, nachhaltigen Gesellschaft einzutreten, wird ein zähes Projekt. Möglichst viele Menschen müssen sich global darauf einlassen wollen, Wohlstand neu zu denken – vielleicht als Zeitwohlstand. Und lernen, nicht mehr von A nach B hetzen zu müssen, hetzen zu wollen. Eine Zukunft, in der Menschen selbst wieder über ihr Leben bestimmen und nicht der Job den Alltag diktiert, könnte eine Zukunft für ein intaktes Klima bedeuten. Wir müssen uns diese neue Normalität nur vorstellen wollen.

Wer hier schreibt: Teresa Bücker

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