Apfelglück

Was für ein Aroma! Alte, einzigartige Apfelsorten rettet Eckart Brandt in seinem 'Boomgarden' im Alten Land. Eine Zeitreise zurück zum guten Geschmack.

Herbstzeit - Apfelzeit! Im Alten Land, dem größten Obstbaugebiet Deutschlands, tragen die Bäume schwer an ihren Früchten, läuft die Ernte jetzt auf vollen Touren. Elstar, Golden Delicious oder Jonagold - über 70 Prozent der Obstbäume sind mit Äpfeln behangen.

"Einheitsäpfel sind das doch", findet Eckart Brandt. "Geschmacklose Massenware". Auch auf seinen Obstwiesen im Alten Land werden jetzt fleißig die Äpfel von den Bäumen gesammelt, aber das klassische Supermarktsortiment kommt dem norddeutschen Lieblings-Pomologen (Pomologe= Obstkundler) garantiert nicht in die Kiste. Was in seinem "Boomgarden" wachsen darf und gedeihen soll, sind alte, regionale Schätze. Sie heißen 'Finkenwerder Herbstprinz', 'Altländer Pfannkuchen', 'Seestermühler Zitronenapfel', 'Rotfranch' oder 'Biesterfeld Renette' - klangvolle, urige, manchmal auch richtig poetische Namen für die hier einst verbreiteten Lokalmatadore.

Knebusch

Rotfranch

Ohne diese Sammlung stünden Großmutters Apfelbäume heute allesamt auf verlorenem Posten - als vergessene Raritäten, die nur noch zufällig in privaten Gärten überlebten. "Aber die alten Apfelsorten dürfen nicht untergehen, sie sind Teil unseres kulturellen Erbes", findet Brandt, der gelernte Historiker, und sucht seit 20 Jahren mit Hingabe zusammen, was der moderne Erwerbsobstbau systematisch aus seinem Programm gestrichen hat: Studiert Erntestatistiken und Protokolle. Fährt zu Apfeltagen und auf Märkte, um Leute zu befragen oder mitgebrachte Früchte zu begutachten. Stöbert in Archiven und in den Gärten seiner Nachbarn, ob sich nicht irgendwo ein bisher namenloser Apfel als ein längst verschollen geglaubter Krummstiel oder Prinz, womöglich gar als Taubenapfel identifizieren und retten ließe. Wenn's sein muss, zieht er ein begehrtes Zweiglein auch noch aus dem Osterfeuer.

Pomologische Erbschleicherei nennt der 54-Jährige verschmitzt seine Passion. Ist er damit erfolgreich, dann bringt er einen jungen Trieb (Reiser) von einem Baumveteranen mit nach Hause, um daraus ein neues Bäumchen zu veredeln. "Am Anfang glaubte ich ja noch, es würde sich höchstens um ein paar Dutzend alter Sorten handeln", erzählt er. Doch langsam aber sicher droht die Anzahl seiner Schützlinge das Quartier glatt zu sprengen. Mit rund 700 norddeutschen Apfelsorten bestückt, ist der Boomgarden mittlerweile weit mehr als eine kleine Rettungsinsel für alte Äpfel. "Er ist eine wichtige genetische Ressource, eine einmalige Arche Noah für die Vielfalt an Aromen und einzigartigen Geschmäckern", sagt Eckart Brandt.

Ein Teil dieser Arche ist die einen halben Hektar große Obstwiese in Osten-Altendorf, auf der sich die ältesten gepflanzten Triebe längst zu großen Apfelbäumen ausgewachsen haben. Genau so, wie sich das in unserer Vorstellung für einen richtigen Apfelbaum gehört. Bilderbuch-Bäume stehen da, voller verlockender rotbackiger und gelber Äpfel. Da vorn fällt gerade ein Peter Martens vom Baum. "Kennen Sie noch Peter Martens?", fragt Brandt, der mit Blaumann und kariertem Hemd, mit Rauschebart und blondem Lockenschopf selber grad einem Bilderbuch entsprungen zu sein scheint. Schon ist er unterwegs durchs nasse Gras, um den Apfel zu erklären "Eigentlich heißt er ja 'Martens Gravensteiner' oder 'Juwel von Kircherwerder' und war der Lieblingsapfel in den Vierlanden - vital, robust und schön rot - völlig problemlos. Aber den baut heute keiner mehr an. Den kriegen Sie nicht im Supermarkt". Den 'Seestermühler Zitronenapfel' daneben auch nicht, obwohl es eine dankbare Sorte ist: "Fängt früh an zu tragen, hängt jedes Jahr richtig voll, ist ein guter Tafelapfel und gibt sehr schönen Saft. Mehr kann man von einem Apfel eigentlich nicht verlangen." Pech nur, dass diese schöne gelbe Frucht nicht die Modefarbe hat und rot ist.

Prinzen und Hasenköpfe

Die Hamburger hatten früher ihren 'Herbstprinz', die Berliner und Brandenburger ihre 'Hasenköppe', in Pommern gab's den 'Krummstiel', in Sachsen vielleicht den untertänigst Ihrer kaiserlichen Hoheit gewidmeten 'Kaiser Wilhelm' und in Bayern den 'Schöner von Oberland' - an die 4000 verschiedene Apfelsorten soll es in Deutschland noch vor 150 Jahren gegeben haben, womöglich sogar noch viel mehr - das können selbst die Experten nur schwer schätzen. "Doch wenn die Leute früher von ihrem Apfel geredet haben, dann meinten sie immer nur den Apfel aus ihrer Region, nicht selten sogar nur den aus ihrem Dorf", erzählt Eckart Brandt unter seinen Bäumen. "Den von nebenan kannte man schon nicht mehr".

Auf jeden Fall gab es Äpfel genug für jeden Geschmack und jede Gelegenheit - für Mus oder Gelee, für Most oder Wein, zum Dörren, Backen und Kochen. Tafelobst und Wirtschaftsäpfel, Frühsorten für den ersten Genuss und späte Lagersorten für den Winter. Wo sind die bloß alle geblieben? Ausrangiert im Namen der Sortenbereinigung, als man die Vielfalt kurzerhand zum Wirrwarr erklärt hat. Weil gutes Aussehen, hoher Ertrag und perfekte Logistik heute Vorrang haben vor Aroma und Geschmack, ist das Apfelangebot auf kaum mehr als gerade mal sechs überall erhältliche, austauschbare Standardsorten geschrumpft, "ausgerechnet auf die hochempfindlichen Sorten, die ohne den massiven Einsatz von Chemie gar keine vernünftigen Früchte mehr hervorbringen können", ärgert sich Brandt, der nie mit Gift 'rumkleckern' wollte und es bis heute auch nicht tut. "Es muss doch schon schöne Äpfel gegeben haben, bevor die Spritzmittel erfunden worden sind", lautete sein Leitmotiv als er anfing, den robusten, bewährten Sorten nachzuspüren.

Weiter geht's von Baum zu Baum, von Frucht zu Frucht, zu Äpfeln mit eigenwilligem Charakter, rührenden Geschichten und vorher nie geschmeckten Aromen. Wer an einem Kalvill knabbert oder am knallroten Knebusch, der schmeckt und ahnt allmählich, was den Mann an diesen ausgemusterten Kandidaten so begeistert. "Man kann doch nicht so tun, als ob es nicht wichtig wäre, diese Sorten aufzuheben. Wenn man sie alle für verzichtbar erklärt, dann verzichtet man eben auch auf wunderschöne einzigartige Geschmäcker, die nirgendwo sonst mehr zu finden sind." Auf den vom 'Gelben Richard' beispielsweise: auch so eine altmodische Sorte und natürlich völlig out. "Weil er ja nicht knackt, während heute alle Äpfel knackig sein müssen. Aber das kriegt jeder hin, der einen Apfel unreif genug pflückt und in ein ordentliches Frühlager packt". Oder der 'Altländer Pfannkuchen': ein guter Lagerapfel, aber überflüssig, seit moderne Kühltechnik aus jedem Apfel einen haltbaren Lagerapfel machen kann. Und bei den heutigen Mindesterträgen von 35 bis 40 Tonnen pro Hektar haben die alten Sorten ohnehin keine rechte Chance mehr. Da kommt ein Zitronenapfel nicht hinterher und einer wie der Rotfranch schon gar nicht. Der wird zwar ganz aromatisch und schmeckt richtig traumhaft, bringt aber bloß fünf Kilo pro Jahr. Für Brandt kein Grund, den Apfel abzuschaffen. "Es ist ein schöner Apfel für den Garten. Solche Sorten sind es, die ich für unverzichtbar halte. Dass die nun so gar nicht mehr unter die Leute gebracht werden, ist doch ein Jammer."

Genau das finden auch seine Mitstreiter, die sich 1991 zum Pomologen-Verein zusammengeschlossen haben und sich mit vielfältigen Aktionen um Unterstützung für ihre eigenen Schützlinge bemühen. Die Streuobstwiesen anlegen, Beratungen durchführen, Apfeltage organisieren oder dafür sorgen, dass es die alten Baumsorten jetzt auch in Baumschulen zu kaufen gibt. "Denn am besten kann man die alten Sorten erhalten, wenn sie wieder gepflanzt werden, wenn man die Leute wieder für ihre heimischen Äpfel begeistern kann", sagt Brandt. So lasst uns denn ein Apfelbäumchen pflanzen. Oder besser gleich zwei. Wär' doch eine ziemlich feine Sache. Text und Fotos: Uta Bangert

Apfel-Bücher

Eckart Brandt: "Von Äpfeln und Menschen" Brandts Apfelfibel mit 36 neuen Apfelrezepten. 180 Seiten, Verlag Atelier im Bauernhaus, Fischerhude, 16 Euro. Im frisch erschienenen Apfelbuch erzählt Eckart Brand wunderschöne Geschichten von alten Apfelzüchtern - geschrieben in der Sprache seiner Heimat - auf Platt. Dazu gibt's Apfelpoesie und natürlich alles über alte Apfelsorten und 36 neue Rezepte. Der Serviceteil enthält nützliche Adressen rund um den Apfel.

Eckard Brandt: "Brandts Apfellust" Alte Apfesorten neu entdeckt. Für Garten und Küche. Geschichte, Anbau, Rezepte. 223 Seiten, Verlag Mosaik bei Goldmann, 12 Euro. Dieses Buch ist viel mehr als ein Wegweiser für Hobbygärtner und -köche. Es ist eine aufrichtige Liebeserklärung an den Apfel. Dazu gibt's Anbau- und Sortenempfehlungen für jede Region sowie Bezugsquellen für Bäume und viele nützliche Adressen.

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