Die Esskultur ändern - mit krummem Gemüse

In ihrem Café "Culinary Misfits" kochen Lea Brumsack und Tanja Krakowski mit Gemüse, das andere wegwerfen, weil es zu hässlich ist. Ein Gespräch über schlaflose Nächte und Möhrcheneintopf.

Wir treffen Lea Brumsack und Tanja Krakowski in ihrem Café in Berlin-Kreuzberg. Es ist ein Donnerstagmorgen Anfang August, 9 Uhr 30, und die beiden haben ihren Laden gerade aufgeschlossen. Er ist sehr liebevoll eingerichtet, ein Teil der Möbel stammt aus Theaterrequisiten. Noch sind kaum Kunden da, nur ab und an schlendert jemand herein und bestellt einen Kaffee. Erst gegen Mittag werde es voller, sagt Lea Brumsack. So lange gibt es ihr Café ja auch noch nicht. Sie haben erst seit Ende Juni geöffnet.

BRIGITTE: Frau Brumsack, Frau Krakowski, was sind Culinary Misfits?

Tanja Krakowski: Misfits sind Gemüse und Obst, das nicht dem Standard entspricht und nicht in den Handel kommt. Dreibeinige Möhren oder krumme Zucchini.

Lea Brumsack: Wir lassen uns dieses Gemüse von Bauern aus der Region liefern. Sie liefern uns das, was sonst zu Tierfutter verarbeitet oder untergepflügt werden würde.

Lea Brumsack und Tanja Krakowski von den "Culinary Misfits"

Wie sind Sie auf die Idee gekommen, mit diesem Gemüse zu kochen?

Tanja KrakowskiLea und ich kennen uns seit fünf Jahren. Wir haben damals beide Design studiert. Und ich wollte gerade meine Bachelorarbeit anmelden, wusste aber noch nicht genau, was ich machen möchte. Ich hatte gehört, dass Lea ihre Diplomarbeit über nachhaltige Esskultur schreibt.

Lea Brumsack: Ja, es ging um die Absurdität, warum unser Essen so weit reisen muss, bis es bei uns auf dem Teller liegt. Und dass man aus den Resten lieber eine Suppe kocht, anstatt sie wegzuschmeißen. Ich habe das Gemüse damals aber noch nicht "Misfits" genannt. Darauf kam erst Tanja.

Ach, das ist also eine Wortschöpfung von Ihnen, Frau Krakowski?

Tanja Krakowski: Ja, mein Mann ist Maler und malt Monster, die nicht konform sind: "Misfits", also. Und da dachte ich, dass passt doch auch zum Gemüse. Mittlerweile hat sogar das Bundeslandwirtschaftsministerium den Begriff übernommen.

Lea Brumsack: Irgendwann haben wir dann angefangen, kleine Tüten mit "Misfits" zu verteilen. Meistens in der Markthalle in Kreuzberg. Und daraus ist dann unser Business entstanden.

Wann haben Sie das erste Mal gekocht?

Tanja Krakowski: Das war auch in der Markthalle in Kreuzberg. Ich weiß noch, dass wir damals Semmelknödel gemacht haben. "Misfits" sind für uns nicht nur krumme Außenseiter, sondern auch vergessene Sorten wie Topinambur oder Gemüse vom Vortag. Daraus kann man viel Leckeres machen.

Zwei Designerinnen, die auf einmal beschließen, zu kochen. Das ist schon kurios.

Tanja Krakowski: Ja, das war schon crazy. Plötzlich haben wir frühmorgens Knödel gerollt. Für 50, 60 Leute. Wir waren natürlich keine Gastronomen.

Ist denn mal etwas komplett schief gegangen?

Lea Brumsack: Einmal habe ich eine Pastinaken-Suppe gekocht, und anstatt sie auskühlen zu lassen, habe ich abends den Deckel draufgemacht.

Tanja Krakowski: Lea hat die halbe Nacht diese Suppe gekocht. Nur zwei, drei Stunden geschlafen. Und am nächsten Morgen macht sie den Deckel auf und es blubbert immer noch. Die Suppe war gegoren.

Lea Brumsack: Zum Glück hatten wir noch einen Möhrchen-Eintopf in der Hinterhand. Sonst hätten 200 Leute nichts zu essen bekommen.

Tanja Krakowski: Wir haben am Anfang schon ein bisschen unterschätzt, wie viel Aufwand das alles kostet. Und dann macht man und macht - und erfährt wie die Dinge funktionieren.

Lea Brumsack: Ja, und dadurch, dass wir kein Fleisch kochen und viel Veganes, ging es vor allem immer darum: Wie bekommen wir den besonderen Geschmack hinein? Und durchs Probieren hat das immer geklappt.

Tanja Krakowski: Genau. Das Kochen kommt ja aus unserer Leidenschaft fürs Essen heraus. Und aus der Überzeugung, dass einiges schief läuft in unserer Esskultur.

Mit den Caterings lief es gut. Warum haben Sie dann ihren eigenen Laden geründet?

Tanja Krakowski: Es haben uns immer wieder Leute gefragt, wo man "Misfits" probieren kann. Und außerdem ist Catering sehr hart. Weil du alles von A nach B schleppst, das Equipment, 20, 30 Kilo Gemüse ...

Lea Brumsack: ... und das unter Zeitdruck.

Tanja Krakowski: Wir wollten einfach einen Ort schaffen, an dem wir sein können. Wir haben große Lust, das nicht nur als Café laufen zu lassen. Sondern wir geben Workshops. Wir wollen einen kulinarischen Raum schaffen für Austausch und Events.

Lea Brumsack: Wir hatten nicht den Traum: Wir machen ein Café auf. Sondern: Wie können wir unsere Ideen und Visionen an den Mann bringen?

Wie haben Sie das finanziert?

Lea Brumsack: Wir haben durch Crowdfunding in drei Monaten 15.000 Euro gesammelt.

Tanja Krakowski: Und wir haben unsere Caterings gemacht und gespart.

Lea Brumsack: Wir haben echt geschuftet. Die letzten Monate sind wie ein Film an uns vorbeigelaufen. Wir haben renoviert. Drei Monate echt harte Arbeit. Jeden Tag Baustelle. Auch am Wochenende. Und dann noch zwei Kinder dazu. Wir sind jetzt ja auch nicht so zwei Meter große Frauen mit solchen Muckis. Das geht echt an die Grenzen.

Wie geht das: Selbständig und Mutter sein?

Lea Brumsack: Unterstützung der Familie. Viel organisieren. Sich selber zurückstellen. Wir machen das jetzt seit drei Jahren. Und mussten erst wieder lernen, dass Zeit auch total wichtig ist. Die Zeit für einen selber. Was echt doof ist, dass wir am Wochenende arbeiten müssen. Sonntags haben wir geschlossen, aber am Samstag zu arbeiten, das ist schon eine Umstellung.

Worauf mussten Sie am meisten verzichten während dieser Zeit?

Tanja Krakowski: In letzter Zeit auf jeden Fall die Familie.

Lea Brumsack: Ja. Das klingt jetzt alles so hart, aber wenn man ehrlich zu sich selber ist, dann ist das so. Man hat die schönen Seiten: Wenn die Leute ehrlich begeistert sind und sagen: Das schmeckt, das sieht toll aus, ich fühl mich hier wohl. Das ist super! Aber es gibt auch die anderen Seiten: Diese Baustelle hinter sich zu bringen, immer die Finanzen im Kopf zu haben. Manchmal muss man die Zähne zusammen beißen. Aber wir haben uns ja dafür entschieden, weil es uns mehr Bock macht als ein langweiliger Bürojob.

Haben Sie schon mal überlegt, hinzuschmeißen?

Tanja Krakowski: Ja, ich glaube, das gehört dazu. Ich habe vor drei Monaten noch gestillt, mein Sohn ist jetzt neuneinhalb Monate alt. Ich habe so wenig geschlafen. Und es ist so schwer, wenn du dein Kind nicht siehst. Dann stellst du dir die Frage: Was mache ich hier? Aber dann hältst du inne und überlegst, warum mach ich das jetzt alles? Und dann kommt immer wieder die Erkenntnis: Es ist das wert. Ich mache das auch für mein Kind und für meine Familie. Ich mache das, weil wir unsere Esskultur verändern wollen.

Würden Sie sagen, Sie sind Köchinnen oder Missionarinnen?

Lea Brumsack: Wir sind keine Köchinnen.

Tanja Krakowski: Nein. Wir sind ...

Lea Brumsack: ... Visionäre.

Tanja Krakowski: Oder Pioniere, weil wir Dinge machen, die vor uns keiner gemacht hat.

Mehr Infos unter: www.culinarymisfits.de

Interview: Björn Stephan
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In ihrem Café "Culinary Misfits" kochen Lea Brumsack und Tanja Krakowski mit Gemüse, das andere wegwerfen, weil es zu hässlich ist. Ein Gespräch über schlaflose Nächte und Möhrcheneintopf.

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