Kaffeehäuser: Plätze für Dichter und Denker

Kaffeehäuser - einst waren sie beliebte Treffpunkte von Künstlern, die ganze Tage bei einem Mokka und einem Glas Wasser verbringen konnten.

Zwischen Samt, Marmor und vergoldetem Stuck traf sich die Intelligenz zum diskutieren, politisieren oder Zeitung lesen. Und heute, in den Zeiten von Internet-Café und Coffee-Shop träumen die traditionellen Kaffeehäuser der Metropolen immer noch vom Glanz vergangener Tage.

Es waren einmal große Kaffeehäuser: das Kranzler in Berlin, das Luitpold in München, das Sacher in Wien - mit dem Siegeszug des Kaffees in Europa begann auch die Zeit der Kaffeehäuser: angefangen 1645 in Venedig, dann weiter über Paris und dem legendären Café "Le Procope". Am Ende des 19. Jahrhunderts waren sie schließlich die wichtigsten Zentren des gesellschaftlichen Lebens und der Kultur - Literaten, Maler und Musiker gingen dort ein und aus.

Wien

"Sie haben's gut, Sie können ins Kaffeehaus gehen" sagte der Kaiser zum Wiener Journalisten Emanuel Singer. Recht hatte er, denn die Wiener Kaffeehauskultur war und ist legendär, quasi eine kulturelle Institution. Oder besser ein Lebensgefühl. Oder ein Laster. Auf jeden Fall eine Oase im Alltag, ein Ort des Rückzugs, des Genießens, und des Zeithabens. So richtig los ging's erst im 19. Jahrhundert: 1839 zählte man schon 88 Kaffeehäuser in der Stadt und nicht mehr lange, dan kamen auch noch die Konzertcafés ganz groß in Mode. Komponisten und Musiker verkehrten dort, Konzerte in den Kaffeegärten waren eine Attraktion. Beethoven ließ sich im Kaffeehaus als Klavierspieler feiern, ebenso wie Johann Strauß und Josef Lanner.

Im Café Dommayer wird man heute immer noch mit guter alter Konzert- und Kaffeehaustradition verwöhnt. Johann Strauß' Sohn debütierte 1844 schon im Dommayer ?s Kasino, wo es die berühmten Millefleurs-Bälle und Rosenfeste gab. 1924 wurde der neue Dommayerhof im Nobel-Bezirk Hietzing eröffnet, mit Garten und Musikpavillion. Noch heute erklingt hier die Musik von Johann Strauß und Robert Stolz und jeden Samstag von 14 bis 16 Uhr ist Konzert. In der Nähe befindet sich eine der schönsten Parkanlagen Mitteleuropas mit Schloß Schönbrunn. Café Dommayer, 1130 Wien, Dommayergasse/Auhofstraße.

Das Café Central

Literatencafés wie das Griensteidl brachten es zu Weltruhm: Von 1890 bis zum Abriss des Gebäudes 1897 saßen hier Schriftsteller, Schauspieler, Maler und Architekten an den Marmortischen. Berühmt wurde es als Treffpunkt des "Jungen Wien", eines Kreises moderner Autoren um Hermann Bahr, zu dem auch Hugo von Hofmannsthal, Arthur Schnitzler, Karl Kraus und Felix Salten gehörten. Damaliger Spitzname des Lokals: "Café Größenwahn". Das heutige Café wurde erst in den 1980er Jahren eröffnet. Café Griensteidl, 1010 Wien, Michaelerplatz 2.

Im Café Central, in dem Anton Kuh, Alfred Polgar und Egon Fridell ihre Werke verfassten, fanden auch leidenschaftliche Schachspieler eine Bleibe, wie der russische Revolutionär Leonid Trotzky. Das Café wurde 1860 im prachtvollen Palais Ferstel eröffnet und entwickelte sich zum Künstler- und Literatentreff. Hier residierte Peter Altenberg, das Urbild des Wiener Kaffeehausdichters, der das Café sogar als seine Postanschrift nutzte. Heute sitzt er in lebensgroßer Nachbildung an einem Tisch gleich beim Eingang. Nach aufwändiger Restaurierung wurde das Haus 1990 am gleichen Ort wieder eröffnet. Café Central. 1, Herrengasse 14;

Wie das Café Central vor dem Ersten und das Café Herrenhof vor dem Zweiten Weltkrieg, zählt heute das Café Hawelka zu den letzten großen Literaten-und Künstlerkaffeehäusern in Wien. In der Mitte der Sechziger Jahre haben sich hier auch Friedensreich Hundertwasser, Ernst Fuchs, Rudolf Hausner, Hubert Aratym und Wolfgang Hutter die Zeit vertrieben. Heute besteht das Publikum überwiegend aus Schülern, Studenten und Touristen. Cafe Hawelka, Dorotheergasse 6, 1010 Wien.

Früher trafen sich die Maler im Kaffee Sperl, das als einziges original klassizistisches Kaffeehaus heute noch genau so aussieht wie vor 100 Jahren. Wegen seiner Nähe zum "Theater an der Wien" gibt's hier nicht selten die Gelegenheit, Künstlern zu begegnen. Café Sperl, Gumpendorfer Straße 11, 1060 Wien.

Zu den großen Künstlercafés zählt auch das von Adolf Loos erbaute "Café Museum". Neben Franz Werfel und Wagner verkehrten hier vor allem die Vertreter der "Secession" wie Gustav Klimt oder Olbrich mit ihren Künstlerfreunden. Café Museum, 1010 Wien, Friedrichstrasse 6.

Treffpunkt der eleganten Welt waren und sind auch heute noch die Ringstraßencafés, die um die Jahrhundertwende mit ungeheurem Aufwand an dem berühmten Prachtboulevard eingerichtet worden waren. Dazu gehört auch das Prückel: Gegründet 1903 und bis heute in Betrieb, ist es eines der letzten von ursprünglich über drei Dutzend Ringstraßen - Prachtcafés. Es liegt gegenüber dem Museum für angewandte Kunst, das Interieur stammt aus den 1950er-Jahren. Dazu gibt's Pianomusik, Bridgezimmer und jede Menge Zeitungen. Café Prückel" Wien 1, Stubenring 24.

Mehr Wiener Kaffeehäuser gibt's unter www.info.wien.at.

Prag

"Im Kaffeehaus wird geschrieben, korrigiert, geredet... geweint und über das Leben und auf das Leben geschimpft. Im Kaffeehaus ißt man auf Pump, im Kaffeehaus wird gelebt, gefaulenzt, die Zeit totgeschlagen...", so beschrieb die Publizistin Milena Jesenská einmal die Atmosphäre im Prager Kaffeehaus. Aber wo sind sie geblieben, die schönen, prächtigen Häuser, für die Prag um die Jahrhundertwende berühmt war, die "Zufluchtswinkel ferner Jahre" wie sie die Literatin Lenka Reinerová nannte. Viele wurden geschlossen, aber einige gibt es noch.

Das Cafe Slavia: zum Beispiel ist noch da. Aber auch nur, weil es so viel Protest gegen die Schließung des wohl traditionsreichsten Cafés der Stadt gegeben hat. Hier tagte der Untergrund, hier trafen sich die großen Schriftsteller der Jahrhundertwende, hier war das literarische Prag zu Hause. Zuletzt war das mehr als 200 Jahre alte Café Treffpunkt oppositioneller Gruppen gewesen - auch von den Unterzeichnern der Charta 77, unter ihnen Vaclav Havel. Und dann wurde das Café 1992 geschlossen. Erst nach großen Protesten, langen Streitigkeiten und Renovierungsarbeiten wurde es 1997 mit neuer Einrichtung wieder eröffnet. Schöne Aussicht auf die Moldau und das National­theater mit seiner goldenen Kuppel. Adresse: Narodni trida Nr. 1/1012.

Das Louvre, südlich des Wenzelsplatzes gelegen, war früher ein schönes, traditionsreiches Jugendstilcafé, in dem auch Franz Kafka zu Gast war. 1948 geschlossen, feierte es 1992 seine Wiedereröffnung. Schöne Kaffeehausatmosphäre, Billard Club und Jazz-Keller. Café Louvre, Národní t?ída 20.

Das schönste und prächtigste Café in Prag ist das Kavárna Obecní dum, (Café im Repräsentationshaus) in einem wunderschönen Jugendstilgebäude neben dem Prager Pulverturm. Marmorbrunnen, stilvolle Lüster, Skulpturen und Wandgemälde gehören zur oppulenten Innenausstattung. Abends Pianomusik. Kavárna Obecní dum, Nám?stí Republiky 5 (Staré M?sto). Schon etwas abseits der großen Touristenströme liegt das gemütliche Café Imperial am Rande der Neustadt. Gemütliche Atmosphäre, man sitzt unter hohen Decken an runden Holztischen und hört Swing- oder Jazz-Musik. Und zum Kaffee gibt's einen frischen Krapfen gratis dazu. Café Imperial, Na Poøíèí 15/1072.

Venedig

Venedig: Caffè Florian: Purpurroter Samt und goldene Spiegel zieren diese historische Stätte, wo sich einst der berühmt-berüchtigte Giaccomo Casanova der Damenwelt widmete. Das Café am Markusplatz wurde 1720 eröffnet und zählt zu den ältesten, bekanntesten, schönsten und teuersten Kaffeehäusern der Welt. Caffè Florian, Piazza San Marco 56, 30124 Venezia.

Rom: Café Greco: Das geschichtsträchtige Kaffeehaus findet man nicht weit von der Spanischen Treppe entfernt in der Via Condotti - der teuersten Einkaufsstraße von Rom. In seiner 270-jährigen Geschichte hat es schon viele illustre Gäste ein- und ausgehen sehen: neben Goethe, der hier während seiner Italienreise 1760 vorbeikam, auch viele andere deutsche Künstler wie Wagner, Mendelssohn, Stendhal und Liszt, so dass es im 18. Jahrhundert eher unter dem Namen Caffè dei Tedeschi (deutsches Kaffee) bekannt war. (Antico Caffè Greco, Via Condotti 86, Rom)

Paris

Café de Flore: Gleich neben der Basilika Saint-Germain-des-Prés. Um 1890 eröffnet und von Jean-Paul Sartre, Simone de Beauvoir, Albert Camus und anderen denkenden Köpfen oft besucht. Insider setzen sich nie auf die Terrasse, sondern immer in den Saal oder noch besser in den diskreten Oberstock. Café de Flore, 172, Boulevard Saint-Germain.

Les Deux Magots: Ebenso legendär wie das benachbarte "Flore" und bereits 1875 gegründet. Von der Terrasse hat man den perfekten Überblick auf das Geschehen auf dem Platz von Saint-Germain und die Kreuzung rue de Rennes und boulevard de Saint- Germain. Les Deux Magots, 6, place Saint-Germain-des-Prés, 6. Arr. Café de la Paix: Im InterContinental Le Grand Hotel Paris ist nach langer und aufwändiger Restaurierung die Brasserie des Hotels - das Cafe de la Paix wieder für Gäste geöffnet. In dem Cafe waren Oskar Wilde und Arthur Conan Doyle, der Schöpfer von Sherlock Holmes, Stammgäste. Café de la Paix 12 blvd. des Capucines.

Deutschland

Café Einstein: Das sieht zwar aus wie in Wien, ist aber eine Berliner Institution par excellence: Das Café Einstein, untergebracht in der alten Villa des früheren Stummfilmstars Henni Porten, ist ganz im Wiener Kaffeehausstil eingerichtet. Im Sommer ist der Garten geöffnet. Café Einstein, Kurfürstenstr. 58.

© Claas Adler

Hamburg: Literaturhaus Café Das Café befindet sich in einer prächtig renovierten Jugendstilvilla direkt an Hamburgs Außenalster. Sonntags gibt's Frühstück im ehemaligen Ballsaal, man kann aber auch einfach nur zum Schmökern vorbeikommen. Parkett, Kronleuchter und Stuckdecken verbreiten eine heimelige Atmosphäre. Zwei Mal wöchentlich finden hier Autorenlesungen statt. Café Schwanenwik im Literaturhaus Uhlenhorst, Schwanenwik 38.

Leipzig: Zum Arabischen Coffee Baum: Leipzig hat nicht nur den geschichtsträchtigen "Auerbachs Keller", sondern mit dem 1998 nach eingehender Restaurierung wieder eröffneten "Kaffeebaum" auch den zweitältesten Kaffeetempel in Europa. Hier verkehrten Schriftsteller, Poeten und Musiker wie Johann Sebastian Bach. Speisen werden in historischen Gastzimmern serviert. Es gibt mehrere Cafés und auch ein Rundgang durchs anschließende Museum lohnt sich. Zum Arabischen Coffee Baum, Leipzig, Kleine Fleischergasse 4.

München: Cafe Luitpold: 1888 als prächtiges "Kaffee-Schloss" erbaut, schwelgte das Cafe Luitpold mit Kuppelbau, Säulengang, Palmengarten und Tanzsaal im Luxus, bot Platz für mehr als 1200 Gäste und galt als damalige Sensation. Hier traf sich die feine Gesellschaft. Heute ist das Café gleichen Namens in eine Einkaufsmeile integriert. Cafe Luitpold, Palmengarten, Briennerstraße 11, 80333 München.

Uta Bangert
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