Kochshows im Fernsehen: Kuppeln, Reisen, Schweigen

Fast 90 Kochshows gibt es im Fernsehen. Wer damit noch Quote machen will, muss mehr bieten als gute Rezepte: Kuppeln, Reisen, Schweigen - gebrutzelt wird nebenbei.

Bio macht Schluss, und das macht Sinn. Denn Alfred Biolek, der nach mehr als zwölf Jahren Küchendienst bei "Alfredissimo!" den öffentlich-rechtlichen Pfannenwender nun an den Nagel hängt, hat die Koch-Shows im deutschen Fernsehen zwar gesellschaftsfähig gemacht: Tim Mälzer, Ralf Zacherl, Johann Lafer und Co. wären ohne ihn nicht möglich gewesen. Aber ein paar Leute in einer Küche, die über das reden, was auf Hüfthöhe in der Pfanne brutzelt - das reicht einfach nicht mehr. Sogar Johannes B. Kerner brennen mit seinen fünf Freitagabend- Köchen allmählich die Quoten an.

Heute wird medial bereits so viel vorgegart, dass einem nicht mal mehr ein Dessert aus tibetanischer Yakmilch fremd vorkommt. Ob das alles auch nachgekocht wird, ist eine andere Frage: Es gibt keine Belege dafür, dass Tim Mälzer und seine Kollegen in den annähernd 90 Koch-Shows im deutschen Fernsehen wirklich dafür sorgen, dass in Deutschland neuerdings mehr und besser gekocht wird.

Wahrscheinlich ist eher folgendes Szenario: Man sitzt auf dem Sofa, schaut eine Koch-Show, nickt anerkennend dem geeisten Mandarinenschaum auf Lebkuchenmousse zu und greift nebenbei beherzt in die Chipstüte. Schade, aber nicht weiter erstaunlich, sagt Star-Köchin Sarah Wiener: "Man schaut anderen Leuten halt gern bei der Arbeit zu - das ist im Fernsehen nicht anders als auf der Baustelle."

Weineinkauf für "Das perfekte Dinner" (Vox)

Deshalb haben die Fernsehsender ein paar neue Baustellen aufgerissen. Und machen, sagen wir mal, Fusion-Kost - Kochen im Fernsehen bekommt einen Rahmen. Da mischen Kochprofis deutsche Kantinen auf, der Hamburger Sternekoch Christian Rach hilft als "Rach, der Restauranttester" dabei, vor die Hunde gegangene Gaststätten wieder aufzumöbeln. Und in Sendungen wie "Das perfekte Promi-Dinner", "Die Promi-Küche" und "Das perfekte Dinner" auf RTL und Vox, in denen Kochlaien, teilweise bekannt aus Funk und Fernsehen, ihr Bestes geben, verlagert sich das Geschehen aus dem Studio an die Herde realer Menschen in ihren ganz privaten Wohnungen. Neben all den Vorbereitungsplagen werden auch Pannen genüsslich dokumentiert. Scheitern erhöht den Unterhaltungswert.

Und weil Liebe ja bekanntlich durch den Magen geht, war es bloß eine Frage der Zeit, bis ein Sender Flirten und Schlemmen zusammenbringt. Pro7 war am schnellsten: Seit dem 8. Januar gibt es dort von Montag bis Freitag "Liebe isst... Das Single-Dinner".

Und das geht so: Eine Single-Frau lässt sich an den ersten vier Tagen von vier verschiedenen Männern bekochen. Am Freitag entscheidet sie sich dann, wer der beste Mann am Herd ist und in Zukunft das Objekt ihrer kochenden Leidenschaft sein soll. Kochen ist hier ein willkommenes Vehikel zur Pärchenbildung im Vorabendprogramm.

Wer kocht sich in ihr Herz? "Liebe isst... Das Single-Dinner" (Pro7)

Ob die Frau bei der schicken Deko schwach wird?

Sarah Wiener ist für den Kultursender Arte in Frankreich unterwegs - in kulinarischer Mission

Auch der Kultursender Arte wirft eine Sendung in den bunten Eintopf der TV-Köche. "Die kulinarischen Abenteuer der Sarah Wiener" heißt die auf 20 Folgen angelegte interkulturelle Topfguckerei mit Selbstbeteiligung: Vier Wochen lang, immer von Montag bis Freitag, reist die 44-jährige Star-Köchin durch Frankreich, besucht Meister der einheimischen Küche, lässt sich von ihnen ein Gericht vorsetzen, bekommt es einmal erklärt - und muss es allein nachkochen. Am Ende wird sie von einer Jury aus ortsansässigen Feinschmeckern beurteilt. Manchmal ging Sarah Wiener dabei an ihre Grenzen: Für das provenzalische "Perlhuhn im Trauermantel" musste sie eigenhändig einen Vogel schlachten, teamintern hieß die Serie von diesem Zeitpunkt an nur noch "Tiere töten mit Sarah".

Bei allem Erfindungsreichtum der TV-Sender sind doch die Klassiker unvergessen - und zumindest in ihrer Wiedererkennbarkeit unerreicht. Max Inzinger zum Beispiel, der in den 70ern in der "Drehscheibe" den legendären Satz prägte: "Ich hab da schon mal was vorbereitet..."

Er kann schweigen und kochen: Patrick Müller ("Silent Cooking", 3sat)

Bleibt zu hoffen, dass die gut gemeinte Ernährungsberaterei via TV nicht den Weg jeden Fernseh-Trends gehen wird: langsamer Tod durch Übermaß. Spätestens wenn dereinst unter dem Titel "Die nackte Gulaschkanone" aus der Bundeswehrkantine gesendet wird, mit "Voller Bauch studiert nicht gern" die erste Mensa-Show on air geht, werden wir merken, dass übers Essen im Fernsehen lange genug geredet wurde. Das könnte der Durchbruch für Patrick Müller sein. Jeden Donnerstag, immer nachts, läuft seine Koch-Show "Silent Cooking" auf 3sat, und Patrick Müller steht im T-Shirt mit Dreadlocks am Herd, kreiert dreigängige Menüs - und schweigt.

Nur gucken. Nichts hören. Das ist sinnlich. Das ist Kochen.

Text: Stephan Bartels Fotos: Vox, Pro7, Arte, ORF BRIGITTE Heft 3/2007
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