Natalie Lumpp: Ihr Weg zur Top-Sommelière

Die BRIGITTE-Weinexpertin Natalie Lumpp erzählt, wie es ihr mit Anfang 20 als Weinchefin im Spitzenrestaurant ging und was sie abends am liebsten trinkt.

BRIGITTE.de: Frau Lumpp, Sie sind "Weinexpertin" - wie wird man das?

Natalie Lumpp: Ich bin mit 16 von der Schule abgegangen, habe Hotelfachfrau gelernt und mich dann auf Wein spezialisiert, weil das immer schon meine Leidenschaft war.

BRIGITTE.de: Immer schon?

Natalie Lumpp: Ja, ich fand Wein wirklich immer schon toll! Alle anderen Mädele in meiner Klasse interessierten sich für Kleider und Schmuck... Natürlich bin ich zum Ballettunterricht gegangen und habe Klavierstunden gehabt, schließlich war mein Vater Opernsänger. Aber ich wusste immer: Wein ist mein Ding.

BRIGITTE.de: Wie fanden Ihre Eltern das?

Natalie Lumpp: Begeistert waren sie nicht...

BRIGITTE.de: Sie haben dann aber schnell Karriere gemacht!

Natalie Lumpp: Erst einmal fuhr ich mit meinem selbst verdienten Geld hinüber ins nahe Elsass und kaufte Wein. In Straßburg gab es einen schönen Laden, "La Sommelière" hieß der auch noch, und immer wenn ich Geld übrig hatte, bin ich hin... Ich war tätig in der Traube Tonbach bei Deutschlands Starkoch Harald Wohlfarth, und dann Chef-Sommelière im Bareiss in Baiersbronn und im Schlosshotel Bühlerhöhe - alles erste Adressen für Feinschmecker.

BRIGITTE.de: Und dann haben Sie die "Trophée Ruinart" errungen, den Oscar als bester Sommelier Deutschlands.

Natalie Lumpp: Ja, das war 1997.

BRIGITTE.de: Haben Sie in den Spitzenrestaurants keine Probleme gehabt? Schließlich waren Sie sehr jung...

Natalie Lumpp: Leicht war es nicht, als Weinchefin im Bareiss war ich erst Anfang 20, und da hat schon manch einer der verwöhnten Gäste gefragt: "Was, Sie sind der Sommelier? Gibt es hier keinen Mann?"

BRIGITTE.de: Was muss man können, um die Trophée Ruinart zu gewinnen?

Natalie Lumpp: Dieser Wettbewerb fordert wirklich alles: Im theoretischen Teil wird umfangsreichstes Weinwissen abgefragt. Bei der praktischen Prüfung werden Weine und Digestifs blind verkostet und müssen erkannt werden, es wird gefordert, einen Champagner und einen Rotwein perfekt zu servieren und nebenbei muss man vielleicht noch auf Englisch oder Französisch erklären, was denn nun das Besondere an einer Beerenauslese ist... Da kann man ins Schleudern kommen, denn so leicht ist es nicht, einen Quittenbrand von einer Marille zu unterscheiden, wenn man das Etikett nicht sieht.

BRIGITTE.de: Oft weiß man ganz genau, "das hast du schon gerochen, geschmeckt...", aber man kommt einfach nicht drauf.

Natalie Lumpp: Blindverkostung muss man trainieren. Irgendwann erinnert man sich dann: Paprikaduft bei einem Rotwein deutet immer auf einen Cabernet Sauvignon hin, ein Shiraz riecht nach Pfeffer... Die Molekülstruktur ist gleich, egal aus welcher Region der Wein kommt.

BRIGITTE.de: Sie meinen also, Wein kennen und schmecken kann man lernen?

Natalie Lumpp: Natürlich fällt das manchen leichter. Aber Spaß am Essen, Spaß am Wein, das ist doch das Wichtigste. Es ist völlig falsch zu denken, ein Wein muss einem jeden Tag schmecken. Einen Tag kann ich doch Lust auf einen fetten Shiraz haben, den nächsten auf einen schlanken badischen Spätburgunder, einen Tag auf einen frischen Weißwein, den nächsten auf einen süffigen Rosé...

BRIGITTE.de: Was ist Ihr Lieblingswein?

Natalie Lumpp: Ich bin ein Riesling-Fan. Aber jeder braucht ein Aha-Erlebnis mit Wein, dann ist er verloren. Bei mir war es ein Gevrey Chambertin. Sie können sicher sein: Wenn ich Weihnachten in den Keller gehe und einen besonderen Wein suche, komme ich immer mit einem Burgunder wieder herauf.

BRIGITTE.de: Können Sie ungefähr sagen, wie viele Weine Sie schon verkostet haben?

Natalie Lumpp: Nein, das lässt sich nicht mehr zählen! Es gibt viele Tage, an denen ich an die hundert Weine probieren muss...

BRIGITTE.de: Am Abend nach so einem Tag trinken Sie bestimmt freiwillig keinen Wein mehr...

Natalie Lumpp: Nein, dann freue ich mich natürlich auf einen grünen Tee zu Hause. Aber ich liebe Wein! Für mich ist das Probieren Lust, nicht Last!

Interview: Susanne Mersmann Foto: Vera Hartmann
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