Schnippeln für die Restlos-glücklich-Suppe

Bei ihren Schnippelpartys kocht Initiatorin Talley Hoban eine Suppe aus Gemüse, das sonst weggeworfen würde. Und jeder, der mag, hilft beim Schnippeln.

Talley Hoban: "Ich zeige den Leuten, wie sie auch die Stiele vom Brokkoli verwerten können"

Mit zwei Gulaschkanonen will diese Frau die Welt zu einem besseren Ort machen: Tally Hoban, 40 Jahre alt, außen wilde rote Locken, innen grüne Gedanken.

Von Bauern und Supermärkten holt Hoban Gemüse ab, das keiner kaufen will: knubbelige Möhren, Riesenzucchini oder angedetschte Kartoffeln. Bei ihren "Schnippelpartys" kocht sie daraus 50 Liter Eintopf - jedes Mal mit anderen Zutaten, aber immer vegan. Hoban nennt ihn ihre "Restlos-glücklich-Suppe". Den verkauft sie gegen Spenden, ein Euro kostet der Teller. Wer noch Hunger hat, darf sich Nachschlag nehmen.

Und jeder, der mag, hilft beim Schnippeln. Auf diese Weise will Hoban nicht nur das Gemüse retten, sondern auch die Menschen an den Wert von Lebensmitteln erinnern. "Ich zeige den Leuten, wie sie auch die Stiele vom Brokkoli verwerten können und die Kohlrabiblätter, wofür eine Gemüsebürste gut ist und dass man Kartoffeln gar nicht so viel schälen muss", sagt sie.

Lieber Gemüsefond als Immobilienfonds

Sie sprudelt die Geschichten förmlich heraus, erzählt von der Begeisterung alter Leute fürs gemeinsame Schnippeln und von der Unsicherheit vieler junger Mütter, die immer viel zu viel wegschneiden vom Gemüse, aus Angst, es sei nicht mehr gut. "Dabei kann man mit Gemüse gar nicht viel falsch machen."

Jeden dritten Samstag im Monat wird unter dem Motto "Back to the Roots" beim Sunset-Flohmarkt in Wiesbaden geschnippelt, die Stadt unterstützt die Party. Beim Kochen und Essen läuft Musik, hinterher werden die Tische beiseite geschoben, und wer Lust hat, tanzt. Auch in Düsseldorf und Köln fanden bereits Schnippelpartys statt, im Frühjahr kochte Talley Hoban eine Woche mit Kindern in Berlin. Außerdem organisiert sie Workshops zum Thema und hält Vorträge. Im Winter, wenn es zu kalt ist für Schnippelpartys, arbeitet sie als selbständige Sekretärin für Frankfurter Banken. "Aber Gemüsefond ist mir lieber als Immobilienfonds", sagt sie lachend.

Teller vom Flohmarkt und Äste statt Kohle

Nachhaltigkeit ist Talley Hoban wichtig, "man muss nicht alles kaufen", sagt sie. Deshalb stammen die Teller für ihre Schnippelpartys vom Flohmarkt, und die Gulaschkanonen befeuert sie mit toten Ästen aus dem Wald statt mit Grillkohle, für die in Südamerika Tropenwälder gefällt werden. Früher hat Hoban auch "containert", Essbares aus Abfallcontainern von Supermärkten gerettet. Inzwischen versorgt sie sich lieber auf legalem Wege mit Lebensmitteln, die andere wegwerfen würden.

Die Idee für die Schnippelpartys kam ihr 2008: In ihrer Wohnküche saß sie oft mit Freunden zusammen, erst wurde gemeinsam gekocht, dann wollte man tanzen gehen. "Aber nach dem Essen wollten alle lieber in der Küche sitzen bleiben." Und das findet Hoban auch gar nicht verwunderlich: "Beim Kochen kommen unterschiedlichste Menschen und Ansichten zusammen, alle sind beschäftigt - so entsteht ein Gemeinschaftsgefühl."

Die Idee hat es inzwischen zu internationaler Bekanntheit gebracht: Unter dem Begriff "Schnippeldisco" hat Slowfood Youth die Idee aufgegriffen. Schnippelpartys gibt es auch in Kanada, den USA, Indien und Südkorea, als "Disco Soupe" ist die Veranstaltung vor allem in Paris sehr erfolgreich. Die Zutaten sind immer dieselben: Gemüse, das andere wegwerfen würden, Musik - und der Wunsch, die Welt zu einem besseren Ort zu machen.

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