Kann Kochen die Sehnsucht nach Heimat stillen?

In Beirut kochen syrische Flüchtlinge, um überleben zu können - und um sich an ihre Heimat zu erinnern. Das Programm gibt den Frauen neue Hoffnung und Selbstbewusstsein.

"Make food, not war", so lautet Kamal Mouzawaks Motto. Der Libanese ist Besitzer des Restaurants "Tawlet" in Beirut. Unter dem Namen "Atayab Zaman", "Köstliche Vergangenheit", bietet er ein Trainingsprogramm für syrische Flüchtlingsfrauen an: Sie kochen die Gerichte, die sie schon ihr ganzes Leben kochen und essen. Und verdienen damit Geld, das ihre Familien zum Leben so dringend brauchen. Unterstützt wird die Idee vom UNHCR, dem Flüchtlingswerk der Vereinten Nationen, und von der libanesischen Caritas.

2,5 Millionen Syrer sind nach Angaben des UNHCR auf der Flucht. Beinah eine Million floh in den Libanon, das Nachbarland des krisengeschüttelten Syrien. Viele sind traumatisiert und haben im Krieg und auf der Flucht Schreckliches erlebt.

Zwanzig Frauen haben das Programm im vorigen Jahr absolviert. Die meisten arbeiten nun für das "Tawlet" oder für die Cafeteria des UNHCR. In dem sechs Monate dauernden Kurs kochten sie syrische Gerichte und lernten die Küchentechniken und Hygieneregeln eines Restaurants kennen.

Bei "Atayab Zaman" geht es ums Kochen, um gute Zutaten, um die syrische und libanesische Küche, ihre Gemeinsamkeiten und Unterschiede. Aber es geht auch um ein Gefühl von Heimat für diese Vertriebenen, die mit wenig mehr im Libanon ankamen als mit den Kleidern, die sie trugen. Und um Selbstbewusstsein: Das Programm gibt den Frauen ein Ziel und die Chance, für sich selbst und ihre Familie zu sorgen.

Hier erzählen drei Frauen ihre Geschichte.

"Ich will Chefköchin der Flüchtlinge sein" - Nahreins Geschichte

Nahrein Abdal mit Ketal, flachen Kibbeh-Klößen mit Granatapfelsamen, Laban-Joghurt und den Hackbällchen Kafta in Tomatensoße

Nahrein Abdal ist 37 Jahre alt, sie kommt aus al-Hasaka im Nordosten Syriens, eine lebhafte Frau voller Energie. Während sie ihre Ketal-Fladen mit Granatapfelsamen bestreut, schwingt sie ihre Hüften zum Takt einer Musik, die nur sie hören kann.

14 Monate zuvor floh Nahrein mit ihren Kindern aus Syrien. "Angst war uns fremd", sagt sie. "Dann kam sie über uns und hat uns seitdem nicht mehr verlassen." Die Arbeit im "Tawlet" jedoch macht sie stolz. "Ich möchte mehr arbeiten, ich möchte mehr kochen", sagt sie, als sie ihr Essen präsentiert. "Ich will die Chefköchin der syrischen Flüchtlinge sein."

"Plötzlich konnte ich etwas beitragen" - Ibtisims Geschichte

Ibtisim Masto mit Kibbeh-Bällchen mit Fleischstücken und Quitten in einer Tomatensoße, Linsensalat mit Petersilie und Kibbeh-Teigklößen mit Hackfüllung

Im Februar 2013 stiegen Ibtisim Masto und ihr Mann mit ihren sechs Kindern in Idlib im Nordwesten Syriens in einen überfüllten Bus. Über die syrische Hauptstadt Damaskus gelangten sie schließlich nach Beirut. Doch richtig heimisch geworden sind sie dort noch nicht. "Ich vermisse alles", sagt Ibtisim, der man ihre 34 Jahre und die Schrecken der Flucht nicht ansieht, "sogar die Luft, die wir in Syrien geatmet haben. Wir sind dort vor Angst fast erstickt, hier ersticken wir vor Sehnsucht."

Ibtisim wusste nicht, was sie erwartet, als sie sich für das Programm anmeldete. "Ich dachte, ich könnte etwas lernen. Aber ich dachte nicht, dass ich etwas zu geben hätte." Das Kochen, sagt sie, habe ihr Hoffnung gegeben. "Ich habe mich vorher als Last gefühlt. Und plötzlich konnte ich etwas beitragen und nicht nur nehmen."

"Ich will für das ganze Land kochen" - Marleines Geschichte

Marleine Youkhanna mit Kafta, kräftig gewürzten Hackbällchen, und einem Eintopf aus Kartoffeln, Bohnen und Möhren

Wer Marleine Youkhanna in der Küche des UNHCR-Restaurants in Beirut sieht, stolz und entspannt hinter ihren Töpfen, kann kaum glauben, dass sie ihre Heimat hinter sich lassen und im Libanon ein neues Leben anfangen musste.

Marleine (40) floh im August 2013 mit ihrem Mann und den drei Kindern aus Hasaka in den Libanon. 20 Jahre hatten sie und ihr Mann gespart, damit ihre Kinder als erste in der Familie studieren können. Das Geld nahmen sie mit auf die Flucht, und Marleine weiß, dass es irgendwann knapp werden wird. "Das ist der Grund, warum ich versuche, mich zu verbessern", sagt sie. "Das ist der Grund, warum ich für das ganze Land kochen will."

Irgendwann, wenn der Krieg vorüber ist, möchte Marleine zurück in ihre Heimat. "Bevor ich Syrien verlassen habe, gab ich den Schlüssel für mein Haus meinem muslimischen Nachbarn", erzählt sie. "Er wird es beschützen." Marleine ist Christin.

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Voller Stolz präsentiert Nahrein ihre Kibbeh: traditionelle Teigklöße, gefüllt mit Hackfleisch.

Wer syrische Flüchtlingsfrauen unterstützen will, kann hier beim UNHCR spenden. Geschichten weiterer Frauen sind auf der Website des UNHCR zu finden.

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