Rachel Khoo: Die Selfmade-Köchin

Rachel Khoo, TV-Köchin und Kochbuch-Autorin, macht in England gerade Jamie Oliver Konkurrenz - und nun kommt sie auch ins deutsche Fernsehen. Eine Inspektion in Rachel Khoos Mini-Küche.

Sitzt man auf dem weißen Futon von Rachel Khoo und dreht den Kopf leicht nach links, blickt man auf ihren Schreibtisch. Dreht man ihn leicht nach rechts, auf ihr Bücherregal mit der Kochbuchsammlung. Und schaut man einfach nur geradeaus, direkt in ihre winzige Küche.

Das ganze Apartment hat 20 Quadratmeter und ist damit vermutlich so groß wie die Gästetoilette ihres Kollegen Jamie Oliver. Einen Herd gibt es nicht, nur einen Campingkocher, senfgelb, mit zwei Gasstellen. Im Fach darunter: ein weißer Elektrogrill. Die Arbeitsfläche: so groß wie ein Gästehandtuch. Vor der Wand mit den marokkanischen Mosaikfliesen hängen Töpfe, Pfannen, ein Kräuterregal und diverse Küchengeräte. Der Kühlschrank versteckt sich in einem Schrank, ebenso ihre rote "KitchenAid"-Maschine (Rachel Khoo: "mein wertvollstes Küchenutensil"), der mit Tafelfarbe bemalt ist. Darauf steht mit Kreide geschrieben: "La Petite Cuisine à Paris".

In dieser Puppenküche hat Rachel Khoo also die 120 Rezepte für ihr Kochbuch durchprobiert und tatsächlich auch ihre BBC-Show "My little Paris Kitchen" gedreht? "Voilà. Genauso war es. Während ich den Teig für die Quiche Lorraine ausrollte, klebte mir der Kameramann im Nacken", sagt Rachel Khoo und erklärt die Vorzüge einer kleinen Küche: "Wenig Platz zwingt einen dazu, sehr systematisch vorzugehen. Was wiederum den Rezepten außerordentlich guttut. Konkret heißt das, dass ich während des Zubereitens ständig am Abwaschen und Wegräumen bin, um meinen Arbeitsplatz in Schuss zu halten."

Ich bin für das ultimative Revival der Schürze!

Ein wenig sieht sie aus wie ein Petit Four: Rachel Khoo trägt ein Hängerkleidchen in A-Linien-Form. Grün mit großen blau-weißen Blättern. Dazu braune Sandalen mit Keilabsatz. Roter Lippenstift, der dunkelbraune Pony ist akkurat auf Länge geschnitten. Sie kauft fast immer Vintage-Kleider und schätzt den Stil der fünfziger Jahre. In der Küche trägt sie gern: Schürze. "Weil es praktisch ist und weil es hübsch aussieht. Ich bin für das ultimative Revival der Schürze", sagt Rachel Khoo und lacht.

Die Engländerin Rachel Khoo ist der neue Stern am Kochhimmel. Allerdings nicht im realen Sterne-Geschäft. Der englische "Guardian" beschreibt sie als "new domestic goddess", sie selber nennt sich "Food Creative", man könnte sie auch als kochende Quereinsteigerin mit ausgezeichnetem Talent zur Selbstvermarktung beschreiben. Ihr Kochbuch rangierte Anfang des Jahres wochenlang auf Platz 1 der Bestseller-Liste der "Sunday Times". Rachels Landsleute sind entzückt von der englischen Amélie mit den kirschroten Lippen und der kessen Attitüde. Endlich mal eine, die ihnen die Angst vor der geliebten, aber als anspruchsvoll geltenden französischen Küche nimmt. Und die nicht die "Skinny French Kitchen" predigt, sondern auf reichlich Butter, Crème fraîche und Weißwein setzt.

Khoo bezeichnet sich als "Flexi-Vegetarian", also jemand, der nur ab und an Fleisch und Fisch isst, sie verarbeitet aber auch Entenleber, Hase oder Austern. "Von vielen meiner Gerichte lässt sich auch eine vegetarische Version zubereiten. Für mich gilt: Klasse statt Masse. Wenn ich Fleisch esse, muss es von hervorragender Qualität sein", flötet Rachel in artikuliertem Englisch.

Ich liebe den Einkauf. Und den Moment, wenn alle Zutaten zu einem großen Ganzen werden.

Ihre Mutter kommt aus Österreich, der Vater ist halb Chinese, halb Malaye. Die Küche ihrer Kindheit bestand aus Schnitzel mit Pommes und asiatischen Currys. Es gab Multikulti-Hausmannskost, auswärts gegessen wurde nur selten. Ihre Kindheit hat Rachel in Croydon, Surrey und Landshut, Bayern, verbracht. Nach ihrem Abschluss in "Art & Design" am St Martins College arbeitete sie als PR-Frau im Modebusiness, tauschte selbst gebackenen Kuchen gegen DJ-Tapes und langweilte sich. So sehr, dass sie beschloss, nach Paris zu gehen und einen Pâtisserie-Kurs an der Kochschule "Le Cordon Bleu" zu belegen.

Drei Monate kosteten damals um die 8000 Euro. Um sich das Leben in Paris finanzieren, arbeitete sie als Au-pair-Mädchen und wohnte erst mal in einem "Chambre de bonne", einem Dienstmädchenzimmer, kaum größer als eine Vorratskammer. "Seither weiß ich, wie man aus wenig Platz viel macht. Der Anfang in Paris war hart, ich sprach kaum Französisch und verbrachte die Nachmittage auf Spielplätzen. Beim Einkaufen auf den Märkten habe ich nach und nach Französisch und dann auch das Kochen gelernt. Der Fleischer, der Fischverkäufer, die Gemüsefrau - sie alle verstehen sich als Experten, die gern ihr Wissen teilen. Ich liebe den Einkauf. Und den Moment, wenn alle Zutaten zu einem großen Ganzen werden."

Ihren Buch-Deal hat Rachel Khoo bekommen, weil sie einer Lektorin einfach eine E-Mail schrieb und darauf bestand, ihr Konzept persönlich vorzutragen. Um Geld für das kostspielige Ausprobieren von Rezepten zu verdienen, eröffnete Khoo in ihrem Ein-Zimmer-Apartment ein Ein-Tisch-Restaurant: "La Petite Cuisine à Paris". Für einen Unkostenbeitrag von 30 Euro servierte sie im vergangenen Jahr zweimal die Woche ein Drei-Gänge-Menü. Anmeldung über Facebook und Twitter. Es kamen an die 200 Gäste: Touristen, Freunde, Nachbarn.

Konzentrierte Vorbereitung ist die halbe Miete!

Ähnlich lief es bei ihrer TV-Show: Mademoiselle Khoo hat sich eine Produktionsfirma gesucht, die ihre Vorstellungen von einer modernen Kochsendung umsetzte. Nicht umgekehrt. Kein aseptisches Kochstudio, gedreht wird, s'il vous plaît, in ihrer Mini-Küche. Ihre Botschaft: Es braucht keinen "Bocuse"-Gasherd oder "Le Creuset"-Bräter, um ein Käsesoufflé oder eine Bouillabaisse auf den Tisch zu bringen. "Kochen kann man in jeder Küche, wer anderes behauptet, will sich in Wahrheit nicht die Mühe machen", behauptet Khoo. Ihr wichtigster Ratschlag? "Die Rezepte dreimal hintereinander lesen. Im Ernst, viele lesen ein Rezept nicht ein einziges Mal bis zum Ende. Dabei ist eine konzentrierte Vorbereitung die halbe Miete. Besonders beim Backen muss man sich sklavisch an Mengenangaben und Zeiten halten."

In diesem Sommer hat Rachel Khoo ein Küchenpraktikum im schwedischen Restaurant "Fäviken Magasinet" absolviert, das dem legendären "Noma" in Kopenhagen Konkurrenz macht. Bleibt abzuwarten, was Rachel Khoo vorhat, wenn sie eine größere Küche hat. Sie hat nämlich vor, diesen Herbst umzuziehen. Au revoir, Mini-Küche.

Rachel Khoo: Ihr neues Kochbuch, ihre neue TV-Show

Rachel Khoo, geboren 1980 in Croydon, England, studierte in London Kunst und Design und arbeitete als PR-Frau für ein Modelabel. Mit 26 Jahren zog sie nach Paris, absolvierte einen Pâtisserie-Kurs an der Kochschule "Le Cordon Bleu" und jobbte als Au-pair. Sie veröffentlichte zwei französische Kochbücher und beriet den Weihnachtsmarkt in Wolfsburg als "Food-Consultant". Rachel Khoos neues Kochbuch "Paris in meiner Küche" erscheint am 24. September (für 24,95 Euro im Verlag Dorling Kindersley) und zeigt junge französische Küche mit Pariser Flair. Ihre gleichnamige Kochsendung startet bei uns ab dem 20. September auf RTL Living.

Text: Antje Wewer Foto: David Loftus / f. d. dt. Ausgabe: Dorling Kindersley Verlag Ein Artikel aus BRIGITTE 20/2012
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