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Tablettensucht: Wenn der Arzt zum Dealer wird


Millionen Frauen leiden unter Schlafstörungen und Ängsten. Die Folge ist nicht selten eine Tablettensucht: Viele Mediziner verschreiben leichtfertig Schlafmittel, die süchtig machen.

Nachts wälzt sie sich stundenlang im Bett und grübelt: über die Raten fürs Haus, den Chef, ihren Ex-Mann. Morgens fühlt sie sich völlig zermürbt und schreit die Kinder an. Sofort tut es ihr leid. Was ist, wenn sie jetzt auch noch im Job Fehler macht? Gerade jetzt, wo ohnehin Stellen gestrichen werden? Es muss etwas geschehen. Sie geht zum Arzt. Und der verschreibt ihr erst mal ein Schlafmittel.

Für ein paar Wochen, sagt der Doktor, damit sie mal wieder zur Ruhe kommt. Und dass dies kein Dauerzustand werden darf, weil diese Tabletten abhängig machen. "Suchtgefahr? Ich doch nicht", denkt sie, "Das war noch nie mein Problem." Sie nimmt abends die erste Pille und erwacht morgens wie neugeboren. 20 Tage später ist die Packung leer, sie braucht ein neues Rezept. Der Arzt schiebt es diesmal ein bisschen unwillig über den Tisch und erklärt dazu: "Langfristig müssen Sie sich aber was anderes einfallen lassen!"

Ärzte fördern die Tablettensucht durch leichtfertiges Verschreiben

Doch ein paar Wochen später sind die Ängste, die Schlafstörungen, die Gereiztheit plötzlich wieder da. Jetzt auch noch auf das Schlafmittel verzichten? Das geht auf keinen Fall. Der Arzt sagt ihr nicht, dass die neuen Probleme nicht trotz, sondern wegen des Medikaments aufgetreten sind. Und dass damit der Einstieg in die Sucht vielleicht schon begonnen hat.

Dies ist die Geschichte eines Skandals, der sich Tag für Tag in Deutschland wiederholt: Ärzte verschreiben leichtfertig Schlaf- und Beruhigungsmittel, obwohl deren süchtig machende Wirkung seit Jahrzehnten bekannt ist. Eine noch unveröffentlichte Studie des Instituts für interdisziplinäre Sucht- und Drogenforschung in Hamburg belegt jetzt das ganze, dramatische Ausmaß dieser stillen Sucht. 800.000 Menschen in Deutschland nehmen - entgegen allen ärztlichen Leitlinien - dauerhaft so genannte Benzodiazepine ein: rezeptpflichtige Medikamente mit einem hohen Suchtrisiko.

Weitere 130.000 sind so schwer davon abhängig, dass sie ohne gezielte, fachliche Hilfe kaum noch davon loskommen werden. Wie riskant der Wirkstoff ist, der in dutzenden Präparaten vermarktet wird, belegt eine weitere Zahl: Jede (oder jeder) Zweite, die zum ersten Mal ein Rezept für ein Benzodiazepin bekommt, rutscht in den - ärztlich verordneten - Medikamentenmissbrauch ab.

Stimmt es also immer noch, das viel zitierte Bild von den Dealern in Weiß? Ja und nein. Es gibt viel zu viele von ihnen, das belegt die neue Studie: Ärzte, die ohne Zögern zum Rezeptblock greifen, wenn Menschen über Schlafstörungen oder Unruhe klagen. Aber es gibt auch Patientinnen und Patienten, die von einer Praxis in die andere laufen, die Ängste und schwere Krankheiten erfinden, um an ihr Suchtmittel heranzukommen.

Und es gibt alle Stufen dazwischen: die stillschweigende Übereinkunft zwischen Arzt und Patientin etwa, den Besuch in der Sprechstunde so schnell wie möglich mit einem Rezept zu beenden. Wenn es sich dabei auch noch um eine Privatverordnung handelt, entzieht sich die stille Sucht quasi jeder Kontrolle durch die Krankenkassen. Über 56 Prozent der als Schlafmittel verschriebenen Benzodiazepine, so fand der Bremer Pharmakologe Gerd Glaeske heraus, werden inzwischen von Patienten aus eigener Tasche bezahlt. 1993 lag dieser Anteil bei nur 13,7 Prozent.

Frauen leiden doppelt so häufig an einer Sucht wie Männer.

Für die meisten Patientinnen und Patienten ist der Preis kein Problem. Im Vergleich zu anderen Suchtmitteln sind Benzodiazepine billig, nämlich ab 50 Cent pro Pille zu haben. Zusätzlich werden immer mehr Rezepte für einen neuen Typ von Schlaf- und Beruhigungsmitteln ausgestellt: So genannte Non-Benzodiazepine werden heute drei-bis viermal so häufig verordnet wie noch 1993. Experten wie Dr. Rüdiger Holzbach, der in Lippstadt die einzige deutsche Schwerpunktstation für Medikamentenentzüge leitet, beobachten, dass diese neueren Mittel genauso abhängig machen können. Sichtbar wird das aber oft erst nach Jahren oder Jahrzehnten.

Besonders schlimm ist das für Frauen - sie leiden, so die Zahlen der "Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen", etwa doppelt so häufig wie Männer an einer Medikamentenabhängigkeit. Und eine ganz neue, bundesweite Umfrage der DAK zeigt: Jede vierte Frau in Deutschland (und etwa jeder achte Mann) hat schon Medikamente zur Verbesserung der geistigen Leistungsfähigkeit oder psychischen Befindlichkeit genommen. Ganz oben auf der Liste der weiblichen Beschwerden: depressive Verstimmungen, Angst, Nervosität, Unruhe - allesamt Symptome, gegen die Benzodiazepine und Non-Benzodiazepine verschrieben werden.

"Für viele Frauen ist es eine Art Geheimnis, dass sie diese Medikamente nehmen. Sie gehen nie ohne Pillen aus dem Haus, reden aber nicht darüber", beobachtet Jörg Otto, Psychologe im Berliner Vivantes-Klinikum am Urban. Es passiert in allen Altersgruppen und gesellschaftlichen Schichten, aber viele haben dieselben Motive: "Bei den Frauen ist der Wunsch, weiter zu funktionieren, das durchgängige Thema", weiß Suchtmediziner Holzbach.

Immer mehr Stress im Alltag kann zur Tablettensucht führen

Die Folgen von immer mehr Stress im Alltag erlebt Kerstin Gerlach, Arztin für Allgemeinmedizin und Psychotherapeutin im Prenzlauer Berg in Berlin, jeden Tag in ihrer Praxis. Ob nun Studentinnen und Studenten, junge Berufstätige oder Eltern von Kleinkindern zu ihr kommen: Im Vordergrund der Beschwerden stehen oft Schlafstörungen, aber dahinter rollt sich das Elend auf. Der Druck, im Beruf immer 160 Prozent zu geben, die Verunsicherung durch kurzfristige Arbeitsverträge. Dazu kommt der Stress durch Arbeitszeiten gegen jeden Biorhythmus, durch Schichtarbeit - da hat der Organismus keine Chance mehr, zur Ruhe zu kommen. Und vor allem die alleinerziehenden Mütter leiden einfach an chronischer Überlastung."

Vor allem alleinerziehende Mütter leiden an chronischer Überlastung.

Benzodiazepine hat die Ärztin dennoch im letzten Quartal an nur vier ihrer 800 Patientinnen und Patienten verschrieben. Doch die Alternativen zur schnell wirksamen Pille fordern beiden Seiten mehr Zeit und Mühe ab: "Da geht es darum, Lebensgewohnheiten zu überprüfen, Entspannungstechniken zu lernen, eine Schlafberatung durchzuführen. Oft ist es ein ganzes Mosaik von Bausteinen, das ineinander greifen muss."

Der Griff zur Pillendose liegt vielen näher, auch weil sie die fatalen Folgen nicht kennen. Denn die Medikamentenabhängigkeit wirkt äußerlich eher unspektakulär: Die Betroffenen gleiten nicht in eine Sucht ab, wie man sie von Junkies oder Alkoholikern kennt, sondern leiden einfach nur still vor sich hin. Ihre Krankheit vollzieht sich, so erläutert es Holzbach seinen Kollegen in zahllosen Fortbildungen, meist in drei Stufen: In Phase eins bleiben die Patientinnen und Patienten diszipliniert bei der einmal verordneten Dosis.

Die Tablettensucht führt in eine fatale Abwärtsspirale

Doch ihr Körper, der sich schnell an die Droge gewöhnt hat, produziert schon nach acht Wochen die Symptome eines Drogenentzugs: Schlafstörungen, Reizbarkeit, Ängste und oft ein schlechtes Körpergefühl. Die Betroffenen ahnen aber nicht, dass sie unter den Nebenwirkungen ihrer Medikamente leiden, sondern glauben, ihre Probleme seien noch schlimmer geworden. In Phase zwei beginnen viele, ihre tägliche Dosis zu steigern, sie nehmen jetzt zwei bis drei Tabletten. Die Folge: Sie haben immer weniger Energie, können nicht mehr klar denken, werden vergesslich und fühlen sich emotional stumpf. Erst in der dritten Phase wird aus der Abhängigkeit eine massive Sucht, in der sich alles um den Teufelskreis zwischen Beschaffung und Entzug dreht.

In diese fatale Abwärtsspirale können auch Menschen, die an Angststörungen im psychiatrischen Sinne leiden, leicht hineingeraten. 58 Prozent dieser Patientinnen und Patienten, so weiß der Göttinger Psychiater und Angst-Experte Prof. Borwin Bandelow, bekommen von ihren Ärzten Benzodiazepine verschrieben, obwohl es längst bessere und weniger riskante Behandlungsformen für sie gibt.

Durch die bedenkenlose Verschreibung von Beruhigungsmitteln werden aber genauso diejenigen gefährdet, die einfach weiter funktionieren wollen, obwohl Überlastung und Existenzängste ihnen nachts den Schlaf rauben. "Sehr viele meiner Patientinnen sagen: Eigentlich mag ich gar keine Medikamente", erzählt der Suchtmediziner Holzbach. Und dann lässt die Abhängigkeit sie doch nicht mehr los. Denn mit dem Griff zum Rezeptblock hat ihnen der Arzt ein zusätzliches, schweres Problem verordnet.

Per Rezept verordnet der Arzt ein zusätzliches, schweres Problem.

Ein Entzug von Benzodiazepinen ist kein Vergnügen. Das langsame Ausschleichen kann ambulant Monate, in der Klinik Wochen dauern und muss ärztlich begleitet werden. Gut wäre es, meint der Suchtmediziner Holzbach, wenn es mehr Gruppen gäbe, in denen Betroffene ihre Erfahrungen austauschen können. Für schwere Fälle gibt es die Therapiestation der LWL-Kliniken Warstein und Lippstadt. Mit langen Wartezeiten muss man dort ebenso wenig rechnen wie auf vielen anderen Suchtstationen in psychiatrischen oder psychosomatischen Kliniken, auf denen Medikamentenabhängige Hilfe finden.

Denn viele Betroffene finden den Weg dorthin nicht, wissen meistens nicht einmal wirklich, welches Problem sie haben. Daran wird sich wohl erst etwas ändern, wenn über die stillen Leiden von Hunderttausenden Medikamentenabhängigen in Deutschland nicht mehr weiter geschwiegen wird.

Die verordnete Tablettensucht - was Sie wissen müssen

Text: Heide Fuljahn und Irene Stratenwerth

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