Arztwahl: Ist er wirklich der Richtige?

Bin ich wichtig für ihn oder denkt er nur ans Geld? Hat er Zeit für mich oder wartet schon die Nächste? Worauf Sie bei der Arztwahl achten sollten.

Vier Zentimeter Durchmesser hatte es, das Myom, das der Gynäkologe in der Gebärmutter seiner Patientin entdeckte. Die harmlose Geschwulst war die Erklärung für die stärkeren Blutungen, unter denen die Münchener Mittvierzigerin litt. "Lassen Sie sich doch die Gebärmutter entfernen", sagte der Arzt. Und steckte seiner Patientin gleich die Visitenkarte einer Privatklinik zu, in der er seine Belegbetten hat. Doch die Frau ging erst noch zu einer anderen Ärztin. Dort erfuhr sie: Myome lassen sich auch schonend beseitigen - mit einem kleinen Eingriff und ohne den Verlust der Gebärmutter.

Wem können Patientinnen noch vertrauen? Woher wissen sie, ob der Arzt bei seiner Diagnose nicht nur an sein Portemonnaie, sondern auch an ihr Wohlergehen denkt? Wer heute bei einem normalen Facharzt anruft, wird in der Regel nicht zuerst gefragt, was ihm fehle, sondern: "Privat oder Kasse?" Im deutschen Gesundheitssystem steht, so scheint es, derzeit eher die Kostenfrage als der Mensch im Vordergrund.

Arztwahl: Woran erkennt man einen guten Arzt?

Der Patient muss wissen, welche Art Medizin er sich wünscht.

Kein Wunder, dass das Verhältnis zwischen Ärzten und Patienten inzwischen zum Thema von Studien geworden ist. Ein sozialwissenschaftliches Projekt des "Zukunftsforums Gesundheitspolitik" aus Passau zeigt dabei einen klaren Trend: "Wir steuern immer mehr auf eine Zweiklassenmedizin zu", sagt der Projektbeauftragte Michael Schmöller. "Wir beobachten, dass es zunehmend einen neuen Typ Arzt gibt, der sich als gewinnorienterter Gesundheitsdienstleister definiert."

Flyer informieren über eine breite Palette an selbst zu zahlenden individuellen Gesundheitsleistungen (IGeL), die glatte Haut oder strahlend weiße Zähne versprechen. Im Besprechungszimmer verbreitet eine Duftlampe beruhigenden Lavendelduft. Und die Sprechstundenhilfe benimmt sich eher wie die Empfangsdame in einem Luxushotel. Ungünstig für Kassenpatienten, sagen die Passauer Wissenschaftler: Weil sich bei ihnen weniger abrechnen lässt, werden sie künftig verstärkt mit längeren Wartezeiten rechnen müssen und in der Praxis einen schlechteren Service geboten bekommen. Pech aber auch für Privatpatienten: Weil ihre Kassen viele Extraleistungen übernehmen, müssen sie gelegentlich völlig nutzlose, vielleicht sogar riskante Untersuchungen und Behandlungen über sich ergehen lassen - Belastungs-EKGs, obwohl das Herz völlig normal schlägt; Magnetresonanztomografie (MRT), weil es im Rücken zwickt; Anti-Aging-Checks, die nichts beweisen.

Woran können Patientinnen also einen vertrauenswürdigen Arzt erkennen? Was können sie tun, um optimal behandelt zu werden? "Sie müssen nur auf ihr Gefühl hören", sagt Sozialwissenschaftler Michael Schmöller. Erklärt der Mediziner verschiedene Möglichkeiten zur Behandlung? Wird er auch bei Nachfragen nicht ungeduldig? Kennt er neuere Studien? Oder behandelt er seit 20 Jahren mit den gleichen Methoden? Um das zu erfahren, brauchen Ärzte und Patienten aber vor allem eines: Zeit. Und genau daran scheint es zu hapern.

Unnötig Zeit kosten den Arzt zum Beispiel Besuche von Pharmareferenten.

Die durchschnittliche Konsultationsdauer in deutschen Allgemeinarzt-Praxen beträgt im Schnitt nur 7,6 Minuten, davon spricht der Arzt gute drei Minuten. Zum Vergleich: Mediziner in Großbritannien haben ihre Patienten immerhin 11,1 Minuten, in den USA sogar 19 Minuten im Sprechzimmer. Eine Studie der Universität Düsseldorf zeigte aber auch: Sind Gespräche nach weniger als sechs Minuten zu Ende, ist die Gefahr, dass beispielsweise psychische Störungen nicht erkannt werden, ganz besonders hoch.

"Jeder Vertreter beansprucht in der Regel fünf bis zehn Minuten", sagt Professor Klaus Lieb, Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Universität Mainz. Er ist im Vorstand des Vereins Mezis e.V. - "Mein Essen zahle ich selbst". Die Mitglieder empfangen keine Pharmavertreter und bilden sich unabhängig fort. Vorteilhaft für die Patienten und für die Solidargemeinschaft.

Wichtig bei der Arztwahl: Wie lang dauert die Beratung?

Denn Pharmavertreter versuchen durch Geschenke und Einladungen zu Kongressen, Ärzte zur Verordnung neuer Medikamente zu bewegen. "Diese Präparate sind in der Regel nicht nur erheblich teurer als Vorläufersubstanzen", so Klaus Lieb. "Es gibt auch weniger Erfahrungen damit. Das bedeutet ein höheres Risiko für die Patienten. Studien zeigen, dass Ärzte, die keine Pharmavertreter empfangen, preiswertere Medikamente verschreiben. Das spart im Schnitt 20 Prozent bei den Verordnungen." Mezis-Ärzte kommen deshalb meist mit ihrem Arzneimittelbudget aus. Und haben mehr Zeit für ihre Patienten. Ein guter Arzt braucht aber noch etwas: Geduld und die Fähigkeit zuzuhören. Stärken, mit denen häufig Medizinerinnen punkten.

Im Schnitt reden sie in Deutschland immerhin 1,1 Minuten länger mit den Patienten als ihre männlichen Kollegen. Sie scheinen deutlich zugewandter, fürsorglicher, empathischer zu sein. "Und sie bereichern die Medizin, indem sie die erforschten Geschlechtsunterschiede berücksichtigen", sagt Dr. Astrid Bühren, Präsidentin des Deutschen Ärztinnenbundes. Auch Forscher Schmöller ist überzeugt: "Frauen nehmen sich mehr Zeit und sehen sich eher als gleichberechtigte Partnerin der Patienten."

Sind Frauen also die besseren Ärzte? Das lässt sich nicht verallgemeinern - schließlich gibt es auch männliche Mediziner, die geduldig zuhören, und raffgierige Medizinerinnen, die Patienten von überflüssigen Inlays und Untersuchungen mit zweifelhafter Aussagekraft zu überzeugen versuchen. Hier zu unterscheiden ist nicht so einfach: "Wer künftig als Patient optimal versorgt werden will, sollte Bescheid wissen und informiert zum Arzt kommen", sagt Michael Schmöller.

Auch das ist wichtig, wenn es darum geht, den Richtigen zu finden. Die Frage "Schulmedizin oder Naturheilkunde" allein reicht da nicht aus. So ist bei einem modernen "Dienstleister" nur derjenige gut aufgehoben, der bereit ist, einiges für seine Gesundheit zu investieren, und sowohl Medizintechnik als auch neuesten Trends aufgeschlossen gegenübersteht. Wer schnelle, pragmatische Hilfe sucht, wenn ihm wirklich etwas fehlt, kommt wahrscheinlich mit einem erfahrenen traditionellen Hausarzt besser zurecht. Und jemand, der gern selbst bestimmt, was gut und richtig für sein Wohlbefinden ist, wird mit einem Halbgott in Weiß, der über seinen Kopf hinweg entscheidet und nicht den leisesten Zweifel daran duldet, arge Probleme haben. Nur wenn Arzt und Patientin harmonieren, kann Vertrauen wachsen.

Arztwahl: Wichtige Kriterien

  • Erklärt der Mediziner verschiedene Möglichkeiten zur Behandlung?
  • Wird er auch bei Nachfragen nicht ungeduldig?
  • Kennt er neuere Studien
Text: Anne-Bärbel Köhle Foto: iStockphoto
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