Der Patient wird älter - der Arzt leider auch

Jahrelang ist er da, vertraut und zuverlässig. Er, der Arzt, ich als Patient. Doch was, wenn er irgendwann seine Praxis schließt?

Wie lange arbeiten Sie noch?

Mein Zahnarzt ist der beste. Und deshalb frage ich ihn regelmäßig, bevor ich den Mund aufmache: "Wie lange arbeiten Sie noch?" - "Und Sie?", fragt er jedes Mal zurück. Wir sind ungefähr gleich jung und machen's nicht mehr ewig. Wenn ich in etwa 100 Jahren mit meiner Arbeit aufhöre, hat das für ihn keine Konsequenzen. Wenn er seine Bohrer und Spritzen einpackt, habe ich ein Problem.

Alle, die sich professionell um mein körperliches Wohl kümmern, gehen in ein paar Jahren in Rente, mein Internist, die Gynäkologin, die Physiotherapeutin und mein Zahnarzt. Ich kann mich nicht erinnern, sie nach ihrem Geburtsdatum ausgesucht zu haben. Freundinnen haben sie mir empfohlen. Wir suchten Experten, die zu uns passten, ein wenig älter, das fanden wir vertrauenswürdig. 20 Jahre lang ging das gut. Jetzt muss ich vorsorgen. Wer darf meine Kniegelenke, meine Zähne, meine Leber und andere empfindliche Körperteile anschauen, wenn meine jetzigen Ärzte in Pension, in der Karibik oder auf dem Golfplatz sind?

Arzt und Patient - eine Beziehung der besonderen Art

Ärzte sind Partner der besonderen Art. Sie kommen einem zuweilen näher als die Liebsten, nicht nur bei Darmspiegelungen. Um die gelegentlichen, aber unvermeidbaren Überschreitungen von Intimgrenzen ohne allzu viel Herzklopfen oder Peinlichkeit zu überstehen, braucht es Zeit und gemeinsame Erfahrungen, nicht nur medizinische.

An einem Montag vor acht Jahren ging ich mit schlotternden Knien zu meinem Zahnarzt, legte mich bleich auf den Behandlungsstuhl und erkundigte mich, ob er gut geschlafen habe. Das war wichtig für mich, weil er mir eine komplizierte Brücke im Oberkiefer bauen sollte. Mein Zahnarzt hatte gar nicht geschlafen, in dieser Nacht war sein Kind geboren worden, auf ziemlich komplizierte Art. Dennoch drechselte er mir meine dritten Zähne, die nun für immer - oder so lange, wie sie halten - genauso alt sind wie seine Tochter. So was verbindet. Vor allem, wenn man wie ich eine Patientin ist, die " ihren" Arzt nicht ausschließlich als medizinischen Dienstleistungsunternehmer sieht.

Schon mit 30 fand ich es gut, wenn Ärzte nicht sofort zum Rezeptblock griffen, sondern sich für die Umstände interessierten, die meinen Körper und meine Seele zum Wehklagen brachten. Orthopäden, die einen Tunnelblick auf das Knochengerüst haben und blind für den Rest sind, besuche ich nicht mehr, seit ich 40 bin. Und den Begriff "ärztliche Zuwendung" habe ich bis zum heutigen Tag noch nicht in eine Abrechnungseinheit mit einer bestimmten Punktzahl übersetzt. Wo Blut abgenommen wird, wissen alle Mediziner. Aber ob ich mich gut aufgehoben fühle, hat nicht nur etwas mit der fachlichen Kompetenz zu tun!

Arzt und Patient: Ein Junger muss her

Deshalb muss ich wohl dringend meine private Gesundheitsreform organisieren. Besser früher als zu spät. Ein neuer Arzt muss her, am besten ein junger, damit wir möglichst lange zusammenbleiben können. Denn wenn ich Statistiken und den Erfahrungen älterer Freunde glaube, werden sich meine Besuche in Arztpraxen in den kommenden 20 Jahren häufen. Ein Grund mehr, schon heute auszuprobieren, zu wem ich morgen Vertrauen haben möchte. Also werde ich den nächsten Urlaub meiner noch praktizierenden Mediziner nutzen, um ihre jüngeren Kollegen zu testen, die sie für den Notfall empfehlen.

Und ich werde nicht mehr meine Freunde, sondern deren Kinder fragen, zu wem sie gehen, wenn sie sich krank fühlen, und welche Erfahrungen sie dort gemacht haben. Vielleicht wissen die Neuen sogar mehr vom neuesten Stand der Forschung. Doch sollte mich einer dieser dynamischen und gut ausgebildeten und von mir aus auch fantastisch aussehenden jungen Ärzte mit der Diagnose "Ach, wissen Sie, meine Liebe, in Ihrem Alter sind diese Beschwerden ganz normal!" beruhigen wollen, dann - ja dann suche ich so lange weiter, bis ich irgendwann den Richtigen fürs Leben gefunden habe.

Text: Regina Kramer Foto: iStockphoto
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