So schützen Sie Ihre Gelenke

Unsere Gelenke sind ein Konstruktionswunder, machen uns agil und rege. Normalerweise laufen sie wie geschmiert. Doch wehe, es knackt im Körper...

Dich auf Händen tragen. Leider nein. Bei einem Streit in die Knie gehen. Unmöglich. Und einfach bloß fernsehen? Das geht. Solange ich eine Fernbedienung habe. Ich liege flach und mache mir Gedanken: Was wäre, wenn nicht nur mein Sprunggelenk, sondern alle Scharniere in meinem Körper ihren Dienst verweigerten? Ich könnte keinen Finger krümmen, nicht kauen und mir deswegen nicht mal die Haare raufen. Ich wäre ein Hampelmann, dem man die Schnur abgeschnitten hat. Und mein ganzes schönes Skelett wäre ein traurig-nutzloses Klappergestell. Dumm für mich. Dumm für uns alle. Ohne Beweglichkeit läuft gar nichts. Alles um uns herum besteht daraus: In der Politik packt einer dynamisch an, ein anderer tritt geschmeidig zurück. Im Beruf stemmt jemand engagiert seine Aufgabe oder schiebt sie ungelenk vor sich her. In Beziehungen knickt mancher ein, und der andere gebraucht seine Ellenbogen. Wie ist das möglich? Durch 100 größere und kleinere Gelenke. So viele hat jeder Mensch.

Gelenke sind nicht sexy, wir nehmen sie nur zur Kenntnis, wenn sie nicht mehr willige Vollstrecker unserer Bedürfnisse sind. Dabei haben sie außergewöhnliche innere Werte. Sie sind stufenlose biologische Getriebe, die Kräfte in Bewegung umsetzen. Und damit Menschen im Laufe der Zeit nicht nur Fort-Schritt erleben, sondern sich auch bücken, drehen und Klavier spielen lernen konnten, gibt es verschiedene Formen: Schulter und Hüfte haben Kugelgelenke. Knie, Ellenbogen und Finger Scharniergelenke. Daumen und Handwurzel bewegen sich mit Sattelgelenken. Zwischen den Rückenwirbeln sitzen kleine Drehgelenke. Und unser Kiefer arbeitet mit einem Schiebegelenk. Damit kann er durch Hin-und-her-Schieben kleine und große Happen abbeißen und bei subtilem Vorwärtsschieben prima Sächsisch sprechen. Wären unsere Knochen biegsam, könnten wir auf Gelenke verzichten. Weil das in unserem Bauplan jedoch nicht vorgesehen ist, werden dort, wo zwei oder mehrere Knochen aufeinandertreffen, Verbindungen gebraucht. Dabei geht es manchmal nicht wirklich um Bewegung, sondern bloß um "festhalten". Dann werden die Einzelteile mit Binde-, Knorpel- oder Knochengewebe zusammengefügt. So verwächst sich die Fontanelle im Schädel von Neugeborenen, so hält die Zahnwurzel im Kieferknochen, so verschmelzen einzelne Wirbel im hinteren Teil des Beckengürtels zum Kreuzbein. Diese Verbindungen sind unechte Gelenke, Synarthrosen genannt. "Arthron" ist der altgriechische Begriff für Gelenk, "syn" bedeutet "zusammen".

Ohne Gelenke keine Bewegung

Echte Gelenke, Diarthrosen, sind überall dort nötig, wo Bewegung ins Spiel kommt. An Knien, Hüften, Armen und Schultern, zum Beispiel, sind die aufeinandertreffenden Knochen durch einen Spalt voneinander getrennt. In diesem Zwischenraum sitzt das Gelenk, das aus einem Kopf und einer Pfanne besteht. Umgeben ist die ganze Konstruktion mit Knorpel, einem biologischen Stoßdämpfer. Hört sich gut an, fühlt sich gut an. Normalerweise. Damit es im Getriebe nicht knirscht, damit Kopf und Pfanne nicht auf Knochen reiben, sind alle Einzelteile von einer Gelenkkapsel umschlossen. Das Innere dieser Kapsel ist mit einer Haut ausgekleidet, die eine Flüssigkeit absondert - die Synovialflüssigkeit. Und die dient im Gelenkspalt als Gleitmittel und sorgt so für Schmierstoff. Für manche Gelenke gibt es noch eine Zusatzausstattung. So haben das Kiefergelenk und die Verbindung zwischen Schlüsselbein und Brustbein eine Zwischenscheibe aus Knorpel, den Diskus. Beim Knie geht eine Knorpelscheibe, der Meniskus, von der Kapsel in das Gelenk. Und überall, wo Sehnen und Muskeln über die Knochen hinweggleiten, fangen Schleimbeutel die Reibung ab. So sind unsere Schulterblätter, die oberen Teile der Hüftgelenke, die Kniegelenke, die Bereiche zwischen Elle und Haut sowie zwischen Fersenbein und Achillessehne gepolstert.

Das Projekt "Gelenk" ist ein Erfolgsmodell, im Prinzip. Den ersten Testlauf fürs Beugen, Strecken und Drehen von Knochen absolvierte vor etwa 370 Millionen Jahren Tiktaalik. Dieser Riesenfisch, den der Paläontologe Neil Shubin von der Universität in Chicago 2005 in Fossilien entdeckt hat, machte wohl die ersten "Schritte" an Land. Seine Flossen waren aufgebaut wie unsere Arme: erst ein großer Knochen (Oberarm), danach zwei etwas kleinere (Elle und Speiche), dann viele kleine (Handgelenk). Die hochkomplexe Art, Knochen zu verbinden, hat sich im Laufe der Evolution kaum verändert. Nur gelegentlich gab es eine Nachrüstung. Was beim Reptil noch ein Gelenk zwischen Unterkiefer und Schädel war, entwickelte sich beim Säugetier zum Gehörknöchelchen. Manchmal wurde ein Bauprogramm auch eingestellt. Insekten haben Gelenke, um ihre Flügel auf- und einzuklappen. Menschen müssen anders fliegen. Menschen mussten auch das ursprüngliche Design für Vierbeiner auf zwei Beine umrüsten. Rücken und Schultern gefällt das gar nicht.

Zum Stabilisieren helfen Muskeln und Bänder. 200 Bänder aus Bindegewebe stützen und schienen unsere Gelenke und bestimmen so den Spielraum für einzelne Bewegungen. Hätte die Natur mich gefragt, ich wäre mit einer 360-Grad-Drehung des Kopfes für optimale Vor- und Rücksicht einverstanden gewesen. Aber sie hat mich nicht gefragt; deshalb bestimmen zwei- oder dreiachsige Gelenke, dass wir, zum Beispiel, die Finger nur nach vorn beugen und die Knie nicht nach hinten knicken können. Vermutlich ist das ausreichend für ein bewegtes Leben. Dass der Fuß weiß, was die Hüfte tut, dass wir (meistens) die Balance halten und auch noch präzise agieren können, ist ebenfalls ein Verdienst der Bänder. Spezielle Nervenfasern und Rezeptoren im Bindegewebe geben Meldung an Gehirn und Rückenmark und informieren über Spannung, Druck, Zug oder Schmerz. Insofern sind die Bänder, wie Professor Timm Filler, Chef des Instituts für Anatomie II an der Uniklinik Düsseldorf erklärt, "Sinnesorgane", mit denen der Organismus die Lage des Körpers im Raum einschätzen und korrigieren kann.

Mit Bewegung die Gelenke schützen

210000 Hüftgelenke wurden im vergangenen Jahr ausgewechselt und 165000 Kniegelenke.

Doch manchmal ist keine Zeit für Korrekturen. Dann knickt der Fuß beim Laufen um, wir stolpern, verstauchen uns das Fuß- oder Handgelenk oder verrenken uns die Schulter. Unser Bewegungsapparat ist ein kluges Sensibelchen. Er reagiert mit Schmerz, wenn er überfordert wird. Exzessiver Sport ist ein Risiko. Fast jede fünfte Sportverletzung betrifft die Bänder des oberen Sprunggelenks. In elf Prozent der Fälle reißen die Bänder im Knie. Ein Freizeitjogger muss bei jedem Schritt Belastungen von 300 Kilo abfedern. Kommt er ins Straucheln und fängt sich mit einem Bein ab, prallt die Kraft seines achtfachen Körpergewichts auf sein Fußgelenk. Selbst bei normalem Gehen muss das Knie zeitweise das Dreifache des Körpergewichts (er-) tragen. Also lieber auf der Couch sitzen bleiben? Bloß nicht. Bei Bewegungsmangel "verhungert" der Knorpel im Gelenk und degeneriert. Denn die Flüssigkeit, die den Knorpel versorgt und als Schmierstoff für reibungslose Abläufe dient, wird nur ausreichend produziert, wenn das Gelenk regelmäßig be- und entlastet wird. Künstler und Techniker hat diese Kopf-Pfanne-Knorpel-Konstruktion seit jeher inspiriert. Schon im 15. Jahrhundert zeichnete Leonardo da Vinci stundenlang Schultergelenke, um Bewegungsmuster zu erforschen. Maler fertigten Gliederpuppen an, um die Proportionen der Körper in verschiedenen Posen darzustellen. Maschinenbauer lieben Gelenke und bauen sie in Bahnen oder Busse ein, damit lange Transportmittel besser die Kurve kriegen. Doch kein Bus bekommt Arthrose. Keine Marionette muss auf ihr Gewicht achten, um die Scharniere zu schonen. Kein hinkender Roboter geniert sich wegen der sichtbaren Einschränkung seiner Beweglichkeit. Das unterscheidet sie von Menschen.

Am häufigsten klagen Deutsche über Schmerzen an diesen Gelenken: Knie 30 Prozent, Schulter 25 Prozent, Hand und Finger 21 Prozent, Hüfte 19 Prozent.

Wenn bei uns die Knochen schmerzen, die Beine lahmen und die Finger knotig werden, dann reden wir, als wären wir Maschinen, von Verschleiß. Kein schönes Wort und ein noch hässlicheres Gefühl, das fast jeder kennt: Irgendwann nach dem 40. Geburtstag wollen die Gelenke nicht mehr wie wir selbst. Zum Start in den Tag gehört dann Gymnastik, die Hüften möchten warm gelaufen werden, die Knie brauchen Radfahren im Bett, um in die Gänge zu kommen, die Schultern müssen gedreht werden, damit der Arm sich zur Tasse oben im Schrank strecken kann. Vielleicht hat der Schöpfer unseres Bewegungsapparates nicht daran gedacht, dass wir immer älter werden, dass wir den ganzen Tag an Schreibtischen arbeiten, dass wir uns immer weniger bewegen. Fakt ist: Die Gelenke nutzen sich ab. Warum die einen kaum Probleme damit haben, die anderen - trotz einer gesunden Lebensweise - schwer beeinträchtigt sind, ist unklar. Die weltweit häufigste Erkrankung der Gelenke ist die Arthrose. In Deutschland leiden etwa acht bis zehn Millionen Menschen an dieser chronischen Krankheit, die durch die Degeneration des Knorpels in der Gelenkkapsel hervorgerufen wird. Die meisten haben nur zeitweise Beschwerden, aber zwei Millionen Betroffene leben ständig mit diesem manchmal quälenden Dauerschmerz.

Gelenke schützen: Auch die Gene spielen eine Rolle

Die Ursachen für Arthrose sind vielfältig. Wiederholte gleichförmige Bewegungen können schon in jüngeren Jahren zu dieser Krankheit führen. Oft treten die Beschwerden mit zunehmendem Alter auf. Bei Frauen kann die Menopause mit ihren hormonellen Veränderungen Arthrose beschleunigen. Auch häufige frühere Verstauchungen, Knochenbrüche oder eine genetische Anlage können die Gelenke im Laufe der Zeit versteifen. Eine andere Form der Gelenkerkrankung ist die Arthritis, eine Entzündung der Gelenke. Diese Krankheit, von der vor allem Frauen betroffen sind, verläuft meistens in Schüben. Dann ist das Gelenk häufig geschwollen, gerötet und warm. Urache für eine Arthritis können Infektionen oder Stoffwechselstörungen sein. Vermutlich spielen auch die Gene oder Stress eine Rolle.

Ich habe Glück oder gute Gene. Mein Sprunggelenk hat wieder Lust auf Aktion. Ohne zu meckern oder zu knirschen, bewegen sich meine 100 Gelenke wie geschmiert bei einem Spaziergang. Vor einem Buchladen bremst mein Fuß. Meine Halswirbel drehen meinen Kopf, ich sehe ein Buch über Joseph Beuys in der Auslage. Auf dem Titel steht: "Ich denke sowieso mit dem Knie". Was? Und während sich Beuys' Knie mit meiner Fantasie verlinkt und während ich lang- sam weiterlaufe und dabei den Rhythmus meines Körpers spüre und während meine Bewegun-gen fließend und rund werden, da fällt mir auf: Ich denke sowieso mit der Hüfte. Und mit welchem Körperteil denken Sie?

Gelenke schützen

• Übergewicht belastet die Gelenke. Betroffene sollten deshalb versuchen abzunehmen. Jedes Kilo weniger ist gut. • Eine gesunde, ausgewogene Ernährung beugt einem Überschuss an Arachidonsäure im Körper vor. Aus dieser Fettsäure werden Botenstoffe gebildet, die Entzündungsprozesse und dadurch Schmerzen in Gelenken fördern. Vermieden werden sollten möglichst Schweineschmalz, Leber, Schinken, Wurst, Fleisch und Eier. Pflanzliche Lebensmittel können bedenkenlos verzehrt werden. Empfehlenswert sind langfaserige Gemüse wie Artischocken, Fenchel, Chicorée, Porree, Rüben und Paprika, nicht zu häufig Milchprodukte oder Schokolade und zweimal pro Woche Seefisch. Wichtig: viel trinken, Alkohol aber nur in Maßen, besser Wein als Bier und Schnäpse. Treten immer wieder Gelenkprobleme auf, am besten ganz auf Fleisch und Wurst, Schokolade und Weißwein verzichten. • Regelmäßiger Sport und tägliche Bewegung begünstigen die Versorgung des Knorpels mit Nährstoffen und stärken die Muskeln. Eine kräftige Muskulatur stützt und entlastet die Gelenke. Wichtig: Verletzungen und Überlastung vermeiden. Günstig sind Radfahren, Walken, Schwimmen, Skilanglauf und Tanzen sowie gezielte Gymnastikübungen für die einzelnen Gelenke. Bei Wassergymnastik muss der Körper weniger als sein Eigengewicht tragen. Yoga-Übungen entspannen zusätzlich. • Erste Anzeichen einer Arthrose können Knacken, Knirschen und Schmerzen in den Gelenken sein, vor allem bei Belastung und Bewegung. Ebenfalls ein Warnsignal: steife Gelenke und Anlaufschwierigkeiten morgens. Wer dies bemerkt, sollte einen Arzt aufsuchen. • Zum Weiterlesen: "Die Sprache der Gelenke" von Jean-Pierre Barral, 240 S., 19,99 Euro, Südwest Verlag 2011; "Die große Gelenkschule" von Joachim Grifka, 120 S., 14,95 Euro, Trias 2010; "Ernährungsratgeber Arthritis und Arthrose: Genießen erlaubt!" von Sven-David Müller und Christiane Weißenberger, 132 S., 14,95 Euro, Schlütersche GmbH & Co KG Verlag 2010. Mehr Infos unter www.arthroseliga.de

Das hilft bei Schmerzen

• Gegen Schmerzen und Entzündung im Gelenk verordnen Ärzte Nicht-steroidale Antirheumatika (NSAR), z. B. Wirkstoffe wie Ibuprofen oder Diclofenac, als Tabletten oder Kapseln zum Einnehmen bzw. zur äußerlichen Anwendung als Cremes, Salben, Sprays oder in Pflastern. • Injektionen mit Hyaluronsäure direkt ins Gelenk (Knie und Hüfte) sollen die Funktion verbessern; der Erfolg ist jedoch nicht gewährleistet, die gesetzlichen Kassen zahlen die Behandlung nicht. • Arzneimittel und Nahrungsergänzungsmittel mit Wirkstoffen wie Glukosamin, Chondroitin, Hyaluron und Vitamin E sollen das Knorpelgewebe stärken; die Wirkung ist oft nicht erwiesen, die Kosten werden von den Kassen nicht übernommen. • Natur-Hilfen: • Tonerde als Brei-Umschlag auf den schmerzenden Bereich legen. • Lauwarme Kohlblätter auf beiden Seiten des Gelenks mit einer Bandage fixieren und über Nacht wirken lassen. • Arnikasalbe auf den schmerzenden Bereich einmassieren und anschließend die Stelle mit einem Föhn zwei bis drei Minuten wärmen. • Bei akuten Gelenkschmerzen Teufelskrallen-Tee (Harpagophytum-Tee) einmal pro Tag, zur Vorbeugung 14 Tage als Kur trinken. • Bei sehr starken Beschwerden und zunehmender Bewegungseinschränkung können Operationen helfen. Je nach Problematik formen Chirurgen Gelenke z. B. plastisch um, korrigieren ihre Stellung oder ersetzen das ganze Gelenk durch eine Prothese. Diese Eingriffe sind zum Teil sehr aufwändig und erfordern eine lange Nachbehandlung und Rehabilitation. Trotzdem sind die Beschwerden danach nicht immer völlig verschwunden. Betroffene sollten sich deshalb vor einer Operation gut - vielleicht auch von einem Physiotherapeuten - beraten lassen und am besten eine zweite ärztliche Meinung einholen.

Text: Regina Kramer BRIGITTE Woman, 08/11
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