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Hormone - ganz natürlich?


Die Hormontherapie in den Wechseljahren hat einen schlechten Ruf. Doch neue bioidentische Präparate wirken angeblich besonders sanft und werden immer beliebter. Was ist wirklich dran?

Vor über zehn Jahren geriet die Hormontherapie von Wechseljahrsbeschwerden massiv in die Kritik. Mehrere Studien zeigten, dass Kombinationspräparate aus Östrogenen und Gestagenen nicht nur das Brustkrebsrisiko erhöhen. Sie schützen auch nicht, wie man lange glaubte, vor Herzinfarkt und Schlaganfall, sondern steigern vor allem bei Frauen ab 60 auch hier die Krankheitsgefahr. Praktisch von einem Tag auf den anderen wurden kaum noch entsprechende Präparate verschrieben. Wer stark unter Problemen wie Hitzewallungen oder Schlaflosigkeit leidet greift dennoch oft notgedrungen für eine Zeit zu Hormonen. Oft mit großer Angst vor möglichen negativen Folgen. Kein Wunder also, dass viele?hoffen, mit einer "sanfteren", möglichst natürlichen Hormontherapie weniger Risiken einzugehen.

1. Was sind bioidentische Hormone?

Bioidentisch bedeutet, dass die Hormone von ihrer chemischen Struktur her völlig identisch sind mit denen, die die Eierstöcke produzieren. Das gilt für bestimmte Östrogene, wie 17-Beta-Östradiol oder Östron, und für ein natürliches Gestagen, das Progesteron. Aber: Auch bioidentische Hormone werden synthetisch hergestellt, und zwar aus Substanzen, die in Pflanzen wie Soja oder Yamswurzel vorkommen. Im Gegensatz zu den herkömmlichen Fertigarzneimitteln werden Cremes, Gele oder Tabletten aus bioidentischen Hormonen in den Apotheken oft individuell nach ärztlichem Rezept hergestellt.

2. Was ist anders als bei den "konventionellen" Präparaten??

Viele Fertigarzneimittel enthalten ebenfalls ein bioidentisches Östrogen, das 17-Beta-Östradiol aus pflanzlichen Ausgangsstoffen. Aber es gibt nur sehr wenige Präparate, die das natürliche Gestagen Progesteron enthalten. Ein Gestagen als Kombinationspartner einer Östrogentherapie brauchen dabei übrigens nur Frauen, die ihre Gebärmutter noch haben. Es verhindert, dass unter dem Einfluss des Östrogens die Gebärmutterschleimhaut zu stark wuchert, denn das kann zu starken Blutungen und manchmal sogar zu Gebärmutterschleimhautkrebs führen.

3. Kann man die Mittel individueller dosieren?

Viele Befürworter der bioidentischen Therapie werben mit einer maßgeschneiderten, möglichst geringen Hormondosis. Diese soll häufig mithilfe eines Speicheltests ermittelt werden. Auf den einschlägigen Websites gibt es Links zu Anbietern dieser Testverfahren, die man für rund 50 bis 100 Euro kaufen und selbst durchführen kann. Allerdings: Untersuchungen haben gezeigt, dass die Hormonwerte im Speichel stark schwanken, abhängig zum Beispiel von Tageszeit, Ernährung und der gebildeten Speichelmenge. Und die Konzentration im Speichel spiegelt auch nicht zuverlässig die Hormonmenge im Körper wider. Inka Wiegratz ist Professorin für Gynäkologische Endokrinologie in Frankfurt, also spezialisiert auf hormonelle Störungen bei Frauen. Sie hält die Speicheltests für unsinnig: "Gemessene ?Hormonwerte sagen nicht unbedingt ?etwas darüber aus, wie sich eine Frau fühlt. Viel sinnvoller ist es, sich an die individuelle Dosis anhand der Wirkung heranzutasten - schließlich behandeln wir Beschwerden, keine Laborwerte. Wir dosieren so gering wie möglich und so hoch wie nötig, um die Beschwerden für die Frau zufriedenstellend zu lindern."

4. Wird die Brustkrebsgefahr beeinflusst?

Man weiß es nicht. Es gibt bis jetzt keine verlässlichen Studien dazu. Eine große französische Untersuchung fand Hinweise, dass Präparate mit dem bioidentischen Progesteron das Krebsrisiko nicht erhöhen. Doch das könnte auch daran liegen, dass nicht genügend des Hormons in den Körper aufgenommen wurde. Dafür spricht, dass in dieser Studie das Progesteron die gefürchteten östrogenbedingten Schleimhautwucherungen in der Gebärmutter nicht verhindern konnte. Offenbar war also einfach zu wenig Progesteron vorhanden, um überhaupt irgendeine Wirkung zu erzielen - sei sie nun positiv oder negativ. Die Behauptung, dass die Einnahme bioidentischer Hormone ein geringeres Risiko für Bruskrebs mit sich bringt, ist jedenfalls wissenschaftlich nicht belegt.

5. Gibt es auch Risiken?

Bioidentische Hormonpräparate werden in der Regel in speziellen Apotheken individuell nach dem Rezept eines Arztes angemischt. Diese Herstellung unterliegt keiner systematischen Kontrolle von außen, sodass die Zusammensetzung der Cremes oder Tabletten reine Vertrauenssache ist. Es gibt für diese individuellen Präparate auch keine Zulassungsstudien wie für Fertigarznei­mittel, in denen die Hersteller Sicherheit und Wirksamkeit belegen müssen.

6. Wie sieht denn eine möglichst individuelle Hormontherapie aus?

Bioidentische Präparate werden tatsächlich weitgehend maßgeschneidert. Doch auch bei den Fertigarzneimitteln kann man mit Hormonmenge und ­zusammensetzung sehr gut "jonglieren". Ohnehin tasten sich Hormonexpertinnen wie Inka Wiegratz immer individuell an eine Hormontherapie heran. "Oft muss man ausprobieren, womit eine Frau am besten zurecht­ kommt. Günstig kann es beispielsweise sein, Progesteronkapseln nicht zu schlucken, sondern in die Scheide einzuführen. Denn geschlucktes Progesteron wird sehr schnell in der Leber abgebaut, nach dem es über den Darm ins Blut gelangt ist. Andererseits ist das für einige Frauen auch ein Vorteil: Die Abbauprodukte des Hormons, die Pregnanolone, machen nämlich müde - bei Schlafstörungen in den Wechseljahren ist das ein positiver Nebeneffekt. Dann sollte man die Kapseln allerdings abends nehmen." Doch außer Frage steht, dass einige Frauen auch mit einer individuell zusammengerührten bioidentischen Progesteron­creme ihre Beschwerden gut behandeln können, obwohl das Hormon nur zu einem sehr geringen Teil über die Haut aufgenommen wird. Große Risiken?gehen sie damit wohl nicht ein - voraus­gesetzt natürlich der verordnende Arzt kennt sich mit den bioidentischen Mitteln aus. Übrigens bieten einige Heilpraktiker ebenfalls eine Behandlung mit bioidentischen Hormonen an, dann allerdings in homöopathischer Zubereitung - also extrem verdünnt, sodass es sich eigentlich auch um keine Hormontherapie handelt. Belege zur Wirksamkeit gibt es dafür nicht.

Bin ich schon drin, und was kann jetzt für Gesundheit und Wohlbefinden tun? Alle Informationen zum Thema Wechseljahre: brigitte.de/wechseljahre

Artikel aus BRIGITTE 6/15 Text: Sabine Thor-Wiedemann

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