Essen nach Genen - was habe ich davon?

Individualität hat Zukunft, auch beim Essen. Der neueste Trend: eine maßgeschneiderte Ernährung, die sich nach den eigenen Genen richtet - denn die beeinflussen unseren Stoffwechsel. Wie viel hängt wirklich davon ab?

Macht sich der Genuss von Süßem immer gleich auf der Waage bemerkbar? Ist es besser für die Gefäße, Butter komplett vom Speiseplan zu streichen? Senkt sparsames Salzen den Blutdruck? Was Essen in unserem Körper bewirkt, hängt von unseren Genen ab, zum Teil wenigstens. Das Erbgut bestimmt unser Stoffwechselprofil. Gezielte persönliche Empfehlungen, welche Lebensmittel unserer Gesundheit schaden und welche nicht, würden uns das Leben erleichtern.

Dagmar Unger (Name geändert) aus Geretsried im Bayerischen Oberland hat solche Empfehlungen bekommen: Seit Mai 2013 schneidet sie von Koteletts den Fettrand ab und verzichtet auf Salami. Stattdessen isst sie mehr Kohlenhydrate als früher, vor allem Vollkornprodukte. Und sie merkt, dass ihr diese Ernährung guttut.

Dagmar Unger ist eine von 1300 Teilnehmern der Food4me-Studie. Die Untersuchung soll klären, wie sich eine personalisierte Ernährung umsetzen lässt, eine Ernährung also, die individuell auf die eigenen Gene und Biomarker im Blut abgestimmt ist. Grundlage dafür ist ein relativ neuer Forschungszweig, die Nutrigenetik: Dieser untersucht seit etwa zehn Jahren, wie bestimmte Genvarianten (SNPs) den Stoffwechsel beeinflussen.

Hängt wirklich so viel allein von den Genen ab?

Zum Beispiel das "Adipositas-Gen" FTO: Wer bestimmte Varianten davon im Erbgut hat, hat möglicherweise einen Hang zu Übergewicht, großen Appetit und eine Vorliebe für Kalorienreiches. Oder das Gen MTHFR: Alle, die eine ungünstige Variante davon tragen, verwerten das Vitamin Folsäure schlechter. Dadurch steigt das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder bestimmte Tumorarten. Wird die Zufuhr von Folsäure erhöht, sinkt das Risiko wieder. Andere Genvarianten geben Auskunft darüber, wie gut unser Körper Zucker oder Fette verarbeitet, ob wir Laktose vertragen oder zu Bluthochdruck neigen. Aber hängt wirklich so viel allein von den Genen ab?

"Man muss immer das Gesamtbild im Auge behalten", sagt Professorin Hannelore Daniel, die an der TU München für den deutschen Teil der EU-weiten Food4me-Studie zuständig ist. "Es gibt beispielsweise rund 50 Genvarianten, die mit Diabetes zusammenhängen, aber jeweils nur geringe Auswirkungen haben. Eine Variante, das TCF7LS, erhöht das Risiko, an Diabetes zu erkranken, jedoch um 35 Prozent. Das erscheint erst mal viel. Andererseits ist bekannt, dass starkes Übergewicht das Risiko für Diabetes um 1500 Prozent erhöht; dagegen wirken diese 35 Prozent ziemlich mickrig. Man muss deshalb neben den Genen auch andere Faktoren wie Gewicht, Biomarker im Blut und den Lebensstil miteinbeziehen."

Können genbasierte Ratschläge die Motivation der Teilnehmer erhöhen, sich gesünder zu ernähren?

Was bedeutet das für den eigenen Speisezettel? Eine Frage, die sich stellt, wenn der Einfluss von bestimmten Genen bekannt ist. Die Food4me-Studie soll deshalb klären, wie eine seriöse, personalisierte Ernährungsberatung funktionieren könnte. "Wir haben dafür bei den Teilnehmern fünf gut erforschte Genvarianten untersucht", erklärt Ernährungswissenschaftlerin Silvia Kolossa, die die Studie mitbetreut. "Gleichzeitig wurde regelmäßig abgefragt, wie die Teilnehmer sich ernähren, und es wurden Biomarker im Blut getestet, etwa Blutzucker, Cholesterin, ungesättigte Fettsäuren wie Omega 3."

Auf dieser Basis erhielten die Teilnehmer persönliche Empfehlungen für ihre Ernährung. Durch die Kontrolle der Blutwerte konnten die Forscher erkennen, was sich verändert. Markante Auswirkungen allein durch Umstellung der Nahrung hatten sie nicht erwartet. Für die Wissenschaftler war dies in erster Linie ein "Testlauf". Sie wollten herausfinden, wie praktikabel Empfehlungen zu einer personalisierten Ernährung sind, und vor allem, ob die genbasierten Ratschläge die Motivation der Teilnehmer erhöhen, sich gesünder zu ernähren. "Das werten wir gerade noch aus", sagt Hannelore Daniel. "Was man jetzt schon sagen kann, ist, dass vergleichsweise wenige die Studie abgebrochen haben, obwohl sie für die Teilnehmer ziemlich arbeitsintensiv war."

, die im Verlauf der Studie nicht nur 7,5 Kilo abgenommen hat, sondern jetzt auch bessere Cholesterin- und Blutzuckerwerte hat, ist immer noch begeistert: "Zu wissen, dass die Empfehlungen genau auf mich zugeschnitten sind, gab ihnen ein ganz anderes Gewicht. Das wirkte."

Dass genetische Erkenntnisse anspornend wirken können, bestätigt eine kleine Studie von englischen Forschern. Sie maßen bei 19 Freiwilligen die psychologischen Effekte auf die Untersuchung des Adipositas-Gens FTO. Statt alle Bemühungen um ein gesundes Gewicht aufzugeben, weil die unbeeinflussbaren Gene schuld seien, zeigten sich die Befragten motiviert - und erleichtert: Endlich konnten sie sich von der Vorstellung frei machen, mangelnde Disziplin sei die Hauptursache für ihr Übergewicht.

Trotzdem stellt sich die Frage, ob der Preis für einen persönlichen Ernährungsfahrplan nicht zu hoch ist. Denn die bekannten Genvarianten können auch unangenehme Erkenntnisse zutage bringen. "Das ApoE-Gen etwa gibt Aufschluss über das kardiovaskuläre Risiko. Aber die Träger bestimmter Varianten haben zudem ein höheres Risiko, irgendwann an bisher nicht heilbarem Alzheimer zu erkranken. Will man das wirklich wissen?", fragt Hannelore Daniel.

Abgesehen davon: Seine Gene privat untersuchen zu lassen ist inzwischen zwar möglich, jedoch vor allem über Firmen im Internet. Amerikanische Unternehmen wie 23andme bieten weltweit Genanalysen für 99 Dollar an. Früher gab es dazu noch einen "gesundheitsbezogenen Report"; das untersagte die zuständige amerikanische Food and Drug Administration im vergangenen November. Der Grund: Für medizinische Beratungen hatte die Firma keine Zulassung, die Qualität der Beratung sei nicht gesichert.

Gleiches scheint für viele andere Angebote zu gelten: Es fehlt eine seriöse und qualitativ abgesicherte Beratung, die unter Einbeziehung des Lebensstils die Ergebnisse und mögliche Gefahren erklärt. In Deutschland bietet genetic balance einen "Lifestyle Test" an, der aufgrund von sechs Genvarianten Aufschluss darüber geben soll, ob jemand eher ein "Kohlenhydrat"- oder ein "Fett-Verbrenner" ist und wie gut Sport beim Abnehmen hilft. Das klingt beeindruckend. Allerdings: Zwar wurden bisher rund 30 Genvarianten identifiziert, die mit Übergewicht in Beziehung stehen. Doch damit lassen sich nur fünf Prozent der Gewichtsunterschiede sicher erklären, wie eine Studie der Universität Essen gezeigt hat.

Auch Hannelore Daniel ist skeptisch: "Ich kann nicht nachvollziehen, auf was sich die Einteilung in Kohlenhydrat- oder Fettverbrenner gründet. Teilweise haben die untersuchten Varianten nur winzige Effekte, die gehen im Alltag völlig unter." Sie empfiehlt deshalb: "Im Moment sollte man kommerziellen Anbietern kritisch gegenüberstehen."

Grundsätzlich gilt: Dem Traum, das individuelle Risiko für Krankheiten vorherzusagen und auf dieser Basis maßgeschneiderte Empfehlungen für Ernährung und Lebensstil gleich mitzuliefern, kommt die Wissenschaft immer näher. Erreicht ist dieses Ziel aber noch lange nicht. Seriös nutzbar werden die Ergebnisse wohl erst in ein paar Jahren sein.

Professor Andreas Pfeiffer vom Deutschen Institut für Ernährungsforschung in Potsdam-Rehbrücke untersucht zur Zeit an 46 Zwillingspaaren die Auswirkung fett-, protein- und kohlenhydratreicher Kost in Zusammenhang mit den Genen. Er sagt: "Diese Studie wird uns beispielsweise viel darüber sagen können, wer besonders anfällig für gesättigte Fettsäuren ist oder wer von einer kohlenhydratarmen Kost profitiert. Medizinisch umsetzbar könnte das dann vielleicht in fünf bis sechs Jahren sein."

Im Augenblick findet er Erkenntnisse über die genetische Ausstattung jedoch noch nicht wirklich interessant: "Ich weiß, dass der Einfluss der Genvarianten sehr klein ist. Parameter wie die Blutfettwerte oder ein Zucker-Belastungstest liefern zur Zeit viel eindeutigere Ergebnisse, und über die Ernährung kann man selbst enorm viel verändern." Ist das Cholesterin zu hoch, empfiehlt sich der Verzicht auf gesättigte Fette, und stimmt der "Zucker" nicht, sind Süß-Verzicht und eine Umstellung auf Vollkornprodukte nach wie vor ratsam - egal, was die Gene sagen.

Text: Katrin SteffensBRIGITTE woman 07/2014
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