VG-Wort Pixel

Nur keine Schwäche zeigen? Doch!


Auch wenn der Alltag es oft von uns verlangt - immer topfit zu sein und gesund zu leben ist unmöglich. Wir haben alle unsere körperlichen Schwachstellen. Ärgerlich? Ganz im Gegenteil.

Es gibt Tage, die sind ein Geschenk: Wir fühlen uns gesund, frisch und ausgeschlafen, klar im Kopf und leicht in der Seele. Wunderbar, doch leider eher eine Ausnahme. Denn, mal ehrlich, oft knarzt und knirscht es irgendwo im komplexen System von Körper und Psyche. Jenseits der 40 meist häufiger. Und nicht selten sind es immer wieder dieselben Beschwerden, die sich hartnäckig melden.

Jeder von uns hat seine ganz persönlichen "Sollbruchstellen". Körperliche oder seelische Probleme, an denen wir zuerst merken, dass etwas im Körper nicht rund läuft oder die Belastung mal wieder zu groß ist. Beim einen schlägt jeder Ärger und Stress gleich auf den Magen. Den anderen plagt ständig die Migräne. Und der Dritte hat immer wieder Rückenschmerzen. Egal, was es ist, irgendeinen Schwachpunkt hat jeder von uns. Und im mittleren Alter beginnt er meist, deutlicher zu Tage zu treten. Irgendwann rächt der Körper sich einfach für all die Jahre, in denen er zwischen Bürostuhl und Familienstress, Fernsehcouch und Ernährungssünden oft nicht auf seine Kosten kam. Spätestens dann müssen sogar die Gesundheitsbewusstesten unter uns der Tatsache ins Auge sehen, dass es im menschlichen Körper auch Störfälle gibt. Ein so kompliziertes Wunderwerk kann auf Dauer nicht immer gesund, fit und leistungsstark sein. So reibungslos funktioniert das Leben einfach nicht!

Wie funktioniert das: gesund leben?

Klar, das ist banal. Klar ist aber auch, dass es heute schwerer denn je ist, mit dieser einfachen Wahrheit umzugehen. Denn mehr und mehr hat sich das Ideal einer perfekten Gesundheit in unsere Köpfe geschlichen. Sowohl Vertreter alternativer Verfahren als auch die Schulmedizin mit ihrem breiten Angebot an privat zu zahlenden "Individuellen Gesundheitsleistungen" (IgeL) gaukeln uns immer wieder vor, dass wir diesen Zustand durchaus erreichen können – vorausgesetzt, wir wenden die "richtigen" Methoden an. Mit der passenden Therapie und einem entsprechenden Lebensstil soll sich angeblich jede körperliche Sollbruchstelle kitten lassen. Pech für uns, dass solche Heilsversprechen oft das Gegenteil bewirken. Statt uns Gesundheit zu schenken, setzen sie uns nur unter Druck.

So leicht lassen sich die Macken unseres Körpers nämlich nicht besänftigen. Und spätestens, wenn die Migräne sich zum dritten Mal in einem Monat meldet, steht unsere Gesundheit noch von anderer Seite unter Druck. Denn im Berufsleben gilt heute mehr denn je die Devise "Bloß nicht schlappmachen!". Befragungen der Medizinischen Hochschule Hannover ergaben, dass die Belastung für Büromitarbeiter in den vergangenen 15 Jahren um rund ein Drittel gestiegen ist. Warnsignale des Körpers werden oft, so gut es geht, einfach verdrängt: Drei Viertel aller Beschäftigten gehen laut einer AOK-Umfrage ab und zu krank zur Arbeit, und zwei Drittel befürchten Nachteile im Job, wenn sie doch zu Hause bleiben. Die Zahl der Krankmeldungen sinkt seit Jahren und war nie so niedrig wie heute.

Zwischen Leistungsdruck und utopischen Gesundheitsidealen wird es immer schwerer, den eigenen Körper so zu nehmen, wie er ist, und zu akzeptieren, dass wir ihn nicht komplett kontrollieren und beherrschen können. Dabei liegt genau darin eine große Chance. Denn gerade unsere ganz persönlichen Schwachstellen sind hervorragende Wegweiser zu einer, wenn auch nicht vollkommenen, so doch bestmöglichen Gesundheit. Sie können uns ebenso gute Dienste erweisen wie die Sollbruchstellen in Geräten und Maschinen: Die werden extra eingebaut, um – wie eine elektrische Sicherung – eine drohende Überlastung des Gesamtsystems zu signalisieren und so schlimmeren Schaden zu verhindern. Freuen wir uns also über die Weisheit der Natur. Nutzen wir unser eingebautes Frühwarnsystem, statt uns über immer wiederkehrende Beschwerden zu ärgern: Unsere Schwachstellen zeigen uns, dass in Körper und Seele etwas im Ungleichgewicht ist. Nicht mehr und nicht weniger. Wir müssen sie nicht ausschalten und dafür von einer Behandlungsmethode zur nächsten hetzen, wir sollten sie aber auch nicht ständig ignorieren.

Oft reicht es schon, ein paar Gänge herunterzuschalten. Dann kann unser "innerer Arzt" seine Therapie beginnen. Rund 30 "Medikamente" hat unsere körpereigene "Apotheke" dafür zur Verfügung: Stoffe, die Krankheiten verhindern oder auf natürlichem Wege heilen können, wenn das vom Gehirn gesteuerte Immunsystem gut arbeitet. 60 bis 70 Prozent unserer Beschwerden heilen so von ganz allein wieder. Weniger ist deshalb oft mehr, wenn es um unsere Gesundheit geht, zum Beispiel bei einer Erkältung. Wie entlastend kann es sein, sich nicht sofort mit teuren die Abwehrkraft stärkenden Mitteln aus der Apotheke einzudecken, sondern etwas viel Einfacheres zu tun: nämlich gar nichts. Mit einer Wärmflasche ab ins Bett, etwas dösen, ein bisschen leiden, Tee trinken und warten, bis es vorbei ist. Das geht meist schneller, als wenn wir uns tagelang angeschlagen durch den Alltag quälen, um dann richtig auf der Nase zu liegen.

Dem eigenen Gespür vertrauen, was einem gut tut

Gelassener mit der eigenen Gesundheit umzugehen verlangt jedoch Selbstbewusstsein. Zum einen, um sich nicht von Gesundheitspropheten verunsichern zu lassen. Zum anderen aber auch, um sich ab und zu dem Hamsterrad des Alltags zu verweigern. Doch wer dem eigenen Körper und seinen Bedürfnissen Beachtung schenkt und seinem Gespür für das, was einem ganz persönlich gut tut, vertraut, fördert so automatisch seine Gesundheit und sein Wohlbefinden. Das bringt auf Dauer mehr, als in ständiger Selbstbeobachtung um den eigenen Körper zu kreisen und jede Beschwerde zum Anlass zu nehmen, einen neuen Weg zur perfekten Gesundheit zu suchen. Denn wer auf jedes "Zipperlein" ängstlich reagiert und von einem Heiler zum nächsten rennt, schafft sich nur neuen schädlichen Stress – und wird damit immer anfälliger.

Natürlich ist es manchmal schwer, nicht in diese Falle zu tappen. Es wird immer eine Gratwanderung sein, mit Alltagsbeschwerden gelassen umzugehen, ohne die Zähne so lange zusammenzubeißen, bis echte Krankheiten entstehen. Und je älter wir werden und je häufiger sich unsere Schwachstellen zu Wort melden, desto wichtiger wird unser Geschick auf diesem schmalen Grat. Doch mit den Jahren erhöht sich auch die Chance, diesen Balance-Akt nach und nach leichtfüßiger zu bewältigen. Denn je länger uns unsere Sollbruchstellen wie Kopf-, Rücken- oder Magenschmerzen begleiten, desto vertrauter sind sie uns. Das macht es leichter, ihre Warnsignale zu verstehen und rechtzeitig gegenzusteuern. Und es hilft, harmlose Beschwerden von solchen zu unterscheiden, die wirklich dringend Diagnostik und Therapie verlangen.

Auf eines wird es jedoch immer wieder ankommen: zu akzeptieren, dass Beschwerden und Krankheiten zum Leben gehören. Beherrschen müssen sie es deshalb noch lange nicht. Sicher: Niemand leidet gern, und wer Schmerzen hat, will sie loswerden. Es klappt eben nur leider nicht immer. Und aus diesem Dilemma rettet uns kein Wundermittel und kein Superguru, kein ängstliches Belauern jeder Körperregung und kein "Kopf-in-den-Sand-stecken". Wenn wir das wirklich begreifen, geht es uns bestimmt nicht ständig gut – aber auf jeden Fall besser.

Zum Weiterlesen: Farideh Akashe-Böhme, Gernot Böhme: "Mit Krankheit leben. Von der Kunst, mit Schmerz und Leid umzugehen", 9,90 Euro, Becksche Reihe 2005 — Kein Ratgeber, sondern eine lebensnahe Reflexion, die ermutigen will, einen individuellen Weg im Umgang mit Krankheit(en) zu finden. Werner Bartens: "Die Krankmacher. Wie Ärzte und Patienten immer neue Krankheiten erfinden", 8,95 Euro, Knaur Taschenbuch Verlag 2005 und Jörg Blech: "Die Krankheitserfinder. Wie wir zu Patienten gemacht werden", 8,90 Euro, Fischer Taschenbuch Verlag 2005 — Beide Bücher beschreiben kritisch, anschaulich und beispielreich die problematischen Auswüchse unseres Gesundheitssystems, an denen Ärzte, Therapeuten, Pharmaindustrie, aber auch die Patienten ihren Anteil haben. Volker Fintelmann/ Marcela Ullmann: "Warnsignale des Körpers. Beschwerden von Körper und Seele verstehen und ganzheitlich heilen",16,90 Euro, Gräfe und Unzer Verlag 2006 — Ganzheitlicher Blick auf eine Vielzahl alltäglicher Beschwerden. Manfred Lütz: "Lebenslust. Über Risiken und Nebenwirkungen des Gesundheitswahns", 10 Euro, Droemer 2006 — Polemisch, anregend und humorvoll nimmt Lütz aufs Korn, was er als "Gesundheitsreligion" ablehnt, und plädiert für eine (auch christlich inspirierte) neue Lust am Leben. Johann Caspar Rüegg: "Gehirn, Psyche und Körper – Neurobiologie von Psychosomatik und Psychotherapie", 34,95 Euro, Schattauer-Verlag 2006 — Der Heidelberger Wissenschaftler berichtet interessante Erkenntnisse über eine ganzheitliche Sichtweise von Gesundheit und Krankheit.


Mehr zum Thema