Kneipp-Kur: Ein klassisch-nasser Selbstversuch

Als Guss oder Dampf, warm oder kalt: Eine Kneipp-Kur beugt Krankheiten vor und kann viele Beschwerden lindern. BRIGITTE WOMAN-Autorin Regina Kramer hat es ausprobiert.

Wasser treten für den Kreislauf

"Umdrahn", sagt eine Frau im weißen Kittel. Ich stehe in der Bäderabteilung des Sebastianeums in Bad Wörishofen. Hier hantierte ab 1891 der Pfarrer Sebastian Kneipp mit Eimern und Gießkannen. Im Prinzip hat sich daran nichts geändert. "Umdrahn" höre ich wieder, und weil Bayerisch für mich eine Fremdsprache ist, macht die Bademeisterin eine Bewegung mit dem Schlauch. Alles klar. Eben hat sie meine Waden bis zu den Knien mit 38 Grad warmem Wasser begossen, jetzt kommen die Schienbeine dran. "Umdrahn und ausatmen." 19 Grad kühles Wasser läuft über meine Beine, dann wird es 40 Grad warm und dann, "ausatmen", 17 Grad. Das kommt mir kalt vor, aber nicht eisig wie befürchtet. Bisher hatte ich gedacht, Kneipp sei etwas für Helden der Abhärtung, also nichts für mich. Ich habe mich geirrt.

Nach dem Kniewechselguss laufe ich im weißen Bademantel durch das Kurhaus, das vor gut 120 Jahren als Erholungsstätte für Priester und männliche Ordensleute gegründet wurde und seit einem großen Um- und Anbau 2012 "Sebastianeum Kneipp- und Gesundheitsresort" heißt. Meine Haut kribbelt, meine Gefäße und Gelenke freuen sich über die anregende Durchblutung. Andere Gäste in weißen Bademänteln begegnen mir. Auf dem Teppich im Flur steht "Im Wasser ist Heil". Ich lege mich ins Bett, das gehört zur Therapie. Umdrahn.

Die Ärzte verklagten Kneipp wegen Kurpfuscherei

"So sollt ihr leben", hatte Pfarrer Kneipp geraten und damit die fünf Säulen seiner Gesundheitslehre gemeint: Bewegung, Ernährung, die Therapie mit Kräutern, die Therapie mit Wasser und die Lebensordnung. Die Menschen interessierten sich dafür, aber die Ärzte verklagten Kneipp, der kein Mediziner war, wegen Kurpfuscherei. Vergeblich, immer mehr Kurgäste kamen trotz damals widriger Reisebedingungen nach Bad Wörishofen. Und heute? Manche Therapiemethode wirkt angestaubt. Wassertreten ist mehr Anstrengung als Wellness, und kaum jemand denkt an eine Leibspirale - das ist ein Wasserguss -, wenn er es sich mal richtig gut gehen lassen will.

Barfußwanderweg im Kurpark von Bad Wörishofen

Auch mir kommt in Bad Wörishofen manches zunächst komisch vor: Was macht ein Heusack auf meinem Oberbauch frühmorgens um fünf? Dr. Hans-Jörg Ohlert lacht. Der Chefarzt am Sebastianeum ist Internist, Rheumatologe, Facharzt für physikalische und rehabilitative Medizin, spezialisiert auf Naturheilverfahren und Osteopathie - und überzeugt von der Lehre, die Pfarrer Kneipp vor mehr als 100 Jahren entwickelt hat. "Wenn Sie den Heusack lieber erst um zehn haben wollen, bitte schön. Auch dann wird er guttun. Aber der frühe Morgen gibt Ihnen die Ruhe, die Therapie wirken zu lassen." Der Heusack ist gefüllt mit frisch geschnittenem Heu, das unter Wasserdampf erhitzt wurde.

Durch die Wärme werden Muskelverspannungen gelöst und die Durchblutung angeregt. Die frei werdenden ätherischen Öle verwöhnen die Haut und meine Bronchien. Eine halbe Stunde bleibt der Wickel, dann holt ihn eine freundliche Nachtschwester leise wieder ab. Beim Aufstehen fühle ich mich schon mal sehr gut. Oder bilde ich mir das nur ein? Dr. Ohlert ergänzt das, was ich empfinde, mit Fakten: "Der Körper baut ab vier Uhr morgens seine Temperatur auf. Warmanwendungen werden daher in dieser Zeit als milder, Kaltanwendungen als stärkerer Reiz empfunden. Nach 16 Uhr ist es umgekehrt." Die Kneipp-Therapie macht sich dieses Phänomen zunutze - mit Erfolg, so der Experte: "Regelmäßig angewandte wechselnde Reize regulieren das vegetative System und aktivieren die Selbstheilungskräfte des Organismus."

Bewegung ist am besten im Freien

Wissenschaftliche Studien belegen den Effekt. Meine Mitpatientin Anne Buch (Name geändert) bringt es auf den Punkt: "Doch, das hilft." Dreimal am Tag tauschen wir im klinikeigenen Restaurant Erfahrungen und Erlebnisse aus: wie kalt der Guss heute war, ob die Kneipp-Diät hilft, welcher Film im Kino läuft. Normalerweise arbeitet die 53-Jährige im landwirtschaftlichen Familienbetrieb. Nun ist sie seit fast drei Wochen hier, ihre Krankenkasse hat ihr eine Kur bewilligt. Die Diagnose: Erschöpfungssyndrom. Gegen ihren Bluthochdruck bekommt sie kalte Wadenwickel und Wechselgüsse. Zur Entspannung macht sie Atemtherapie und übt sich im kreativen Malen. Sie geht schwimmen und laufen.

Und in Zukunft will sie gegen den üblichen Satz "Ach, die Mama schafft das schon" protestieren. Die meisten Patienten, die im Sebastianeum kuren, leiden unter den "Zivilisationskrankheiten" unserer Zeit: Burn-out, chronische Schmerzen, Arthrose, Beeinträchtigungen des Bewegungsapparates und Bluthochdruck. Doch nur wenigen zahlt ihre Krankenkasse die Kur. Seit der Gesundheitsreform 1997 sinkt auch in Bad Wörishofen die Zahl der Kassenpatienten kontinuierlich. Die Zahl der Übernachtungen pro Jahr, vor der Reform noch 1,4 Millionen, ist um die Hälfte zurückgegangen, fast jeder zweite Kurbetrieb musste inzwischen aufgeben. Wenigstens können die verbliebenen Häuser auf treue Gäste zählen: Jeder zweite kommt regelmäßig wieder, um seine Gesundheit zu erhalten oder wiederherzustellen.

Teure Utensilien und Zutaten sind für das Kneippen unnötig

Ruhe gehört ebenfalls zur Kneipp-Therapie

Die Kneipp-Methode, bis heute das einzige ganzheitliche naturheilkundliche Verfahren in Europa, ist dazu ein guter Weg: Dass kalte Wickel gegen Fieber helfen, weiß jede Mutter. Und wer schon mal einen Rücken-Heißblitz mit Massageeffekt oder einen kalten Lendenwickel bekommen hat, hat die Wirkung am eigenen Leib erfahren: Danach läuft der Stoffwechsel auf Hochtouren, und der Körper verbraucht Kalorien satt. Teure Utensilien und Zutaten sind für das Kneippen unnötig, viele Verfahren sind nach einer Einweisung auch von Laien einfach anzuwenden. Eine Woche später stehe ich zu Hause in der Dusche. Ich sage "Umdrahn" und "Ausatmen" und tue es. Warm, kalt, wärmer, kälter. Alles eine Frage der Gewöhnung. In Bad Wörishofen machen bereits die Kinder in der Kita Kneipp-Anwendungen. Ich halte gerade ziemlich warm und sehr kalt aus. Und weiteratmen. Danach für eine halbe Stunde ins Bett. Das gehört zur Therapie.

Die Kneipp-Kur für jeden Tag

Zum Wachwerden: Das kalte Armbad nehmen Sie im Waschbecken oder in einer flachen Schüssel. Wichtig ist, dass Sie ohne unnötige Anspannung aufrecht davor sitzen können. Wasser aus der Leitung einlaufen lassen und die Unterarme so weit eintauchen, dass sie auf dem Grund des Beckens oder der Schüssel aufliegen und ganz bedeckt sind. Zehn bis 30 Sekunden so bleiben, je nachdem, wie gut Sie die Kälte vertragen. Wasser mit den Händen abstreifen (nicht abtrocknen), Arme an der Luft trocknen lassen. Der Schönheitsguss geht am besten mit der Dusche: etwas vornübergebeugt stehen, Dusche leicht aufdrehen. Kaltes Wasser in Kreisen (rechts anfangen, links aufhören) über das Gesicht laufen lassen, bis ein Kältegefühl spürbar ist, trocknen lassen.

Zum Runterkommen: Für das kalte Fußbad brauchen Sie eine Fußbadewanne oder einen großen Haushaltseimer (20 Liter). Kaltes Wasser einlaufen lassen, Füße und Waden eintauchen, zehn bis 30 Sekunden. Achtung: nicht geeignet für alle, die zu Blasen- und Nierenentzündungen neigen.

Für alle Bäder und Güsse mit kaltem Wasser gilt: nicht anwenden bei Durchblutungsstörungen und Nervenschmerzen und auch nicht, wenn der Körper kalt ist. Bei unangenehmen Empfindungen sofort aufhören. Mehr Info: www.kneipp-bund.de.

Buchtipp: Robert Bachmann/German M. Schleinkofer, "Natürlich gesund mit Kneipp. Fit und schön: über 60 Wasseranwendungen für zu Hause", 160 S., 19,99 Euro, Trias.

Infos zur Kur: Sebastianeum Kneippianum Bad Wörishofen

Text: Regina Kramer Fotos: Sigrid Reinichs BRIGITTE WOMAN 09/2013
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