So messen Sie Ihren Blutdruck richtig

Ständig verändert er sich: im Schlaf und bei Bewegung, im Laufe des Tages und des Lebens. Aber wie messen wir unseren Blutdruck richtig?

Mein Herz wusste sich schon immer mit ein paar gezielten Schlägen in den Vordergrund zu drängen. Früher tat es dies meist in schönen Momenten. Beim ersten Kuss. Beim verbotenen nächtlichen Besuch im Schwimmbad. Beim Ja vor dem Standesbeamten. Laut pochte es in die Stille hinein. Dann, mit den Jahren, meldete es sich auch in anderen Situationen. Bei Arbeit unter Zeitdruck oder beim Treppensteigen. Jetzt gerade pocht es im Oberarm. Eine Manschette schmiegt sich um ihn, und meine linke Hand liegt ruhig auf einem Tisch. Eine freundliche Frau in einem weißen Kittel pumpt, die Manschette füllt sich mit Luft. Ich spüre das kalte Metall eines Stethoskops auf der Haut. "Na", sagt die Frau, "dann schauen wir doch mal, ob alles normal ist." Und schon horcht die Ärztin in mich hinein.

Blutdruck richtig messen: Verteilernetz von 140 000 Kilometern

"Alles", das ist mein Blutdruck. Sprich, der Zustandsmelder meines Blutkreislaufes. 140 000 Kilometer schlängelt sich dieses Versorgungssystem aus Blutgefäßen durch meinen ganzen Körper. Die Energie, um das Blut in diesem riesigen Netz zu verteilen, liefert das Herz. Mehr als 36 Millionen Mal zieht es sich im Jahr zusammen, und mit jeder Kontraktion pumpt es unsere 5,5 Liter Blut durch die Arterien und bis in die Kapillaren, die kleinsten Verästelungen in allen Ecken unseres Organismus. Dort tauschen die Zellen Kohlendioxid gegen frischen Sauerstoff und Stoffwechsel-Abfälle gegen neue Nährstoffe aus. Was sie nicht mehr brauchen, wird über die Venen abtransportiert. Natürlich wird das Blut nicht im ganzen Körper gleich verteilt. Es wird immer vermehrt dorthin geleitet, wo es gerade gebraucht wird. Wenn wir essen, bekommt der Magen mehr als andere Organe. Wenn wir kalte Füße haben, wird es nach unten gepumpt. Und wenn wir laufen, werden die Muskeln besser versorgt. Bei dieser ständigen Umverteilung müssen die Blutgefäße einiges aushalten.

Wie hoch der Druck in ihnen ist, während das Herz Blut in den Körper presst und sich wieder damit füllt, misst der Blutdruck. Bei jedem zweiten Deutschen über 35 Jahre ist er zu hoch. Die meisten merken das nicht einmal. Denn hoher Blutdruck tut nicht weh, er zwickt nicht, und er macht kein rotes Gesicht. Er schleicht sich vielmehr in den Körper ein wie Routine in eine Liebesbeziehung und nagt langsam an ihm. Zwar sind die Wände der Arterien sehr elastisch und widerstandsfähig, doch sobald sie auf Dauer einem erhöhten Druck standhalten müssen, nutzen sie sich ab. Risse bilden sich. Diese werden vom Reparatursystem des Körpers gekittet, aber es bleiben Narben. An diesen Stellen fließt das Blut schwerer durch, die Organe dahinter werden schlechter versorgt, und das Herz muss kräftiger pumpen. Auch so ein Kreislauf, und der endet nicht immer gut: Herzinfarkt, Nierenversagen, Schlaganfall können die Folge sein.

Blutdruck richtig messen: Wertediskussion 80, 100, 120

Plattwürmer haben es da wohl leichter, denke ich, während mir die Ärztin die Manschette vom Arm nimmt. Die haben gar keinen Blutkreislauf, also müssen sie auch keine Angst vor dem "stillen Mörder" haben, wie die Engländer den Bluthochdruck, die Hypertonie, nennen. Aber wer will schon gern sein Leben als Parasit verbringen? Ich jedenfalls nicht. "125 zu 80", sagt die Ärztin, "alles optimal." Fast zumindest. Eigentlich sollte der obere, der systolische Wert, bei 120 Millimeter Quecksilbersäule (mmHg), so die Maßeinheit des Blutdrucks, liegen. Das wäre optimal. Doch in der Arztpraxis können die Werte schon mal etwas höher ausfallen als bei der Messung am heimischen Küchentisch. "Weißkittel- Effekt" nennen das die Fachleute. "Nervosität", sagen Laien wie ich. Über das, was beim Blutdruck normal ist und ab wann es gefährlich wird, streiten allerdings die Experten. Für die Weltgesundheitsorganisation WHO fängt Bluthochdruck bei 140 zu 90 mmHg an. Werte bis zu 120 zu 80 gelten als "optimal", die bis 130 zu 85 als "normal" und Werte darüber hinaus bis zum Bluthochdruck als "hoch normal". Eine große amerikanische Studie mit mehr als 60 000 Frauen im mittleren Alter hat jedoch kürzlich gezeigt, dass selbst Werte, die nur gering über der Norm liegen, dem Herz-Kreislauf-System ganz schön zusetzen können. Und schon seit Jahren erleiden nicht nur hauptsächlich ältere Männer einen Herzinfarkt oder Schlaganfall, auch Frauen zählen zu den Risikopatienten. Herz-Kreislauf- Erkrankungen verursachen inzwischen die meisten Todesfälle. Und einer der Hauptgründe ist hoher Blutdruck.

Blutdruck richtig messen: Ursachenforschung

Warum er entsteht, ist in den meisten Fällen unklar. Nur selten ist eine Krankheit die Ursache: eine Gefäßerkrankung, Diabetes, eine Überfunktion der Schilddrüse oder eine hormonelle Störung. Viele Menschen sind genetisch vorbelastet, bei den meisten steigt der Blutdruck mit dem Alter und dem Gewicht. Doch das Übel scheint noch weitere Wurzeln zu haben: zu viel und zu ungesundes Essen, Alkohol, Bewegungsmangel, Rauchen, zu viel Stress oder gar das übermäßige Naschen von Lakritz. Rauchen fördert Arteriosklerose, das sind Ablagerungen, die sich an den Gefäßwänden bilden.

Es geht auch ohne Tabletten

Bei Alkoholkonsum pumpt das Herz schneller mehr Blut durch den Körper, bei Stress und Nervosität auch – deshalb hören wir es in diesen Situationen oft so laut schlagen. Und wer mehr wiegt als der Durchschnitt, hat auch mehr Blutvolumen. All das schadet den Gefäßen. Bluthochdruck ist eine Zivilisationskrankheit, bei Naturvölkern Afrikas oder Südamerikas ist er unbekannt. Doch der Umstand, dass wir selbst schuld daran sind, wenn unser Blutverteilungsnetz stockt, ist zugleich eine Chance: Wir können es auch selbst wieder in Gang bringen. Wer hohen Blutdruck hat, muss oft einfach nur auf sein Herz und in seinen Körper hineinhören. Dann geht es auch ohne Tabletten.

Lebensstil: Gemüse, Bewegung, Stressabbau

Wer sein Leben umstellt, wird meist schnell mit messbaren Erfolgen belohnt. Schon ein Kilogramm weniger auf der Waage senkt den Blutdruck durchschnittlich um zwei Millimeter. Vor allem mediterrane Kost tut gut: viel Obst und Gemüse, frischer Fisch und pflanzliche Öle mit einem hohen Anteil ungesättigter Fettsäuren. Wer regelmäßig zu pflanzlichen Lebensmitteln greift, verringert sein Risiko für Bluthochdruck, koronare Herzerkrankung und Schlaganfall um bis zu fünf Prozent pro Portion Obst und Gemüse. Alkohol ist in Maßen erlaubt, doch der Salzstreuer sollte beim Kochen besser im Schrank bleiben. Vorsicht auch bei Fertiggerichten, Wurst, Fischkonserven und Käse, die viel Salz enthalten. Denn je mehr Salz im Blut schwimmt, desto mehr muss der Körper mit Wasser ausgleichen. Dadurch erhöht sich das Blutvolumen und übt einen größeren Druck auf die Gefäße aus.

Aber auch Ausdauersportarten wie Joggen, Walken, Schwimmen und Radfahren beeinflussen das Herz-Kreislauf-System positiv. Zwar steigt der Blutdruck bei den ersten Übungseinheiten wegen der Anstrengung erst einmal nach oben. Da Bewegung jedoch die Fähigkeit der Gefäße trainiert, sich zu erweitern, dauert es nicht lange, bis der Blutdruck im Ruhezustand sinkt. Eine halbe Stunde Sport an vier Tagen in der Woche baut außerdem Stresshormone ab: Der Adrenalinspiegel sinkt, die Blutgefäße entspannen sich. Die gleiche positive Wirkung haben erwiesenermaßen Yoga und Entspannungstechniken wie autogenes Training.

Medizin: fünf Arzneistoffe

Sinken die Werte trotz maßvollen Essens und morgendlichen Laufens im Park auf Dauer nicht, bleiben nur noch Medikamente. Bluthochdruck-Patienten, die schon einen Herzinfarkt oder Schlaganfall hinter sich haben oder an Diabetes leiden, wird der Arzt ohnehin zu Tabletten raten. Manchmal dauert es allerdings eine Weile, bis das richtige Mittel gefunden ist. Fünf gängige Wirkstoffgruppen stehen zur Hochdruck-Therapie zur Verfügung. Sie werden alle von den Kassen bezahlt und setzen an verschiedenen Stellen im Körper an: Betablocker senken die Herzfrequenz, so dass weniger Blut in den Kreislauf gepumpt wird. ACE-Hemmer, Kalziumantagonisten und Sartane erweitern die Gefäße und entlasten so das Herz.

Diuretika, die so genannten Wassertabletten, sorgen dafür, dass der Körper mehr Flüssigkeit ausscheidet und sich dadurch das Blutvolumen, das durch den Körper zirkuliert, verringert. Die „Wassertabletten“ sind die ältesten und billigsten Blutdrucksenker – und nach einer Studie des Kölner Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen auch die besten. Patienten, die sie nehmen, leben länger und erleiden weniger Herzerkrankungen und Nierenschäden. Vielen fällt es allerdings schwer, die Therapie durchzuhalten – nicht nur, weil sie öfter auf die Toilette müssen, sondern auch, weil Nebenwirkungen wie Unwohlsein und Atemnot auftreten können. So weit will ich es erst gar nicht kommen lassen. Als ich mich von meiner Ärztin verabschiede und die Praxis verlasse, gehe ich bewusst am Lift vorbei und nehme die Treppe. Die sechs Stockwerke hinunter und den Weg nach Hause laufe ich zu Fuß. Das kilometerlange Gefäßsystem in meinem Körper und der faustgroße Muskel in meiner Brust werden es mir sicher danken. Sie sind soeben für mich zu einer echten Herzensangelegenheit geworden.

Blutdruck richtig messen

Mindestens einmal im Jahr sollte jeder seinen Blutdruck kontrollieren, auch ohne gesundheitliche Probleme. Beim Check-up macht der Hausarzt das automatisch. Für diese Gesundheitsuntersuchung übernehmen die Krankenkassen ab 35 alle zwei Jahre die Kosten. Wer Bluthochdruck hat, muss seine Werte täglich selbst überprüfen. Wichtig dabei ist die richtige Technik: fünf Minuten ruhig sitzen. Dann den Arm mit der Handfläche nach oben auf einen Tisch legen und die Manschette am Oberarm fest auf Höhe des Herzens anlegen. Immer zu denselben Zeiten messen, am besten morgens, und immer an dem Arm, an dem die Werte höher sind (ausprobieren)! Fällt der Blutdruck mal anders aus als erwartet, nicht erschrecken. Von einem einzelnen hohen Wert muss man sich nicht gleich aus der Ruhe bringen lassen. Gute Messgeräte erkennt man am Gütesiegel der Deutschen Hochdruckliga. Dort gibt es auch eine Bücherliste zum Thema Hypertonie und Adressen von Selbsthilfegruppen. Informativ sind die Patientenleitlinien, die die Universität Witten/Herdecke erstellt hat.

Text: Christine Böhringer Foto: iStockphoto
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