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Gelassen älter werden


Älter werden ist nicht so schlimm, wie Sie denken. Wir haben mit einer Ärztin und Wissenschaftlerin gesprochen, deren Erkenntnisse Mut machen.

Erstaunlich dass diese Frau überhaupt Zeit hat für ein Interview. Sie ist medizinische Leiterin des Evangelischen Geriatriezentrums in Berlin, unterrichtet Studenten, berät die Bundesregierung und ist nicht zuletzt für ihre Patienten da. Und das offenbar jederzeit. "Sie kommt gleich", hat uns ihre Sekretärin am Telefon gesagt. "Gleich" dauert 20 Minuten. So lange braucht die Ärztin für den Weg von ihrem Büro im ersten Stock bis zu unserem Treffpunkt im fünften. Später, beim Rundgang durch die Klinik, wird uns klar, woran das liegt: "Frau Professor, wo ich Sie gerade sehe. . . Haben Sie einen Moment? . . . " Sie hat ihn eigentlich nicht, aber sie nimmt ihn sich. Zieht sich mit der Ehefrau eines Patienten in eine ruhige Ecke zurück, um ihr ein Untersuchungsergebnis zu erklären. Drückt einer Kranken die Hand, fragt nach, wie sie mit dem verordneten Sportprogramm zurechtkommt, macht ihr Mut. Immer in Eile, mit wehendem Kittel und wehenden roten Haaren, aber immer ganz bei der Sache. Zum Glück für uns sind wir in einem abgelegenen Besprechungszim- mer verabredet – und wir registrieren erleichtert, dass die Ärztin ihr Handy ausschaltet.

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BRIGITTE-woman.de: Frau Prof. Steinhagen-Thiessen, wann ist ein Mensch alt?

Elisabeth Steinhagen-Thiessen: Sie fangen gleich mit der schwierigsten Frage an.

BRIGITTE-woman.de: Die können Sie als Altersmedizinerin nicht beantworten?

Elisabeth Steinhagen-Thiessen: Ich will mich nicht drücken, aber so pauschal lässt sich diese Frage nicht beantworten. Wir haben hier in der Klinik Patienten, Frauen wie Männer, die erst Mitte 60 sind, jedoch deutlich älter wirken. Und wir haben eine 98-Jährige, eine ehemalige Professorin für Linguistik. Sie ist auf dem Bahnhof gestürzt und hat sich das Bein gebrochen, als sie gerade nach Italien wollte. Diese Frau ist geistig so fit, dass man nur staunen kann, und auch körperlich geht es ihr gut, abgesehen von dem Unfall jetzt.

BRIGITTE-woman.de: So möchten wir auch einmal alt werden. Könnten Sie uns eine Prognose geben, wie unsere Chancen stehen?

Älter werden: Es ist nie zu spät, etwas zu ändern

Elisabeth Steinhagen-Thiessen: Das könnte ich. Dazu müsste ich erst einmal wissen, wie alt Ihre Eltern sind oder geworden sind, wie lange Ihre Großeltern gelebt haben und ob sie in Gesundheit alt geworden sind. Untersuchungen haben gezeigt, dass die genetische Ausstattung entscheidend dafür ist, wie ein Mensch altert.

BRIGITTE-woman.de: Sie ist sozusagen unser Guthaben.

Elisabeth Steinhagen-Thiessen: Ja, und wir können so oder so damit umgehen. Wir können ein kleines Vermögen vermehren und ein großes verschleudern. Wenn jemand ein Leben lang raucht, säuft und zwei Zentner wiegt, wird das nichts mit den 80 oder 90 Jahren bei guter Gesundheit, egal, wie alt die Eltern geworden sind.

BRIGITTE-woman.de: Man muss also schon in der Jugend gesund leben, wenn man gesund alt werden will, richtig? Und wenn man das nicht getan hat, vielleicht auch heute noch raucht, zu fett isst, sich zu wenig bewegt?

Elisabeth Steinhagen-Thiessen: Es ist nie zu spät, etwas zu ändern. Ich habe hier mit alten Menschen zu tun, und die haben nicht alle immer gesund gelebt. Aber sie können auch noch im hohen Alter umschwenken, auf ihren Körper achten, krank machende Gewohnheiten aufgeben. Und es geht ihnen dann besser, sie haben etwas davon.

BRIGITTE-woman.de: Frauen sind gesundheitsbewusster, und sie haben die höhere Lebenserwartung. Sind sie im Alter auch gesünder als die Männer?

Elisabeth Steinhagen-Thiessen: Nicht unbedingt. Sie gehen sogar häufiger zum Arzt als die Männer. . .

BRIGITTE-woman.de: . . .weil sie wehleidiger sind?

Elisabeth Steinhagen-Thiessen: Weil sie mehr Schmerzen haben. Viele Frauen haben im Alter Krankheiten, die mit Schmerzen im Bewegungsapparat verbunden sind, wie zum Beispiel Osteoporose und Arthrose.

BRIGITTE-woman.de: Aber ist das nicht ungerecht? Wir machen es besser als die Männer, und im Alter geht es uns trotzdem schlechter?

Elisabeth Steinhagen-Thiessen: Für Gerechtigkeit bin ich als Medizinerin nicht zuständig. Tatsache ist: In jungen Jahren sind die Frauen gesundheitlich besser dran. Herz-Kreislauf- Erkrankungen zum Beispiel sind bei ihnen deutlich seltener als bei den Männern.

BRIGITTE-woman.de: Weil sie gesünder leben?

Elisabeth Steinhagen-Thiessen: Das spielt eine Rolle, ist aber nicht der Hauptgrund. Entscheidend ist der Cholesterinspiegel, der Hauptrisikofaktor für diese Erkrankungen. Der Cholesterinwert steigt bei allen Menschen von Geburt an leicht an. Bei Frauen geht das deutlich langsamer – bis etwa zum 45. Lebensjahr. Das hängt damit zusammen, dass vor den Wechseljahren die körpereigenen Östrogene die Gefäße schützen. Später gehen die Werte rasant in die Höhe und sind dann sogar höher als bei den Männern. Deshalb kommen Herzinfarkte ab der Lebensmitte bei Frauen genauso häufig vor wie bei Männern.

BRIGITTE-woman.de: Die Lebensmitte, die Wechseljahre sind offenbar ein Wendepunkt – danach geht es körperlich bergab mit uns.

Älter werden: Extreme vermeiden

Was jede von uns tun kann: Extreme vermeiden.

Elisabeth Steinhagen-Thiessen: Wenn wir es zulassen: ja. Wenn wir rechtzeitig etwas für unsere Gesundheit tun und keine Unglücke oder Krankheiten dazwischenkommen, die wir nicht beeinflussen können, haben wir ab 40, 50, 60 noch viele schöne Jahre vor uns.

BRIGITTE-woman.de: Für die "Berliner Altersstudie" der Charité und anderer Institutionen haben Sie zusammen mit weiteren Fachleuten über 500 Frauen und Männer befragt – darunter aktive, geistig hellwache 100-Jährige. Was ist das Rezept dieser Menschen?

Elisabeth Steinhagen-Thiessen: Natürlich kommen da immer mehrere Faktoren zusammen, über die genetische Ausstattung haben wir ja schon gesprochen. Was aber jede von uns tun kann, ist eigentlich ganz einfach: Extreme vermeiden.

BRIGITTE-woman.de: Also nicht zu fett essen, sich aber auch nicht ausschließlich von gedünstetem Gemüse und Vollkornreis ernähren.

Elisabeth Steinhagen-Thiessen: Richtig. Die Ernährung sollte abwechslungsreich ein. Diese Leute, die alles und jedes im Bioladen einkaufen, haben eine "totale Meise", finde ich. Es genügt, mit wachen Augen einkaufen zu gehen. Auch mal die kleinen, rauen Äpfel vom heimischen Bauern zu nehmen statt die großen glatten, die halb reif aus Neuseeland eingeflogen werden. Ein gesundes Leben anzufangen heißt auch nicht: Ab morgen darf ich keinen Tropfen Alkohol mehr trinken. Jeden Abend eine halbe Flasche leeren, das ist nicht gut. Wie gesagt: Extreme vermeiden . . .

BRIGITTE-woman.de: . . . also auch keinen Extremsport.

Elisabeth Steinhagen-Thiessen: Bloß nicht, das wäre eher schädlich als gesund. Wichtig ist regelmäßige Bewegung, ein gutes Kreislauf- und Ausdauertraining.

BRIGITTE-woman.de: Wie zum Beispiel?

Elisabeth Steinhagen-Thiessen: Dreimal die Woche jeweils 45 Minuten laufen, in mäßigem Tempo. Das versuche ich einzuhalten, und es tut mir gut. Es geht mir nicht darum, schnell zu laufen und möglichst viele Kilometer zu schaffen, das würden meine Gelenke nicht mitmachen.

BRIGITTE-WOMAN.de: <frage name = "BRIGITTE-woman.de">gekommen? Ist es nicht deprimierend, ständig mit der Vergänglichkeit des Lebens konfrontiert zu sein?

Elisabeth Steinhagen-Thiessen: Ich finde es bezeichnend, dass Sie mich das fragen. Bezeichnend für das Bild vom Alter, das wir in Deutschland haben. Alter heißt für uns graue Haare, Krankheit, Versagen, Demenz, Sterben . . .

BRIGITTE-woman.de: Ist es das denn nicht?

Älter werden ist verbunden mit wachsender Lebenserfahrung.

Elisabeth Steinhagen-Thiessen: Natürlich kriegen wir irgendwann graue Haare, natürlich können wir im Alter krank werden. Ab etwa 85 Jahren ist das sogar sehr wahrscheinlich. Aber vielen Menschen geht es bis ins hohe Alter gut, körperlich wie seelisch. Altern ist ja auch verbunden mit einem Zuwachs an Lebenserfahrung. Man weiß mehr als in der Jugend, kann die Dinge gelassener sehen. Ich lerne viel von meinen Patienten.

BRIGITTE-woman.de: Aber Sie haben sich nicht deshalb für die Altersmedizin entschieden.

Elisabeth Steinhagen-Thiessen: Nein. Ich wollte in ein Fach, das Zukunft hat. Und dass die Altersmedizin und auch das, was wir heute Anti-Aging nennen, immer wichtiger wird, das hat sich bereits abgezeichnet, als ich noch in der Ausbildung war. Meine Entscheidung habe ich nie bereut, ich finde es nach wie vor spannend, mitzuerleben, wie Menschen altern.

BRIGITTE-woman.de: Ist das Alter spannender als die Jugend?

Elisabeth Steinhagen-Thiessen: Für mich als Wissenschaftlerin auf jeden Fall, weil das Alter so viele Facetten hat. Wenn wir auf die Welt kommen, sind wir alle etwa 50 bis 52 Zentimeter groß und wiegen etwa drei Kilo. Und wir sind uns auch sonst sehr ähnlich . . .

BRIGITTE-woman.de: Na, na. Jedes Kind ist doch einzigartig, oder etwa nicht?

Elisabeth Steinhagen-Thiessen: Für die stolzen Eltern ist es das natürlich, auch ich finde meine Tochter einzigartig. Aber wenn wir jetzt alle gesunden Neugeborenen Deutschlands zusammenholen und untersuchen würden, würden wir rein medizinisch gesehen nur wenige Unterschiede zwischen den Kindern finden.

BRIGITTE-woman.de: Und das ist bei alten Menschen anders?

Elisabeth Steinhagen-Thiessen: Ja. Je älter wir werden, desto weiter geht die Entwicklung auseinander. Deshalb ist es auch so schwierig, die Frage, wann ein Mensch tatsächlich alt ist, pauschal zu beantworten.

BRIGITTE-woman.de: Laut Ihrer Definition in der "Berliner Altersstudie" werden wir ab 70 "junge" und ab 85 "alte Alte" sein. Wie möchten Sie leben, wenn Sie in dieses Alter kommen?

Elisabeth Steinhagen-Thiessen: Ich möchte, solange es geht, als Ärztin tätig sein und forschen, ich liebe diese Arbeit. Mit 65 werde ich ja in den Ruhestand geschickt, das ist in Deutschland eben so, du darfst entweder arbeiten oder Rentner sein, dazwischen gibt es nichts. So werde ich mir halt andere Möglichkeiten suchen.

BRIGITTE-woman.de: zum Beispiel?

Elisabeth Steinhagen-Thiessen: Ich könnte mir vorstellen, in einem Land, in dem die medizinische Versorgung noch nicht so gut ist wie bei uns, ein Krankenhaus aufzubauen. Und ich möchte in meinem Spezialgebiet, den Fettstoffwechselstörungen, weiterarbeiten. Es gibt in einigen muslimischen Ländern eine hohe Rate an erblichen Fettstoffwechselstörungen, weil dort Ehen zwischen Vettern und Cousinen häufig sind. Für solche Patienten könnte ich viel tun.

BRIGITTE-woman.de: Wahrscheinlich kommen Sie gar nicht dazu, im Alter gebrechlich zu werden.

Elisabeth Steinhagen-Thiessen: Meine genetischen Voraussetzungen sind günstig, meine Mutter ist 86, mein Vater 87, und beiden geht es gut. Auch meine Großeltern sind alle über 85 geworden. Das ist natürlich keine Garantie dafür, dass auch ich so lange gesund bleibe, bei aller Prävention. Ich will aber immer aktiv sein, mich weiterentwickeln, möglichst mein Leben lang.

BRIGITTE-woman.de: Ist das ein Rezept für ein gesundes Alter, an das wir uns halten könnten?

Elisabeth Steinhagen-Thiessen: Es ist mein Rezept, aber das muss nicht für jeden gut sein. Ich bin so eine, bei der alles schnell gehen muss, die leicht ungeduldig wird, die immer was zu tun braucht. Das gehört zu meinem Wesen, das wird sich auch im Alter nicht ändern. Andere sagen vielleicht: Wenn ich mal nicht mehr arbeite, möchte ich endlich alle Romane von Dostojewski lesen. Oder ein Buch schreiben. Oder endlich mehr Zeit für meinen Garten haben. Das ist übrigens auch ein Wunsch von mir. Neulich habe ich eine Woche Urlaub zu Hause gemacht und es richtig genossen, stundenlang im Garten zu arbeiten.

BRIGITTE-woman.de: Wir brauchen also kein schlechtes Gewissen zu haben, wenn wir im Alter nicht mehr arbeiten, Snowboard fahren oder Kulturreisen unternehmen, sondern nur noch die Beine hochlegen wollen.

Wichtig ist, sich mit dem Älter werden zu befassen.

Elisabeth Steinhagen-Thiessen: Natürlich nicht! Jeder nach seiner Façon. Wichtig ist nur, dass Sie sich rechtzeitig mit dem Alter auseinandersetzen. Lassen Sie es an sich herankommen, es ist nicht so schlimm, wie Sie denken. Und entscheiden Sie rechtzeitig und in Ruhe, wie Sie später leben wollen. Denn im Alter werden solche Entscheidungen immer schwieriger. Nicht nur, weil die Kräfte nachlassen, sondern weil wir uns im Alter immer schwerer auf Neues einstellen können und wollen.

BRIGITTE-woman.de: Wie finden wir denn heraus, was für uns im Alter das Richtige ist?

Elisabeth Steinhagen-Thiessen: So, wie Sie vieles andere auch herausgefunden haben: Indem Sie gucken, wie es andere machen. Als ich noch in der Ausbildung war war, wollte ich wissen: Wie machen es andere Frauen in der Medizin, wie kommen sie beruflich weiter, wie vereinbaren sie das mit Privatleben und Familie? Es gab damals noch viel weniger Ärztinnen als heute, dennoch habe ich Vorbilder gefunden.

BRIGITTE-woman.de: Haben Sie auch Vorbilder dafür, wie Sie im Alter leben wollen?

Elisabeth Steinhagen-Thiessen: Aber ja, die kann jeder finden. Ich kenne viele alte Menschen, die ihr Leben so gestalten, wie es für sie am besten ist. Schauen Sie sich um in Ihrer Umgebung, informieren Sie sich über Modelle für das Wohnen im Alter, klären Sie, was davon für Sie auch finanziell realistisch wäre. Vielleicht gibt es für Sie schon eine fertige Lösung, sonst machen Sie sich eben Ihr eigenes Modell.

BRIGITTE-woman.de: Das klingt ja, als sei es kein Problem mehr, in Deutschland alt zu werden. Stimmt das, haben Sie keine Wünsche mehr offen?

Elisabeth Steinhagen-Thiessen: Aber jede Menge, es gibt noch viel zu tun. Dass es in Deutschland erst vier Lehrstühle für Altersmedizin gibt, ist ein Skandal. Wir brauchen dringend Ärztinnen und Ärzte, die speziell für die Behandlung alter Menschen ausgebildet sind. Nicht nur Hausärzte, sondern Mediziner aller Disziplinen, also zum Beispiel auch Gynäkologen und Orthopäden. Wir brauchen Konzepte, wie schweren Erkrankungen und Unfällen im Alter vorgebeugt werden kann. Wir brauchen Programme für die Rehabilitation alter Menschen im Krankenhaus . . .

BRIGITTE-woman.de: Halt, halt, so schnell kommen wir gar nicht mit. Wie wir Sie kennen, haben Sie der Gesundheitsministerin bereits eine To-do-Liste durchgegeben, richtig?

Elisabeth Steinhagen-Thiessen: Richtig. Und ich tue auch selbst etwas dafür, dass sich etwas ändert. Wir schleusen hier an der Charité pro Semester 900 Studenten durch und unterrichten sie in der Altersmedizin, das Fach ist Pflicht. Ich denke, Sie können zuversichtlich sein. Wenn Sie mal alt sind, werden Sie gute Ärzte haben.

Zur Person: Elisabeth Steinhagen-Thiessen hatte bereits mit 23 ihr Medizinstudium abgeschlossen, mit 33 war sie Professorin, und in dem Tempo ist es weitergegangen. Heute hat die 61-Jährige an der Berliner Charité den Lehrstuhl für Altersmedizin inne und ist medizinische Leiterin des Evangelischen Geriatriezentrums. Es besteht aus Krankenhaus und Tagesklinik, Rehabilitation, Pflegestation und Sportanlagen. Für Ältere ab 50 werden Beratung und Sportkurse angeboten. Bisher gibt es in Deutschland erst wenige Einrichtungen dieser Art, etwa am Albertinenkrankenhaus in Hamburg und am Bethanien-Krankenhaus in Heidelberg. Elisabeth Steinhagen-Thiessen ist verheiratet und hat eine Tochter.


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