Wie sinnvoll ist das Mammografie-Screening?

Alle zwei Jahre bekommen Frauen ab 50 eine Einladung zum Mammografie-Screening - einer Röntgenuntersuchung, die der Früherkennung von Krebs dienen soll. Jede Zweite folgt dieser Einladung. Ist das sinnvoll?

Die Gesundheitsforscherin Ingrid Mühlhauser beschäftigt sich seit Jahren mit dem Nutzen von Früherkennung und erarbeitet Informationen für Patienten, die ihnen die Entscheidung für oder gegen eine Untersuchung erleichtern sollen.

Frau Mühlhauser, warum steht das Mammografie-Screening in der Kritik?

Prof. Ingrid Mühlhauser: Zum Mammografie-Screening gibt es sehr gute Untersuchungen. Sie zeigen, dass der Schaden deutlich mehr Frauen betrifft als der Nutzen. Bisher wurde der Schaden allerdings ausgeblendet.

Welche Schäden können auftreten?

Der größte Schaden sind die Überdiagnosen, die dann wiederum zu einer Übertherapie führen. Das Screening erkennt Tumore zu einem Zeitpunkt, an dem Ärzte deren Gefährlichkeit noch gar nicht einschätzen können. Auch winzige Verkalkungen führen mitunter zu Verdachtsbefunden, die unnötig Angst schüren und die Frauen psychisch belasten. Fünf bis zehn von hundert Frauen bekommen solch einen Verdachtsbefund, der weiter abgeklärt werden muss. Oft stellt sich heraus, dass kein Brustkrebs vorliegt. Man spricht dann von falsch-positiven Befunden. Auf der anderen Seite kann Brustkrebs auch trotz eines unauffälligen Befundes beim Mammografie-Screening auftreten. Er entwickelt sich in der Zeit zwischen den Screenings. Durch die Mammografie lassen sich nicht gezielt die Frauen identifizieren, die durch eine frühere Diagnose einen Nutzen hätten.

ist Professorin für Gesundheits-wissenschaften an der Universität Hamburg. Zuvor hat die Fachärztin für Innere Medizin und Endokrinologie 20 Jahre lang in der klinischen Diabetologie an Unikliniken gearbeitet.

Viele Frauen sind der Meinung, eine Mammografie könne ihr Sterblichkeitsrisiko senken oder gar Brustkrebs verhindern. Woher kommt diese Annahme?

Die Sterblichkeit kann schon reduziert werden: In einem Zeitraum von zehn Jahren sterben ein bis zwei von 1000 Frauen weniger an Brustkrebs, wenn sie am Mammografie-Screening teilnehmen. Dass Brustkrebs durch die Früherkennungsuntersuchung verhindert oder das Risiko einer Erkrankung gemindert werden kann, ist allerdings ein Trugschluss. Der rührt daher, dass die Informationen über den Nutzen und Schaden des Screenings oft ungenau und schwer verständlich sind. Zudem überschätzen Frauen das Risiko, an Brustkrebs zu erkranken - nicht zuletzt durch einzelne Fälle berühmter Frauen. Auch der noch immer häufig verwendete Begriff der "Krebsvorsorge" ist irreführend, denn er impliziert, dass man vorbeugen kann - was nicht stimmt. Vorsorge ist, wenn Sie Ihre Zähne reinigen: Dann sorgen Sie vor, dass keine Karies entsteht.

Kann ich mich auf das verlassen, was mein Arzt mir bei der Untersuchung sagt?

Die meisten Ärzte wissen leider selber nicht Bescheid. Studien vom Max-Planck-Institut und anderen zeigen, dass viele Ärzte nicht mit Zahlen umgehen können und Ergebnisse nicht richtig kommunizieren. Ich würde mich daher keinesfalls auf den Arzt allein verlassen - es sei denn, dieser Arzt ist in evidenzbasierter Medizin ausgebildet. In Deutschland ist das im Medizinstudium immer noch nicht verankert. Das ist der eigentliche Skandal.

Wo finde ich verlässliche Informationen?

Wir haben uns über Jahre damit beschäftigt, wie man Informationen so kommunizieren kann, dass die Menschen sie verstehen und eine informierte Entscheidung treffen können. Daraus sind Broschüren entstanden, die über das Nationale Netzwerk Frauen und Gesundheit verbreitet werden. Auch die Krebshilfe bietet inzwischen bessere Infomaterialien. Doch selbst wenn die Informationen vorhanden sind, ist nicht gesichert, dass die Leute sie auch lesen und verstehen. Sie bräuchten unabhängige Ansprechpartner für offene Fragen.

Und die gibt es nicht.

Nicht ausreichend. Die Dokumentation des Informationsprozesses beim Screening ist bisher kein Qualitätskriterium, obwohl es eins sein müsste. Das Mammografie-Screening-Programm wird in Deutschland schließlich mit großem Aufwand angeboten und durchgeführt.

Sie halten die Mammografie für Frauen sinnvoll, die familiär vorbelastet sind. Woher weiß ich, ob ich eine genetische Veranlagung für Brustkrebs habe?

Nur wenige Frauen haben eine genetische Veranlagung dafür. Sie kann vorliegen, wenn direkte Blutsverwandte - Mutter oder Schwester - in jungen Jahren eine Brustkrebs- oder Eierstockkrebsdiagnose bekommen haben. Dann ist es sinnvoll, sich in Spezialzentren betreuen zu lassen. Wenn ein oder zwei Menschen in der Verwandtschaft Brustkrebs haben, bedeutet das aber nicht automatisch, dass ich eine genetische Disposition dafür habe.

Soll ich denn nun zur Mammografie gehen oder nicht?

Bei Frauen unter 50 wird davon ausdrücklich abgeraten, denn die Wahrscheinlichkeit, dass sie einen falschen Befund bekommen, ist viel zu hoch. Auch bei Frauen ab 50 ist das Schaden-Nutzen-Verhältnis so unklar, dass sich auch diese Frauen gut überlegen sollten, ob sie das Screening machen wollen. Es gibt ja keine Verpflichtung dazu. Und sie müssen auch kein schlechtes Gewissen haben, wenn sie es ablehnen.

Auch andere Früherkennungsuntersuchungen stehen in der Kritik - von der Darmspiegelung bis zum PSA-Test. Denn während die Anzahl der Diagnosen steigt, bleibt die Sterblichkeitsrate relativ stabil. Macht Krebsfrüherkennung überhaupt Sinn?

Alle Krebsfrüherkennungsuntersuchungen haben ein Schadenspotenzial. Man muss daher jede Untersuchung für sich betrachten. Das Screening auf Gebärmutterhalskrebs wird seit Jahrzehnten durchgeführt, obwohl sein möglicher Nutzen nie in den großen Studien untersucht worden ist. Natürlich haben auch hier einzelne Frauen einen Nutzen davon. Wenn ihre Gebärmutter entfernt wird, können sie in dem Organ keinen Krebs bekommen. Gleiches gilt für die Brüste. Je seltener der Krebs - ein Zervix-Karzinom kommt nur ein Zehntel so häufig wie Brustkrebs vor - und je schlechter die Testverfahren, umso größer ist der potenzielle Schaden für den Menschen. Wir dürfen nicht vergessen, dass jede einzelne Krebserkrankung ein seltener Fall ist: Von 100 Frauen, die heute in Deutschland sterben, sterben drei an Brustkrebs und 20 an einer anderen Krebserkrankung. Jeder zweite Mensch erkrankt im Laufe seines Lebens an Krebs und jeder vierte stirbt daran. Sich in der Vorsorge auf eine einzelne Erkrankung zu konzentrieren, wirkt sich nicht auf die Gesamtkrebssterblichkeit aus. Und wenn man dann noch die möglichen Komplikationen mit einrechnet...

Welche können das sein?

Nehmen wir die große Darmspiegelung: Bei älteren, vorbelasteten Menschen ist das ein Eingriff, der im Extremfall zum Tod führen kann. Die Darmreinigung, die vorab gemacht werden muss, belastet das Herz-Kreislauf-System. Die Spiegelung selbst kann zu einem Darmdurchbruch oder schweren Blutungen führen. Auch die Folgeoperationen können mit Komplikationen verbunden sein.

Was halten Sie vom allgemeinen Gesundheits-Check?

Auch hier sollte ich vorher überlegen, ob es mir nützt. Die Fachgesellschaften haben die Normalwerte von Blutzucker, Cholesterin und Blutdruck immer weiter abgesenkt, wodurch die Anzahl der Diagnosen gestiegen ist. Viele Menschen werden unnötig mit Medikamenten behandelt. Wir leben in einem wirtschaftlich orientierten, gewinnmaximierenden und vom Lobbyismus geprägten Gesundheitssystem: Die Fachgesellschaften sind mit der Pharmaindustrie verbandelt, auch die niedergelassenen Ärzte sind Unternehmer. Natürlich brauche ich die Expertise der Fachärzte, aber die Leitlinien müssen von Einzelinteressen unabhängig entwickelt werden. Das Konzept der geteilten Entscheidungsfindung zwischen Arzt und Patient hat sich bei uns noch nicht durchgesetzt. Das wird so lange so bleiben, bis sich jemand dagegen wehrt.

Über den Sinn und Unsinn von Früherkennungsuntersuchungen berichtet auch die Dokumentation "Krank durch Früherkennung". Sie wird am Mittwoch, 16. Juli, um 20.15 Uhr im SWR Fernsehen ausgestrahlt und ist anschließend in der Mediathek verfügbar.

Nicole Wehr

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